Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 27 (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 532 OrstrrrrdMchr Wochenschrift Nr. 27 Christ und Muselmann bei frohem Mahl vereint und fragt sich, indem man sich weltenfern von dem antisemitischen Gekläff der Großstadt weiß, ob denn doch „dies Jahrhundert dem Ideal reif" sein dürfte, da die Bekenner der verschiedenen Religionen in Eintracht und Freundschaft mit einander verkehren. Der Wohlthätigkeitssinn bekundet sich hier aufs Schönste. Namhafte Spenden werden gleich, indem die Anmeldungsliste vorgelegt wird, gezeichnet. Das jüdische gute Herz bekundet' sich hier wieder von seiner besten Seite. Die reichen Israeliten zeichnen sowohl zum Besten der jüdischen wie der christlichen Wohlthätigkeitsanstalten; ob es schon einem dieser Arier eingefallen, die jüdischen Hospitäler zu bedenken, weiß ich nicht. Viel wird über den Putz der jüdischen Damen gesprochen. Sie haben die Parole: „Leben und leben lassen." — Die hier zahlreich etablirten Wiener Industriellen, die mit hoher Regie arbeiten, meinen, daß sie gar nicht bestehen könnten, wenn sie die jüdische Kundschaft nicht hätten. Wem das Leben in der Großstadt durch das antisemitische Gekläff und Gezänk verleidet ist, der komme in unser trautes Waldstädtchen. Man sieht hier, daß es wohl möglich ist, daß die Menschen verschiedenster Nationalität und Confession in Eintracht mit einander leben können. Es fehlen Gott sei Dank die Hetzcapläne und Radaumacher, und wollten sie sich zeigen, man würde sie unbarmherzig ausweisen. Marienbads Quellen, Wälder, Fluren sind viel gerühmt worden, mehr aber noch zu rühmen ist die hier herrschende Toleranz, die Jeden nach seiner Weise selig werden läßt. J. B. E. B. Olmütz. (Antisemitismus in den deutschen Mittelschulen.) Die moderne Antisemitenseuche ist auch in die hiesigen Mittelschulen gedrungen. In der deutschen Realschule wurde dieselbe, dank der lobenswerthen Energie des Directorates brevi manu unterdrückt, dagegen hat die Judenhetze im deutschen Gymnasium bedauerliche Dimensionen angenommen. Das Olmützer Rabbinat hat, die Wichtigkeit und die Consequenzen einer Ausbreitung erkennend, die beschämende Affaire rechtzeitig anhängig gemacht, bei dem Cultusvorstande der israelitischen Gemeinde jedoch nicht den erforderlichen Succurs erhalten. Auch die anderen maßgebenden Factoren nehmen nach Wiener Mustern (Rettungsgesellschaft) eine dilatorische, mehr tolerirende Haltung ein, und es ist soweit gediehen, daß sich in der zur Vorbereitung für die humanistischen Fächer dienenden Anstalt förmlich' zwei scharf geschiedene Parteien gebildet haben, von welchen die antisemitische Seite die Pflege der Judenhetze sich zur obersten Aufgabe gemacht hat. Die antisemitischen Grünschnäbel spielen sich schon derzeit als Urteutonen auf, kokettiren mit dem Hochverrath durch Tragen von Kornblumen und Wacht-am-Rhein-Singen und verehren schon heute Schönerer als Nationalgötzen. Wohin diese Verirrungen führen — nun an der Aufführung der Jünger an der Alma mater Vindobonensis jst's deutlich zu erkennen. Protznitz, 1. Juli. (Domherr und Rabbiner.) In der gegenwärtigen, von dem abscheulichen Antisemitismus durch und durch verseuchten Zeit ist es erfreulich, zu berichten, daß der hiesige hochw. Herr Canonicus P. Josef Nowak, der zum residentialen Olmützer Domherrn ernannt wurde, vor seiner Uebersiedlung dorthin unserem beliebten Herrn Rabbiner Dr. Hoff, mit dem er immer freundschaftlich verkehrte, einen Abschiedsbesuch machte. In herzerhebenden Worten betonte der hochw. Domherr, daß wir alle „Kinder eines Vaters im Himmel sind", die sich gegenseitig lieben und achten sollen, damit nur der Friede unter den Menschen erhalten werde. In paffenden Worten entgegnete Herr Dr. Hoff, daß er es stets als seine heilige Aufgabe betrachtete, die Eintracht unter den hiesigen Bewohnern, trotz der Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses und der Nationalität, bei jeder Gelegenheit zu fördern. Der hochw. Domherr bezeugte ihm dies freudigen Herzens und nahm unter Segenswünschen rührenden Abschied. Möchten doch Alle, welche den heiligen Beruf haben, Nächstenliebe zu predigen, auch Nächstenliebe fühlen und b et h ä t i g e n. Radarrtz, am 1. Juli 1894. Der mit der Leitung der Regierungsgeschäfte in der Bukowina betraute Hofrath Se. Excellenz Graf GoLs hat gestern unsere Stadt mit seinem Besuche beehrt und bei dieser Gelegenheit unsere Synagoge in Begleitung des Herrn Bezirkshauptmannes Rottenburg besucht. In Anwesenheit eines zahlreichen Publicums vom Cultusvorstande beim Eingänge des Gotteshauses durch Herrn Oberrabbiner Kunstadt empfangen und