Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 506 VrflrrredWchr Wochenschry! Nr. 27 Ein Gefühl tiefer Wehmuth, gepaart mit Ekel, erfaßt uns, wenn wir in unserer Zeit, wo wir den Aberglauben, die Voruriheile und den unseligen Raffen-- und Confessionshaß für alle Ewigkeit begraben glaubten, wenn wir heute gegen all die Gebrechen der menschlichen Seele, all die Erscheinungen der Uncultur, die durch gewiffenlose Volksführer von ihrem Grabe heraufbeschworen sind, noch Front machen müssen. Wir können es wohl begreifen, daß viele politische Männer sich gegenwärtig vom Kampfplatze zurückziehen, weil sie sich sagen, hier, wo die Politik zur Comödie, wo die Volksvertretung zur elendsten Jntereffenpolitik geworden ist, hier haben wir nichts zu suchen. Aber mit dieser Vornehmheit ist hier nichts gethan und uns Juden am wenigsten geholfen. Wenn die berufenen Kämpfer und bedeutenden Männer dem politischen Leben den Rücken wenden, dann wird die Bestie erst recht entfesselt und die Rohheit und die wilden Leidenschaften herrschen dann unbeschränkt. Der Antisemitismus ist eine Seuche, eine eiternde Wunde am Körper des deutschen Volkes, da kann man mit Eau de Cologne nicht dagegen wirken, hier muß die Sonde angelegt werden. Schließlich muß sich eine rationelle Abwehrvolitik, wenn auch nicht in ihren Grundsätzen, so doch in ihrer Tactik nach dem Antisemitismus richten. Solange ein Ahlwardt Triumphe feiert, Triumphe auf den Ruinen der gesunden Vernunft, auf den Trümmern der Moral, solange werden wir ihn bekämpfen müssen, mag sich unser ästhetisches Gefühl noch so sehr dagegen sträuben. Ahlwardt, der große Geist der Antisemiten, hat nur eine mit theatralischem Ernst sorgfältig einstudirte Rede, die er aber unter zehn verschiedenen Titeln hält. Wozu auch den Geist anstrengen? Die antisemitischen Zuhörer sind eben anspruchslos und für 50 Psg. kann man auch nicht gar zu viel Geist und Witz verlangen. Nun sollte aber dieser fahrende Künstler innerhalb 3 Wochen zum zweiten Male in Mülheim am Rhein sprechen, und da ging es doch nicht gut an, denselben Vortrag zu wiederholen. Er kam daher auf die Idee, die jüdische Kampfesweise mit seiner Kritik zu beehren. Ahlwardt versteht sich aber sehr gut auf Reclame, und um die Tagesordnung sensationeller zu machen, vereinigte er sich mit seinem Freund und Genossen Herrn C. Breitwisch. Dieser Mann sollte nämlich selbst über seinen Meineidsproceß und seine Zuchthausstrafe in der Oeffentlichkeit referiren, gewiß eine Offenherzigkeit, die man nur noch bei diesen unverfälschten Germanen findet. Um die öffentliche Schaustellung noch intereffanter zu gestalten, wurde der Rrligionslehrer der jüdischen Gemeinde in Mülheim a. Rh.. Herr Carl Brisch. von Herrn Breitwisch eingeladen, in die Versammlung hinzukommen. Auch den anderen Juden wurde großmüthig die Gnade gewährt, sich für 50 Pfg. das Eintrittsrecht zu erwerben, wenn sie persönlich zu Breitwisch hingehen und sich dort eine für ihre Person giltige Karte holen, eine Gnade, von der die Wenigsten Gebrauch machten. Jeder, der die Kampfesweise der Antisemiten kennt, weiß wohl, wie diese vornehmen Herren einen Gegner behandeln, und wird zugeben, daß ein Jude in eine solche Versammlung, die keinen öffentlichen Charakter trägt, nicht hingehen kann. Denn von einem Erfolge kann hier, wo die Begriffe Redefreiheit und politischer Anstand fremde Dinge sind, für den Gegner nicht die Rede sein, man wird einfach verhöhnt und mit Koth beworfen, und die Anhänger des Systems „Juden hinaus" frohlocken dann über ihren Sieg. Herr Br-sch beantwortete daher das Schreiben des Herrn Breitwisch mit folgenden Worten: Mülheim (Rhein), 8. Juni 1894. Herrn C. Breitwisch, Cöln. Anbei folgt Ihr Brief nebst den übersandten vier Eintrittskarten zurück mit dem Bemerken, daß ich mich nicht veranlaßt sehe, in solche Versammlungen zu gehen, in welchem nicht nur von politischem Anstand nicht die Rede sein kann, sondern wo man nicht einmal genügenden Schutz seiner Ehre findet. Die Erfahrung lehrt zur Genüge, daß die Gegner in antisemitischen Versammlungen nur niedergeschrieen und in ihrem Ehrgefühl verletzt werden. Die Zumuthung, daß meine Glaubensgenossen zu Ihnen nach Coln kommen und sich bei Ihnen legitimiren sollen, um das Recht des Eintrittes zu erwerben, ist schon der erste starke Schritt dazu. Uebrigens muß ich es ablehnen, mit einer Person von Ihrer Vergangenheit ferner zu correspondiren. Ergebenst Carl Brisch. Um in keinem Falle von den Antisemiten einer Feigheit geziehen zu werden, schrieb man von jüdischer Seite an den Vorsitzenden des antisemitischen Vereines zu Mülheim, Herrn Bäckermeister Kirfel, und erbot sich zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Antisemiten unter folgenden Bedingungen: 1. Die Versammlung muß im Lichte der Oeffentlichkeit tagen. 