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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-29 · 26 (29.6.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Q'&WiKTaJA-Sft* Seite 502 Vrsterreichifchr WochenfchrM Nr. 26 Himmel aufstieg, das liegt verdrießlich im Grase und man sieht, wie Alles gemacht war. Es ist ja im Allgemeinen höchst traurig, wenn auch äußerst lehrreich, zu erfahren, wie die Dinge gemacht werden. Aber welch nüchternes Beginnen, alle Rückseiten zu betrachten, hinter alle Schliche zu kommen! Die Illusion, die naive Freude am holden Schein — wo bleiben sie? Verpufft und versprüht, vorbei und dahin! Gerne sei das Unrichtige der Voraussetzung in dem einen, dem vorliegenden, Falle zugestanden. Das Brillantfeuerwerk Daniel Spitzer's ist noch nicht erloschen. Die Raketen seines scharfen, im besten Sinne echt jüdischen Witzes sie steigen noch immer und streuen ihren Funkenregen aus luftiger Höhe hernieder, und wem was davon auf die Nase fällt, dem wird sie ganz gewiß schmerzhaft versengt. Das Buch, welches die gedruckten Arbeiten Spitzer's, so well sie noch nicht im Buchhandel erschienen waren, vereinigt, erbringt glänzend den Beweis, daß sein Verfasser mehr war, als wofür man ihn gemeiniglich zu halten Pflegte, mehr als ein geistreich-boshafter Spaßvogel, der im Verborgenen wochenlang an seinen Bolzen spitzte und schärfte, ehe er sie losdrückte. Er war ein Satyriker besonderer Art, der in die Literaturgeschichte hineingehört. Schon wegen der Vollendung seiner Form. Sie ist immer künstlerisch abgerundet, und die Reinheit, die Correctheit seiner Sprache stehen außer allem Zweifel. Die Sprache war ihm ja Waffe und Wehr. Seine Waffe fegte er sich denn allezeit spiegelblank und wurde deß nimmer müde. Mit verrosteten Pistolen kann man höchstens ab und zu einmal ins Schwarze treffen. Das spröde Wort ward biegsam und schmiegsam unter seiner Feder. Die Sprache schüttete ihm ihre drolligsten Scherzworte, ihre lustigsten Wendungen in den Schoß. Von ergötzlichster Mannigfaltigkeit, wie sein Styl, konnte sein Humor sein. Bald lapidar und kurz angebunden — dann schnörkelt und schlängelt er sich wieder durch die langathmigsten Perioden. Dem Wortwitz, dem Kalauer ging er nicht allzeit aus dem Weg — warum denn auch? — aber das war nicht die alleinige Quelle, aus der er schöpfte. Die „Heranwachsende Degeneration" kann sich freilich nicht mehr der zündenden, heiteren Wirkung seiner ersten Arbeiten entsinnen, aber die Aelteren wissen davon zu sagen. Wen Spitzer auf so einen Spaziergang mitnahm, der wurde mitgenommen und hatte siH davon zu erholen. Er nahm sein Handwerk nicht leicht. Ein Blick auf das Autograph — eines seiner leserlichsten Manuskripte ist dem Buche angeheftet — lehrt die Art seines Schaffens zur Genüge kennen. Eine unendlich kleine, spitze Schrift, denn er hatte immer das Gefühl, als blicke ihm der Staatsanwalt beim Schreiben über die Schulter. Drei Worte strich er durch, ehe er eines gelten ließ. Die Zeilen kleben förmlich aneinander, dazwischen drängen sich noch drei- und vierzeilige Einschachtelungen, wieder mit Correcturen, Strichen und corrigirten Correcturen — Augenpulver und aller Setzer Schreckniß. „Er verwandte viel Arbeit darauf, damit man seiner Arbeit die Arbeit nicht anmerke". Ja, ihm war das bischen Spaßmachen eine sehr ernsthafte Sache. Kalbeck erzählt in seiner vortrefflichen Einleitung von Spitzer's einfachem Lebenslaufe (er stammte von mährischen Juden ab), von seinen Studien im Gymnasium und auf der Hochschule und wie er dann den Amtsschimmel tummelte in der Handels- und Gewerbekammer, die ihm zur Folterkammer wurde; auch, wie er aussprang und als Lyriker debutirte. Allerdings um die Kinder seiner Muse sorgfältigst ins Pult zu verschließen. Der Herausgeber weist nach, wie die lyrischen Allotria den späteren Satyrikus zu Gute kamen, und wie gut es war, daß er den Mondschein, den Rebensaft und das Liebchen zur Uebung gefeiert hat. Um einmal brauchbare Prosa zu schreiben, kann es gar nicht schaden, wenn Einer recht viel schlechte Verse — wir zählen auch die mittelmäßigen zu den schlechten — vorher geschmiedet hat, die also doch zu irgend etwas in der Welt nütze sein können — möglicherweise — mit Vorbehalt und Einschränkung. Spitzer war nie verheiratet — die Leserinnen wird das interessiren. „Ich habe leioer nicht geheiratet und bin Gott sei Dank noch ledig" sagte er einmal selbst. Er saß in seiner langen schmalen Junggesellenstube im Schottenhofe unter seinen Büchern, die er immer wieder