Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 26. Wien- 29. Juni 4894. Jahrgang XI. Crntralvrgan für dir gesammten Intrrrsten des Iudenthums. m K. k. Postsparrasirn-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Ardsrtion und Administration Wien Frnn; Josrfs-Nuai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. HrrausgrLrr: Reichsraths-Avgeordneter Dr. Kloch. -4-—-H- Erscheint jeden Freitag. *£ Man abonnirt bei allen Postanstallen des In- und Auslandes. & verugspreis für Srsterrrirli: Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzelexemplare 28 kr. Für'» Ausland: halbjährig s fl. — 10 Kr. ganzjährig!O „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 13 kr. Inhalt: Leitartikel : Die Vendetta der Anarchie. — Vragassy's Glück nnd Ende. — Ein jüdischer Satyriker und sein Nachlaß. — Vom Jahrmärkte des Lebens. — Von der Wiener Universität. — Von der galizischen Landesausstellung. — Der Salzproceß Kijanski. — Eine antisemitische Comödie. — Unschuldig verurtheilt. — Abwehrvereine. — Korrespondenzen.- Wien, Baden, Budapest, Brraun, Kolonie«. — Vermischtes: Wien, Baden, Czernowitz, Galgocz, Lemberg, Budapest, Wosant, Neutra, Leitomischl, Prag, Csakaturn, Mainz, Ulm, Petersburg, Paris, Smyrna. — Feuilleton: Die jüdische antisemitische Lehrerin. — Briefkasten. — Inserate. Prot. Z. 33018 Reg. Nr. 3804 Im Namen Sr. Majestät des Kaisers! Das k. k. Landesgericht Wien als Preßgericht hat aus Antrag der k. k. Staatsanwaltschaft erkannt, daß der Inhalt der in Nr. 25 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 22. Juni 1894 enthaltenen Artikel mit den Aufschriften: 1. „Im Ansange war das Wort" in der Stelle von: „Wenn z. B.-bis „nicht boycottiren dürfte", 2. „Wohin der Antisemitismus führen kann" in der Stelle von: „Aber es ist"-bis: „in den Synagogen verkaufte", das Verbrechen nach 8 65 a) und ad 2 auch das Vergehen nach § 516 St. G. begründe, und es wird nach § 493 St. P. O. das Verbot der Wefterverbreitung dieser Druckschrift ausgesprochen, die von der k. k. Staatsanwaltschaft verfügte Beschlagnahme nach Z 489 St. P. O. bestätigt und nach 8 37 Pr. G. auf Vernichtung der saisirten Exemplare erkannt. Gründe: In diesen Artikeln wird zur Verachtung und zum Hasse wider die Staatsverwaltung aufzureizen gesucht und ad 2) überdies die Sittlichkeit und Schamhaftigkeit gröblich und ans eine öffentliches Aergerniß erregende Weise verletzt und erscheint demnach deren Inhalt geeignet, den Thalbestand des Verbrechens nach § 65 a) und ad 2 überdies des Vergehens nach 8 516 des St. G. zu begründen. Wien, am 23. Juni 1894. Der k. k. Präsident: Lamezan. Die Vendetta der Anarchie. Europa steht noch unter dem Eindrücke des grauenhaften Verbrechens zu Lyon, dem Carn o t zum Opfer fiel. Wo könnte man auch des schrecklichen Schauspiels ohne Entsetzen, ohne Theilnahme gedenken; wo würde man es mcht als tieftragisch empfinden, daß ein Mann, den seine Gewissenhaftigkeit und Redlichkeit an die höchste Stelle im Staate brachte, kurz vor dem Ablauf seiner Amtszeit, dafür büßen muß, daß er diese Stelle eingenommen hat. Tausende und Abertausende jubelten ihm in den Straßen von Lyon zu, das Volk umdrängte mit Hochrufen den Träger des obersten Staatsamtes, den obersten und unparteilichen Lenker jener Gewalt, die Ordnung und Sicherheit verbürgt und deren regelmäßiges Functiqniren die Voraussetzung alles civilisirten Lebens ist. Ein sünfundzwanzigjähriger Bursche aber, dem all' diese jubelnden Zurufe als Ausdruck einer ungeheueren Verirrung erscheinen, mischt sich in die freudig bewegte Menge und stößt dem Manne, einen Dolch in den Leib. Alle gekrönten Häupter, alle gesetzgebenden Körperschaften, alle leitenden Staatsmänner der civilisirten Welt beeilten sich, der französischen Republik die Theilnahme und Sympathie zu bezeugen. So weit gesittete Menschen wohnen, drängt die Empörung und Entrüstung über das entsetzliche Geschehniß jede andere Empfindung, alle Parteimeinungen und Parteibestrebungen zurück. Nur die österreichischen Antisemiten vergessen ihren Daseinszweck nicht und sinnen darauf, wie auch dieses tragische E reigniß am besten zu Parteizwecken ausgebeutet werden könnte. Die Aufgabe ist nicht leicht; weder Sadi Carnot, noch sein fluchwürdiger Mörder sind semitischer Abstammung; selbst die Aerzte, welche die Wunde erweiterten, waren keine Juden. Einem antisemitisch beanlagten Gehirn gelingt es aber auch, in den schwierigsten Situationen etwas Geeignetes auszudenken. Frankreich ist eine „Juden-Republik", eine „Republik von Rothschild's Gnaden" — daher die Katastrophe! Alexander II. regierte keine „Juden-Republik", sondern einen Staat nach dem Herzensideal unserer Antisemiten und ist vor einem grauenvolleren Ende nicht bewahrt geblieben. Das „Deutsche Volksblatt" kann zwar nicht umhin, die That des Caserio Santo mit einigen Phrasen zu verdammen, aber das Blatt macht nicht übel Miene, mit dem Opfer des Mörders weit strenger ins Gericht zu gehen, weil . .. nun weil das in den Kram des Blattes paßt, Carnot hat auch ein Verbrechen begangen, er war, wie das „Deutsche Volksblatt" ausrust, „zu schwach, den Kamps mit der Hydra der Corruption aus zu nehmen, die ihr Haupt aus dem Sumpfe der Republik von Rothichild's Gnaden immer drohender erhebt." Wir haben zwar die Lüge, daß das französische „Panama", bei dem auf hundert Christen und Arier kaum ein Jude kam, das Werk der Juden gewesen, oft genug gehört, aber wir sind doch noch immer nicht in der Lage, entschieden zu erklären, ob diese Lüge mehr albern oder mehr frech sei. Die Ideen und die Thaten des Anarchismus sind wahrlich nicht dem Geiste der Juden entsprungen, die überall, in allen Ländern und zu allen Zeiten, in Recht und Gesetzmäßigkeit die einzige Bürgschaft ihrer Existenz gefunden haben. Santo Caserio ist kein Jude, sondern Stammes¬ und Glaubensgenosse des Dominikanermönches Jaques [ Cl ement, dess n Mordst^hl Heinrich III., den Letzten aus .. pwi i1 W» 11 mrm+MHyiu m, n i t fia