Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-29 · 26 (29.6.1894) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021034--03632-3027778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 26 VestrrrrkWchr WochrnsrtzrM Sette 509 bestätigten. Vermag man diese Vorgänge in ihrer inneren Nothwendigkeit auch nicht zu erfassen, so können sie doch freilich ersch euren, wie die etwas dunkle Einleitung zu irgend einer Spitzbüberei. Eine Phantasie, die nicht aus der Tiefe einer folgerichtigen Motivirung herausarbeitet, könnte mit diesen unvollkommenen Mitteln aber recht wohl den Eindruck erzeugen wollen, hier spinnt sich etwas Besonderes an. Bis zu einem gewissen Grade feierlich möchte der Hauptact erscheinen, denn „Isaak Bonn hatte dabei Worte einer der Zeugen fremden Sprache ausgesprochen". Noch deutlicher tritt bei den Zeugenvernehmungen dieser Zug hervor. In „Deutsch" heißt es: „Bertheidiger: Sie wollen nun gehört haben, daß die Angeklagten bei Vornahme ihrer Handlungsweise in einer fremden Sprache Ihnen unverständige Worte murmelten? Winterscheidt: Jawohl. Bertheidiger: Sie meinten, es sei hebräisch gewesen." Sie „murmelten Worte" in einer fremden Sprache; .Isaak Bonn hätte Worte in einer den Zeugen fremden Sprache „ausgesprochen"; — ganz klar ergibt sich hieraus, die beiden Leute sprachen nicht mit einander; es handelt sich auch nicht um einen plötzlich über die Lippen kommenden rohen Ausruf, wie er in solcher Situation wohl denkbar wäre. Zn der Wendung „murmeln", „Worte aussprechen" liegt etwas, was an eine Beschwörung erinnert. Es ist jene Stimmung, als handle es sich darum, eine gewichtige Handlung mit geheimnißvollen Worten zu begleiten. Der Phantasie des Volkes Pud solche Scenen halb voll Grausen, halb voll Beschwörung nicht fremd. Daß endlich der Vorgang nicht ein plötzlich eingetretenes Zwischenspiel ist, zeigt sich gleichfalls völlig klar. Der eine Angeklagte sagt nicht entrüstet und bestürzt zu dem anderen, dem Hauptthäter: „Was fällt dir Vieh denn eigentlich ein"; er zeigt sich nicht überrascht; er zeigt sich nicht bestürzt, daß ein Mensch eine fast unmenschliche Handlung begeht; er hindert nichts; nicht aus sittlicher Entrüstung und nicht aus der Erwägung, daß die Waare, welche Geld einbringen soll, ruinirt wird. Er scheint'vielmehr solches Thun für ganz selbstverständlich zu halten, gewissenhafter als dazu gehörig, ja man kann sogar sagen, er betheiligt sich indirect an der Manipulation. In dem Erkenntniß heißt es, er habe „während der Verunreinigung an dem Fleisch herumgeschnitten" und Zeuge Winterscheidt sagt nach dem Bericht von „Deutsch" während der Verhandlungen aus: „David hatte unterdessen inst einem großen Messer in dem Fleisch herumgearbeitet." Also nicht etwa, daß er sich um den ganzen Vorgang nicht kümmert und das Fleisch weiter zerlegt; nein, er „schneidet an dem Fleisch herum;" er arbeitet „in dem Fleisch herum". Auch er thut also etwas Außergewöhnliches. Wer durch einen solchen Vorgang nicht überrascht ist, wer ihn nicht zu hindern sucht, wer dann während der Geschichte in so seltsamer Weise Fleisch mit dem Messer behandelt, der scheint zweifellos eine ihm wohl bekannte Rolle in dem ihm schon vorher bekannten Stücke zu spielen. Das Volk zog auch diese Folgerung und sagte sich, der zweite Bonn war gleick schuldig; er hatte dafür zu sorgen, daß das Fleisch in allen seinen Theilen verdorben werde. Das war ganz logisch, und spielte sich der Vorgang so ab, wie die Zeugen sagen, dann muß man in der That tief bedauern, daß das Gericht keine Handhabe glaubte stnden zu können, um den einen wie den andern mit harter Strafe zu treffen. Was die beiden Cumpane da nach der Zeugenaussage gethan haben, läßt sich in keinem Zuge aus dem Nächstliegenden Motive, aus individueller Rohheit ableiten. Ihre Handlung erscheint vielmehr wie ruhig erwogen, wie prämeditirt, wie ein üblicher, keineswegs ungewöhnlicher Act, halb feierlich, mit geheimnißvoll gemurmelten