Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 27 (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 524 Vestrrreichifche Wochenschrift Nr. 27 5. Sonst erklären wir den akademischen Senat für aufgelöst und werden ihn durch einen Pairsschub in unserem Sinne verstärken. Der Rector, entzückt von unseren Punctationen, erklärte auf Alles eingehen zu wollen, war mit jedem einzelnen Worte einverstanden und versprach, sein Möglichstes zu thun, um in unserem Sinne zu wirken. Ich klopfte dem guten Manne beim Fortgehen wohlwollend auf die Achsel und sagte ihm: „Brav, brav, alter Herr. Nur so fort, dann wird etwas Tüchtiges aus Ihnen werden." Er sah mich erstaunt an, doch ich empfahl — ihn unserem ferneren Wohlwollen. Auf der Stiege rief ich ihm noch zurück, der akademische Senat möge es ja sich nicht einfallen lassen, turbulente, lärmende Scenen im Universitätsgebäude aufzuführen. Nur unter der Bedingung wird die Sitzung gestattet. Auch dies sagte Rector Tschermak, auf das Stiegengeländer gelehnt,zu und warfuns noch Kußhändchen nach. Wir überbrachten den harrenden Genossen die Ergebnisse der Audienz, worauf die „Wacht am Rhein" angestimmt wurde, die Schläger entblößt — die Häupter unbedeckt — feierlichster Moment meines Lebens! . . Die Judenblätter Huben natürlich am nächsten Tage ein gewaltiges Gezeter an wegen Hochverrath und unpatriotischer Demonstrationen. Das Lied ist aber nur so zu verstehen: Wenn wir antisemitisch-teutsch-nationalallweg-stramm-volkliche Burschenschaft an den Ufern des Rheins die Wache beziehen, dann — und nicht früher — kann das Vaterland Oesterreich ruhig sein. ... Die liebreizende Cassierin des Sitzes, Mila, und sogar der störrische Kellner der Zahl, Johannes, gaben mir vollkommen recht. S i e fand mich geradezu entzückend stramm, wie ich in voller Wichs in den 46. Fiaker stieg. E r aber meinte, noch ein paar Schmisse feblten meiner rein-arischen Visage — dann wäre ich erst ein durchge.hauter Kerl und wüdiger Repräsentant der rein-narischen Studentenschaft. Aber was versteht denn der Esel. Dem Rector Tschermak haben wir imponirt, das ist die Hauptsache, der treffliche Mineraloge war erster Härtegrad, wie er uns erblickte der reine — Talk. .. . Pereat Nothnagel! Hoch Hofrath Bragassy und Rector Tschermak! Hoch—hoch—hoch! Servus Pumpo! Dein Teutobold. Vom Jahrmarkt des Lebens. Das antisemitische Hendel. Das ebenso alberne, als bösartige antisemitische Huhn „Kikeriki" kräht uns in einer seiner letzten Nummern an leitender Stelle höchst frechlich an, weil wir Miene gemacht haben, nicht etwa ihm den Kragen umzudrehen, sondern fein langsam das Futter zu entziehen. Jüdische Abonnements und jüdische Annoncen, von Reif, Rothberger, Ernst u. A. frißt das judenfeindliche Hendel nämlich für sein Leben gern; da gilt mm ölet und non scholet. Da wir uns nun gestattet haben, unsere Glaubensgenossen auf die antisemitische Tendenz ordinärster Observanz dieses dummen Vogels aufmerksam zu machen, darüber schwillt ihm gewaltig der Kamm. Es liegt nun keineswegs in unserer Gewohnheit, mit Geflügel zu polemisiren, wollen aber dennoch dem gefräßigen Thiere Eines sagen: wir werden verhindern, daß die unaufhörlich in niederträchtigster Weise angegriffenen Juden es noch mit ihrem Gelde fett und frech mästen. Darauf kann sich das brave Federvieh recht gründlich verlassen. Es mag von seinem höchsten Antisemistberg auf Wekerle und Nothnagel mit frechem Schnabel weiter loshacken, dafür Vergani, Deckert und Vragassy begeistert anstrudeln. Das nehmen wir seinem schwachen Hühnerhirn gar nicht übel. Wenn es sich jedoch einmal unterfangen sollte, die Abgeordneten Bloch oder Popper zu loben, wird sofort die Ehrenbeleidigungsklage ein gereicht. Dieses traurigste aller Witzblätter, dessen Spalten mit dem läppischesten Quark angefüllt sind, über den sich bittere Thränen der Wehmuth vergießen ließen, bildet sich gar ein, Satyre zu besitzen. Antisemitisches Hendel, zur Satyre gehört vor Allem Geist und Geschmack, wogegen Du bist und bleibst: das Organ für Cretins und solche, die es werden wollen. Adieu für heute, du trauriger, antisemitischer Spaßvogel, nicht einmal gut zur Hühnerbouillon, sondern gänzlich ungenießbar. Eine