Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 28. Wien, 13. Juli 1894. Jahrgang Xi. Centralorgan für die gesummten Interessen des Iudrnthums. --«#- ersusgebrr: Reichsralhs-Avgeordneter vr. Kloch. --- - Erscheint jeden Freitag. -- „»ja»» -H1 -- Man abonnirt bei allen Pofianstaltrn des In- und Auslandes. Inhalt: L e i t a r t i k e l : Die Vendetta der Anarchie. — Emspruchsverhandlung der „Oesterreichischen Wochenschrift". — Heietre Deckertiana. — Erzinfame Lügen. — Vom Jahrmärkte des Lebens. — Von der Universität. — Von der meoicinischen Facnlrät. — Falscher Patriotismus. — R. Ehaim Bachrach und se'-ne Ahnen. — Die Socialhygiene der Juden. — Das jüdi che Reich der Chazaren. — Wissenschaftliche Anregung. — Eorrespondenzen: Wien, Zbvrow, Pilsen, Lemberg, Düsseldorf, Erlangen, Soest, Breslau, London. — Vermischtes: Wien, Mährisch-Weißkirchen, Suczawa, Ung.-Brod, Riateszalka, Prag, Krakau, Groß- Ullersdorf, Linz, Preßburg. — Feuilleton: Die Blonde und Brünette. — Im stillen Städtchen. — Kunst. — Brieskasten. — Inserate. A. ft. Postsparraffen-Ami Clraringverkrhr Nr. 810.976. Lrdartton und Administration: Wir« Franz Iosrfs-Nuai Dr. 3. Telephon>Nr. 6535. .— — --■=% - - ■=* Bejugapcei» für Srstrrrrirh: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 25 ft. Für'» Ausland: halbjährig 5 fl. — 1V Ar. ganzjährig!0 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 13 kr. * - — — >i Die Vendetta der Anarchie. „Der Antisemitismus ist in ethischer Beziehung dasselbe, was der Anarchismus in politischer ist." Nothnagel. Wir haben sofort nach dem Bekanntwerden des ruchlosen Attentates auf das Oberhaupt der französischen Republik — und schon früher — auf den innigen Zusammenhang der Ideen und Interessen hingewiesen, die zwischen dem Anarchismus und dem Antisemitismus thatsächlich bestehen. Die Brände in V ö s l a.u und G a i n f a h r », deren Charakter durch die Thatsache gekennzeichnet ist, daß sie ohne Ausnahme in der Nähe der Kaltwasserheilanstalt des Dr. Friedmann ausgebrochen sind, daß bei jedem einzelnen Brande die herrschende Windrichtung der Kaltwasserheilanstalt zugewandt war; das Bombenattentat in Pilsen, welches mit dem Verbrechen in Rakowitz zusammenhängt — zeigt deutlich die Richtung der Geister und wessen man sich zu versehen hat. Folgende authentische Thatsachen erweisen überdies die Beziehungen zwischen Antisemiten und Anarchisten auf's Klarste. Marquis de Morös, der Führer der französischen Antisemiten, wurde 1891 wegen anarchistischer Umtriebe zu 9 Monaten Gefängniß verurtheilt. Als man bei einem anarchistischen Blatt Haussuchung hielt, fand man dort 100 eisenbeschlagene Knüppel. Wie die Untersuchung ergab, hatte der Herr Marquis die Knüppel, sowie die Druckkosten der Zeitung bezahlt. Der hochadelige Führer der anarchistischen Sache, war der Hauptleiter der antisemitischen Bewegung; in seiner geheimen Druckerei wurden antisemitische Hetzschriften und anarchistische Proclamation gleichzeitig fabricirt. Ein hervorragender französischer Staatsmann schrieb damals: „Die Doppelstellung eines Marquis als Antisemit und gleichzeitig Anarchist ist interessant und charakteristisch. Das Politische Gauner- und Freibeiterthmn, in das sich adelige Lumpen mit den niedrigsten Abenteurern mengen, findet es allerorten bequem, die antisemitische Maske vorzustecken', ein wenig Emeute, Umsturz, für Einzelne Bereicherung — das ist das Ziel; sei es nun in der beschränkteren Form, daß die Emeute sich nur gegen