Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-29 · 26 (29.6.1894) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021034--03640-3027786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BIS? Bn.'fiL -*■$*/.'** :^E5" Nr. 26 Veflerrrtchische Wochenschrift Seite 517 Es war das erste Mal, daß ihr Eigenwille brach. Sie opferte der Kindesliebe ihre Herzensneigung und entsagte dem Geliebten. Aber der Haß gegen das Judenthum, das sie zu diesem Opfer zwang, blieb zurück und in dem Bilde des Geliebten, das sie in Erinnerung behielt, erschien ihr das ganze Christenthum in einer Gloriole. In verzweifelter Resignation, um ja das Bild des Geliebten niemals durch irgend eine Neigung zu einem Manne verdrängen zu lassen, heiratete sie einen ganz gewöhnlichen Kaufmann, der kein höheres Denken und Fühlen kannte als das Einmaleins und vor dessen Berührung ihr immer schaudern mußte. Nach wenigen Monaten schon fand in der That wieder die Scheidung statt. Sie ahnte nicht, in welchem Zustande sie sich befand. Ein halbes Jahr darauf war sie Mutter. Jetzt hieß es, für sich und ihr Kind sorgen. Ihr Vater konnte ihr nur eine geringe Unterstützung zukommen lassen, denn er war selbst ein armer Mann. Sie wurde Stundenlehrerin. Christliche Häuser nahmen sie als Jüdin nicht. Sie hätte sich aus dem Uebertritte kein Gewissen gemacht, denn sie haßte ja das Judenthum, aber die Liebe zu ihrem Vater hielt sie von diesem Schritte ab. Und selbst als dieser nach einigen Jahren starb, schreckte noch sein Schatten sie davor zurück. Sie war also nur auf jüdische Familien angewiesen. Aber bei all ihren Vorzügen als Lehrerin mußte sie häufig wechseln, denn sie nahm im Unterrichte jede Gelegenheit wahr, um das Judenthum zu schmähen und das Arierthum zu verherrlichen. Sie scheute es sogar nicht vor den Schülerinnen auszusprechen, sie gehe mit dem Gedanken um, Christin zu werden. Viele Familien allerdings halten solche Neligionsunterhaltungen mit Schülern für nichts weiter als Geschmacklosigkeiten, andere jedoch, wie z. B. Sie, meine Verehrteste, nehmen dies tragisch, sehen darin Proselytenmacherei . . . ." „Entschuldigen Sie gütigst, S'e sehen darin wenigstens die Charakterlosigkeit der Lehrerin, denn weß Brot man ißt, deß Lied muß man singen." „Darüber läßt sich streiten. Ich meine, wer dieses Sprichwort erfunden, wollte die Charakterlosigkeit. Doch ich will in meiner Erzählung zu Ende kommen: Das Kind, einen Knaben, ließ, sie taufen, und sie lebte nur noch für dieses Kind. Unglücklich durch die Kindesliebe, unglücklich in der Liebe zu einem Manne, gab jetzt die Mutterliebe ihrem Dasein Ziel und Halt. Der Knabe studirte. Der jüdische Geist verleugnete sich bei ihm nicht. Er erlangte früh die Reife und kam im zartesten Jünglingsalter auf die Universität. Obwohl er nur als Christ galt, hatte er doch durch Vermittelung der Mutter Lectionen in jüdischen Häusern. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, einer antisemitischen Studentenverbindung anzugehören. In dieser Gesellschaft erstarb in ihm jede Spur jüdischen Ur- K sprungs. Er ward ein ganzer d e utsch er Student, dessen ganzes Leben Kneipen und Pauken ausfüllt. Und wie selig fühlte sich die Mutter, wenn der Sohn in den Morgenstunden heimkehrte und auf dem Corridor noch mit seuchtverklärtem Basse ein Commerslied stammelte, als Nachhall eines dröhnenden Bierchors im Wirthshause, oder gar wenn sie ihn mit einem schwarzen Pflaster über der Nase sah. Welche hohe deutsche Kraftäußerung! Doch einmal brachte man ihr diesen geliebten Sohn halb todt nach Hause. Er hatte ein ernstes Rencontre mit einem College» und dieser richtete ihn zu, als wollte er ihn tranchiren. Wochenlang schwebte der Jüngling zwischen Tod und Leben. Tag und Nacht wachte die Mutter an seinem Schmerzenslager. Bald tröstete sie ihn, wenn er stöhnte, mit den Tröstungen seiner Religion, sprach zu ihm in Bildern, wie: „Leidenskelch", „Golgatha", „Gottesreich", bald