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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-06 · 27 (6.7.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
27 (6.7.1894)
Date
1894-07-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 522 Wrsterrrdtzischr MochrnfchrM Nr. 27 Aussage in Anklagezustand versetzt, die Verhandlung sistirt. Eine kleine Genugthuung, aber doch eine Genugthuung für den bedauernswerthen Pollitzer. Uns aber, deren Beruf es mit sich führt, uns alltäglich mit dem Antisemitismus und seinen Auswüchsen zu befassen, bietet diese Sache durchaus nichts Neues und auch nichts Ueberraschendes. Wir kennen antisemitische Zeugenaussagen zur Genüge und antisemitische Meineide haben längst den Reiz der Neuheit für uns eingebüßt. Wieder einer für die lange Liste. Ein Blatt mehr in's Verbrecheralbum. Der Herr Abgeordnete Kaiser hat nun gesehen, was er für einen sauberen Gewährsmann gehabt hat, wenn er es früher wirklich noch nicht gewußt haben sollte. Ob er es nun wohl bedauert, mit einem Gaider sympathisirt, ihm Vertrauen geschenkt, auf seine Verleumdungen hin eine Anklage aufgebaut zu haben? Wir wünschen es wohl, aber wir erwarten es nicht. Von weiteren antisemitischen „Ehrenmännern" melden die Blätter: Ausschließung eines Antisemiten aus dem Osfieierseorps. Aus Berlin wird berichtet: Der antisemitische Rechtsanwalt Hertwig, der Bertheidiger Ahlwordts, wurde aus seinem Militärverh ältnisse als Reserveofficier entlassen. Der Kaiser bestätigte den kriegsgerichtlichen Beschluß, durch den Hertwig wegen seiner Angriffe auf Officiere im Ahlwardt-Proceffe wegen der Broschüre „Die Judenflinten" aus dem Officiersstande auszuschließen sei. Berlin, 2. Juli. (Verhaftung eines Antisemiten-Führers wegen Wechselfälschung.) In Hamburg wurde der Antisemiten-Häuptling Kaufmann B e h n i s ch, der bis nun die Agitation in Altona leitete, auf Denunciation seines bisherigen Freundes, des antisemitischen Agitators Droguisten Fuhrmann, unter der Beschuldigung wiederholter Wechselfälschungen verhaftet. Ein Schwindler im Priestergewand zu dessen Thätigkeitsfeld auch die deutsche Reichshauptstadt gehört hat, ist in Trier festgenommen worden. Er heißt Nehemias Tischmannundistzu Riliza in Russisch-Polen geboren. In der israelitischen Religion erzogen, wechselte er später seinen Glauben, indem er im Jahre 1887 zum Katholicismus übertrat. Er erschien plötzlich als katholischer Priester auf der Bildfläche und verübte mehrere Schwindeleien. Dieser Fall erinnert an einen ähnlichen, der sich vor Jahren in Berlin ereignete. Ein Schwindler brachte es fertig, in einer hiesigen katholischen Kirche eine stille Messe zu celebriren, wurde aber dabei in Folge mehrerer Formfehler durch einen Geistlichen entlarvt. Herr Zuleger im Sommer. Geehrter Herr Redacteur! Es drängt mich, der ich mich so gar nicht federgewandt fühle, Ihnen dennoch eine Mittheimng zu machen und sie zu bitten, derselben in Ihrem hochgeschätzten Blatte Raum zu gewähren. Wer Herr Franz Zuleger ist, wissen Sie zur Genüge, derselbe, der alljährlich um die Weihnachtszeit herum wüthend gegen die Juden bramarbasirt, sie ausrotten, aushungern und vernichten will. (Siehe Verein „Christliche Familie" und die unter dem langen Protektorate des Fürsten Alois im Rathhause abgehaltenen Versammlungen. „Kauft nur bei Christen" ruft da Niemand lauter, bedrohlicher und haßerfüllter als eben Herr Zuleger.) Jetzt mochte ich Sie fragen, verehrter Herr Redacteur: Wie verträgt sich das mit diesem schönen „Schlagworte", wenn man dann selbst während des Jahres bei jüdiscken Firmen — die noch obendrein Samstag geschlossen halten — sein Töchterchen der Frau Chefin die Hand küssen läßt und sagt: „Ja, solche Juden das ist was anders. Wenn es nur solche Juden gäbe, wäre es schon gut . . . ." Und dies Alles thut er nur, um Gotteswillen seine Maaren anzubringen. Ein jüdischer Geschäftsmann, der aber noch keiner Antisemitin die Hand geküßt hat. Vergani's Muth. Es mag vielleicht über manche Charaktereigenschaft