Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 27 (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 27 Aeflerrektztfche WochenfchrM Seite 531 und der freisinnigen Studentenschaft den Ausdruck vorzüglichster Hochachtung und ergebenster Sympathie darzubringen. Ihre Antwort ist zur Genüge bekannt, sie zeugte von Gerechtigkeit und Unparteilichkeit. Geduldig hatten die jüdischen Studenten in den Kanzleiräumen des Rectors gewartet; heilige Stille trat ein, als die Deputation zurückkehrte und Jurist Meuczel auf einen Sessel stieg, und mit sonorer Stimme das Resultat der 'Mündigen Unterredung mittheilte, ein donnerndes Prosit auf Nothnagel und T s ch e r m a k ertönte. In vollster Ruhe gingen dann Alle in geschlossenen Reihen durch die Aula ins Freie. Es war ein erhebender Moment, der allen Theilnehmenden unvergeßlich bleiben wird. Noch am Abende desselben Tages versammelten sich im Locale der „Kadimah" mehr als 150 Vertrauensmänner; unter stürmischem Jubel wurde beschlossen, Hofrath Nothnagel eine Dankadresse zu überreichen. Außerdem wurde die Gründung einer jüdisch-akademischen Lesehalle zum Beschlüsse erhoben. Die Adresse, die mit circa 1000 Unterschriften gefertigt war, wurde Donnerstag Nachmittags überreicht. (Pfarrer Deckert's Predigten und das Landesgericht.) Eine der zuletzt in Druck erschienenen Predigten des Weinhauser Pfarrers Dr. Josef Deckert, wurde über Einschreiten der Staatsanwaltschaft confiscirt. Nunmehr hat das hiesige Landesgericht die Beschlagnahme bestätigt, das Verbot der Weiterverbreitung ausgesprochen und ans Vernichtung der saisirten Exemplare erkannt, niit der Begründung, die incriminirte Predigt (Conferenzrede) Dr. Deckert's begründe sowohl das Vergehen der Aufforderung zu Feindseligkeiten gegen eine Religionsgesellschast nach § 302 St.-G., als auch das Verbrechen der Religionsstörung, begangen durch Gotteslästerung nach § 122 a) St.-G. Lemberg am 29. Juni 1894. Gelegentlich der Reise des n.-ö. Gewerbevereines nach Lemberg besichtigten die Mitglieder desselben am 27. d. M. die Salzwerke unter Führung Sr. Excellenz Bar. C z e d i k. Vom Rudolfschachte ging es per Wagen nach K l a s n o zur Besichtigung der renommirten Spiritus-Raffinerie, Liqueur-, Rum- und Essigfabrik des Handelskammerrathes H. Perlberge r's S o h n. Die Raffinerie, eine der ältesten Galiziens, ist im Jahre 1836 gegründet, von dem jetzigen Chef, Herrn Kammerrath I. S. Perlberger mit den neuesten Apparaten versehen elektrisch beleuchtet, und rangirt zu den ersten der Monarchie, rechtfertigt den alten Ruf des Etablissements nach jeder Richtung, bestrebt, ihn zu mehren und zu stärken. Zurückgekehrt in die Salons des Fabriksbesitzers, erwartete die Gäste ein solennes Dejeuner. Es toastirte zunächst dec Präsident. Excellenz Bar. Czedik sprach über die gewaltigen Fortschritte Galiziens auf jedem Gebiete, über die Aufrechterhaltung des freiheitlichen Gedankens aller Nationalitäten, aller Confeffionen, über den gewaltigen Aufschwung der Industrie in Galizien, über den sichtlich zunehmenden Wohlstand des Landes, der die beste Gewähr für das Gedeihen bietet. Abgeordneter Dr. Weigel sprach über die Erfolge Galiziens auf culturellem Gebiete und betonte besonders, daß dies an der Hand des Deutschthums geschehe. Dr. Sokolowski als Vertreter der Stadt Krakau pries das Deutschthum, die Liberalität und hob besonders hervor, daß die Bildung im engeren Baterlaude unaufgehalten durch Gegenströmung ihren Weg von West nach Ost nehme und wie prächtig unter dem Scepter Oesterreichs die Polen sich entwickeln und befinden. Hierauf erwiderte der Wiener Baurath Komers, wie stolz die Deutschen Oesterreichs auf die Erfolge Galiziens sind, pries die alte bewährte Gastfreundschaft Galiziens, hob hervor, wie nur durch das kräftige einmüthige Zusammenwirken aller Nationen, aller Confeffionen solch wunderbare Erfolge erzielt werden. Es sprachen in gleichem Sinne die Kammerräthe Falter, Reich, Dattner, Resch, und ernteten reichlichen Beifall. Sodann ergriff Excellenz Bar. Czedik noch einmal das Wort, um in herzlicher Weise dem Gastgeber Herrn I. S. Perlberger für die Gastfreundschaft im Namen des n.-ö. Gewerbevereiues zu danken. Abgeordneter Dr. Weigel stattete in gleicher Weise den Dank an den anwesenden Oberbergrath Miske und Herrn Perlberger ab und forderte in alt-sandomirskischer Weise die Gäste ans, das letzte Glas mit einem „Kochajme jsee^ zu leeren. Die Staatsbahn stellte den Gästen einen Separatzug zur Verfügung, und noch manches Glas wurde auf das Wohl Galiziens und den Gastgeber Herrn Perlberger geleert, unter Tücherschwenken und Hochrufen dampfte der Zug verspätet ab. Gestern morgens kam Herrn Perlberger nachstehendes Telegramm aus Krakau zu. „Herrn Kammerrath Perlberger, Klasno. Der n.