Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26 Vrstrrrrtchiptze Ivortzensrtzrifl Seite 503 „In der Budgetdebatte, die nicht sachlich geführt wird, kommen keine Ziffern zur Sprache, wenn nicht zufällig ein Staatsmann eine Null genannt wird." „Stuttgart besitzt außer seinen 92.000 Einwohnern keine besonderen Merkwürdigkeiten." „Der Kummer hat ihr selbst ihre Erinnerungen geraubt und sie glaubte daher, sie sei erst 28 Jahre." „Interessant, daß die meisten österreichischen Dichter früher Beamte waren — ja, Müßiggang ist aller Laster Anfang!" Einen Coburger Orden nennt er „die bescheidene Zierde ernestinischer Häuslichkeit", den Hirschensprm.g in Karlsbad „nur eine sinnige Fabel, durch welche die Curtaxe Poetisch verklärt wird", einen herausgerufenen Theaterdichter läßt er „dankbar mit den Frackschößen wedeln", einen Grafen, der gegen die Theorie polemisirt, daß der Mensch vom Affen abstamme, „in einer Persönlichen Angelegenheit das Wort ergreifen." Durch die „feierliche Langsamkeit eines Largos" wird er „an die Verhandlungen des Steuerreformausschusses gemahnt" und den Premieren im Hofburgtheater wirft er vor, „daß Alle das Stück bereits auswendig wissen, mit Ausnahme der Schauspieler." Ein alter Haushahn stört sein Mittagsschläfchen, doch nicht etwa durch sein Krähen, sondern weil man ihm, „den Säugergreis, als heuriges Brathähnchen vorgesetzt hatte". Geistvoll erfunden sind auch Schlagworte wie: „Eine complete Rundreisebildung in 30 Tagen" — „die bis auf Weiteres noch sogenannten Werthpapiere" — „der sogenannte Busen einer Gouvernante" — „ein Aristokrat von altverschuldetem Adel" u. s. w. In seinen letzten Jahren, als er das Anwachsen und die verrohende Gewalt des Antisemitismus herannahen spürte, und er hatte schon in den allerersten Anfängen der unseligen Bewegung ein feines Vorgefühl für ihre künftige Intensität — da bot sich seiner eleganten, streitbaren Feder der willkommenste, satyrische Stoff. Er hätte ihn gar nicht besser wünschen mögen. Den Schönerer nannte er einmal treffend einen „Märtyrer der Gewaltthätigkeit", ein andermal den „Harun al Raschid der Antisemiten", weil er nächtens in die Häuser ging, die Wahrheit zu erforschen. Liechtenstein war für ihn der „Marschall Rückwärts" und dessen Bestrebungen in Sachen der Volksverdummung übergoß er stets mit ätzender Lauge. Er hätte aber nicht Sp—r sein müssen, wenn er den Dr. Lueger übersehen hätte. — In früheren Jahren, als es noch keinen Antisemitismus gab, zog er wohl selbst gegen die Schwächen und kleinen Lächerlichkeiten des modernen Juden im lustigen Krieg zu Felde. Später, aber hatte er Takt und Feingefühl genug, dies den Gegnern zu überlassen. In den älteren, noch guten Jahrgängen des „Figaro" hat er die stehende Figur des jüdischen Bankiers geschaffen. Spitzer's Großmutter, eine uralte, fromme Scheiteljüdin lieferte dem Enkel dazu das echteste, urwüchsigste Material . . . So glänzender, schriftstellerischer Qualitäten unbeschadet, fürchten wir dennoch, daß Spitzer und seine Bücher in's nächste Jahrhundert nicht mit hinübergenommen werden. Doch das verschlägt nichts. Er hat die Besten seiner Zeit zum Besten gehabt, Hunderte geärgert und Tausende dadurch erfreut. Ein fürchterliches, aber nach der Behauptung maßgebender Personen dennoch sehr „gutartiges" Leiden, an dem er auch gestorben ist, hat ihm die letzten Lebensjahre vergällt. — „O Miserere, verloren geht der beste der Humoristen!" hätte er mit Heine klagen können, aber er that dies nicht, sondern schrieb noch kurz vor seinem Ende ein lustiges Feuilleton für die „Neue Freie". Im Leben war er ein weicher, guter Mensch, von fremdem Leiden rasch gerührt, — er, der in grausamer Unerbittlichkeit einen Dilettanten nach dem andern mit seiner Feder spießen konnte. Er liegt in Meran begraben, wo er gestorben ist und sein Grabstein die anderen überragt, wie er selbst im Leben seine zahllosen Nachahmer überragt hat. F—n. Vom Jahrmarkt des Lebens. Erzbischof Sembratowiez. Gliniany, am 24. Juni 1894. Am 23. d. M. wurde hier in Gliniany eine neuerbaute ruthenische Kirche eingeweiht. Zu dieser Kirchenweihe ist Se. Excellenz der Metropolitan-Erzbischof Sembratowiez aus Lemberg nach Gliniany gekommen. Die israelitische Gemeinde durch den Cultusgemeinde-Vorstand und den Oberrabbiner Grünsberg vertreten, ist zum feierlichen Empfange dieses hohen geistlichen Herrn erschienen und hat vor dem Triumphbogen Stellung genommen. Als der Erzbischof den Rabbiner mit der Gesetzesrolle erblickte, begab er sich dorthin und sprach ihn an wie folgt: „Ich danke der israelitischen Gemeinde für den mir bereiteten herzlichen Empfang" und hebräisch fügte er hinzu: „Ki sehem Adonai ekra haba godel l’eloheim, wir glauben Alle an einen Gott, sind Alle Kinder eines Vaters, daher sollen wir uns Alle gegenseitig lieben und stets in Freundschaft begegnen", dann beim Betreten der Kirche sagte dieser edelmüthige Oberhirt zum versammelten Volke, schaut hin, wie die Israeliten während des S abb ath s zu meiner Ehre erschienen und Freundschaft äußerten, daher dürfen auch wir ihnen stets in Freundschaft und Liebe begegnen, und mit ihnen in Freundschaft leben." Solche edle Worte vernahm man aus dem Munde eines Erzbischofs in Galizien. — Was wird dazu Herr Pfarrer Deckert sagen??? Zum Wiener Saatenmarkt. Miskolez, 25.