in das Innere geleitet, ließ sich derselbe vom Herrn Oberrabbiner über die hiesigen Gemeindeverhältnisse eingehend unterrichten. Nachdem der Herr Landespräsident mit sichtlichem lebhaften Interesse dieser Schilderung gefolgt, wie er auch demselben durch mehrere gestellte Anfragen Ausdruck verlieh, ergriff unser ehrwürdiger Oberrabbiner das Wort, um in seiner gewohnten Meisterschaft sowohl den Dank, für den hohen Besuch auszusprechen, als auch die zuversichtliche Erwartung zu bekunden, daß der Herr Landeschef den hier herrschenden confessionellen Frieden mit starker Hand und weiser Einsicht auch fürderhin erhalten werde, wozu ihm der Himmelssegen verhelfen möge. Se. Excellenz dankte in recht warmen herzlichen Worten sowohl dem gelehrten Redner alk auch der gesammtcn Gemeinde für den freundlichen Willkomm und gelobte feierlich, in seinem Wirkungskreise allen Confeffionen mit gleicher Gerechtigkeit entgegen zu kommen, Allen gegenüber gleiches Wohlwollen zu bethätigen. Die Israeliten unseres Landes sehen daher hoffnungsvoll der Thätigkeit dieses hohen Dignitärs entgegen, von welcher sie nur Ersprießliches erwarten. Berlin. (Vom antisemitischen Bruderkrieg.) In einer „Conservative Gehirnerweichung" überschriebenen Notiz läßt sich der Berliner „Antis. Generalanz." wie folgt vernehmen: „Unfähigkeit und Dummdreistigkeit scheinen die besonderen Kennzeichen der .ofsiciellen' conservativen Parteileitung bleiben zu sollen. Das kläglichste aller conservativen Jammerblätter ist die sogenannte .Conservative Correspondenz', für die schon Unsummen der von gutmüthigen Thoren gespendeten Parteigelder vergeudet worden sind. Da das Blättchen wegen seiner völligen Bedeutungslosigkeit schon längst nicht mehr die geringste'Beachtung zu finden vermochte, so versuchte es in voriger Woche eine außergewöhnliche Kraftleistung. Es rief nämlich den Staatsanwalt (ob Herr Drescher besonders gemeint war. ist nicht gesagt) gegen Ahlwardt's neueste Enthüllungen zu Hilfe, mit dem Hinweise darauf, daß Ahlwardt schon durch die Drohung, neue Belege über die Berjudung unserer Staatsmaschine zu veröffentlichen, das Gefängniß verdient habe. Das Beste sei deshalb, man treffe .gesetzliche^ Maßnahmen, wonach Ahlwardt sofort, noch ehe er seine neuesten .Verleumdungen' ausspreche, hinter Schloß und Riegel gebracht werde! Darauf können wir nun Folgendes erwidern: Wenn die conservative Parteileitung nicht sofort dafür Sorge trägt, daß der Redacteur dieser Jammercorrespondenz einer Irrenanstalt überwiesen wird, so werden wir künftig genöthigt sein, die ganze conservative Partei nur noch vom pathologischen Gesichtspunkte aus zu behandeln. Bei Herrn Pastor Engel vom .Reichsboten', der die Rederei der .Correspondenz' zustimmend abdruckt, müssen wir diese Beurtheilungsweise schon jetzt eintreten lassen. Jedenfalls ist diese truthahnmäßige Gehässigkeit des angeblich antisemitischen Pastors gegen die Führer der antisemitischen Partei eine recht schwächliche Widerlegung der unsererseits aufgestellten Behauptung bezüglich seiner jüdischen Abstammung." Berlin, 18. Juni. Gestern fand in Pankow die feierliche Einweihung des Heims, in welchem arme Mädchen jüdischen Glaubens zu dienenden Stellungen erzogen werden sollen, im Beisein des Herrn Amtsvorstehers aus Pankow und derjenigen Damen und Herren, welche Beiträge behufs Erwerbes des Hauses geleistet haben, statt. Um 12 Uhr Mittags begann die Feier mit dem Choral: „Lobt froh den Herrn, ihr jugendlichen Chöre", gesungen von den Schülern und Lehrern des Pankower Erziehungshauses. Hierauf folgte eine Ansprache des Herrn Justizrathes Makower, welche den Zweck des Instituts und die Art seiner Entstehung anaab. Die Feier schloß mit dem Liede: „Wenn Gott der Herr das Haus nicht bauet, vergeblich ist der Menschen Mühe". Nach Beendigung dieser Feierlichkeit wurden sämmtliche neu eingerichteten Räume einer genauen Prüfung und Besichtigung unterzogen. Die Anstalt besteht aus einem Vorderhause und einem Hinterhause mit einem Gemüsegarten. In dem ersteren enthält das Kellergeschoß eine gut eingerichtete Küche, einen Speisesaal, ein kleines Zimmer, in welchem sich ein Eisspind und ein Schrank mit Fächern für die 12 aufzunehmenden Mädchen befindet. Im Hochparterre ist der Schlafsaal mit 12 Betten, sowie das Empfangszimmer und der Schlafraum der Oberin, Frau Bellack. Eine Treppe hoch befindet sich die Arbeitsstube der Zöglinge und ein Krankenzimmer. Im Hinterhause ist die Portierwohnung, die Waschküche, Rollstube, Badezimmer und der Trockenboden. Nach Besichtigung der Räume wurde den Gästen ein Frühstück geboten. Wir können diesem Institut nur von ganzem Herzen Gedeihen wünschen!