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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-06 · 27 (6.7.1894) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
27 (6.7.1894)
Date
1894-07-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Vestrrreichiptzr Ivochenschrist Nun hätte das Ehepaar Ritter allerdings die Klage gegen den verantwortlichen Redacteur des „Deutschen Volksblatt" erheben können, der eben verantwortlich für Alles ist ... . Wer wird aber einen großen Proceß, der so viel Mühe, Geld, Aufregung und Arbeit kostet, führen, damit ein armer Teufel, der den Strohmann Vergani's abgeben muß, für den Letzteren bestraft werde? Vergani weiß am besten, daß dieser Grund entscheidend war für das Fallenlassen der Klage — aber er verschweigt ihn. Wenn Herr Vergani wirklich Bedauern darüber empfände, nicht im Gerichtssaale für das eintreten zu können, was in seinem Blatte enthalten war, so hätte er sich ja nur als den Mann bekennen müssen, der jene Beschuldigung ausgesprochen, oder wenigstens erklären müssen, er wolle die Verantwortung für den Bericht in seinem Blatte übernehmen. Das that Herr Vergani nicht! Wir wollen aber noch eclntanter beweisen, daß Herr Vergani mit seinem „Bedauern" nur bramarbasirt! Er erklär e h e u t e, d a ß e r g e sp r o ch e n, w e s s e n er beschuldigt wurde — und w i r g a r a n t i r e n ihm, daß er die Freude erleben soll, dafür im Gericht s s a a l e eintreten u können. Wenn er das aber nicht thut — nun so wird er uns das Recht einräumen müssen, daß wir übe» seinen Muth und seine Aufrichtigkeit weiter denken, wie bis heute. alplia. Teukvbvld's wahrheitsgetreue Berichte. Schreibebrief des deutschnatioualeu Studenten. XIX. , Wien, Anfang Juli 16r4. Lieber C u m p a n P u m p o! Jetzt sage noch einer, daß ich nicht in's Colleg gehe. Ich war im Colleg und man hat mich auch dort gesehen. Nicht blos gesehen, sondern auch gehört und das ordentlich. Ich habe dem Rufe der Pflicht Folge geleistet, mich aufgerafft, meine so gemüthliche Stammecke verlassen und bin zu Nothnageln hingegangen, um ihm einmal meine Meinung über seine gemeinniedrige Gesinnung und gänzliche, schmähliche Verjudung gründlich zu — pfeifen. Wie kommt denn ein ordentlicher Professor dazu, ohne uns, die un- und außerordentlichen Studenten, zu befragen, seine von der unserigen aber schon so ganz abweichende politische Meinung zu haben? Wenn ich schon nicht in sein Colleg komme, so weiß er doch ganz gut, in welchem Kaffeehause ich zu treffen bin. Es wäre seine miserable Pflicht und Schuldigkeit gewesen, mich aufzusuchen und in geziemender Form meine Weisungen einzuholen. Wie gesagt, daß ich nicht auf seine Klinik komme, ist eine faule Ausrede. Ich bin den ganzen Tag im Kaffeehause zu sprechen. Und sich so hinter den Patienten zu verschanzen, denselben dem Lärm und Staub der Demonstrationen auszusetzen! Eine Feigheit und Gefühlsrohheit sonder Gleichen. Ist die Klinik für den Patienteu da? He? Oder für Demonstrationen, frage ich?? Ein sauberer Professor, der weder die „Unverschämten deutschen Worte", noch den „Moniteur Vergani" und nicht einmal die „Ostdeutsche Schundschau" je gelesen hat. Dieses ungebildete Subject spielt sich auf den Humanitätsdusler erster Classe heraus und behauptet, die Juden wären auch guasi sozusagen eine gewisse Abart vom Menschen. Unerhörte Frechheit das, die gebührend gezüchtigt werden mußte. Und den armen Vragassy hat er in einem Schriftstück verdammt, daß es schon lange nicht mehr schön war. Diese Erklärung, in Sachen Rettungsgesellschaft war ja so empörend, schroff und beleidigend stylisirt, daß es nach Rache schrie. Nicht rasch genug entgegengetreten? Nicht energisch'genug? Das strotzte nur von dergleichen Jnvectiven. Sogar eine'— Unterströmung hat er ihn geschimpft, wie ich mir habe sagen lassen. Aeußert sich der wahrhaft Gebildete in so roher Weise, frage ich? Es ist schandvoll, Pumpo, wie dieser Nothnagel vorgegangen ist. Und sein Wirken als Feldmarschall der Judenschutztruppe?? All' das zusammen entflammte unsere arischen Herzen zu wilderHassesbrunst, die dann auch ausbrach wie die wabernde Lohe Walküre, Seite 523 UI. Act, letzte Scene, wo alle Leute schon schlafen. Bei Teut, Pumpo, schwöre ich es Dir, es war ein großer Moment, als der Nothstift eintrat und der Dirigent das Zeichen zum Beginn der Symphonie gab. Der