des Herausgebers und Einnehmers des „Deutschen Volksblatt" eine Meinungsverschiedenheit herrschen. Aber darüber glauben wir, sind seine unehrlichsten Freunde und seine ehrlichen Gegner einig, daß Herr Vergani vielleicht in demselben Maße den Gerichtssaal fürchtet, wie er für die Pauschalien und Inserate „jüdischer Banken" schwärmt. Und das will nicht wenig heißen. Man hat es ja aus dem eigenen Munde Vergani's gehört, daß er ohne die letzteren gar nicht leben könnte. .. . Wem will nun Herr Vergani glauben machen, er hege Bedauern nicht darüber, daß das Landesgericht das Strafverfahren in einer Klage gegen das „Deutsche Volksblatt" eingestellt habe? Herr Vergani sollte nach allen seinen bisherigen Erfahrungen den Gerichtssaal nicht fürchten? Wer sich erinnert, wie kleinlaut Vergani die Beschuldigungen und Beschimpfungen eines antisemitischen Redacteurs, der ihn genau kennt, — trotzdem diese Alles über st eigen, was 'jemals an Beschuldigungen und Beschi m pf ungen geleistet wurde — ruhig erträgt, um nur nicht in den Gerichtssaal treten zu müssen, wird das „Bedauern" Vergani's zu würdigen wissen. Nein, Herr Vergani, Sie sollen nicht mit Ihrem Muthe flunkern, Ihre an Falstaff erinnernde „zaubergewaltige Erscheinung" bedarf ja nicht der Gloriole der Tapferkeit — sie „bezaubert" ja, wie Sie selbst es in Ihrem Blatte sich bestätigen lassen, auch ohnehin Alle, die in Ihre gefährliche Nähe kommen. . . . Um was handelt es sich denn eigentlich? Was ist's mit dem Strafverfahren, das gegen das „Deutsche Volksblatt" eingestellt wurde? Im Februar v. I. fand in Favoriten eine Versammlung statt, in der — nach dem Berichte d e s „D e u tschen Volksblatt" — Herr Vergani zur Kennzeichnung der jüdischen Macht daran erinnerte, daß seinerzeit Moses u. G it t e l Ritter, die „überwiesen worden waren", ein christliches Mädchen ermordetzu haben, nachdem drei Schwurgerichtshöfe sie schuldig gesprochen, schließlich vom Obersten Gerichtshof freigesprochen wurden. Das Ehepaar Ritter fühlte sich durch den Vorwurf, bei jenen Processen „des Mordes überwiesen worden zu sein", in seiner Ehre gekränkt und forderten gegen Vergani die Voruntersuchung wegen Ehrenbeleidigung. Bis hieher berichtet das „Deutsche Volksblatt" so ziemlich wahrheitsgetreu über den Gang des gegen Herrn Vergani angestrengten Processes. Umsomehr fälschte es im zweiten Theile seines Berichtes, welcher die Gründe — verschweigt, die zur Unterlassung der beabsichtigten Klage führten. Wir haben keinen Anlaß, diese zu verschweigen und wollen sie so ehrlich mittheilen, als sie Vergani mit gewohnter Unehrlichkeit eseamotirt. Es wird wohl Niemanden, der die Gepflogenheiten des Verganischen Blattes kennt, überraschen, wenn wir vor Allem constatiren, daß es unmöglich war, festzustellen, von wessen Hand das Manuscript kam, in welchem die ehrenrührigen Lügen gegen das Ehepaar Ritter enthalten waren. Man weiß zwar, daß in der Schriftleitung des „D. V." fast Niemand ordentlich deutsch schreiben kann, wenn es sich aber um die Necherchirung eines beanständeten Manuscriptes handelt, dann möchten die Herren Schriftleiter am liebsten es gleich beschwören, daß überhaupt keiner von ihnen schreiben kann. Nun war aber der Bericht im Blatte, und es sollte festgestellt werden, ob Herr Vergani wirklich das gesagt habe, was ihm zum Vorwurfe gemacht wird. Aber der Beweis konnte nicht erbracht werden. Kein Zeuge wollte sich daran erinnern, Vergani selbst leidet, wie man auch aus andern Fällen weiß, mitunter an einer großartigen Gedächtnißschwäche, und so blieb also als Beweismaterial lediglich nur der Bericht des „Deutschen Volksblatt." Diesem aber wurde kein Gewicht, kein Glaube, keine Beweiskraft beigelegt! Man taxirt die Glaubwürdigkeit des „Deutschen Volksblatt" so gering, daß man vor Gericht einem Berichte desselben keine Beweiskraft z ue rkennt! Das war Vergani's Glück! Man glaubt seinem Blatte nicht, auch wenn es die Wahrheit gegen Vergani spricht!

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