-ö. Gewerbeverein dankt hiermit noch einmal Ihnen und der werthen Familie für die solenne Ausnahme, die er in Ihrem geschätzten Hause gefunden. — Alle Theilnehmer werden die wenigen Stunden stets in angenehmer Erinnerung bewahren und vereinigen sich in dem Wunsche für ein blühendes Gedeihen Ihres Hauses. Der Präsident. Czedik." Herr H. Perlberger's Sohn in Klasno beauftragte seinen Vertreter Herrn Josef Perlberger telegraphisch nach Lemberg, den nieder-öfter. Gewerbeverein in der Ausstellung zu begrüßen. Excellenz Baron Czedik nahm die Begrüßung freudig entgegen und wiederholte, wie entzückt er von der Aufnahme in den gastlichen Räumen des Hauses Perlberger war und welch' tiefgehenden Eindruck das ganze Etabliffement auf ihn machte. Bei dem darauffolgenden Besuche in der Ausstellung brachen die Mitglieder des nieder-öfter. Gewerbevereins ans Veranlassung des Präsidenten Czedik vor dem Ausstellungsobjecte des Herrn Perlberger in brausende Hochrufe aus und ließen den Besitzer Herrn I. S. Perlberger in Wieliczka hoch leben. Jedes einzelne Mitglied drückte Herrn Josef Perlberger und seiner anwesenden Gemalin wiederholt vollste Anerkennung ans. Versuche von antisemitischen Besuchern, diese Ovation zu hiutertreiben und durch Pfiffe zu unterbrechen, scheiterten an dem wahr und offen zu Tage tretenden, keine Schranken kennenden Enthusiasmus. Es verdient bemerkt zu werden, daß die Fabrik, sowie sämmtliche Fabrikslocalitäten an Samstagen und Feiertagen außer Betrieb gesetzt werden und daß die Kost, die den Gästen so sehr mundete, aus der eigenen streng rituellen Küche herrührten. Marienbad. Wiener, die daran denken, eine Sommerfrische aufzusuchen, haben sich zumeist die Frage vorzulegen, ob sie da und dort nicht unter der Krankheit unserer Zeit, den antisemitischen Hetzereien, zu leiden haben werden. Gibt es ja ganze Ortschaften an den Abhängen des Wienerwaldes, die durchwegs antisemitisch verseucht sind. In Baden, dem Curort nahe bei Wien, der den Wiener Juden ungezählte Millionen zu danken hat, schlagen antisemitische Wahlen durch und selbst von denen, die sich judensreundlich zeigen, meint man, daß sie verkappte Antisemiten sind und nur ihres Vvrtheils wegen die Maske tragen. Ganz anders ist es in unserem schönen, noch nicht von dem antisemitischen Gedanken angekränkelten Marienbad. Es gibt hier ganze Straßen, die nur von polnischen Juden bewohnt sind. Sie tragen ihre langen Röcke, ihre Peies, ihre Frauen machen sich durch grellen Putz mehr als nöthig auffallend, aber Niemand tvird es einfallen, ihnen auch nur durch einen Blick eine Gehässigkeit an den Tag zu legen. Als ich heute Früh beim Kreuzbrunnen die dort eu niasse aufgestellten bärtigen Männer in ihren langen Kaftans musterte, sah icti einen christlichen Geistlichen gleichfalls in der Wandelreihe Aufstellung nehmen; er trug einen langen, schwarzen Rock, unter dem etwas wie ein weißes Unterkleid hervorsah. „Siehst Du", hörte ich hinter mir einen blonden Norddeutschen zu seiner Frau sagen, „dieser Mann trägt seine Tracht auch aus religiösen Rücksichten, Niemand wird es ihm beanständen, warum wunderst Du Dich, daß man den polnischen Juden ihre Tracht hier nicht beanständet." „Na, ich meene man blos", sagte die Frau im reinsten Berlinerisch, „mir geht's ja im Jrunde nichts an, was die Leute tragen!" Diese Toleranz macht sich überall geltend und berührt, selbst wenn man den Kaftans keine Sympathien entgegenbringt, angenehm. Wer das hiesige Curleben beobachtet, findet, daß auch weiterhin kein confessioneller Unterschied gilt. Man schließt sich leicht an, ohne zu fragen, ob Jud ob Christ, keine Dissonanz stört den harmlosen und überaus angenehmen Verkehr der Curgäste. Oberhalb der Waldquelle, jenem reizenden Idyll, zu dem die Marienbader Mittags hinauswandern, liegt die Waldmühle, oberhalb dieser dicht an Bergeshalde die Löwenthal'sche Restauration. Die Waldmühle gilt als feinstes Restaurant und erfreut sich lebhaften Zuspruchs; indeß ist es ausgemacht, daß man billiger und besser bei Löwenthal speist, Grund genug, daß man hier ebenso viel Christen wie Juden verkehren sieht. Tragen sonst die von Juden geleiteten Restaurants einen specisisch jüdischen Anstrich, so macht hier Alles den Eindruck des Internationalen, Kosmopolitischen. Die Säle und Veranden fassen 800 Curgäste; man hört da alle Sprachen sprechen, sieht Jud, m m