Patient wäre dir vor Schrecken beinahe gesund worden. Es ist auch möglich, daß er vor Entzücken über unser teutschmannlich -volkliches Auftreten bereits selig verstorben ist. Doch das ist Nebensache. Solch herrliches, grandioses Spectakel war noch nicht da! Prachtvoll inscenirt. Drei Chöre: einer meckerte „Jüde, Jüde" in den höchsten Discant- und Fistellagen; die Mittelstimme ließ das Wort „Scharfrichter" baritonal und machtvoll in dem sehr akustischen Saale wiederhallen und der Bassisten treffliche Bierkehlen dröhnten „Wucherer, Wucherer" aus dem tiefsten Abgrunde herauf. Dieser poetische Text wurde durch die entsprechende Begleitung zu großartiger Wirkung gesteigert, deun es wurde an oassenden Stellen mit den Füßen gediegen gescharrt, äußerst rhythmisch getrampelt und mit den Stöcken brillant getrommelt. Sehr sinngemäß und zweckentsprechend wurden einige reizende Soli auf Rettungspfeiferln executirt. Die betreffenden Virtuosen waren noch dazu im Besitze unterschiedlicher von Semiten gestifteter Stipendien und dieser Umstand verlieh ihnen erst die rechte Begeisterung. Das scheint auch dem Patienten besonders gefallen zu haben. Alles klappte famos und die Philharmoniker unter Hans Richter hätten das Stück nicht besser ipielen können. Bedenke nur, Pumpo, daß wir in Folge der Kürze der Zeit sehr wenig Proben abhalten konnten und mit Berücksichtigung dieses Umstandes muß selbst jeder „Kadimist" zugeben, daß wir Außerordentliches geleistet haben. Die Aufführung wurde auch glänzend recensirt im „Deutschen Volksblatt" und im „Kikeriki". Die sind auch ganz auf der Seite des Anstandes und der Gerechtigkeit, nämlich auf der unserigen. Ebenso wie Se. Magnificenz, der Herr Rector Tschermak. Das ist Dir ein urgemüthliches, fideles, altes Haus, Pumpo. Mit dem ist es ein wahres Vergnügen zu verkehren. Er ist vollkommen unserer Ansicht und einsichtsvoll genug, zu begreifen, in welch infamer Weise uns der Nothnagel provocirt hat. Mußte nicht dessen noch dazu private politische Ansicht, welche von größter Unreife des Denkens zeigte, seine Urtheilsfähigkeit in bedauerlichstem Lichte erscheinen ließ, mit unseren geläuterten, auf Erfahrungen gestützten Anschauungen, zusammenstoßen? Er soll umsatteln, er soll zum Kreuze kriechen, er soll den Vragassy um Verzeihung bitten, er soll keinen antisemitischen Candidaten mehr schmeißen dürfen, und wenn er noch weniger wüßte, wie ich selber, — dann aber mag er in Frieden ziehen, der Nothnagel. Wir brauchen keine solchen Leute, wie er einer ist. Die passen gar n'cht auf unsere Hochschule. Es ist geradezu ein Scandal, daß solche aufreizende Elemente überhaupt noch an derselben geduldet werden. Der Vragassy muß an seine Stelle kommen, der ist jetzt vacant, und ernennt uns alle zu Demonstratoren. Nothnagel soll seine vierzehn Tage machen und in Jerusalem Internist werden. Der Vragassy ist unser strammer Parteigänger, und die Semiten können doch mit ihm als Professor ganz zufrieden sein. Er hat immer das lebhafteste Interesse für das Judenthum gehabt. ... Er läßt uns gewiß einen neuen vergoldeten Blitzableiter auf das Universitätsgebäude setzen, wie jenen auf der Rettungsgesellschaft, der von seiner Thätigkeit glänzendes Zeugniß ablegt. . . Aber der Herr Rector! Alle Achtung! Das ist ein Mann von Zucker. So liebenswürdig, so entgegenkommend. Er entschuldigte sich in den verbindlichsten Ausdrücken und es war ihm wirklich wegen momentaner Heiserkeit nicht möglich uno er hätte uns zu Liebe, obwohl er sonst für gewöhnlich kein Sänger sei, dennoch die „Wacht am Rhein" mitgesungen, aber heute ginge es wirklich und wahrhaftig nicht. Dabei legte er betheuernd die Hand aufs Herz und machte ein so — gutmüthiges Gesicht dazu, daß wir uns veranlaßt sahen, seiner Versicherung Glauben zu schenken. Er versprach jedoch feierlich, daß es nicht mehr Vorkommen werde. Wir überreichten ihm schließlich ein Promemoria, welches folgende Punkte enthielt: 1. Wir gestatten, daß der akademische Senat sich in dem dazu bestimmten Saale versammle, wenn die Ruhe verbürgt werde. 2. Beschlüsse sind uns vorzulegen. Wir begutachten dieselben und behalten uns vor, sie anzunehmen oder abzuweisen. 3. Hofrath Vragassy an Stelle Nothnagel's. Conditio sine qua non. 4. Sämmtliche Examina abgeschafft. Täglich Bummel in judenreiner Aula.

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