Drohung. Das „Deutsche Bolksblatt" vom 3. Juli versteigt sich zu folgender Drohung: „Wir können es hier nicht genug betonen, daß, so lange Nothnagel in seinem provocatorischen Auftreten gegen Alles, was an dem jüdischen Treiben Kritik übt, fortsährt, die Universität nicht wenig darunter leiden wird. Ob Nothnagel diese Opfer der Wohlfahrt unserer Universität werth ist, stellen wir der Erkenntniß der Collegen dieses Herrn in der Unterrichtsverwaltung anheim. Es ist unausbleiblich, daß in den Horsälen Alles seinen Widerhall in dieser oder jener Art findet." Die Wacht-am-Rhein-Sänger. Freitag Abends hat es in einem Unterhaltungslocale eine Scene zwischen Studenten gegeben, die großes Aufsehen machte und zur Verhaftung eines in Gesellschaft der Akademiker: weilenden Herrn führte. Die Demonstration aber, welche das behördliche Eingreifen nöthig machte, fällt nicht mehr in die Sphäre der Disciplinarbeurtheilung, sondern wird den Arretirten vor den Staatsanwalt bringen. Am Abende des Peter- und Paultages kam es in einem großen Vergnügungs - Etablissement eines westlichen Bezirkes während des Concertes einer Capelle zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen zwei Gesellschaften von deutschnationalen und fortschrittlich gesinnten Studenten. Die beiden Parteien, zu denen auch andere junge Leute als Studenten gehörten, vergaßen sich in der.Erregung so weit, handgemein zu werden, und die P o li z e i - I nsip e cti o n mußte Frieden stiften. Damit war der Zwist äußerlich beigelegt, aber die zur Ruhe gemahnten Gäste wollten das Demonstriren nicht lassen, knüpften an einzelne Melodien, welche die Capelle spielte, provokante Bemerkungen, und eine Gruppe Deutschnationaler verließ, als die Musik ein patriotisches Lied intonirte, unter deutlichen Zeichen des Mißfallens, ostentativ das Local. Das Zeichen zum Ausbruch gab ein junger Mann, angeblich ein Kunstmaler, der sich auch, wie die Polizeiorgane erfuhren, lauter unehrerbietiger Aeußerungen gegen das Kaiserhaus schuldig gemacht 'hatte. Er wurde verhaftet und wird wegen Verbrechens der Majestätsbeleidigung nach § 63 St.-G. dem Landesgerichte eingeliefert werden. Ein anderer Beweis der bitteren Fehde zwischen den Universitätshörern ist es, daß in diesen Tagen der Demonstrationen einige fortschrittlich gesinnte Studenten Drohbriefe bekommen haben. Die Sittlichkeit der christlich-germanischen Studenten. Auf dem kürzlich in Frankfurt am Main abgehaltenen Congreß der christlichen Studenten sagte der Professor der Theologie Cremer aus Greifswald Folgendes: „Mit der akademischen Freiheit hängen die drei Cardinalfänden der deutschen Studentenschaft, an denen sie und unser ganzes Volk zu Grunde gehen kann, zusammen: Saufen, Raufen, Unkeuschheit! Alle anderen Versuchungen: Faulheit, Schuldenmachen, den Eltern etwas vorlügen, hängen damit zusammen. Gegen diese Sünden mit aller stacht anzukämpfen, das ist Ihre praktische Aufgabe. Gemeinschaft und Arbeit gehören dazu, diese Versuchungen zu überwinden. Es ist eine Bitte an Ihr Erbarmen, es ist eine vitale Forderung für mich, eine Vorbedingung meiner Betheiligung an Ihren Bestrebungen, daß Sie dafür eintreten, daß alle christlichen Studentenverbindungen in ihre Statuten die Forderung der Sittlichkeit aufnehmen. Es muß klar werden in dieser Beziehung. Es muß auf jeder Hochschule bekannt werden, daß ein Stamm von Vereinigungen vorhanden ist, die die Keuschheit von ihren Mitgliedern in jeder Beziehung verlangen. Auf jeder Hochschule kommt es vor, daß zu Anfang des Semesters, oft schon nach wenigen Tagen eine Reihe Füchse auf der syphilitischen Station sind. Diesen Füchsen müssen Sie Schutz gewähren. Sie sind mitschuldig an ihrem Untergange. Die Keuschheit ist die allerelementarste Forderung jeder christlichen Studentenvereinigung. Wer der Forderung nicht genügt, muß ausscheiden. Das Blut nicht blos der verführten Mädchen, sondern auch der verführten Füchse schreit zum Himmel. Schaffen Sie Klarheit! Haben Sie den Muth! Wenn Sie den Muth nicht haben, dann pfeife ich auf den ganzen christlichen Congreß." Die Studentenkreise, in denen die hier geschilderte Sittenverderbtheit herrscht, thun sich bekanntlich auf ihre „Judenrein-