Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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'Jtt. 25 L»eflrrrrtrtzlsrtze MortzrnschrM Seite 489 Hast du Bellhagens und Gschnasings monatshestige Angriffe gelesen, Pumpo? Famos ist der Urgermane Szczepaüski mit dem Accent auf dem n losgegangen gegen das jüdische Gelichter. Ich möchte gar zu gerne wissen, ob der auch Mitglied des Vereines zur Abwehr ist. Würde mich interessiren. Vielleicht erfährst Du darüber Näheres. Dann sagst Du es Deinem Teutobold. NB. Mir bämmerts auf! Ich denke der Szczepaüsky ist auch so ein Oberjude und sein Artikel eine gemeine Judenfinte. Dam.'t die Juden die Monatshefte lesen und unterstützen sollen — deshalb werden die jetzt antisemiüsch. Ueberall rieche ich Juden — ich, der sie nicht riechen kann. Das ist die Tragik meines Schicksals. _ Der Obige. „Iudenreine und verjudete Sommer- - frischen " W ie n, im Juni. Das Thema ist actuell. Ein Theil der Städter, respective der Wiener Juden, denen aus Gesundheits-Rücksichten oder erholnngshalber ein Aufenthalt in guterLaudluft ordinirt wurde, ist bereits .in den Sommerfrischen anwesend, ein anderer Theil rüstet sich zu den bevorstehenden Schulferien aus, auf's Land zu ziehen. Da soll und muß die Hetze gegen die jüdischen Sommerfrischler losgehen, damit die Continuität zwischen Stadt und Land aufrechterhalten bleibt. Bringt da der antisemitische Schmock, bekannt unter dem charakteristischen terrninus teellvieus „Verganiv“ in der Nummer vom 14. d. M. des „Deutsch. Volksbl." unter dem „Strich" noch mehr aber unter aller Kritik ein Feuilleton, „Jüdische Sommerfrischen", selbstverständlich nicht als Eigenarbeit, sondern mit der Scheere erworben, aus den zu Berlin erscheinenden deutschnationalen Monatsheften „Das zwanzigste Jahrhundert", gleich Tags nachher als ergänzendes Pendant ein Feuilleton „Judenreine Sommerfrische" wieder entnommen der würdigen Genossin, der .„Staatsbürgerzeitung". Bis zum Jahre 1848 gab es in Wien bekanntlich nur eine ganz kleine Judengemeinde, die sich, da dem Freiheitsjahre bald die intensivste Reaction folgte, bis Ende 1860 nur mäßig vergrößerte. Erst Anfangs der Siebziger-Jahre begann ein größerer Zuzug, und zwar waren es nahezu ausschließlich die wohlhabenderen Juden, die in die Residenz zogen. Die Sommerfrischen waren daher bis Anfangs der Siebziger-Jahre mit ganz vereinzelten Ausnahmen ganz „ju den rein". Wie waren aber damals diese Sommerfrischen beschaffen? Mit Ausnahme der Südbahn gab es keine andere Eisenbahnverbindung nach dem Westen, die an der West- und Franz-Josefsbahn gelegenen Sommerfrischen kommen daher nicht in Betracht. Auch Mödling, Baden, Vöslau, die Brühl u. s. w. konnten wegen der größeren Entfernung und der hohen Fahrtarise von den breiteren Volksschichten nicht frequentirt werden. Der Zielpunkt der Sommerfrischler blieb daher auf Dornbach, Neuwaldegg, Sievering, Salmannsdorf, Neustift, Döbling, Währing, Weinhaus, Gersthof, welch letztere damals noch einen ganz ländlichen Charakter besaßen, gerichtet. Es fällt nun nicht schwer, sich einen Begriff zu machen, welcher Art diese Sommerfrischen waren, man braucht nur die genannten Ortschaften, welchen die Bauspeculation noch nicht das Gepräge der Großstadt aufgedrückt hat, z. B. Neuwaldegg, Dornbach, Salmannsdorf, Sievering u. s. w., zu besuchen und man wird noch alle die kleinen, windschiefen, baufälligen, tief unter dem Straßenniveau stehenden Häuschen und Baracken gewahr werden, welche dem an besseren Comfort gewöhnten großstädtischen Wiener während der Sommerszeit als Aufenthaltsort zu dienen hatten. Gebäude mit engen, äußerst niedrigen Räumen und gucklochartigen Fenstern, die vor Feuchtigk it