Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 26 Vestrrretchffche Wochrnschrifl Seite 501 erschöpflich war er in Geschmacklosigkeiten. Kein Witz war ihm zu dumm, daß er ihn nicht doch gemacht hatte. Die Namen, ja sogar die Nasen mußten herhalten — „das sind mir Humore" sagt Fähndrich Pistol. Dabei war er von einem dünkelhaften Selbstbewußtsein erfüllt und gehoben, das denen nicht unbegreiflich erscheint, welche die antisemitische Aufgeblasenheit überhaupt schon näher kennen gelernt haben. Um seine Gottähnlichkeit war ihm niemals bange. Durch eine Schalteröffnung hatte man ehrfurchtsvoll mit dem großgewaltigen Gebieter zu verkehren. Sein herrliches Antlitz zeigte er nur den besonders begünstigten „Zucht-, Parade- und Ehrenjuden." Welche Herablassung! Der Dalai-Lama erscheint gegen diesen Vragassy als ein jedem Personen-Cultus abgeneigter, schlichterer, älterer Herr. — Ein hervorragender Bankier verunglückt, ei, da war der Chef-Bonze schrecklich ergrimmt, weil man ihn nicht davon verständigt hatte: „Man muß sich ja manchmal dem Volke zeigen". Für jüdische Freiwillige hatte er nie Platz. Er wollte arische Wache. „Wir sind complet", sagte er immer, wenn ihm die Nase des Petenten nicht gefiel, wenn seinem kundigen Blicke ihre Curve verdächtig vorkam. Auch für einen rumänischen Christen — der Unglückliche hatte gekraustes Haar — war kein Platz frei. Leider unterließ es der Betreffende in bedauerlicher Unkenntniß, der obwaltenden Verhältnisse, sein unverfälschtes Arierthum ad oculos zu demonstriren. Das war ja in dem der reinsten Humanität gewidmeten, von Judengeldern aufgebauten Hause durchaus keine fremde Procedur und der günstige Erfolg einer solchen Prüfung wurde mit Champagner jubelnd gefeiert, da knallten die Pfropfen! Auch eifriger Missionär war der Herr Chefarzt und wenn der Wagen mit der rochen Laterne in rasendem Tempo durch die Straßen jagte, der Kutscher in das schäumende Gespann — vom Herrn Doctor um 2500 fl. angekauft — einhieb und die schrillen Pfiffe gellten — dann fuhr dieser vielleicht gerade mit einem glücklich Bekehrten zur Taufe, denn er ließ seine Leute nicht locker, bis er sie da hatte, wo er sie wollte. Es vertrug sich jedoch vortrefflich mit seiner Gesinnungsflüchtigkeit, mit einem ganzen Gulden jährlich dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus beizutreten — Cynismus ohne Gleichen — nicht einmal ein Vergani wäre dessen fähig. Auch seinen edlen Genossen animirte er zum Beitritt und dessen Gulden wurde der Casse entliehen. Die Privat-Ordination des wackeren Arztes befand sich im Anstalts-Gebäude... Wenn man alle diese haarsträubenden Details zusammenfaßt, hat man vollauf die Berechtigung, über den empörenden Mißbrauch, der da mit dem jüdischen, wohlthätigen Herzen getrieben wurde, im höchsten Grade entrüstet zu sein. Dazu haben wir also das viele Geld hergegeben? Und wie leichtfertig mit den zusammengebettelten Fonds gewirthschaftet wurde! Solche Individuen haben wir unterstützt? Mit unseren Mitteln haben wir sie in Stand gesetzt, ein Wohlleben zu führen, das sie sich durch ihre Fähigkeiten und Talente auch nicht annähernd zu verschaffen im Stande gewesen wären. Und mit welch zäher Zudringlichkeit das an seinem gut bezahlten Amte hängt! Klettenhaft nestelten sie sich fest und waren gar nicht loszukriegen von den fetten Pfründen. Ging auch darüber das Institut in Fransen, was lag daran. Vor Allem das Geschäft. Da wage es noch Jemand, den jüdischen Erwerbssinn scheel anzusehen oder die Worte „jüdische Zudringlichkeit" und „jüdische Arroganz" in den Mund zu nehmen? Wie trat, dicht eingehüllt in seine Grobheit, Vragassy in seinem „Eingesendet" vor das große Wiener Publicum, er der Niemandem Verantwortung Schuldige? Bescheidenheit, mein Herr, war damals am Platze, und nicht nur damals, an Stelle Ihres krankhaft gesteigerten Jch-Gefühles. Leute Ihrer untergeordneten Capacität haben durchaus nicht die Berechtigung, sich als bedeutende Männer aufzuspielen. Die