Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 25 Oesterreich! fchr Wochenschrifl Seite 495 daß Fradel die Unterstützung seiner Bewerbung der Entfernung des Meschorers zur Bedingung machte. Das war dem Roschhakohol nicht schwer gefallen. Feigelen ging die traurige Lage ihres Geliebten sehr zu Herzen, denn sie liebte den hübschen und sehr intelligenten jungen Mann, dem keiner der jungen Leute der ganzen Umgebung, ebenbürtig war, vom ganzen Herzen. In der That war auch Leib Bartl in seinem Wejen, in seiner Erziehung, ja selbst in seiner Kleidung eine ganz andere Art. Zu Czernowitz, als der Sohn eines wohlhabenden Bäckermeisters geboren, genoß er eine sehr gute Erziehung, denn er besuchte sowohl die Volksschule, als auch zwei Gymnasialclassen, doch als seine Mutter starb und sein Vater eine zweite Ehe einging, mußte er seiner Stiefmutter, wegen schlechter Behandlung das Feld räumen. Da er stets im Tempelchore mitgewirkt hatte und überdies eine schöne Stimme, sowie gute Musikkenntniß besaß, lenkte er die Aufmerksamkeit eines berühmten Chasens, Namens Jerüchim hakoton, aus sich, der zufällig mit seinem großen Chore in Czernowitz auf einer Rundreise begriffen war. Dieser machte Bartl den Antrag, ihm nach Tarnopol, woselbst er Chasen war, zu folgen. Bartl nahm diesen Antrag um so bereitwilliger an, da er keine andere Aussicht hatte und seine Stiefmutter ihm sein Dasein förmlich zur Hölle machte. So lebte Bartl in Tarnopol glücklich und zufrieden, von Allen sehr geliebt. Nach einigen Jahren, entschloß sich Jerüchim hakoton, der in Tarnopol ein schmales Einkommen hatte, nach Rußland, wo er früher in einer Stadt als Chasen angestellt war, zurückzukehren. Bartl jedoch, der die Knute schon von seiner Stiefmutter her kannte, hatte keine Lust dieses Land kennen zu lernen, und es war ihm sehr lieb, daß ihm die Gemeinde Ch . . . . den Antrag machte, daselbst die erste Meschorerstelle zu übernehmen. So kam Bartl nach CH ... . und es war nur Schicksalstücke, daß er der Nachbar Fradels oder vielmehr Feigeles wurde. Daß er durch die Ränke Fradels und ihrer Verbündeten seinen Posten verlor, darüber ärgerte er sich wenig, da er als anerkannt, guter Meschorer, viel bessere Anträge erhielt, aber der Gedanke, von Feigele getrennt zu sein, in ihr liebes Gesichtchen nicht schauen zu können, machte ihn verzweifelt. Er schrieb Feigelen einen rührenden Brief, den sie ermuthigend und tröstend beantwortete und ihm nochmals betheuerte, nur ihm angehören zu wollen. So verstrich bald seine Kündigungsfrist, Leib Bartl erhielt eine vorteilhafte Anstellung als Cantor in Bukarest. Doch war es schwer, seine Reise anzutreten, bevor er seine Feigele gesprochen. Dazu aber bot sich ihm keine Gelegenheit, denn auch der Briefwechsel wurde auf Anordnung Fradels sistirt und Heimlichkeiten verschmähten die Liebenden. Er wollte sie nur noch einmal sprechen, ihr sagen daß er ihr immer treu bleiben werde und daß er bei seiner neuen, unabhängigen Anstellung entschlossen sei, sie nach einer kurzen Zeit als sein liebes Weibchen zu holen. So kam der letzte Tag der festgesetzten Abreise Leib's. Um 11 Uhr Nachts sollte ihn die Eisenbahn von dem Orte seiner einzigen Hoffnung wegsühren. Den ganzen Tag trieb er sich vor dem Hause Fradels herum, es ließ ihm zu Hause keine Ruhe? Auch Feigele schien die Gefühle ihres Geliebten zu theilen, sowie von seiner bevorstehenden Abreise Kenntniß zu haben, denn sie stand am Fenster und blickte traurig ihm nach. Als es dunkel wurde, saß Leib Bartel sinnend in seinem Zimmerchen, verschiedene abenteuerliche Gedanken durchkreuzten sein Hirn. Plötzlich sprang er erregt aus, er hatte es getroffen. Eine Stunde vor seiner Abreise schlich sich Leib Bartel, seine Violine inderHand, in den Garten Fradels, stellte sich hinter dem Fenster von Feigeles Zimmer und begann leise und feierlich mit der ganzen Innigkeit seines aufgeregten Herzens, das „Kol nidre" zu spielen. Feigele hatte sich schon früh zu Bette begeben, sie mochte das forschende Auge ihrer Tante nicht länger ertragen, den Aufschrei ihres geängstigten Herzens nicht länger unterdrücken. Doch kreuzten auch in ihrem Kopfe verschiedene Pläne, so daß kein Schlaf über ihre Augen kam. Aber auch Fradel wälzte sich schlaflos auf ihrem Lager umher. Sie wußte, daß der verhaßte Meschorer die Stadt morgen schon verlassen haben werde, nun sollten auch ihre Pläne ungehindert verwirklicht