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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-06 · 27 (6.7.1894) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
27 (6.7.1894)
Date
1894-07-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 536 Orsterreichifchr Vochrnfchrist Nr. 27 „Mit Allen?" „Mit Allen??" spottete der Jnspector dem Polizisten nach. „Alle kann man ja doch auch nicht" — murmelte er — „sie werden ein Gezeter erheben. . . Und mit Keinem Protokoll aufnehmen, nach den da" — er wies auf das Actenstück — „ist auch unmöglich . . ." „Mit wem also?" „Mit Dir, Esel!" schrie plötzlich Lawrenti Ardalionowitsch auf, „mit Dir für den Mangel jeder Auffassungsfähigkeit! Wenn er nur eine S.pur von einem Ueberblick hätte'! Da steht er und zwinkert mit den Augen! Begeben Sie sich gefälligst zur Arbeit!" Der Polizist ging hinaus und der Jnspector wandte sich zu mir: „Wie gefällt es Ihnen: „Unverzüglich!" „Leicht hingeschrieben, aber geh'Einer hin und thu's! Man kommt hinein, die Judenbrut umkreist Einen; das Eine fängt, wie im Fieber, sich zu schütteln an, Riwka, die noch zum Unglück schwanger ist, beginnt zu heulen — was, bin ich ein Stein? Und um was, frage ich Sie, handelt es sich? Der Jud' gibt dort nach seiner Art Unterricht, es ist ja dabei kein „Geschäft", er will Brod . . . Andrej!" Der Stadtwächter kam herbeigelaufen und stellte sich in Positur. „Dummkops!" „Befehlen auzuspannen?" „Jawohl, das befehle ich .. marsch hinaus!... Es kann auch sein, daß sie keinen Paß haben, wie gewöhnlich — dann hat man's.unterthänigsten Dank." Jawohl eine seelenerhebende Beschäftigung, sage ich Ihnen, die Scherereien mit den jüdischen Ausflüchten . . . Und hierher kommen Leute aus Cultur-Centren. Gut, bewundern Sie uns ... Ja richtig!" rief Lawrenti Ardalionowitsch, sich auf der Straße schon befindend: „Wie geht es Dir, he, Schloimka, der Teufel hole Dich, komm her! Bewundern Sie," sagte er mir „wenigstens dieses Exemplar! Studiren Sie! Mir sitzt er schon hier!" Er zeigte mit der Hand nach seinem Hals. An der Ecke der Gasse erschien die Gestalt eines Juden im Alter von 45—50 Jahren, mit kleinen, schwarzen Ohrlöckchen, eine Brille auf der Nase; er hatte dünne Beine, trug einen schwarzen langschößigen Kaftan (Rock) und Röhrenstiefel, in welche die Hosen hineingesteckt waren. Als Schloime den Ruf hörte, beschleunigte er seinen Gang, machte kleinere Schritte, wobei er seinen Stock hin und her schwenkte. In großer Entfernung nahm Schloime schon den Hut ab und blieb im schmalzigen Käppchen auf dem Kopfe. Schloime hatte einen Fuß kürzer, auf dem linken Auge war er mit dem Staar behaftet; ein langer, schwarzer Bart beschattete sein bleiches Gesicht. Der Jude keuchte, man sah ihm an, daß er an Asthma litt. Er näherte sich uns und bemühte sich, ein freundliches Lächeln zu zeigen, welches zu seinem erschrockenen Aussehen im Widerspruch stand. „Vogelscheuche!" begrüßte ihn Lawrenti Ardalionowitsch. „Sieh' mal den Gentleman! Pfui! Du mein Herr Gott!" Der Jnspector wußte nicht, wie er kräftig genug seinen Abscheu gegen Schloime ausdrücken sollte und dieser sah fragend bald auf ihn, bald auf mich. In seinen Augen drückte sich das Bestreben aus, die Obrigkeit nicht durch irgend etwas zu erzürnen und ehestens davonzukommen. Aus Allem war zu ersehen, daß er und der Jnspector alte Bekannte waren, daß Schloime nicht zum erstenmal obige Benennung hörte; im Gegentheil, ihm wäre es eher auffällig gewesen, wenn der Jnspector ihn wie einen Menschen behandelt hätte, wie z. B. mit „Reb Schloime" und nicht mit „Schloimka. . ." Schloime's Gesicht war sehr typisch, es war das Gesicht eines Talmud-Gelehrten, der seine Ansichten und sein Wissen aus dem Talmud und der Agada (Legenden) schöpft. Seine kleinen Aeuglein waren nachdenklich, er runzelte leicht die Stirne, als würde er im Geiste sich ins Reich der Legenden und Belehrungen versetzen, welche er in schweren Augenblicken zu Hilfe ruft, ohne sich ins Labyrinth der Kleinlichkeiten des Lebens zu verlieren. „Sieh' mal! Die Teufels-Vogelscheuche ist auch schlau! Sehen Sie sich nur die Fratze an!" Ich sah die Fratze an, bemerkte aber in ihr gar keine Schlauheit. Schloime lächelte schwach mit dem Ausdruck der Ueberlegenheit. Lawrenti Ardalionowitsch wollte natürlich dem Gedanken nicht Raum geben, daß vor ihm ein großer Denker stehe, der den Jnspector, die Begegnung mit ihm und