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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-29 · 26 (29.6.1894) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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^jBsr Nr. 26 auf die Frage richten: Gibt es unter den dortigen Juden einen derartigen Aberglauben oder gibt es sogar für alle Juden eine derartige — man denke — „religiöse" Vorschrift? Und gerade dieser wichtigste Punkt wird bei Seite geschoben, wie gleichfalls die Erwägung bei Seite geschoben wird: Ist die dortige Bevölkerung etwa durch grundlose antisemitische Ausstreuungen prädisponirt, solche Behauptungen zu glauben oder etwa auch unwahrerweise aufzustellen, wie die Fälle in Anrath und Krefeld beweisen? Und jetzt überblicke man die ganze Situation. Die Bonns waren thatsächlich und erklärlicherweise schon vor ihrem Proceß durch die Verdächtigungen in jener Gegend erheblich in ihrem Geschäft geschädigt. Und diese geängstigten, geschädigten Juden üben bei ihrer scheußlichen Handlung, die entdeckt ihr Ruin sein muß, nicht die geringste Vorsicht; und die beiden Zeugen, die in einem Orte leben, wo man dergleichen den Juden nachsagt, springen nicht auf jene los und sagen sofort: So haben wir Euch endlich, Ihr Schufte! Nein, sie gehen ruhig und unbemerkt nach Hause und sprechen erst hierauf von ihrem Erlebpiß. In „Deutsch" heißt es: „Staatsanwalt: Scheines Ihnen nicht gewagt, Winterscheidt, daß die beiden Angeklagten die Schweinerei begingen, während sie doch wissen mußten, daß Sie mit Ihrem Kollegen nebenan beschäftigt waren? Wäre es nicht besser gewesen, wenn die Angeklagten gewartet hätten, bis Sie beide weg waren? Vertheidiger: Die Angeklagten wußten genau, daß Winterscheidt und sein Genosse in der anstoßenden Scheune arbeiteten, die Thüre war ja sogar, wie wir gehört haben, halb offen. Da werden doch die Angeklaaten nicht so dumm sein, etwas Strafbares zu begehen. Wie denken Sie sich das, Winterscheidt? Winterscheidt: Das kann ich ja nicht wissen, wie die Angeklagten dazu kamen. . . Staatsanwalt: Sagen Sie mal, Winterscheidt, lag es denn nun nicht nahe, als Sie die Schweinerei sahen, daß Sie auf die Beiden losgegangen wären, sie an der Gurgel gepackt hätten und nun sagten: Was macht Ihr Schweinehunde denn da eigentlich? . . . Worauf der Präsident: Sie haben wohl in diesem Augenblick überhaupt nichts gedacht? Winterscheidt: Nein.,, So handelt in diesem Proceß jeder Einzelne gegen die menschliche Natur; gegen jene Voraussetzungen, die psychologisch allein die zu begreifenden Triebfedern hätten sein können. Und die Bonns die bei schlechtem Gewissen so leicht hätten sagen können: Ja beweist uns doch, daß wir gerade jenes Fleisch überhaupt verkauft haben, sie sagen nach „Deutsch". „Präsident: Haben Sie das Fleisch, von dem die Anklage behauptet, daß es besudelt war. an Christen oder an ihre Glaubensgenossen verkauft? Isaak Bonn: Nein, nur an Christen. Präsident: Also ausschließlich an Christen? Isaak Bonn: Ja es haben nur Christen erhalten." Dieser Geschäftsmann, der eine reine Vergangenheit hat und der Jahrzehnte lang seine Kunden zufrieden stellte, ist meiner festen Ueberzeugung nach unschuldig, und er konnte erklärlicher Weise bei der Verhandlung sagen: „Herr Präsident, die ganze Geschichte ist erlogen und erfunden. Denken Sie sich einmal einen Geschäftsmann, der seine fünf Sinne hat, wird der denn so dumm sein, in Gegenwart von fremden Leuten so etwas zu thun? Wird denn der seine eigene Waare in dieser Weise besudeln." Aber jene zwei Zeugen! Das Erkenntniß bringt lange Ausführungen darüber, daß an der Zurechnungsfähigkeit der beiden Zeugen doch nicht zu zweifeln sei; daß ne augenscheinlich geistig gesund seien und nicht an Wahnvorstellungen litten. Aber was haben geistig gesunde Zeugen schon Alles beschworen, und zwar nicht allein solche, die bewußt einen falschen Eid abgelegt haben. In Tausenden von Hexenprocessen haben geistig gesunde, ehrliche Leute Dinge beschworen, von denen wir heute wissen, daß sie sich niemals