Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 27 (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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. L>7 je. >\—A; .Cautt 555BS Nr. 27 Vrsterreichifchr Wochrnfchrifl Seite 535 zu ersuchen, ihre geistigen Produkte unter der Adresse: ,Ziou- Berein", Buczacz, zugehen lassen zu wollen. Fürth in Bayern. Die hierortige Gemeinde wurde in große Trauer versetzt durch das plötzliche Hinscheiden ihres allgemein verehrten und beliebten Waisenvaters, des Herrn Dr. Moses Jonas Königshofer, welcher im 54. Lebensjahre und im 28. Jahre seiner Thätigkeit als Dircctor des hiesigen Waisenhauses stand. Er ward zu Welbhausen (Bayern) geboren E und schon in seiner Jugend Bezirks-Rabbiner in Hcmenbach in der fränkischen Schweiz. Bei dem am 29. v. M. Nachmittags stattgefundenen Leichenbegängnisse konnte man die tiefe Verehrung und Liebe, deren der Hingeschiedene theilhaftig geworden, deutlich ersehen. Es geleiteten seine Hülle nicht nur der Cultus- und Chewra- Kadischa-Vorstand nebst fast allen jüdischen Honoratioren, sondern auch eine unabsehbare Menge von Christen, der Bürgermeister, der städtische Schulrath u. Ä. m. Es sprachen am Friedhofe Rabbiner Dr. Neubürger, Professor Dr. Dessau, Banguier Rau im Namen der Anstalt, endlich Rabbinatscandidat Ansbacher von Nürnberg. Königshofer war nicht nur ein guter Vater seiner 12 Kinder, sondern auch der seiner Obhut anvertrauten circa 70 Waisen. Viele Condolenz-Kundgebungen trafen an seine Hinterbliebenen ein. Braila. (Verlobung.) Herr Adolf Wechsler, Theilhaber der Firma Mayer Wechsler in Braila, hat sich mit Fräulein Regine Predinger, Tochter des Industriellen L. Predinger dortselbst, verlobt. London, 20. Juni. Der wegen seiner philantropischen Bestrebungen allseitig bekannte Herr Oliphant unterhandelt gegenwärtig mit der russischen Regierung wegen Ansiedlnng mehrer jüdischer Familien auf einem von ihm in Palästina erworbenen größeren Terrain. Oliphant ist Nichtjude. Feuilleton. Im stillen Städtchen. Ein russisches Sittenbild von N. Naumow. — Frei übersetzt von Louise Fokschaner. (Nachdruck verboten.) I. „Sie, Freundchen, beklagen sich noch . . . sehen Sie einmal, wie ich lebe! Ein Tag wie der andere! Wir haben uns seit einigen Jahren nicht gesehen. Sie haben sich selbstverständlich verändert, Sie haben gelebt. . . verstehen Sie mich. allerlei Gesellschaft. . . da gibt es verschiedene Ansichten.... Neues... ich aber war immer hier! Ich weiß im voraus, wie sich der Tag für mich gestalten wird. Man wird gleich rapportiren kommen, ich werde unterschreiben, dann werde ich schreien und später „in Geschäfte" ausfahren — und meine Geschäfte. . Ach!" Lawrenti Ardalionowitsch schob mit dem Fuß den neben ihm stehenden Stuhl zur Seite, schürzte die Aermel seines Schlafrockes hinauf und begann sich zu rasireu. Es war gegen neun Uhr Morgens. Lawrenti Ardalionowitsch Alksejew war Polizei- Jnspector im Städtchen Nikolajewska, in welchem die Juden den größeren Theil der Einwohnerschaft bildeten, und bekleidete dieses Amt seit ungefähr dreißig Jahren. Von hohem schlanken Wuchs, mit grauem Schnurrbart machte er den Eindruck eines noch rüstigen Veteranen, trotz seiner fünfundsechzig Jahre. Er sprach mit einer Baßstimme und hielt sich besonders würdevoll. Die - Bewohner fürchteten ihn wie ein Gewitter. Sein Amt befriedigte ihn jedoch nicht und machte ihn unmäßig gereizt. Die Chicanen des Kreisrichters, unangenehme Aufträge, der lange Aufenthalt, in dem schmutzigen, öden Nest, die vollständige Einsamkeit — das Alles verwandelte ihn, den Edelmann Alksejew, in ein altes, brummiges Ungethüm. Was den Kreisrichter betrifft, so war er ganz Bureaukrat — ein Mensch, der die Leute von niedrigem Polizeirang nicht im Geringsten achtete. „Der Kreisrichter ist ein Anachronismus unseres Jahrhunderts" pflegte Lawrenti Ardalionowitsch zu sagen. Kann sich aber unter solchen Umständen ein feinfühlender Mensch, der Seele und Nerven hat, wohl befinden? Ist es zu verwundern, daß ihm Alles