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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-13 · 28 (13.7.1894) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite B40 -« J- -m-y M, . ,fya WrprrreutzLptzr ZvortzrnsüMfl ^tr. 28 „Ich habe ein Hoch auf die radicale Arbeiterpartei ausgebracht, in welches die Anwesenden begeistert einstimmten . . . „Bringen Sie recht viele rothe Freunde mit, die Wahrheitler sind für die Katz." „Ich sage Ihnen, es ist unmöglich, etwas zu machen, wenn die Juden nicht mitthun. Dazu gehört eine enorme Action der. Betheiligten. Zum Socialismus sind Ihre Leute und speciell Ihre Leser noch nicht reif." „ . . . . Eine Action ist nur möglich, wenn man eine große Agitation gegen Rothschild und seine Helfershelfer einleitet. Den Pack schlägt man und den Esel meint man." In einem anderen Briese heißt es: „Motz ist für mich nach Böhmen, Mahren und vielleicht auch Schlesien gereist. —" Motz war Agitator der radikalen Arbeiterpartei und wurde während des Ausnahmezustandes als Anarchist von der Polizei ausgewiesen. In Deutschland ist der Zusammenhang der Antisemiten mit den Anarchisten von den verschiedensten Seiten hervorgehoben worden. So schrieb die „Kölnische Volkszeitung" (29. Juli 1893): „ . . daß die antisemitischen Radaumacher eher noch bei den Anarchisten als den planmäßigen Socialisten landen werden." Und Herrn Stöcker's „Volk" nannte, allerdings unter dem frischen Aerger über Stöckels Durchfall gegen Ahlwardt bei der Wahl von Neuftettin den Radau-Antisemitismus einen „Zwillingsbruder des Anarchismus" und bemerkt von ihm, daß er „unter Umständen auch die Propaganda der That nicht verschmäht." Daß Ahlwardt als Anarchist auftritt, kann nach der Entwicklung seiner Persönlichkeit nicht Wunder nehmen. In seinem „Bundschuh" schlägt er völlig anarchistische Töne an. Nicht mehr Juden, nicht mehr Juden und Junker, nein „Fürsten, Junker und Pfaffen" sind der Gegenstand seines Angriffes. Er schreibt: „Die wirthschaftliche, politische und religiöse Knechtung ist eine immer deutlicher in das allgemeine Bewußtsein getretene Thatsache. Die ursprünglichen und noch jetzt ziemlich uneingeschränkten Machthaber, wie Fürsten, Junker, Pfaffen, zu denen sich in neueren und neuesten Zeiten das liberale, mit Hebräern reichlich dur chsetzte Geldbürgerthum und Händlerthum gesellt hat, haben es an Reden nicht fehlen lassen, daß ihnen das Wohl der Massen am allermeisten am Herzen läge. Sie haben auch dadurch zu Zeiten ihren Zweck erreicht, denn zu arbeitslosen Machthaberschaften ist eine arbeitende und unwissende Menge unerläßlich. Nach und nach sind jedoch die Massen durch die in einigen Generationen gemachten thatsächlichen Erfahrungen dahinter gekommen, daß die Sorge jener machthabenden Gesellschaftselemente um das Maffenwohl eitel Heuchelei und Betrug und es jenen Elementen nur darum zu thun sei, sich ein willfähriges für dieWerthe s ch a s f e n d e s Ar b eit erthum zu erhalten." Es dürfte von hohem Interesse sein, an eine Episode aus dem Posener Socialisten- und Nihilisten-Proceß zu erinnern, welcher im Sommer 1888 sein Ende erreichte. In demselben wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkeit das Protokoll des Anarchistencongresses von! Chur aus dem Jahre 1882, welches die Berliner Polizeibehörde zu erwerben gewußt hatte, zur Verlesung gebracht. Der Inhalt dieses Protokolls wurde dadurch bekannt, daß die Bertheidiger in ihren Reden darauf Bezug nahmen. Ein Anarchist, der zugleich in der antisemitischen Bewegung stand, erstattete über dieselbe Bericht mit dem Hinzufügen, der Fortgang dieser antisemitischen Agitation bezwecke, das kleine Beamtenthum wie die kleinen Handwerker für die Ideen des Anarchismus zu gewinnen. Seine Ausführungen wurden von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen, und der Präsident des Congreffes knüpfte daran unter allgemeiner Zustimmung die Bemerkung, daß am Tage des Losschlagens doch kein Unterschied gemacht werden würde zwischen christlichem und jüdischem Capital. Die antisemitischen Organe verspotten die Juden, weil sie einen Rechtsschutz von der Regierung erwarten, und berufen sich auf einem am 24. und 26. Juni in der „Presse" erschienenen Artikel, „Ein