Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021034--03627-3027773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 504 »ochrnschrtfl Nr. 26 gani sich schon beinahe in allen Parteilagern herumgedruckt hat, den Sternen oder dem Zufalle zu. Wenn man so nach der Reihe polnischnational, deutsch-liberal, deutsch-national, Schönerer-national, dann wieder anti-Schonerer-national, christlich-social und deutsch-nationalchristlich-social-rasien-antisemitisch war in den merkwürdigsten Uebergängen, Häutungen und Schlängelungen, die nur denkbar sind, so ist das doch auffällig. Diese eigenthümliche, quasi unerhörte Verkettung von Zufälligkeiten ist es, welche man beliebter Kürze halber zuerst auf Schönerer-deutschnationaler Seite in feste Formeln gebracht hat. Wenn wir uns derselben manchmal bedienen, so geschieht es nur der Raum¬ und Zeitersparniß halber. Auch in „Winkelblättern" findet man manchmal Brauchbares. Nicht jedes Blatt kann so groß, so ernst, so ideenreich, so moralisch und so consequent in der Abtragung von Ehrenschulden sein, als das „Deutsche Volksblatt". Ein Ritualmord. Am Pessach des Jahres 1662 fand man das 12jährige Söhnchen des Büroermeisters von Danzig ermordet unter einem Düngerhaufen liegen. Sofort hieß es, die Juden hätten den Knaben geschlachtet, um sein Blut unter die Osterbrote zu mengen, und alsbald begann der Pöbel, an die Plünderung und Ermordung der Juden zu gehen. In ihrer Angst wandten sich die Juden an die Obrigkeit und der Rabbi von Danzig machte sich anheischig, den Mörder binnen zwei Stunden ausfindig zu machen und zwar so, daß an seiner Schuld nicht gezweifen werden könne. Der Herzog ließ nun der Plünderung Einhalt gebieten und zog mit seinem Hof auf den Marktplatz, damit der Rabbi den Mörder vor allen Einwohnern bezeichne und seine Schuld beweise. Der Rabbi ließ einen mit einem Tuch bedeckten Hahn bringen, wählte 5 Juden und 5 Christen aus dem umstehenden Volke und ordnete an, daß jeder dieser 10 Männer den Rücken des Hahnes streichle; dieser werde sofort, wie ihn der Mörder berühre, zu krähen beginnen. Die 10 Männer, unter welchen sich nach der Angabe des Rabbi der Mörder befand, streichelten einer nach dem andern den unter dem Tuche befindlichen Hahn, ohne daß dieser jedoch einen Laut von sich gegeben hätte. Das enttäuschte Volk wollte sich nun aus den Rabbi stürzen, aber dieser bat noch um einige Augenblicke Aufschub und forderte die 10 Männer auf, ihre Hände in die Höhe zu heben. Die Fläche der rechten Hand war bei 9 Männern vollkommen beruht und nur bei einem rein. Diesen mrt der reinen Handfläche bezeichnete der Rabbi als den Mörder, weil er aus Furcht, der Hahn werde krähen, diesen, der über und über mit Ruß beschmiert war, nicht zu berühren wagte, während die andern 9 Männer, sich unschuldig wissend, den Hahn ruhig streichelten und so ihre Hand beschmutzten. Der Mörder gestand auch das Verbrechen und erlöste dadurch die Danziger Juden aus ihrer Bedrängniß. Er war der Bruder des Bürgermeisters, der dessen Sohn und einzigen Erben aus dem Wege schaffte, um seinen greisen Bruder selbst zu beerben, das Manöver aber war vom Rabbi ersonnen, um den Mörder, der bei der That beobachtet worden war, unumstößlich als den Verbrecher bezeichnen zu können. Von der Wiener Universität. Die Affaire der „Freiwilligen Rettungsgesellschast", die, so sehr Ne auch von allem Anfänge die ganze Oeffentlichkeit interessirte, doch anfangs nur einen localen, aus den Ort des Ursprungs beschränkten Charakter hatte, hat nun mit einemmale alle die Gegensätze, die sonst nur latent eine gewisse schwüle Atmosphäre erzeugten, aufgerüttelt und vor das volle Licht der Oeffentlichkeit gestellt. Hat sie nämlich für die große Oeffentlichkeit die „reinliche Scheidung" bewirkt zwischen verbohrten Rassenantisemiten und den Leuten, welche sich innerhalb der bestehenden Gegensätze noch eine vorurtheilsfreie Meinung erhalten und die bei der Untersuchung aufgedeckten schamlosen Vorgänge in der „Freiwilligen Rettungsgesellschast" mit ehrlicher Entrüstung verurtheilt haben — so war diese Scheidung auch auf dem engeren Boden der Universität nicht ausgeblieben, wo die Gegensätze nicht minder heftig .und mit Rücksicht auf die Zukunft unseres Vaterlandes nicht minder beachtenswerth sind. Wir wollen denjenigen christlichen Collegen, welche sich von den letzten Demonstrationen ferngehalten und dieselben