Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021034--03623-3027769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
♦äs«** Seite 500 Oestrrreiltzische Wochenschrift Nr. 26 dem Hause V a l o is durchbohrt hat, und Fr a nz R av a^ill a c, dessen Fanatismus Heinrich der IV. zum Opfer fiel. Santo Caserio war ein Werkzeug der Anarchisten, welche den Präsidenten der Republik längst mit einem dunkeln Schicksal bedroht haben. An dem Sarge Carnot's hallt mitten durch die schluchzende Todtenklage der entrüstete Ruf einer stolzen und starken Nation, die in ihrem tiesverletzten Rechtsgefühl nach Vergeltung schreit, nicht allein an dem fanatistrten und wahnwitzigen Werkzeug der entsetzlichen That, sondern mehr noch an Jenen, die es vorbereitet und geschwungen haben. Das ist die einzig richtige Erwiderung einer ihre volle Lebenskraft fühlenden Gesellschaft, die auf dem schweren Ringen ehrlicher Arbeit aufgebaut wurde und sich jetzt von der Gefahr umrauscht weiß, daß die edelsten Güter ihrer Cultur der habgierigen Arbeitsscheu eines gewissenlosen Mordgesindels verfallen sollen. Das ist es, was vorerst jenem Attentat eine große internationale Bedeutung verleiht, was die Folgen desselben für alle Culturvölker wie eine gemeinsame Angelegenheit erscheinen läßt. Der schon anläßlich des Attentates auf Crispi aufgenommene Gedanke eines gemeinsamen Vorgehens der Mächte gegen die anarchistischenGefahren wird, wie aus Rom berichtet wird, nun g r e i f b a r e G e ft a l t annehmen. Es heißt, daß in dieser Beziehung Schritte, und zwar aus der Initiative der italienischenReg i e r u n g unverzüglich bevorstehen. Auch aus London schreibt man, daß der a l l s e i t i g e K ampf nicht blos der Regierungen, sondern der Völker gegen den Anarchismus das Losungswort der nächsten Zukunft sein werde. Die halbamtliche „Wiener Abendpost" schreibt: „Herr Carnot, der Präsident der französischen Republik, ist in Lyon ermoroet worden. Das ist die durch den Telegraphen in alle Welt verbreitete Kunde, welche alle anderen Tagesereignisse in den Hintergrund drängt, auf Frankreich wie ein betäubender Schlag wirkt und wie in der ganzen übrigen gesitteten Welt auch in Oesterreich- Ungarn den t i e f st e n A b s ch e u, sowie das i n n i g st e M i t g e f ü h l für Frankreich hervorruft. Die anarchistischen Attentate, welche das genannte Land seit einem halben Jahre in Aufregung versetzten, haben dadurch einen furchtbaren, nicht mehr zu überbietenden Abschluß gefunden, welcher den bisherigen Erörterungen über Maßregeln gegen die anarchistische Propaganda ein Ende machen und zu raschen Entschließungen und thatkrästigem Handeln führen dürfte." Der Antisemitismus ist aber ein Zwillingsbruder des Anarchismus. Wir berufen uns hieb i auf das Zeugniß aus dem Munde eines österreichischen Staatsanwaltes: In dem zu Rakonitz durchgeführten Proceß gegen die „Brüder der Finsterniß" Adolf Natali und Genossen, welche dem jüdischen Kaufmann Ferd. Ko hu ein beachtliches Quantum Dynamit gestohlen haben, um ein Attentat gegen den Juden Leopold Popper und den vermeintlich jüdischen, thatsächlich aber arischen Advocaten Dr. Karl Wolf zu verüben, sagte der Staatsanwalt in seinem Schlußplaidoyer: „Das Motiv der verbrecherischen Handlungen, welche diesem Processe zu Grunde liegen, wurzelt in den leider heute weit verbreiteten Schlagworten, welche insbesondere die jüngere Generation beherrschen; Schlagworte, welche jedes ethischen und humanistischen Hintergrundes entbehren und lediglich auf einer schlechten Erziehung und Irreführung beruhen. Diese Schlagworte heißen: Anarchismus und Antisemitismus." Was will der Antisemitismus eigentlich? Haß und Verfolgung gegen einzelne Classen der Bevölkerung, Aufruhr und Austehnung gegen das Bestehende, Aufhebung des Gesetzes und des Rechtes, soferne es sich um die Juden handelt. Man höre die Reden der Antisemitensührer — denn diese konnte man in nur zu vielen Versammlungen hören — und sage, ob sie nicht ganz gut, nach einer kleinen entsprechenden Adaptirung in dem Munde eines