Worten und mit einer Rollenverteilung, bei der Jeder weiß, was er zu thun hat. i Ganz diese Auffassung hatte auch völlig sachgemäß die Bevölkerung, und drang die Staatsanwaltschaft und der Gerichtshof zu einem Motiv für die That nicht vor, so doch die Bevölkerung, die über die Bedeutung, die in den Zeugenaussagen steckte, nicht einen Augenblick im Zweifel war. Die beiden Angeklagten sind Juden und haben Juden eine solche Handlung begangen, dann weiß die Bevölkerung am Niederrhein sehr gut, was sie davon zu halten hat. So gibt es denn bei diesem Prooeß genau, wie bei dem Proceß Buschhoff, der sich in ganz derselben Gegend abgespielt hat und der auch in Cleve und vov demselben Vorsitzenden abgeurtheilt wurde, ein Motiv, das einzig plausibel im Sinne der belastenden Zeugenaussagen wäre, und von dem alle Welt spricht. Die Bevölkerung baut consequent vom Fundament an ihr Gebäude auf diesem Motiv auf; dieses vulgäre Fundament zu berücksichtigen, hält das Clever Gericht seiner Würde nicht entsprechend; aber so consequent ist es nicht, eine Anklage fallen zu lassen, die nur durch dieses vulgäre Fundament getragen werden kann und die sonst jeder tragfähigen Unterlage entbehrt. Damit kommt in alle diese Verhandlungen etwas Halbes, etwas Unausgesprochenes hinein, das besonders gefährlich ist. Rein formal angesehen, wickelt sich Alles tadellos ab; die Aussagen werden formal gegen einander abgewogen; aber rein menschlich und psychologisch betrachtet, bleibt man vor einem ungelösten Räthsel, wenn man nur so weit geht, wie der Gerichtshof gegangen ist. Indem der Gerichtshof die Frage des Motivs bei Seite schiebt, erkennt er selbst das an. Man muß weiter gehen. Die Zeugen und die Angeklagten leben in einer Gegend, welche durch die antisemitische Agitation tief aufgewühlt ist. Man braucht nur daran zu erinnern, daß hier auch der Schauplatz des Processes Buschhoff war. In Burgwaldniel, wo die Bonns ihre That verübt haben sollen, hielt im Frühjahr 1892 der bekannte Antisemit König eine Rede in einer Volksversammlung. Die Rede, welche im „Sprecher am Niederrhein" am 28. Mai 1892 im Auszuge wiedergegeben wird, ist von der üblichen Art; sie stützt sich auf Rohling und sein Werk „Der Talmudjude", das „als eine Pfütze statt einer Duelle" von Professor Delitzsch bezeichnet worden ist, und ein Dutzend anderer christlicher Professoren der Theologie belegt es mit ähnlichen Worten?) Wenige Wochen später, am 12. Juni, sprach alsdann wiederum in Burgwaldniel Dr. Danneil, der antisemitischer Agitator geworden war, nachdem er wegen Trunksucht sein Pfarramt hatte niederlegen müssen; der hierauf zur Besserung in die Anstalt Bethel des Herrn von Boddelschwing gebracht worden war, der sich dort unmöglich machte, und der nach weiteren bewegten Zwischenfällen schließlich sogar aus der antisemitischen Bewegung verschwinden mußte. Damals rettete er noch das deutsche Volk. Den Einwohnern von Burgwaldniel sagte er, nach dem „Sprecher am Niederrhein" vom 15. Juni, in jener Versammlung: „Vor einem Jahre war es, da blitzte in ckanten ein blutiges Schächtermesser in der Hand eines Juden, und ein katholischer Knabe sank dahin als Schlachtopfer", oder: „Der Jude erachte das christliche Weib gleich dem Pferde." Und er sagte noch Manches dieser Art. Eine Wirkung dieser Vorträge ergibt sich aus nach io lgenden Briefen, die im Proceffe mitgetheilt worden sind: Burgmaldniel, 4. Juni 1892. Seine Hochwürden Herrn Pfarrer Dr. Laakmann Wohlgeboren Tönisberg. Erlaube mir, Ew. Hochwürden ganz ergebenst zu bitten, auf nachstehende Frage gütigst Ihre Meinung äußern zu wollen. Nachdem der antisemitische Agitator Dr König hier einen Bortrag gegen Talmudjuden gehalten hat, wird hier allgemein der Grundsatz für die Juden als maßgebend gehalten, die Juden dürfen zu- *) Vergleiche, Delitzsch: „Rohling's Talmudjude" und Dr. I. Kopp: Zur Judenfrage nach den Acten des Processes Rohling-Bloch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.