und wieder las: Rabelais, Swift, Sterne, Junius. Von jedem der Viere hat er das seinem eigenen Naturell Gemäße sich anerzogen. Bon Rabelais die helle Freude an grotesken Uebertreibungen, von Sterne die Lust an sauberster Detailtüftelei, von Swift die kalte unnahbare Art, Lebendiges mit satyrischem Scalpell erbarmungslos und unbekümmert zu zergliedern. Aber mit dem großen Pamphletisten Junius hat er gemein die Lauterkeit des Charakters, die Heftigkeit der sittlichen Entrüstung, das tollkühne Angehen aller Gegner, das lodernde Feuer des Zornes und die dialectische Schärfe. Sterne, Junius, Swift, Rabelais und dennoch D. Sp—r. ein ganzes Original. Man muß eben verdauen können. Spitzer war ein in sich gefesteter Charakter von makelloser Reinheit, seine vielgefürchtete Feder niemals zu haben — auch zu einer Zeit nicht, da die Corruption üppigst in die Halme schoß, die Pauschalien, Schweig- und Schreibgelder nur so herumflogen, Niemand an ihnen den geringsten Anstoß nahm und Jeder es für selbstverständlich hielt, wenn ein Zeitungsschreiber den größten Theil seines Honorars an den Cassen der Banken behob. Spitzer blieb schroff und unnahbar, er wies alle derartigen Anbietungen, die oft in die scheinbar harmloseste Form gekleidet sich an ihn herandrängten, mit flammender Entrüstung zurück. Eine Bank versuchte sogar ihn zu captiviren, indem sie ihm zum Vorstande eines nie ins Leben zu rufenden, literarischen Bureaus machte. Er ging anfangs arglos in die gestellte Falle, als er aber nachgerade zu merken anfing, wo man mit ihm hinauswollte, schrieb er seinen Absagebrief. Wir hätten ihn gern lesen mögen, denn er war ganz der Mann, so was kräftig zu stylisiren. Er hat es auch nie zu Reichthümern gebracht und nur eine Million lustiger Einfälle, und einen ehrlichen Namen hinterlassen. „Ein Sonderling" hieß es, und man zuckte die Achseln. Was meinen die edlen Herren von der antisemitischen Presse zu diesem „Tintenjuden"? Mit Butter auf den Köpfen laufen sie in der Sonne herum und zetern gegen die verderbte Judenpresse und raffen, selbst allen Schamgefühles bar, zusammen, wo sie nur was kriegen. Wenn sie nur über ein Drittheil von Spitzer's ätzendem Witz und mörderischer Schärfe verfügten, wie würden sie die mißbrauchen! Der vielgeschmähte jüdische Journalist blieb seiner Ueberzeugung unerschütterlich treu, er ließ die Fahne nicht sinken, auch nicht, als man sie mit Koth zu bewerfen begann und sem Kämpfen entbehrte nie der sittlichen Grundlage: für Wahrheit, Schönheit und Recht, so wie er diese drei verstand und erkannte. Die schulmeisternde Literaturgeschichte, welche für ihr Leben gerne registrirt und etikettirt, wird ihm wohl sein Plätzchen zwischen Lichtenberg und Stettenheim, hoch über Saphir anweisen. Lichtenberg ist heute so gut wie vergeffen — vergessen ist, ' wie gut er ist. Unser Wiener Juvenal ist reicher, vielseitiger, naturgemäß moderner. Seine Blitz-Charakteristiken sind verblüffend getreu. Den seligen Pater Greuter porträtirt er: „Halb Arbues, halb Nestroy." — „Ach, warum ist nicht die ganze Menschheit ein Ed. M., daß man sie durch Verleihung des Franz Josef-Ordens glücklich machen könnte!" — „T. ist einer der besonnensten Staatsmänner, der jeden Unsinn sehr lange überlegt, ehe er ihn ausspricht." — Von seinen glänzenden Aperous mögen die nachfolgenden hier Platz finden: „Die Bestandtheile und heilsamen Eigenschaften einer berühmten Heilquelle sind ihm nicht bekannt, er weiß nur, daß der russische General, der sie trinkt, schon um halb 7 Uhr Morgens einen schwachen Geruch wie von starkem Marasquin um sich verbreitete." „Fricka und Wotan schlafen auf blumiger, sanft ansteigender Höhe; o daß ihr sanfter Schlummer ewig währte!" „Welchen himmlischen Genuß müßte es gewähren, diesen Schaüspieldialog zu streichen!" „Den Schluß der Procession machten die Weiber, sowie die Jungfrauen mit ihren Kindern." „Der Kardinal A. hinterließ viele Millionen, so daß sich der Papst erst nach dem Tode seines treuen Rathgebers überzeugen konnte, wie viel er verloren hatte." „Der frühere Finanzminifter Baron K. begann sofort nach seinem Rücktritt in einer Wochenschrift eine Novelle in langwierigen Fortsetzungen zu veröffentlichen, durch die er uns den Schlaf, den uns seine Finanzprojecte raubten, ratenweise zurückerstattet." „Ach sie gehen Alle dahin, sie sterben und geben meinen Geist auf!" „Eine Rede, die ungeachtet ihrer Weitschweifigkeit nur ein Torso war; sie hatte nämlich weder Hand noch Fuß."

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