ereignet haben können. Hat sich erst der Glaube an gewisse spukhafte geheimnißvolle Vorgänge in den Köpfen festgesetzt, wie in der Sette 511 Gegend von Burgwaldniel, dann ist ein Zustand erschreckend schnell da, wo das Gehörte und Geglaubte durch ein paar psychologische Jrrgänge zum Erlebten und Erschauten wird. Dafür gibt es ungezählte Erfahrungen in alter und neuer Zeit. . Durch diesen Proceß wird der eine Bonn in Kurze vier Monate ins Gefängniß wandern, wenn die Revision mißglückt, die ja nur die formale Rechtsfrage zu prüfen hat. Daß beide Bonns durch diesen Proceß in ihrem Geschäft ruinirt sind, ist auch nur eine Wirkung, die ein paar Familien trifft. Aber die Wirkung geht natürlich weiter. ' Am Niederrhein ernähren sich sehr zahlreiche Juden als Metzger. Hatten diesen die Ausstreuungen in Anrarh und Krefeld schon geschadet, so werden auch sie nach diesem Proceß natürlich mehr oder minder in die Katastrophe mit hineingezogen; der Concurrenzneid und der Antisemitismus wird wohl hierzu das Seinige thun; und ein jüdischer Metzger in Dülken hat sich daher schon gezwungen gesehen, 1000 Mark Belohnung Demjenigen auszusetzen, der nachweist, daß der Talmud den Inden eine Beschmutzung des an Christen verkauften Fleisches vorschreibt. Aber die Grenze ist auch noch nicht gezogen, wenn man nur das jüdische Metzgergewerbe in jener Gegend in Betracht zieht. Ein einzelner Christ kann jede That begehen, ohne daß dies schädigend auf seine Glaubensgenossen zurückwirkt. Die That oder die vorausgesetzte That eines Juden hat durch die verdienstvollen Anstrengungen des Antisemitismus dagegen die Wirkung, daß ganze Gruppen von völlig unbetheiligten Existenzen mit in den Strudel hineingerissen werden. Und am Niederrhein geschieht das jetzt; dort leben heute die Juden unter dem Verdacht, als befehlen ihnen ihre religiösen Satzungen, das für Christen bestimmte Fleisch zu beschmutzen. Gegen diese Behauptung, die irgend ein Antisemitenhetzer, der kein Wort hebräisch kann, dorthin getragen hat, müssen diese Leute jetzt kämpfen. Dies Culturbild vom deutschen Niederrhein gibt unserer Zeit wohl eine deutliche Vorstellung von den Freuden des Mittelalters. So unerfreulich der Stoff ist, er mußte doch ausführlich behandelt werden, um wieder einmal an einem concreten Beispiel zu zeigen, welche Wirkung der Antisemitismus für die Sicherheit des Einzelnen und für die ganzen Gegenden hat; wie solche antisemitischen, aus der Luft gegriffenen Ausstreuungen die Rechtssicherheit untergraben und das bürgerliche Fortkommen und die sociale Stellung ungezählter völlig Unbetheiligter in höherem oder geringerem Grade ruiniren. Schaaren antisemitischer Agitatoren streuen aber solche Saat beständig aus — von den Früchten hört man erklärlicherweise nur in Fällen, die durch irgend einen Umstand besonders in die Augen stechen. Von empörtem Gerechtigkeitsgefühl zu sprechen, ist in unser:r realistischen Zeit unmodern. Aber denkt man sich, daß durch irgend ein unglückliches Verhängniß die staatliche Autorität in Deutschland vorübergehend erschüttert wäre, so ist es klar, daß jene Mächte der Tiefe, an deren Kräftigung jetzt seit anderthalb Jahrzehnten gearbeitet wird, zunächst über die Juden herfallen würden. Die Scheidung würde freilich schwerlich lange in ihrer Reinheit aufrecht erhalten werden. Herr Ahlwardt ist nicht der einzige, aber er zeigt am klarsten, daß man mit den Juden sick nicht begnügt; Herr Miguel hat es erfahren, Herr von Schelling weiß es, die Kriegsverwaltung weiß es, die Junker wissen es. Dieser Strom kann ein recht hübsches Chaos schaffen. Und Bestrebungen, die solche Möglichkeiten für Thei'le der Bevölkerung und für den Staat bieten, direct zu fördern oder zu ignoriren oder nur lau abzuwehren, halten zahlreiche verantwortliche Beamte in hohen und in niederen Stellungen immer noch für politische Weisheit. Ihre Humanität ist ebenso groß, wie ihr politischer Scharfblick. P. Nathan. Vesterreirtzifitzr Worhensttzrifl '3£SE2B5£ätH 2

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