-Juni. Die außerordentliche Generalversammlung der Kornhalle beschloß heute den Anschluß an die Budapester Bewegung betreffs Nichtbeschickung des Wiener Saatenmarktes, insolange nicht gesündere sociale Verhältnisse eintreten. Der Beschluß wird in einer Kurrende sämmtlichen Getreidehallen Ungarns zugeschickt. Budapest. Wie aus Budapest berichtet wird, hielt das delegirte Fünfundzwanziger-Comitö gestern unter dem Vorsitze Emil Szavoßt's eine Sitzung. Der Präsident theilte mit, daß auch Josef Van der Byngaert, Präsident des deutschen Mühlenverbandes, seinen Austritt aus dem Arrangirungscomitö des Wiener Saatenmarktes angemeldet hat. Mit Hinblick auf den Umstand, daß man aus dem Auslande um die Beschlüsse der Budapester Versammlung in deutscher Sprache massenhaft ersucht. beschloß daß Comit6, den Aufruf und die Beschlüsse in deutscher Sprache in Druck legen und versenden zu lassen. Mit der Durchführung dieses Beschlusses wurde Schriftführer Josef Steiner betraut. Jüdische Bubenstücke. Im „Vaterland" vom 24. Juni 1894 lesen wir: In Bestätigung der von „Budapesti Hirlap" erwähnten jüdischen Bubenstücke berichtet „Magyarorßag" : Nach Votirnng der Civilehe durch das Mygnatenhaus spielten sich bedauerliche Scenen auf der Gasse ab. Eine Gruppe zweifelhafter Elemente sammelte sich vor dem Nationalcasino au und benahm sich ziemlich ruhig, bis sie nicht den daher kommenden Waitzener Bischof lvahruahm. Der Waitzener Bischof Constantin Schuster schritt in Begleitung eines seiner Wirthschaftsbeamten, eines Mannes von herkulischer Gestalt, vor dem Nationalcasino vorbei nach der Kronprinz Nudolfgasse, wo ihn eine Gruppe von Demonstranten so umringt hatte, daß der greise Kirchenfürst mehrmals stehen bleiben mußte. Einige junge Leute riefen „Eijen Wekerle!" worauf ein Waitzener junger Mann, der den Bischof kannte, in den Ruf ausbrach: „Abzug Schuster!" und auch tiach dem Bischof ausspuckte. Der Begleiter des Bischofs gerieth hiedurch in Zorn und versetzte dem Schreier einen tüchtigen Hieb auf den Kopf. Der Bischof wurde weiter gestoßen, ohne daß es Jemanden in den Sinn gekommen wäre, sich des greisen Kirchenfürsten anznnehmen. Einige Bursche hatten sich — man war hiebei bis zum Hauptpostgebäude gelangt — bereits angeschickt, gegen den Wirthschaftsbeamten einen Eingriff anszuführen; da erschien zufällig der evangelische Superintendent PaulZelenka und das energische Auftreten, sowie die mächtige Gestalt Zelenka's schreckte einigermaßen die Demonstranten zurück. Zelenka nahm den zitternd in der angesammelten Volksmenge stehenden Bischof am Arme und führte ihn, während der Wirthschaftsbeamte und einige in Zelenka's Gesellschaft gewesene Capläne zwischen der fortwährend lästernden Leopoldstädter (jüdischen) Jugend Weg machte. Unter den Rusen: „Abzug mit den Reverenden!" kam mau endlich ins Hotel „Königin von England", wo Bischof Schuster dem Superintendenten dankte und zugleich gelobte, in der Hauptstadt nie mehr zu Fuße zu gehen. Demgegenüber sind wir von berufener Seite aufgefordert worden, zu erklären, daß an der betreffenden Demonstration blos rasienreine Arier, aber keine Juden theilgenommen haben. Eine Photographie von Verganew. Das „Vaterland" vom 21. Juni 1894 bringt von dem Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" nachstehende treffliche Zeichnung: „Niemals ist es uns eingefallen, irgend einem Menschen den „Zufall" vorznwerfen, der ihn hier oder dort geboren werden ließ. Wir haben auch Herrn Vergani nicht in den Vordergrund gestellt, da wir hinlänglich wissen und schier alle Tage beobachten, daß er dies selbst zu besorgen pflegt. Es ist kein Unglück, in Galizien geboren zu fein, Millionen von Menschen sind mit Recht stolz darauf. Nicht der „Zufall" der Geburt in Galizien, sondern eine ganze Reihe von sonderbaren Zufällen ist es, welche nicht nur die „Schönerer'schen Winkelblätter" veranlaßt haben, von einer eigenen „Vergani-Moral" zu sprechen. Wir schreiben grvßmüthig die Schuld daran, daß Herr Ver-