mißbilligt haben, nicht Unrecht thun, wir anerkennen den Muth einer ehrlichen Ueberzeugung, welche sich dem terroristischen Treiben der antisemitischen Majorität gegenüber immer noch geltend macht und freuen uns als Menschen, diese Thatsache constatiren zu können. Fassen wir aber die Thatsachen, Stimmungen und Vorfälle unbefangen und in ihrer nackten Wahrheit ins Auge, so können wir die Verhältnisse nicht von diesem Standpunkte aus betrachten. Wir kommen ja gar nicht dazu, als Menschen zu urtheilen, man läßt uns nur zu oft fühlen, daß wir „nur Juden" sind; und was das Wort „Jude", das wir mit Stolz uns beilegen, in den Kreisen der Gegner für einen Klang hat, davon hat man täglich, ja stündlich Erfahrung genug. Ja, als Juden müssen wir die jüngsten Vorfälle betrachten, wir müssen die traurigen Betrachtungen über den Rückgang der idealen Gesinnung in der „bewußt arischen" Studentenschaft Anderen überlassen, wir müssen uns als Juden wehren gegen die Angriffe, die mittelbar oder unmittelbar doch nur uns gelten. Und da müssen wir von vorneherein bemerken, daß, wenn wir gesagt haben, es mache sich unter den christlichliberalen Studenten eine bessere Ueberzeugung geltend, der Ausdruck übertrieben war. Dieser bessere Theil der christlichen Studentenschaft erfüllt seine Pflichten gegen sich selbst und gegen uns — und wer wollte leugnen, daß sie auch gegen die ungerechterweise Verfolgten Pflichten haben? — nicht, er zieht es vor, im Kampfe der Gegensätze abseits zu stehen und den Juden die Abwehr der gegen sie und den Frieden auf der Universität gelichteten Angriffe allein zu überlassen. Was nun daraus folgt? Daß die Juden angesichts des Umstandes, daß sie in diesem Kampfe thatfächlich allein stehen — wir wären glücklich, wenn das nicht der Fall wäre — auch einig an die Abwehr gehen müssen, daß die Juden sich vorübergehend wenn nicht dauernd einigen müssen. Diese einfache Wahrheit, welche aus den Verhältnissen logischerweise folgt, wie die Nacht dem Tage, ist von den jüdischen Studenten lange Zeit verkannt worden. Hoffen wir, daß die letzten Ereignisse ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Unter diesen Umständen ist cs ein verdienstliches Werk, wenn der akademische Verein „Kudimah" die Initiative ergriffen hat zu einer gemeinsamen A c t i o n d e r j ü d ischen Stud enten schaft. Eine für Samstag den 30.d.M., 3 Uhr Nachm., in Khuner's Restauration (I., Schottenring), einberufene Versammlung jüdischer Studenten soll über die näheren Schritte schlüssig werden. Wir wünschen dem Unternehmen besten Erfolg. Judaeus. Von der gattxischtzn Tandes-Ausstellung. Eine kleine Episode vom Eröffnungstage. Der Erzherzog-Protector beginnt seinen Rundgang, ehrfurchtsvoll geleitet vom Comite. Die Aussteller harren im Festkleide bei ihren Objecten, daß diesen die Ehre der Besichtigung und ihnen die Auszeichnung einer huldvollen Ansprache zu Theil werde. Es gießt in Strömen und der Boden ist ganz durchweicht, der Himmel hat alle seine Schleusen geöffnet; da steht auch im leichten Frack, den Hut in der Hand, ein alter Herr bei seinem Pavillon und wartet geduldig auf den hohen Besuch. Doch dieser kommt nicht — Viertelstunde um Viertelstunde verrinnt — kein Zweifel, die kaiserliche Hoheit, die selbst kleinsten, anspuchslosen Unternehmungen herablassende Beachtung schenkt und für Jeden aufmuntcrnde Anerkennung spendet, ist absichtlich vorüber geführt worden, an einer der größten Unternehmungen des Landes Galizien, die in ihrem speciellen Fache auf dem ganzen Erdenrunde wenig ebenbürtige Concurrenz hat. Wir sprechen von der Wellfinna Gartenberg, Lauterbach, Goldhammer undWagmann in Drohobycz, welche nicht nur in Oesterreich, sondern auch jenseits der Grenze in Rußland die Exploitirung der Petroleumgruben uud des Erdwachses sich zur Aufgabe gestellt hat und viele Hunderte von Arbeitern beschäftigt. Herr Selig Lauterbach, der Chef dieses großen Hauses — nebenbei bemerkt auch als gelehrter Hebraist bekannt — wandte sich, bescheiden anfragend, an einen hohen polnischen Aristokraten, der, ganz entrüstet über den geradezu unglaublichen Verstoß, es auf sich nahm, Se. kaiserliche Hoheit auf den übergangenen Pavillon nachträglich aufmerksam zu machen. Der Erzherzog wendete sofort seine Schritte demselben zu, das ganze sorgfältig ausgearbeitete Rundgangsprogramm umstoßend und zeigte sein lebhaftes Interesse für die vielfältigen i