Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021034--03639-3027785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 516 E. Sachs; Cassier: llur. G. Klein; Bibliothekar: M. U. C. Gottfried Polesie; Oekonom: liiert. H. Beckmann. Csakaturn, im Juni 1894. Die hiesige Cultusgemeinde het einen großen Verlust erlitten. Herr Josef Reumann verschied nach kurzem Leiden am 23. d. M. im 71. Lebensjahre. Der Verblichene war mehrere Jahre Gemeindepräses und bis an sein Lebensende Stadtrath und Sparcassedirector und kam stets seinen Obliegenheiten pünktlich und gewissenhaft nach. Wegen seines ruhigen, freundlichen Entgegenkommens, seiner Herzensgute und Gefälligkeit wurde er von Jedermann hochverehrt und geachtet. Das bewies auch die außerordentliche Betheiligung an seinem Leichenbegängnisse. Die ganze Bevölkerung des Ortes und der Umgebung ohne Unterschied der Confession, die Herren k. Gerichtsbeamten, Lehrer, Professoren und Directoren der hiesigen Lehranstalten, die Freiwillige Feuerwehr und sämmtliche Vereine folgten seinem Sarge. Am Stadthause und Sparcassegebäude waren Trauerfahnen ausgesteckt und die Lampen der elektrischen Beleuchtung schwarz umflort. Der Verewigte hinterließ eine Witwe, mit der er 40 Jahre in friedlicher, musterhafter Ehe gelebt und 9 Kinder, die den Unvergeßlichen tief betrauern. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner I. Schwarz hielt eine ergreifende Trauerrede, der Schwager des Verstorbenen, Herr Jacob Charmatz aus Wien, und Sparkasse-Buchhalter Herr Max Weiß widmeten ihm am Grabe warme Nachrufe. Mainz, 20. Juni. Bon den österreichischen Schützen gewann auf der Standfeldscheibe „Leipzig" unser Glaubensgenosse Herr Albert Mandelbaum (Wien) 1090. Ulm. Der wegen des Verdachts der Ermordung des Friseurlehrlings Müller wochenlang in Untersuchungshaft gehaltene Schächter Bernheim wurde gestern Abends in Freiheit gesetzt, nachdem die naturwissenschaftliche Facultät Tübingen ein Gutachten abgegeben hat, daß die für Menschenblut gehaltenen Flecke am Messer, an der Packnadel und an den Kleidern theils Rostflecke, theils Thierblutflecke sein können. Petersburg, 26. Juni. Jenen Israeliten, welche widergesetzlich im Innern der Gouvernements leben, wird gestattet, Handelspatente bis zu den vom Minister des Innern für die Uebersiedlung nach dem Ansiedlungsrayon bestimmten Fristen zu lösen. Paris. Die „^oaäsmie äes Inseriptioim et Lelles U6ttres„ hat den Sainton-Preis von 2000 Frcs. dem Professor Hartwig Derenbourg für seine Biographie von Osama zuerkannt. — M. Alb in 55tb.il, vormals Direcwr der Schiffswerften im Marine- Ministerium, ist gestorben. Smyrna. Der General-Gouverneur von Smyrna inspicirte die jüdischen Schulen und prüfte in allen Classen, speciell in der türkischen Sprache. Derselbe drückte seine Zufriedenheit mit dem Ergebnisse der Visitation aus. Die Schulen werden von derAllianz Jfraelite und der Engl.-Jüd.-Gesellschaft(Anglo-Jewish- Association) erhalten. Feuilleton. Die jüdische antisemitische Lehrerin. Eine Berliner Skizze. In dem von Reichthum und Geschmack zeigenden Salon eines Hauses in einer der vornehmsten Straßen Berlins sitzen zwei Damen im Gespräch vertieft. An den Toiletten erkennt man die eine als die Hausfrau und die andere als Besucherin. Das Thema ihres Gespräches ist ein Gegenstand, wovon jüdische Frauen eben immer sprechen — die Kindererziehuno, wenn dabei mitunter auch viel Talmi für echte Erziehung gehalten wird. „Ich kann sie Ihnen bestens empfehlen," sagte die Dame des Hauses zu ihrem Gaste, „sie ist eine ausgezeichnete Lehrerin." „Es ist wahr, ich habe sie schon von mehreren Seiten dafür loben gehört, aber, aber-" „Sie meinen ihren Judenhaß", lächelte die Hausfrau. „Ich muß gestehen, daß ich mich über diesen Umstand nicht mit einem Lächeln hinwegsetzen könnte. Wir sind zwar keine Orthodoren, allein doch auch nicht so indifferent, zuzulassen, daß unsere Kinder zu Verächtern der Religion ihrer Väter erzogen werden, und ich glaube sogar, daß selbst eine christliche, ausgesprochen antisemitische