plumpe Comödie war ebenso leicht zu durchschauen, wie jene mit dem dummdreisten, nicht gezeichneten „Eingesendet" der 20 jüdischen Mediciner, die dem verehrten Chefarzte ihr werthvolles Vertrauen votirten. Nur um 17 zu viel und die drei Ehrenzuchtparadejuden mögen Sie sich auch getrost behalten, Herr Doctor, die gehören schon Ihnen. Lassen Sie sie taufen und firmen. War irgend etwas geeignet, die Aera Vragassy würdig abzuschließen, so sind es nur die empörenden Vorgänge auf der Klinik Nothnagels, welche jedem fühlenden Menschen das Herz im Leibe zusammenschnüren müssen ob ihrer scheußlichen Rohheit; verthierte, blöde Bursche, jeden Urtheiles und jeder menschlichen Empfindung baar, wagten es, in Gegenwart eines gefeierten Meisters von Weltruf, in Gegenwart von Schwerkranken zu toben, zu brüllen, zu trampeln und zu johlen und die ordinärsten Schimpfworte des antisemitischen Lexikons zu rufen. Sind das Menschen? In allen Krankensälen der Umgebung richteten sich Hunderte schwer Leidender mit bleichen Mienen auf ihrem Schmerzenspfühle auf — ihre angst- und schreckerfüllten Blicke irrten fragend in der Runde — war denn eine Horde wilder Büffel eingebrochen in das der Heilung leidender Menschen gewidmete Haus? Wie sinnlos geberdeten sich die würdigen Jünger der Wissenschaft, die Aerzte der Zukunft, die Blüthe der Nation — siehe „Deutsches Volksblatt" — weil ein Nothnagel über einen Vragassy ein in den denkbar zahmsten, schonendsten Worten abgefaßtes Verdict fällen mußte. „Er ist der Unterströmung nicht rechtzeitig und nicht energisch genug entgegengetreten." Das darf Nothnagel dem — Vragassy doch nicht bieten! Da muß gleich die Blüthe der Intelligenz eintreten für die bedrängte Unschuld. Wie ein Fels im brandenden Wogenschwall und furchtlos stand der Meister auf seinem Platz. Er ist wahrlich nicht der Mann, den kräftige Lungen und Füße einschüchtern. Weil er die Menschlichkeit auf sein Panier geschrieben, deshalb umheulte ihn jener aufgewühlte Orkan. Kein Titel und kein Orden ehrt den edlen Mann und seinen lauteren, integren Charakter, wie jenes Verdammungsurtheil ihn ehrt, welches die Anhänger eines Vragassy über ihn ausgebrüllt haben. Darauf kann er mit Recht stolz sein und der Herr emeritirte Chefarzt hat wenigstens die kleine Genugthuung eines effectvollen Abganges von der Scene. Gerufen dürfte er allerdings nicht werden. p—s. Ein jüdischer Saiyrikrr und sein Nachlaß. Als ein Verleger Börne den Antrag stellte, dessen „Werke" herauszugeben, war dieser höchlich überrascht, deren überhaupt geschrieben zu haben. Aus aufeinandergelegten Blättern wird selten ein Buch — höchstens im Sinne des Buchbinders, aber kein aus einer Stimmung schlank und frei emporgewachsenes, voll und gleichmäßig ausgereiftes Ganze. Betrifft's nun gar Arbeiten, wie sie der Tag und sein Ereigniß ins Leben rufen, so wird die Sache dadurch nur um ein gut Theil schwieriger mit der Buchmacherei. Die Zeitungen sind ja — der alte Schopenhauer hat Recht — der Sekundenzeiger der Weltgeschichte. Dem kurzlebigen Augenblick erscheint naturgemäß nichts wichtiger, als er selbst. Die Anziehungskraft nimmt auch mit der zeitlichen Entfernung im quadratischen Berhältniß ab. Was heute hochwichtig und interessant, sieht uns morgen an wie ein aufgelöster Scherzrebus. Champagner von vorgestern hat seinen eigenen Geschmack. ... Aehnliche Gedanken mögen wohl Biele beschlichen haben, die nach dem prächtigen, neuen Bande griffen: „Die letzten Wiener Spaziergänge von Daniel Spitzer. Mit einer Charakteristik seines Lebens und seiner Schriften von Max Kalbeck." Auch wir fürchteten den trübseligen Eindruck, den das abgebrannte Brillantfeuerwerk am nächsten Morgen macht. Die flammenden Sonnen, die in feurigen Sprühwirbeln wie toll kreisten,- lassen ihre dürren Holzärmchen ermüdet und verschlafen herunterhängen, der Boden ist bedeckt mit ausgebrannten Hülsen von Raketen und Schwärmern; was hochstrebend und sich selbst überbietend zum nachtschwarzen Sternen-