2. Es muß einem Jeden der Eintritt ohne Karte und ohne Gebührenentrichtung gestattet sein. 3. Es muß vor der Versammlung zum Schutze der Redefreiheit und der Ordnung eine Bureauwahl aus unparteiischen Männern stattfinden. 4. Die Leiter der Versammlung müssen unbescholten sein. Dieses Anerbieten, das nichts weiter als die elementarsten Voraussetzungen einer anständigen politischen Versammlung enthält, war sicherlich für die Antisemiten annehmbar. Aber diesen Herren kam es ja lediglich darauf an, Reclame für ihre Versammlung und ihre Casse zu machen und sie fanden es nicht für nöthig, den Brief zu verlesen. Ja Herr Breitwisch ging in seiner Selbstlosigkeit soweit, mit seiner Zuchthausstrafe Reclame für die „gute" Sache zu machen. Es wundert uns nur, daß die Herren nicht auch nach Circusart auf den grünen Placaten konterfeit waren. Es wäre doch sehr schön, wenn man etwa Herrn Breitwisch mit zum Schwure erhobener Hand und Herrn Ahlwardt mit einer Judenflinte in der rechten und einem Actenbündel in der linken Hand bildlich darstellen würde. Wem die leider nothwendige. aber sicherlich nicht angenehme Aufgabe zugefallen ist, die Erscheinungen des Antisemitismus zu beobachten und der Idee der Abwehr zu dienen, der wird mit der Zeit geg.m alles Komische u.nd Häßliche blasirt und läßt sich von den parodoxen, oft an Wahnsinn grenzenden Behauptungen der antisemitischen Führer nicht überraschen. Und doch gibt es Momente, wo man unwillkürlich ausrufen muß: Das ist noch nicht dagewesen! wo Ben-Akiba mit seinem Spruche beschämt zurücktreten muß. Die Comödie, welche hier geschildert werden soll, verdient in der Geschichte der Narrheit aufbewahrt zu werden. Ja, es sollte wieder eine antisemitische Tragicomödie in Mühlheim stattfinden, und sie fand statt am 11. Juni — o Tag des Heils — im Brung'schen Saale. Die Versammlung wurde von Breitwisch in eigener Person eröffnet, darauf erzählte er, der Held des Tages, daß er den Herrn Brisch zu der Versammlung eingeladen habe und las die erhaltene Antwort vor. Er kam dann zu seinem eigentlichen Thema: „Ein Meineidsproceß und 18 Monate Zuchthaus." Mit Thränen in den Augen und auf sein antisemitisches Ehrenwort pochend, erklärte der Redner, daß er allerdings zu 18 Monaten Zuchthaus wegen Meineids verurtheilt worden sei, daß er sich aber dessen nicht zu schämen brauche. Er sei wie alle Antisemiten durch und durch ehrlich und brav, aber das römische Gesetz sei eben zu schlecht und so sei er zum Opfer eines Rechtsirrthums geworden. Herr Ahlwardt war so gütig, die Schlechtigkeit des heutigen Strafgesetzes aus eigener Erfahrung zu bestätigen und Herrn Breitwisch als makellosen Ehrenmann zu empfehlen. Als Fachmann habe er die Acten geprüft und gesunden, daß die Verurtheilung zu Unrecht geschehen sei, was er der verehrten Versammlung pflichtgemäß melden zu müssen glaubte. Am Schluß der Versammlung wurde noch von Herrn Ahlwardt eine Resolution verlesen, daß die Versammlung — man achte genau — Herrn Breitwisch als Opfer eines Rechtsirrthums und makellosen Ehrenmann betrachtet. Die Resolution wurde von der Hälfte der Anwesenden angenommen. Nun liegt die Sache aber doch etwas anders als sie Herr Breitwisch darstellte, und da wir die Welt ohne antisemitische Brille betrachten, so wird man es begreiflich finden, daß die Dinge uns anders erscheinen. In diesem Meineidsproceß spielte kein Jude, sondern ein christlicher Handwerksmeister die Hauptrolle. In einem Civilproceffe mit diesem Herrn hatte Breitwisch einen Schwur geleistet, dieser Schwur hatte sich nachher als wissentlicher Meineid gezeigt und Breitwisch wurde zu 18Monaten Zuchthaus verurtheilt. Seine Revision wurde zurückgewiesen, ebenso sein Begnadigungsgesuch an Se. Majestät. Herr Breitwisch wird uns schon gestatten müssen, daß wir einem königlich-preußischen Schwurgericht mehr Glauben schenken als ihm. Ja, wir haben vor einem deutschen Gericht surtheil viel zu hohenRespect, um zu glauben, daß man einen völlig unschuldigen Mann irrthümlich zu einer Zuchthaus st rafe verurtheilen könnte. Gewiß, auch wir sind der Meinung, daß ein Mensch