Wort zur Antisemitenfrage" betitelt, „aus der Feder eines Mannes, der im öffentlichen Leben unseres Vaterlandes seit länger als einem Menfchenalter in hervorragendrr Stellung thätig war", („man vermuthet in dem Verfasser dieses Artikels theils Baron H e l f e r t, theils niemand Geringeren als — den gewesenen Ministerpräsidenten Grasen T a a s f e, sagt die „Ostdeutsche Rundschau") und in jenem Artikel hieß es wörtlich: „Der Antisemitismus, oder um es durch eine Umschreibung anders auszudrücken, der Widerstreit zwischen den Staatsbürgern der einen und denen deranderen Confession ist nicht dem politischen Leben, sondern dem Leben der Gesellschaft entsprossen, welches seine Entwicklung zwar nicht ganz nnahhängig vom Staate, unter dessen geschriebenen Gesetzen es steht, wohl aber neben demselben nach seinen eigenen, ungeschriebenen, ich möchte sagen organischen Gesetzen vollzieht." Run ist gerade diese Behauptung eine offenkundige Geschichtslüge. Der Antisemitismus ist, wie keine zweite öffentliche Bewegung ein „politisches Erzeugniß", hervorgerufen und gezüchtet als politisches Machtmittel durch die staatlichen Machthaber Bismarckund Taaffe, welche ein wirksames Kampfmittel gegen den Liberalismus brauchten. Die Familienähnlichkeit zwischen Anarchisten und Antisemiten springt in die Augen, die gleiche Rücksichtslosigkeit, die gleiche Frechheit im Angriffe auf das Beste und Heiligste der Menschen. Alle Mittel gelten, wenn sie nur dem fluchwürdigen Zwecke dienen. Der Antisemit ist Anarchist in der Knospe, im ersten Stadium. Ist einmal der trennende Keil genügend tief in die Bevölkerung eingedrungen, hat der Antisemitismus das Vorpostengeplänkel besorgt, dann wird er bei Seite geschoben, der nackte Anarchismus betritt mit Bombe und Dolch die Schaubühne. Der Mob hat eine treffliche Vorschule durchgema cht, er weiß, wie blutige Straßenkrawalle gemacht werden, daß ein Menschenleben eine Bagatelle ist, daß fremdes Eigenthum heilig — war, damals in jenen Zeiten, wo des semitischen Christenthums und der Juden Dekalog noch in Geltung stand. Der Anarchist, der toll gewordene Feind alles Bestehenden, aller Ordnung, aller Gesetzlichkeit, wird leichtes Spiel haben, denn sein ruhmreicher Vorgänger hat ihm die Pfade geebnet. Der Consequenzen dieser Thatsachen wird sich die Coalitions-Regierung für die Dauer nicht entziehen können. Einspruchsverhandlung der „Oesterr. Wochenschrift". Vor einem Erkenntnitzsenate unter dem Präsidium des Vice-Präsidenten Dr. R. v. Holzinger erhob am 5.Juli unser Herausgeber, der Reichsraths-Abgeordnete Dr. Bloch, Einspruch gegen das Erkenntniß der Staatsanwaltschaft vom 27. April 1894, mit welchem die Nummer 17 der „Oesterreichischen Wochenschrift" mit Beschlag belegt wurde. Anlaß zu dieser Maßregel gab ein gegen Pfarrer Deckert gerichteter Artikel, welcher den Titel führte: „Die Judenmord-Predigten in der Kirche zu Weinhaus. Ein Wort der Abwehr". Staatsanwalts-Substitut Baron Distler führte aus, daß einzelne Stellen dieses Artikels Angriffe auf die katholische Kirche, die Institution des Papstthums und ein katholisches Dogma enthielten. Von den einzelnen Geistlichen würden in dem Artikel viele Laster vorgeführt, so daß der Leser sich sagt, wie diese sind, so sind, sie Alle. Er beantragt die Bestätigung der Confiscation. Der Vertreter des Einsprechers. Dr. Emil Frisch au er meinte, so verlockend es wäre, darauf einzugehen, daß Pfarrer Deckert in Folge seiner Predigten nicht verfolgt werde, während die Entgegnung Dr. Bloch's auf diese Angriffe durch Confiscation einfach beseitigt werde, so wolle er hier die Ursachen der doppelten Handhabung des Gesetzes nicht untersuchen. Der Artikel des Dr. Bloch sei eine Antwort auf die Predigten des Pfarrers Deckert. Dieser hielt es mit seinen priesterlichen Pflichten vereinbar, förmliche Hetzreden gegen die Juden zu halten; er hat in diesen Alles, was dem Juden heilig ist. verspottet, sich nicht gescheut, Stellen aus Weber's „Demokritos" als Citate aus dem Talmud seinen Gläubigen vorzulesen. Er hat die Ge- . stalten der „Erzväter" von der Kanzel herab beschimpft, das I alte Testament zum Object schlechter Witze erniedrigt.

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