Lehrperson in diesem Punkte weniger gefährlich sei, als eine jüdische, die ihre Religion haßt, wie diese Lehrerin, weil die Kinder bei dieser voraussetzen, sie spreche und lehre so in gutem Glauben." Nr. 26 „Mir ist wieder eine dem Judenthume noch so sehr entfremdete und selbst feindselig gewordene Jüdin als Erzieherin lieber, als eine Christin, selbst wenn sie Judenfreundlichkeit heuchelt. Mir kommt es hauptsächlich darauf an, die Mädchen zu weiblichen Tugenden zu erziehen. Keuschheit ist die Religion der Jüdin, und um zur Keuschheit zu erziehen, muß man in der Atmosphäre des Judenthums geboren sein, die eine unbesiegbare Macht über die Person erhält, möge sie später auch das Judenthum verleugnen. Ich denke immer an Henriette Mendelssohn, die ja bekanntlich Christin geworden war, aber doch die Tochter des Generals Sebastiani, deren Erzieherin sie war, zu jüdischer Keuschheit erzog. Unter der Hand einer anderen Erzieherin wäre sie eine Pariser Dame geworden, und würde als Herzogin von Praslin tolerant gegen ihren Mann gewesen sein, weil sie auch auf seine Toleranz gegen sie hätte rechnen müssen. Das Interesse, das die Welt an der Geschichte dieser so unglücklichen Frau nimmt, quillt aus der Bewunderung ihrer edlen Weiblichkeit inmitten des frivolen Lebens der anderen Französinnen, und diese Tugend verdankte sie der jüdischen Erzieherin." „Ja, wenn aber in der jüdischen Atmosphäre diese Wunderkraft liegt, so muß das Judenthum selbst erhalten werden, und kann es dies, wenn zu den jüdischen Kindern von dem Judenthume nur mit Haß und Verachtung gesprochen wird, zumal von der jüdischen Lehrerin? Doch lassen wir diesen Disput, der eher für Männer paßt. Mich interessirt Ihre Empfohlene weniger als Lehrerin, denn als jüdische Antisemitin. Fürwahr eine merkwürdige Erscheinung!" „Das nimmt Sie so Wunder, meine Verehrteste? Die Berliner Jüdinnen haben es schon vor hundert Jahren in Abneigung gegen das Judenthum und in der Deutschthümelei den Männern vorgethan." „Ja, damals war es eher begreiflich, die „romantische Schule" hatte es ihnen angethan, und für einen Goethe, Klopstock oder Lessing zu schwärmen, ist verzeihlich; aber heute vertritt das Deutschthum die Studentenschaft, deren Ideale das Kneipen und Paucken allein umfaßt. Muß nicht die sensibel und feinfühlige Frauennatur diese Flegelhaftigkeit und Grausamkeit anwidern? Wie können nur die aus den Wirthshäusern in die Boudoirs herübertönenden Sauflieder und die bis zum Ekel abgeleierte Hymne an den „Gott, der das Eisen wachsen läßt" ein weibliches Herz bestricken?" „Diese Deutschthümelei der heutigen Berliner Jüdinnen gehört eben zu den anderen Verirrungen und Unerklärlichkeiten unserer Zeit, auch so ein „fm de siede", lachte die Hausfrau; „übrigens glaube ich, daß die Liebe immer die erste Ursache einer solchen Verirrung ist. Sie war es auch bei dieser Lehrerin." „Sie kennen ihre Geschichte?" „Von allem Anfänge an." „Bitte, erzählen Sie sie mir, die Person interessirt mich." „Sie ist die Tochter, das einzige Kind, eines hochgebildeten Geschäftsmannes, der aber doch kein eigentliches Vermögen besaß. Die Frau, jung, schön und genußsüchtig, ging ihm auf dem Weg durch die Kirche durch und überließ ihm das Kind. Er coneentrirte nun alle seine Liebe auf dieses, brachte die möglichsten Opfer für ihre Ausbildung und ließ ihr immer ihren Willen, um sie, wie er meinte, zur Selbstständigkeit zu erziehen. Mit der Bildung ist es ihm geglückt. Sie war mit vollendetem zwanzigsten Jahre eine „Gelehrte". Als solche machte sie die Bekanntschaft eines jungen Professors. Das Paar fand Wohlgefallen an einander und sie hätten auch vortrefflich zu einander gepaßt, bis auf den Religionsunterschied. Er war Christ und der Vater wollte sie um keinen Preis eine Verbindung mit einem Christen eingehen lassen. Längere Zeit setzte sie, in der Meinung, dcn Vater doch dafür stimmen zu können, das Verhältniß mit dem jungen Manne fort, die Liebe wuchs, aber der Vater blieb in der Verweigerung seiner Einwilligung unerbittlich. Hrsterrrichilchr Wochenschrift