zuwider geworden — das Amt mit allen Collegen und Untergebenen? „Brrr!" rief Lawrenti Ardalionowitsch aus und erzählte mir dann Allerlei. Er war nicht ohne Grund an diesem Morgen besonders verstimmt, und er beklagte sich über sein Mißgeschick. Das freudige Gesicht, welches er bei meiner Ankunft — nach meiner zwölfjährigen Abwesenheit von Nikolajewska — gezeigt hatte, verfinsterte sich, als er von sich zu sprechen begann. . . . . Alksejew setzte das Rasiren fort, und ich sah mich in seinem Zimmer um, das ich beinahe unverändert fand. Dieselben Tische, dieselben Stühle, dasselbe Bett — blos über dem Schreibtisch hing ein neues Bild, welches das Empfangszimmer des Fürsten, nach den „Gouvernements - Skizzen von N. Schtschedrin, darstellte. Lawrenti Ardalionowitsch hatte eine besondere Vorliebe für Schtschedrin's Werke, die er sehr oft citirte, als ob er damit beweisen wollte, daß er höher als seine Umgebung stebe und ihren wahren Werth zu schätzen wisse „Im Orte Nikolajewska" . . . begann ein Polizist, der plötzlich erschienen war, schnarrend zu rapportiren — Lawrenti Ardalionowitsch ließ ihn nicht vollenden und sagte, mit dem Rasirmesser auf ihn deutend, zu mir: „Da haben Sie es!" . . . dann zum Polizisten gewendet: „Ist ein Huhn krepirt oder haben die Juden etwas angestellt?" „Wegräumen!" befahl er und reichte ihm Bürste, Seife und Rasirmesser. Der Polizist trug das Rasirzeug hinaus und Lawrenti Ardalionowitsch legte seine Uniform an. Auf ein Glockenzeichen trat ein Stadtwächter ein. bediente ihn und erwarb sich durch irgend ein ungeschicktes Hwreichen des Stiefels oder Rockärmels wiederholt die Benennung „Esel" oder „Tölpel". Nach Beendigung der Toilette setzte sich der Inspektor zu mir. „Nun, erzählen Sie, Jacob Grigariewitsch, was haben Sie getrieben, wo sind Sie herumgewesen? Wir haben uns so viele Jahre nicht gesehen, wahrhaftig, ich freue mich herzlich über Ihre Ankunft. Was hat Sie zu uns geführt?" „Ich gedenke mich hier niederzulassen, Lawrenti Ardalionowitsch . . ." „Hier?!.Na, das ist aber ein Einfall, — das kann ich schon gar nicht begreifen. Erlauben Sie, — was ist Ihnen hier interessant? Welche Nahrung für den Geist finden Sie hier, und gar für einen jungen Geist? Wenn es nach meinem Willen ginge, ich wäre wahrhaftig schon längst zu Fuß durchgebrannt". .. „Ich will hier eine Schule gründen und die Meinigen sehen . . . heißt ja auch leben. . ." „Ja, leben, leben . . . übrigens ich kann da nichts herausfinden, das gehört nicht in mein Fach. Nun, wir sprechen noch einmal darüber, jetzt werde ich ein wenig arbeiten. Kagailow!" Der Polizist trat wieder ein. „Die Post!" befahl der Inspektor. Kagailow legte einige versiegelte Pallete auf den Tisch. Lawrenti Ardalionowitsch konnte sich während des Oeffnens derselben nicht enthalten, den vor ihm stehenden „Habt acht"-Polizisten zu verspotten. „Da ist er, der richtige Judenfresser! Fragen Sie ihn, welch ein Leben hier ist: ein Kenner, ich sage Ihnen, ein Kenner der Ortstypen." Das Gesicht des Kagailow blieb unbeweglich, als ob nicht von ihm die Rede wäre. Die Post interessirte ihn augenscheinlich mehr als Alles. „Kundmachen" — las Lawrenti Ardalionowitsch — „also kuntmachen . . ., das ist nicht richtig." „Dem Chatzkal Leb Jtzigsohn aus Minsk...." „Hm, es geht schon an . . . jetzt beginnen die Freuden. . . " „Angeklagt, daß er einen fremden Paß verwendet. . ." „Kagailow, hören Sie?" „Ich habe die Ehre..." „Hm, und ich das Vergnügen, sehr angenehm" -- den Rest las er sich. „Ich schlage Euer Wohlgeboren vor: unverzüglich . .." Lawrenti Ardalionowitsch las auch dieses Schriftstück für sich, zerknitterte es und warf es auf das andere Ende des Tisches. „Kagailow, wie viele jüdische Cheder (Schule) sind hier?" fragte er den Polizisten. „Vier." „Ohne Bewilligung?" „So ist es!" „Belieben Sie sich darüber zu freuen!" wüthete Lawrenti Ardalionowitsch, „und da muß man noch verantwortlich dafür sein! Ich Hab deren Existenz vergessen, der Teufel hole sie! Protokoll aufnehmen!" J f*m —i—rr"' ,