ries sie in ihrer Verzweiflung den Gott ihrer Väter an und stammelte ein schon halbvergessenes jüdisches Gebet. Und er wieder lachte dabei in seinem Schmerze wild auf, wenn die Mutter in religiösen Phrasen wachte, und stieß Flüche aus gegen den alten und neuen Glauben. „Plappere mir nicht von Gott, nicht von Deinem, nicht von meinem. Es gibt keinen Gott, Märchen, nichts als Märchen, die nur für Denjenigen noch einen Zauber haben, der damit in seiner Kindheit eingelullt wurde, daß er sich dabei auch immer an seine Jugend erinnert. Wer nicht den Gott der Väter hat, hat überhaupt keinen Gott, und ich habe keinen". Unter solchen geistigen Qualen lebte sie Monate lang, dabei rieb sie ihre physischen Kräfte auf und schwanden ihre materiellen Mittel bis ans den letzten Heller, denn sie konnte keine Lectionen geben. Bis er endlich so weit wieder hergestellt war, daß er das Bett verlassen und wenigstens herumzutrippeln vermochte, wenn auch als ewiger Krüppel, so daß sie wieder ihrer Beschäftigung nachgehen konnte. Jetzt mußte sie auch für den Sohn verdienen, und er brauchte viel, denn er begann wieder seine studentischen Gewohnheiten, trotz seines Siechthums. Und wieder fand sie nur in jüdischen Häusern Aufnahme. Da erbarmte man sich der armen, um alle ihre Ideale betrogenen Frau, obwohl sie noch immer für das Arierthum schwärmt. Aber ich glaube, jetzt ist dies nur affectirt, vom Wahne dürste sie schon geheilt sein. Haben Sie, Verehrteste, auch Interesse, sie persönlich kennen zu lernen? Sie muß jetzt bald kommen, denn es ist ihre Stunde." Die Dame wartete lange, aber die Lehrerin kam heute nicht. Sie hat heute einen Ekel, Menschen anzusehen. An die Kindesliebe ihres Sohnes glaubte sie bis jetzt noch. Vor einer Stunde riß er halbtrunken die Thür ihres Zimmers auf: „Mama, ich brauch' Geld!" „Ich Hab' keines!" „Hol' Dich der Teufel! Wozu Hab' ich Dich?" „Kind, versündige Dich nicht gegen das fünfte Gebot!" „Die zehn Gebote sind jüdisch", lachte er wild aus. „Wer ist meine Mutter? sagt selbst die höchste Person in meinem Evangelium. Was gehst Du mich an; Du bist Jüdin, ich bin Christ". Und er hinkte unter heiserem Gelächter aus sie zu, als wollte er sie umarmen, und gurgelte: „Laß Dich taufen, Mamachen, daß ich wenigstens Deinem Leichenzuge beiwohnen kann." Die Unglückliche lief, die Haare sich ausraufend, in ein anderes Zimmer und sank dort ohnmächtig zusammen. Diese Täuschung in der Liebe ihres Kindes war der letzte Schlag ihres Lebens. Sie gibt noch immer ihre Lectionen in jüdischen Häusern und spricht noch fort von ihrem Wunsche, Christin zu werden. Vielleicht findet die Unglückliche noch einigen Trost in dem Gedanken, daß dieser Sohn hinter ihrer Leiche hinken werde. Briefkasten. H. K.: Ein jüdisches Mädchenpensionat mit eventuell unentgeltlicher Aufnahme von Zöglingen existirt in Wien nicht. Ein Abonnent, Gmunden: Wir konnten es nicht eruiren. D. F. Wien: Gegen einen consiscirten Artikel ist eine Polemik preßgesetzlich unstatthaft. Treuer Abonnent: Ungarische Staatsangehörige können in Oesterreich blos mit ausdrücklicher Bewilligung des ungarischen Ministeriums eine Ehe schließen. Ist eine solche ministerielle Ehebewilligung nicht da, so muß das Paar nach irgend einer Stadt in Ungarn reisen und dort die Trauung vollziehen lassen. Im Aufenthaltsorte der Brautleute findet das Aufgebot statt. Perl, Lemberg: Für die „Oesterr. Wochenschrift" ungeeignet. Herrn A. v. F. in Veszprim. Es gibt eine indische, eine chinesische, ja sogar auch eine Vergani-Moral, aber es gibt nur eine einzige, eine menschliche Sittlichkeit. K. K. Sambor. Die Stelle Succa 5b war dem Verfasser des Artikels nicht unbekannt. S. F in Z. Dr. Bloch ist auf Beschluß seiner Wähler Mitglied des Polenclubs und darf ohne Gestattung der Parteigenossen nicht das Wort ergreifen. Das erklärt Ihnen Alles. "renBsmscdffi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.