Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 496 Weflrrrelchischr Vochenschrty Nr. 25 Wir standen schon längst vor dem Hause meines Freundes, als er mir das Ende dieses ergreifenden Dramas mittheilte, das er von dem Nachbarn Fradel's, bei dem auch Leib Bartel wohnte und das sie ihm in einer lichten Stunde erzählt, erfahren hatte. Als ich nach einigen Tagen CH ... . verließ, konnte ich es nicht unterlassen, einen Blick auf das Haus Fradels zu werfen. Sie saß gerade am offenen Fenster und sang leise vor sich hin: „Kol nidre." Literatur. Der Brief bei den alten Völkern namentlich Hebräern, Römern und Griechen. Von Dr. Sam. Spitzer, Oberrabbiner in Essegg. Eine von gründlichen und oft sehr mühsamen Studien zeugende Arbeit liegt vor, zu der die Materialien aus den allerentlegensten Winkeln beschafft werden mußten. Der „Brief" wird in seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung dargestellt und namentlich mit starker Betonung des archäologischen Momentes. Der Verfasser ergeht sich in wissenschaftlichen Ausführungen über die Schreibutensilien des dunkelsten Alterthums und wo die Archäologie ihn im Stiche läßt, muß die Philologie aushelfen. Eine erstaunliche Gelehrsamkeit und Belesenheit leistet ihm vortreffliche Dienste, wenn es gilt, dunkle Partien zu erhellen und als Talmudist ist er scharfsinnig genug, und lassen ihn alle Hilfsquellen im Stiche, sich gewandt und kühn combinirend aus der Schlinge zu ziehen. In den allermeisten Fällen jedoch operirt er auf wissenschaftlicher Basis nach strenger Methode, die jeder Ueberprüfung Stich hält. Seine Arbeit wird gar Manchem Vergnügen bereiten. Sie kommt zur richtigen Zeit. Schliemann hat Troja und Theben aufgedeckt — im alten Herculanum spaziert das neugierige fia de siede — Alma Tadema malt Bilder, welche mit ethnographischer Treue jedes kleinste Geräth der claffischen Alten vorführen. Die Bühuenkunst hält in ihrer Meiningerei gleichen Schritt mit der historischen Wirklichkeit. Da wird man denn auch genau wissen wollen, wie man in Urzeiten gescbrieben hat. Es bietet sich die Gelegenheit, darüber angenehmste Aufklärung zu erhalten. Memm. Kalendar Cesko-Zidovsky na rok 1894-1895. Der soeben vom spolek ceskych abademiku-zidu in Prag unter Redaction des Herrn Carl Fischer herausgegebene 14. Jahrgang des böhmisch-jüdischen Kalenders reiht sich in würdiger Weise den früheren Jahrgängen an, und empfiehlt sich durch Form und Inhalt allen böhmisch lesenden Glaubensgenossen. Der rituelle Theil wurde von Herrn Jacob Reiner mit ».ewohnter Präzision zusammengestellt. Der kalendarische Theil enthält alles in Vieser Beziehung Wissenswerthe. Der unterhaltende Theil wurde wieder mit einem Gedichte Jaroslav Brchlicky's „Schammai und Hillel" eingeleitet, in welchem dieser größte böhmische und mich in der Weltliteratur hervorragende Dichter seine so oft und insbesondere in seinem Schauspiele „Rabinskä moudrost“ (Rabbinische Weisheit) bethätigte Sympathie aufs Neue kundgibt. Ihren geehrten Leserkreis dürste eine Uebersetzung dieses Gedichtes interessiren, die ich Ihnen gleichzeitig einsende. Auch übersende ich Ihnen zu gütiger Benützung eine Uebersetzung der vom Prof. Dr. Al. Zucker im Kalender veröffentlichten Abhandlung „Die Stellung der Juden in der Criminalstatistik." Recht interessant ist eine zweite statistische Arbeit „Die Juden in Mähren" von Josef Kummer, sowie eine Abhandlung über den „Zionismus" aus der Feder des talentirten Predigers an der Or-Tomid-Synagoge Herrn Blastimil Kraus und ein zweites Gedicht „Modlitba" (Das Gebet) von R. M. Der durch ausgezeichnete Novellen, den Lesern früherer Kalenderjahrgänge bekannte V. Rakons (A. Oesterreicher) stellte sich diesmal mit einer Uebersetzung von Kompert's „Das Gebet eines Kindes" ein, während der böhmische Dichter Fr. Kvapil eine formvollendete Uebersetzung von Heinrich Heine's Gedichte „Prinzessin Sabbath" bringt, und B. Stransky uns mit einem Capitel aus dem Werke „Israel ches les nations“ von Anat. Lrroy Beaulieu, betitelt „Der Genius der jüdischen Nation" bekannt macht. Weitere Abhandlungen belehren uns über die Thätigkeit des böhmisch-jüdischen Vereines. Die typographische Ausstattung des Kalenders macht unserem jungen Glaubensgenossen H. L. Ballenberger, Buchdruckereibesitzer in Smichow alle Ehre. I. S. K r a u s. Briefkasten. K.: Die Schrift von Dr. Goitein „Die Bibel über den Werth des Lebens" ist bei I. Kauff'mann in Frankfurt a. M. erschienen. Green, Wien: Nicht nothwendig. A. I. in N.: Berichte lediglich über Predigten eignen sich zur Publication nicht. Fr. CH. Kr. hier. Ihre Ausführungen decken sich so ziemlich. mit jenen Börnes der auch nie begreifen konnte, wie gläubige Christen so unduldsam gegen Juden sein können. Ihm war dies auch nur Adels- und Priesterstolz, indem diese den Himmel für einen Hof ansehen und mit Verachtung auf alle Diejenigen herabblicken, die nicht so hoffähig sind, wie sie. Im klebriger, wie sagt doch Sophokles in „Antigone:* „Sieh', nicht wüthet der Sturm durch sämmtliche Tage des Jahres, Dir auch, glaub' es, wird lachen noch freundlicher Lenz." „Eine sonderbare Frage" ist thatsächlich die Ihre. Wie sagt doch die Erkenntniß: „Zeige Niemanden die U-berlegenheit Deines Geistes, willst Du Dir nicht Feinde machen." In diesem liegt auch der bittere Hatz, mit welchem Schneider, Gregorig und Vergani, die Dümmsten unter den Dummen, das Judenthum verfolgen. Wie die Faulheit die Dummheit des Körpers ist, so ist Dummheit die Faulheit des Geistes und „faul" sind alle drei! L. Wien. In „liberalen Wiener Tagesblättcrn" lausen gegenwärtig je ein Roman, in welchem die darin vorkommenden Juden mit all' jenen Lastern und seelischen Gebresten behaftet erscheinen, die nur je die Verleumdung den Juden angedichtet hat. Während im elfteren, „Der Greißler vom Spittelberg", der Erzähler sich begnügt, seine Juden habgierig, verschmitzt, verlogen und rachsüchtig darzustellen, finden wir im letzteren „Der Bandit von London" (in der Nummer vom 8. Juni d. I.) Juden, die einen Raubmord mit so teuflischer. Grausamkeit vollführen, daß „sie selbst" — wie es in dem Romane heißt - „gewöhnt, wie sie an solche Schlächtereien waren, sich des Entsetzens nicht erwehren konnten." Die beiden genannten Blätter gehören der liberalen Wiener Tagespresse an. Aber ist es nicht befremdend, daß in den hier gebotenen „Volksroman", welche viel mehr als die mit vortrefflichster Logik geschriebenen Leitartikel geeignet sind, auf . die Sinnesart des schlichten Volkes Einfluß zu nehmen, Vorurtheilen eine anscheinende Berechtigung und Feindseligkeiten Nahrung gegeben wird, die zu bekämpfen man im politischen Theile des Blattes bemüht ist? Ist es nicht vielmehr Pflicht einer politischen Zeitung, in all' ihren Aeußerungen denselben Standpunkt zu vertreten, und sollte sie nicht darauf bedacht sein, auch in dem der Unterhaltung gewidmeten Theile ihre Doctrinen zu propagiren und ihnen Gewicht und Ansehen zu verleihen? Um wie viel leichter könnte der Liberalismus im Volke eingebürgert werden, wenn die liberalen Blätter ihn nicht zum Theile selbst verleugnen würden, um dem herrschenden Geschmacke, der nach Grauenvollem und Schauderhaftem, nach Haß und Blut verlangt, zu huldigen. Jawohl, Sie haben Recht. No« Ölet. Na ja! Das Wort „Noblesse oMige^ erlaubt wohl Dr. von Vragaff'y, seine Chefarztensstelle mit weitaus von jüdischen Händen gegebenen Geldern sich hvnoriren zu lassen; dasselbe Wort verbietet ihm aber auch, mit Juden in persönlichen Verkehr zu treten. Er ist eben zuerst Adeliger, dann Chefarzt, dann arischer Christ und zuletzt erst Mensch. — Wenn nun S i e sagen: „Man sei doch zuerst Mensch und dann erst ein Chinese, so sagen das eben S i e und mit Ihnen nur noch einige Wenige. — Die große Mehrheit der Arier hält es aber mit Dr. Vragassy: Das Geld vom Juden stinkt nicht nach Knoblauch! Herrn Holzwarth, hier. Nicht Kronawetter nannte das Parlament „das Haus der Phraien," sondern Bismarck in seinem Briefe vom 18/4 1863 an seinen englischen Freund Motley. Fräulein Jda v. B. Das Bankhaus Rothschild allein gibt jährlich mehr als Hunderttausend Gulden für wohlthätige Zwecke aus, dennoch heißt es: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt!" „??" Nein, wenn wir auch so ziemlich Alles und selbst das Schlechteste von ,.EHren"--Bergani glauben, das, daß er sich für die Notiz in seinem vorwöchentlichen Montagblatte, gelegentlich des Besuches des Central-Biehmarktes durch den Minister des Innern: „Es wäre sehr wünschenswerth, weiln hiebei namentlich die Wünsche der reichen Fleischhauer Gehör fänden" von einem reichen Fleischhauer 10 fl. hätte bezahlen lassen, nein — credat Judaeus Apella. — die zaubergewaltige Erscheinung Vergani's ist ja anticorruptiv! — Ja, wenn Sie gesagt hätten 25 fl. — nun das wäre schon glaubwürdiger, aber um 10 fl. verkauft ein Vergani seine Popularität und Ehre denn doch nicht. Herrn O. F., Dr. v. P. und „Alex." in Arad. Woher das so seltsame Verhallen des Chefarztes Dr. v. Vragassy, welches in einem so sonderbaren Contrast zu jenen des Baron Mundy steht? Hm! — Unserer Ansicht gemäß, geht kein Haß so tief als der dummer Menschen gegen die Wissenden, und insbesondere dann, wenn diese auch noch einer anderen Rasse angehören; allein, was wollen Sie, das Judengeld nimmt Jedermann und immer gern; selbst auch Dr. med. von Vragassy. — Siehe übrigens auch obige Antwort. Anonym. Sie irren sich, werthester Herr! Nicht Heine, nicht Börne noch sonst ein Angehöriger des jüdischen Volkes, sondern der arische Christ Hoffmann von Fallersleben ist der Verfasser des seinerzeit im Beginn der 70er Jahre in der „Westphälischen Zeitung" gestandenen Verses: „Drei Dinge haben wir genug: Verdummung, Frömmelei und Trug Das ist ja unser Cultus nur, Ein Cultus ohne die Crrltur."