seine! Spötteleien für etwas gänzlich Belangloses ansieht. Es war aber doch so. In dem Lächeln Schloime's, in den leichten Falten, die sich auf seiner Stirne rasch sammelten, las ich das Mitleid des Philosophen mit einem armen Menschen heraus, der aus Dummheit sündigt. So lächelte wahrscheinlich der berühmte Rabbi Hillel, wenn man ihn beleidigte. Rabbi Hillel, einer der Schöpfer des Talmud, war dadurch berühmt, daß ihn Niemand erzürnen konnte; er antwortete immer dem Beleidiger traurig: „Was willst Du mein Sohn? Sei nicht böse, ich bitte Dich!" Dem Lawrenti Ardalionowitsch wäre der Gedanke, daß Schloimka sich zu ihm herablasse, unglaublich erschienen — Schloimka mit den Löckchen und möglicherweise ohne — Paß!! „Hast Du noch ein Cheder?" Schloime schien sich erst zu sammeln. Er sah die Wirklichkeit vor sich und gab keine Antwort. „Ungeheuer! Dich frägt man ja doch!" Schloime blickte flehend auf. Ich wußte, daß mein Dazwischentreten in einem solchen Augenblick, wo Lawrenti Ardalionowitsch so erzürnt war, nichts nützen würde, und schwieg auch. „Ist es nicht merkwürdig? — Schlau ist er! Du Scheusal, mach' keine Faxen! Hörst Du nicht, was man Dir sagt? Heut' wird nicht gespaßt, Vogelscheuche! Verjage Deine Judenbrut, sonst nehme' ich Protokoll auf und schick' es zum Untersuchungsrichter. Fort, nichts da, marsch fort!" Schloime murmelte etwas undeutlich vor sich hin, und ging, von Zeit zu Zeit zurückblickend, weiter, hatte aber nicht den Muth, den Hut aufzusetzen; er that es erst, nachdem er von uns ziemlich entfernt war. „Nun! Was? Nicht wahr, etwas Herrliches!" fragte mich der Jnspector. „Gefällt Ihnen das Subject?" „Sehr gut!" erwiderte ich lächelnd. „Ist das Ihr Ernst? Gott steh' Ihnen bei — ich bin nicht reis genug, die Herrlichkeit dieses Typus zu verstehen .. . Ich habe Geschäfte und kann nicht plaudern . . . Auf Wiedersehen!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. Geschichte der Inden in Lemberg von den ältesten Zeiten bis 1792. Von Dr. Jechezkiel Caro. Im Selbstverläge. . Auf Chroniken und archivalischen Quellen, nicht auf Materialien aus zweiter Hand hat der Verfasser sein prächtiges Buch aufgebaut. Das verleiht diesem auch den wissenschaftlichen Werth. Mühsame Vorstudien in Bibliotheken und Archiven mußten der eigentlichen Arbeit vorausgehen und dann galt es, erst den aufgespeicherten Stoff zu sondern nach seinem Werthe, den Waizcn von der Spreu zu scheiden. Wie viele Bücher dieser Gattung kranken doch an dem schweren Uebel des Allzuvielen, das die Nebersichtlichkeit und damit die Lesbarkeit erschwert, anfhebt. Dr. Caro hat uns ein genießbares, ein spannendes Brich gespendet, welches sich fast wie ein historischer Roman liest, bei aller Treue, niit der es den geschichtlichen Ereignissen folgt. Die Geschichte der Juden in Lemberg fängt im verkleinernden Spiegel auch die Geschichte der Stadt, die Geschichte des Landes auf. Die vielfältigsten Wandlungen im Geschicke unserer Glaubensgenossen ziehen I an unserem geistigen Auge vorüber. Bald stolziren sie wie reiche I Kaufherren in goldbestickten Kleidern, mit Säbeln umgürtet, bald droht ihnen wieder der gelbe Fleck, das beschämende Wahrzeichen der Inferiorität. Die Reihe der Fürsten wechselt rasch. Tyrannische, kriegerische, harte Herrscher, die schwer ihre rauhe Faust auf die Judenschaft legen, wechseln mit mildgesinntcren, menschlichen, unter denen sie ausathmen dürfen — bis wieder ein Fürst den Thron besteigt, der jesuitischem Rathe sein Ohr leiht. Der Verfasser gibt auch viele bemerkenswerthe Aufschlüsse über die Rabbiner und Gelehrtender Stadr, die — auch eine glänzende Reihe von Geistesfürsten — an uns vorübergleitet. So manche, heute noch blühende Familie wird einen illustren Ahnen wiederfinden. Nicht blos Lemberger Juden mögen nach dem Buche greisen, das ihr allverehrter Seelsorger geschrieben und dem er einen Ergänzungsban^, bis auf die heutige Zeit führend, in baldige Aussicht stellt, sondern alle jene, welche für das Geschick ihres Volkes sich ein warm fühlendes Herz bewahrt haben. Das Buch und der Verfasser verdienen einen großen Leserkreis vollauf. F. Lehrbuch der jüdischen Religionsgeschichte für die höheren Classen der Mittelschulen von Dr. Adolf Weiß, Religionslehrer am k. k. akad. Gymnasium in Wien. I. Theil: Von der Offenbarung bis zum vorläufigen Abschlüsse des biblischen Canons.

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