werden. Zuerst sollte eine längere Erholungsreise angetreten werden, dann, nachdem Alles vergessen sein wird, wird Hochzeit mit dem Roschhakoholssohn gemacht. Das soll eine glänzende Hochzeit sein, murmelte sie vergnügt. In diesem Gedankengang wurde sie von den Tönen einer Violine plötzlich gestört. Anfangs glaubte sie, einer, der zu viel getrunken habe, laffe sich mit Musik heim begleiten, aber später fiel es ihr auf, daß die Töne immer von derselben Stelle kamen. Sie horchte auf, die Arie schien ihr bekannt zu sein. Hastig sprang sie aus dem Bette, warf um ihre Schulter ein warmes Tuch und eilte den Tönen nach, die von dem Garteu herzukommen schienen. Sie errieth gleich, wer der Spieler sei. Vor der Thüre des Vorhauses aber, sah sie zu ihrem Schrecken auch Feigelen im Garten. Schreckliche Gedanken marterten ihr Hirn, eine böse Ahnung beschlich ihr Gemüth; sie erinnerte sich an die Flucht Liebeles, der Mutter Feigeles mit Leiser. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirne, ihre Lippen bewegten sich, sie wollte schreien, doch kein Laut kam über ihre Lippen, sie wollte gehen, aber wie angewurzelt stand sie an derselben Stelle vor Angst. Der Spieler hatte schon längst aufgehört, Feigele stand Hand in Hand mit ihrem Geliebten; ein leises Flüstern, noch ein Händedruck, ein Lebewohl, das wie ein Schluchzen klang, dann riß sich Feigele von ihr los, und eilte dem Hause zu. Fradel athmete auf, sie war auf eine Entführung gefaßt. Die alte Hartherzigkeit erwachte in ihr, ein boshafter Gedanke huschte ihr durchs Gehirn. Schnell eilte sie ins Haus und verschloß die Vorhausthür; die Thür der Vorderseite des Hauses, war von innen gesperrt. Sie wollte sie ein wenig durch Draußenstehen und Angst in der Dunkelheit bestrafen. Feigele wunderte sich, die Thür, die sie offen ließ, gesperrt zu treffen, und rüttelte an derselben, nicht um ihre Tante, sondern um die Magd zu wecken, diese aber schlief in einem ganz anders gelegenen Theile des Hauses. Noch einigemale rief sie nach der Magd, aber vergeblich. Fradel saß hinter der Thür, den Augenblick erwartend, ihren Namen gerufen zu hören, aber dies geschah nicht. Sie wollte aber auch ihren Willen haben und dachte: „Der Starrkopf muß klein beigeben". So saß Fradel noch eine Weile, noch immer auf den Augenblick lauernd, wo Feigele um Einlaß flehen wird, doch ihr Geist wurde an diesem Abende zu stark angegriffen, und von einem tiefen Schlafe übermannt, schlief sie ein.- Inzwischen stand Feigele auf der obersten Stufe, die zum Hause führte, sie schien nun zu ahnen, daß die Tante ihre Hand im Spiele habe. Nothdürftig gekleidet war sie herausgeeilt, um dem Rufe ihres Geliebten zu folgen; sie wußte daß dies das Mittel war. das ihm zu Gebote stand, und sie konnte ihn nicht verzweifelt ziehen lassen. Ein Schauer durchrieselte ihren Körper, die Füße wurden ihr steif, und von einem Schwindel erfaßt, stürzte sie über die hohe, steile Stiege und — blieb entseelt am Fuße der Treppe liegen. Fradel schlief noch lange auf ihrem Stuhl, hinter der Thür. Plötzlich fuhr sie, wie von einem bösen Traum aufgeschreckt in die Höhe, sie merkte, daß sie schon lange geschlafen haben mußte. Laut Feigele, Feigele rufend, eilte sie behend über die Stiege und stieß auf den kalten Körper Feigeles. Erst glaubte sie, daß diese eingefchlafen sei, als sie aber nach ihren Händen griff und selbe starr und eisig kalt fand, fing sie jämmerlich zu schreien an, so daßsämmtlicheNachbarn entsetzt herheiliefen. Sie geberdete sich wie wahnsinnig, klagte sich als Mörderin Feigeles an und flehte, daß man sie tödte. Man mußte sie förmlich fesseln, da sie sich von der Leiche nicht trennen wollte. Feigele wurde zwei Tage später auf dem hiesigen Friedhof, wo wir eben Fradel trafen, begraben. Die ganze Gemeinde betheiligte sich an dem Leichenbegängniß und Jeder verließ wehmüthig den Friedhof . . . * * * Doch Fradel wußte von Allem nichts. Sie saß zum Entsetzen Aller in ihrem Zimmer, legte die rechte Hand auf ihre Wange, wie es die alten Chasonim zu thun pflegen und sang langsam und feierlich „Kol uidre". Da man sie niemals singen gehört, so verbreitete sich das Gerücht, und Jeder glaubte es fest: „Der Dibik", (ein sündiger, unerlöster Geist) von einem Chasen sei in ihr gefahren, und Jeder mied furchtsam ihre Nähe. Jeden Abend schleicht sie sich in den Friedhof und singt auf dem Grabe Feigeles deren Lieblingslied: „Kol oldre".