die Inden kehrt und daß die Bereicherung sich nur auf ihre Kosten vollzieht, oder in jener ausgiebigeren Gestalt, die sich gegen die Besitzenden überhaupt richtet und dann klangvoll Anarchismus heißt. Der französische Marquis fand es augenscheinlich zweckmäßig, den Antisemitismus und den Anarchismus des leichteren Fortkommens wegen gleichzeitig vor seinen Wagen zu spannen, und der Zweck der Fahrt dürfte der Wunsch gewesen sein, mit diesem merkwürdigen Gespann den Pariser Borgeois in die nöthige Angst zu bringen, um so die Bevölkerung für die Rückkehr eines allerkatholischesten Roy empfänglich zu stimmen. Anarchismus, Antisemitismus, Dynamit und Empörung als Bahnbrecher dr — „Legitimität" „In welcher Weise der zum Volke herabgestiegene Marquis den Zielen seines Eifers zu dienen suchte, dafür liefert eine seiner antisemitischen Broschüren den Beleg. Das Schriftstück ist an die Mütter kleiner Kinder gerichtet und führt aus: Während das Volk Hunger habe, hätten sich die Juden mit dem Safte der Nation gemästet, und jetzt, da sie sich vor dem 1. Mai fürchten, suchten sie das ihnen drohende Unheil durch ihr blutiges Kinderopfer zu beschwören: die Mütter sollten daher in diesen Tagen ja recht auf ihre Kinder Acht geben und sie nicht aus den Augen lassen. „Dann heißt es wörtlich: Wenn aber am 1. Mai eure Gatten und Brüder sich erheben wollen gegen ihre Bedrücker, welche, nicht zufrieden damit, vom Schweiße der Männer sich zu mästen,^ auch noch das Blut der Kinder trinken wollen, so thut nichts, um sie zurückzühalten, und sagt nichts, was ihren Zorn mildern und ihren Muth herabstimmen könnte!" „Auf diese Weise diente der Antisemitismus den eigentlichen Zwecken des Herrn Marquis, seiner anarchistischen Genossen und royalistischen Hintermänner." Zwischen ihm und seinen Wiener Parteigenossen bestanden Beziehungen. Ernst Schneider stand in solchen zu Anarchisten. In einer gegen den damaligen Abgeordneten Türk gerichteten Rede des Abgeordneten Dr. Bloch aus dem Jahre 1886 hat der Letztere aus die innige geistige Verwandtschaft zwischen Anarchismus und Antisemitismus deutlich hingewiesen. In dem genannten Jahre hat auch Cornelius Vetter in einer eigenen Broschüre über die geheimen Verbindungen zwischen seinem Parteigenossen Ernst Schneider und den Anarchisten interessante Enthüllungen geboten. Cornelius Vetter richtete an Ernst Schneider nachstehende Fragen: „Weshalb rühmten Sie sich Ihrer Bekanntschaft und Bewirthung eines Peukert u. s. w.? Wollten Sie den auch als Spitzbuben benützen? _ „Geben Sie Antwort! Wie konnten Sie wissen, wer bei dem ersten im zehnten Bezirke stattgefundenen Kirchenkrawalle die Rädelsführer waren, wo Sie, Gesinnungsgenossen gegenüber, die Aeußerung thaten: „Die Richtigen Habens doch nicht erwischt! Würeus nur weiter unten in's Wirthshaus gegangen, so hätten sie die Rädelsführer!" „Ich hätte noch meh ere Fragen an Sie zu stellen, z. B.: Wie ist es gekommen, daß die bei dem Brande des Holzlagers auf der Roßauerlände Vorgefundenen aufreizenden Zettel eine so frappant ähnliche Schrift mit den Zetteln, welche Sie anläßlich einer von der Polizei verhinderten Versammlung im Panoramasaale in der Leopoldstadt an die enttäuschten Besucher austheilten, hatten? Oder wie ist es gekommen, daß Sie von der Zusammenrottung der Arbeiter vor dem Polizeigebäude um 14 Tage früher wußten?" Am 20. October 1891 verlas der Abgeordnete Bloch im österreichischen Reichsralh folgende Stellen aus Briefen Schneider's: