Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 512 VrftenrirtziPhr Wochenschrift Nr. 26 Abwehrvereine. Die Frage, die uns heute hier beschäftigen soll, ist den Lesern dieser Blätter nicht neu. Schon in Nr. 10 hat Herr Professor Hammerschlag dieselbe eingehend besprochen, und in Nr. 24 hat Herr Dr. Feuchtwang den Antrag gestellt, daß die „Oesterr.-Jsraelitische Union"' ihren Wirkungskreis erweitern und sich nach deutschem Muster als ein Verein österreichischer Staatsbürger jüdischer Confession constituiren soll. In beiden Fällen hat der Vortrag, den Herr Dr. M. Mendelsohn in Berlin über diese Frage gehalten hat, die Anregung zu den erwähnten Aufsätzen gegeben. Aus einem anderen Ausgangspunkte dürften wir auch zu einem anderen Resultate gelangen. Daß die Seuche des Antisemitismus von jedem normal denkenden Menschen nicht anders als eben eine Seuche unserer Zeit aufgefaßt und beurtheilt wird, steht fest. Die größten Leuchten nicht nur unserer sondern aller Zeiten, Denker, Gelehrte, Staatsmänner, Päpste und Kaiser haben den Judenhaß oft genug verdammt. Allein, weder die Bullen, die vom päpstlichen Stuhle erlassen wurden, noch die Sprüche, die auf den Lippen gekrönter Häupter erklungen, waren im Stande, der Verbreitung der Krankheit Einhalt zu gebieten. Den judenfreundlichen Bullen der Kirchenfürsten wurden von der gegnerischen Seite andere, gleichfalls päpstliche Bullen gegenübergestellt, der Autorität des einen Kaisers setzte man die eines anderen entgegen, und so berief man sich immer von der besser informirten Autorität auf die schlechter informirte. Und nun gar der moderne Antisemitismus! Ein jeder, mit der Geschichte unseres Volkes nur halbwegs Vertraute muß es gestehen, daß dieser mit dem Judenhasse vergangener Jahrhunderte nichts mehr gemein hat, als eben den Haß. Seine Quellen und Ursachen liegen ganz anderswo, und wenn man die Quellen des Hasses nach ihrer Reinheit ordnen kann, so ist der Quell des alten Judenhasses im Vergleiche mit unserem (?) Antisemitismus ein reiner, der nur durch Aufwühlung seine Reinheit verloren hat. Der moderne Antisemitismus hingegen ist eine Pfütze oder Cloake, aus der giftige, für alle Organismen schädliche Miasmen entströmen. Allein eine jede Pfütze kann und muß trocken gelegt werden, sobald man nur den guten Willen dazu hat. Ein jeder Sumpf muß aber von Staatswegen ausgetrocknet werden, sobald er durch seine für die Gesundheit schädlichen Ausdünstungen für die Bewohner der Umgebung eine Gefahr bedeutet. Wollten wir aber so lange warten, bis unser Staat diese Aufgabe lösen wird, so könnten wir es leicht erleben, daß ganz Oesterreich ein Sumpf des Antisemitismus, ein Morast des giftigsten Judenhasses wird, und dann wäre schon eine jede Rettungsaktion^ verspätet. Hoffentlich wird es so weit nicht kommen, wir dürfen es nicht so weit kommen lassen. Nachdem nun die Besten unserer Zeit zu der Ueberzeugung gelangt sind, daß von unserem Staate und von unseren coalirten oder uncoalirten Regierungen auf diesem Gebiete nichts zu erwarten und Alles zu befürchten ist, haben sie sich auf gesellschaftlichem Gebiete zu Abwehr vereinigt. Und dieser von den edelsten Intentionen geleitete Verein, und seine vom reinsten Humanismus beseelten Mitglieder werden von der wüthenden Schaar toller Zuchthäusler, die sich Antisemiten nennen, als Söldlinge und Judenknechte begeifert und verleumdet. So lohnt eine jede Elaste mit der Münze, die ihr zur Verfügung steht, und so wurden die besten der Menschheit in ihren edelsten Absichten von dem rohesten Neide stets verdächtigt. Was haben aber, diese Frage müssen wir uns endlich stellen, was haben aber bis heute Diejenigen unternommen, die zur Abwehr in erster Reihe berufen sind, was haben wir selbst, die wir uns unserer Haut wehren müssen, gethan? Mit einer stoischen Ruhe haben wir die Schläge gezählt, die uns ertheilt wurden, und bei jeder noch so groben Beleidigung, die uns zugefügt wurde, tapfer geschrieen. Und die das gethan haben, waren noch die Besseren unter uns. Ein großer Theil unserer Glaubensgenossen hat sich auf eine schlaue Weise aus dem Staube gemacht, indem er sich mit dem Judenthume nicht identificirte oder aber demselben den Rücken gekehrt hat. Doch weder das Eine noch das Andere soll sie schützen, denn der Schlag, der heute gegen die Gesammtheit des Judeuthumes geführt wurde, sauste morgen auf das Haupt dieser Einzelnen nieder, und daß die Taufe keinen Schutz gegen die Angriffe der Judenfeinde bietet, davon können uns die Marranen Spaniens ein schauerliches Lied singen. Selbst diejenigen unter den Täuflingen des fanatischen Jberiens, die gegen ihre einstigen Glaubensgenossen am heftigsten gewüthet, sollten es an ihren Nachkommen schmerzlich empfinden, daß das semitische Blut durch den Empfang des Weihwassers noch kein arisches wird. Francesco de Santa-Fe, Beisitzer des Gouverneurs von Arragonien, der Sohn jenes Josua Lorgui, der als Geronim de Santa-F6 ein erbitterter Gegner seiner einstigen Glaubensbrüder wurde, und sie mit der binden Wuth eines Apostaten verfolgte, wurde von der spanischen Inquisition, der er noch im Jahre 1485 als Mitglied angehört, im Jahre 1487 wegen „Judaisirens" zum Scheiterhaufen verurtheilt, entleibte sich aber im Kerker. So zeigt uns die Gegenwart und Vergangenheit, daß weder ein schlaues Entschlüpfen noch die Taufe die richtigen Mittel zur Abwehr sind. Daß man aber die Aufgabe der Abwehr den jüdischen Zeit- und Streitschriften allein überlassen will, ist eines der ungeschicktesten Mittel, die man überhaupt anwenden kann. Haben vielleicht die Streitschriften eines Nachmani, eines Chajim, Jbu-Musva, eines Salomo Duran die Verbreitung des Judenhasses gehemmt? Und welchen Nutzen hatte das Judenthum von den vielfachen Religionsdisputen, aus welchen es trotz der Ränke seiner Gegner, den vielfachen Rücksichten, die es sich auflegen mußte, zum Trotze, so oft siegreich hervorgegangen ist? Und sollte endlich die dritte Art, die häufig vorgeschlagen wird, sollte der Anschluß des Judenthums an die Socialdemokratie dt-r Verbreitung des Antisemitismus Einhalt thun können? Dies wäre vielleicht möglich. Allein das Judenthum als solches kann und darf mit der Socialdemokratie nicht pactiren. da sie doch die Religion als Privatsache des einzelnen Menschen betrachtet. Die Socialdemokratie kennt nur einen Feind, das Capital, ansonsten ist es ihr, wie Lassale sagt, ganz gleichgiltig, ob es ein beschnittenes oder unbeschnittenes Capital ist, ganz so wie es den Antisemiten ganz gleichgiltig ist, ob sie es mit einem getauften oder ungetauften Juden zu thun haben. Die jüdische Religion darf daher von der Socialdemokratie, die von der Religion nichts wissen will, die Besserung seiner Lage nicht erwarten. Unter solchen Umständen bleibt uns nur eine Form der Abwehr übrig, und zwar die Abwehrvereine des Judenthums. Die Organisation derselben ist aber die wichtigste Frage, die da in Betracht kommen soll. Ein Centralverein, der in der Hauptstadt begründet wird und nur dort besteht, kann den Anforderungen der ländlichen Bevölkerung nicht entsprechen. Andere Lebeusverhältnisse verlangen auch eine andere Behandlung. Darum kann auch meines Erachtens die von Doctor Feuchtwang vorgeschlagene Form die Frage nickt gut lösen. Da nun die localen Erscheinungen des Antisemitismus, trotz ihrer großen Gleichheit, von einander doch verschieden sind, so folgt daraus, daß die Abwehr neben dem allgemeinen stets einen localen Charakter tragen muß. Die einzelnen Cultusgemeinden müssen daher die Frage der Abwehr in die Hand nehmen und müßten sich unter Anleitung einer Centralstelle vorläufig nur stillschweigend und nur dort, wo es nöthig ist, zu Abwehrvereinen organisiren. Darin liegt eben die große geschichtliche Bedeutung der jüdischen Gemeinden, daß sie nicht nur für die cultuellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder, sondern auch für ihre socialen, politischen und öffentlichen Angelegenheiten gesorgt haben. Wie oft haben die jüdischen Gemeinden, einen gegen das Judenthum geführten Anschlag vereitelt, wie oft haben sie eine feindliche Verordnung noch vor ihrem Erscheinen rückgängig gemacht, wie oft haben sie das Judenthum gerettet? Die großen und durchgreifenden Organisationen der sogenannten classenbewußten Arbeiter könnten wir uns da zum Muster nehmen. Durch ihre musterhafte, auf jede kleine Arbeitercolonie sich erstreckende Organisation bilden sie eine Macht, die den großen und schweren Kampf gegen das Capital führt, Lohnkämpfe organisirt, Boycotts ausführt und die halsstörrigen Capitalisten sich auf diese Weise gefügig macht. Und wir besitzen eine solche Organisation in unseren Cultusgemeinden, die nur diese Arbeit in ihr Programm aufzunehmen haben und dadurch nicht nur ihren Mitgliedern, sondern der Gesammtjudenheit einen großen Dienst erweisen könnten. Dann wäre auch die Arbeit jener Blätter, die mit kühnem Muthe, mit Aufopferung und Hingebung dem Judenthume dienen, keine so furchtbar schwere, und im eigenen Kreise könnte dann eine jede Gemeinde das Eis der Gleichgiltigkeit, in welchem viele unserer Brüder stecken geblieben sind, lösen.