Anarchistensührers passen würden — dem allerdings , hi-rzulande wenigstens, keine solche weitgehende Freiheit der Meinungsäußerung eingeräumt ist. Es gibt allerdings auch kleine Unterschiede. Kein Anarchist hat seinen Wahnsinn noch bis zu dem Grade gesteigert, daß er jemals beantragt hätte, man möge zur besonderen Belohnung ein eigenes „Schußgeld" Denjenigen gewähren, die „Bourgeois" aus dem Weg räumen. . . Der Ant semitismus und der Anarchismus haben der Berührungspunkte mehr als genug, und es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß z. B. die Einladung, mit welchen Mechaniker Schneider einstens seine Gesinnungsgenossen zum Besuche von gewissen Versammlungen aufforderte, eine frappante Ähnlichkeit mit gewissen Zetteln aufwies, die man zur Zeit der anarchistischen Ausschreitungen in Floridsdorf fand. Es ist gewiß auch kein Zufall, daß der Marquis Morö, der Führer der antisemitischen Partei in Frankreich, bei anarchistischen Vorbereitungen in seiner Heimat seine Hand im Spiele hatte, aber auch im brieflichen Verkehre mit den leitenden antisemitischen Kreisen in Wien stand. Ja zwischen Antisemitismus und Anarchismus herrscht eine intime Gesinnungsverwandtschaft, denn beide verfolgen mit gleich unsittlichen Mitteln gleich unsittliche Ziele, und wenn sie sich auch betreffs des Umfanges ihrer Wirksamkeit unterscheiden, so ändert das wohl nichts am Wesen der Sache. Die innige Verwandtschaft zwischen diesen beiden Entartungen der menschlichen Gesellschaft hat sich nirgends so offenkundig an das Tageslicht gedrängt als gerade in Frankreich. Anarchismus und Antisemitismus sind Zwillingsgeschwister und kein Land existirt in Europa, das von dieser verheerenden Pest verschont geblieben. Internationale Vereinbarungen gegen den Anarchismus wären wirkungslos, wenn sie nicht zugleich seinen Zwillingsbruder in das Bereich der Bestimmungen einbeziehen würden. Vraggffy's Glück und Ende. Wir wollen dem — endlich! — gewesenen Chefärzte der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft die letzte journalistische Ehre erweisen und ihm das Maß zum Nekrolog nehmen. Der Dahingegangenwordene hat uns den Abschied nicht allzuschwer gemacht.Als ein besonderes Zusammentreffen von Umständen den in weitesten Kreisen unbekannten Badearzt von Pistyün zur obersten LeUung eines damals Humanitären, großen Institutes berief, hatte sich derselbe in intimen, antisemitischen Conventikeln bereits als schneidiger Parteigänger eines gewissen Rufes zu erfreuen, welcher leider erst viel später der civilisirten Welt zur allgemeineren Kenntniß gelangte. Was Jaromir Mundy, den edlen Grafen Wilczek helfend, schützend und rathend zur Seite, unter opferfreudiger, thatkrästiger Mitwirkung des jungen, ärztlichen Nachwuchses mühevoll aufgebaut, was die öffentliche Wohlthätigkeit aller Confessionen, und der Juden insbesondere überhaupt möglich und lebensfähig gemacht — das hat dieser Mensch in kürzester Zeit zu Grunde dirigiren können. Welche Thatkraft und Energie! Welch bedeutendes, destructives Talent! Aber ohne den zerstörenden Sprengstoff des Antisemitismus wäre das Demolirungswerk nicht so rasch, nicht so gründlich gelungen, das steht unumstößlich fest. Wir wollen noch einmal in kurzen Zügen das Charakterbild des Geschiedenen zurückrufen, denn aller Voraussicht nach werden wir seines Gleichen nicht mehr sehen. — Das mehr als zur Hälfte von jüdischen Geldern erhaltene Institut hatte an ihm einen Leiter, der, weil er auf medicinischem Gebiete nichts Hervorragendes leisten konnte, es mit dem weitaus leichteren antisemitischen versuchte, wo er eher Aussicht hatte, durchzudringen. Die jüdischen Mediciner — unbezahlte Freiwillige, nicht zu vergessen — hatten sich endlose Ehicanen von dem horrend dotirten Herrn Chefarzte gefallen zu lassen. Kränkungen, Hohn, Spott ergossen sich über sie, sogar an ihrer Ehrlichkeit wagte man zu zweifeln und schloß — das Verbandzeug sorglich vor ihnen ein. Der Herr Chefarzt leistete in albernen Späßen — es waren dies theure Scherze — sehr Hervorragendes! Un-