triefen, in der unmittelbaren Nähe der Stallungen, ohne Anstandsorten, in denen bei Wärme der großen Hitze, bei Regen der Feuchtigkeit wegen nicht zu existiren ist, derart sind die antisemitischen Ideale beschaffen. Thatsächlich kamen Diejenigen, denen eine Erholung und Kräftigung noch chat, nach längerem Aufenthalte elend und krank mit Rheumatismus und Zipperlein nach Wien zurück. Freilich war die Miethe nicht hoch, man begnügte sich mit einem oder zwei Zimmer und Küche — in den geschlossenen Räumen war es nicht auszuhalten — und bezahlte zwischen zwanzig und fünfzig Gulden jährlich, hatte dabei noch als Zugabe die Benützung des allerdings primitiven Gartens, respective zum Häuschen gehörenden eingefriedeten Wiesengrundes und häufig auch die Frucht der Obstbäume. Für Milch, Gemüse, Geflügel, Eier, Butter, Wein, überhaupt für landwirthschaftliche Producte bezahlte man dem Miecher lächerlich minimale Preise. Der Vermiether sah den Städter, den er häufig nur des Sommers über ansichtig wurde, als ein höher geartetes Wesen an, vor welchem er sich demüthig j beugte und dessen Wünsche ihm als Befehle galten. Der Städter dagegen betrachtete den Bauer oder Hauer als ein inferiores Geschöpf, dazu da, ihm nach jeder Richtung zu Gebote zu sein. Zog der Städter wieder in die Stadt, hatte der Vermiether das leere Nachsehen, denn die wenigen Gulden für die erhaltene Miethe reichten nicht aus, die von der minorum gentium angerichteten Schaden an Wohnung, Gerüchen und Fluren zu repariren. Allein häufig kam es auch vor, daß die Herren Städter, respective deren Frauen, die Zeche für abgenommene Milch, Eier, Butter, Wein u. s. w. schuldig blieben, in die Stadt zogen und an das Bezahlen wohl nicht vergaßen, sich dazu aber niemals verpflichtet hielten. Nicht selten pumpten die Sommerfrischler von den in der Regel armen Vermiethern auch baares Geld, auf welches Letztere in den meisten Fällen verzichten müssen, denn „wo nichts ist — hat der Kaiser das Recht verloren". Wie ganz anders sind gegenwärtig die Verhältnisse in der Villeggiatur, seitdem Juden die Sommerfrischen frequentiren. Der Jude beschränkt sich lieber in anderer Richtung, in der Wohnungsfrage jedoch huldigt er zumindest einem behäbigen Luxus, dem Grundsätze treu: „Mein Haus ist mein Schloß". Der Nachfrage folgend, fanden sich Bauunternehmer genug, welche Wohnhäuser im städtischen Stile oder villenartige Gebäude aufführten, die eine gute Verzinsung abwarfen und den Erbauern reichen Gewinn beim Verkaufe brachten. Grund und Boden stiegen aufs Zehn- bis Hundertfache. Bauer und Landwirth erzielen gegenwärtig doppelte und dreifache Preise für ihre Producte. Der Wohnungsvermtether ist nun Herr seines Besitzes, nicht Sclave oder Diener des Miethers. Die Sommerfrischen sind grüßtentheils mit modernen communalen Einrichtungen versehen. Die Gemeindeverwaltungen functioniren regelrecht, es fehlt nicht an Schulen, die Straßen werden bespritzt und erscheinen gepflegt, die Verschönerungsvereine richten das Augenmerk auf Errichtung und Erhaltung von Promenaden und Aussichtspunkten. Die Vorschriften in hygienischer und sanitätspolizeilicher Richtung werden strenge beobachtet. Ueberall macht sich ein Fortschritt zum Besseren bemerkbar. Wo nicht die moderne Seuche, der Antisemitismus, eingedrungen oder mit Gewalt hineingetragen wurde, herrschte überall das beste Einvernehmen Bis vor Kurzem und vielfach noch jetzt nehmen Juden als Sommerfrischler oder Haus- und Villenbesitzer hervorragenden Antheil an den Communalverwaltungen und genießen eine angesehene, geachtete und sociale Stellung. Die Juden betheiligen sich nicht nur an öffentlichen Vereinen, sondern auch an allen wohlthätigen Institutionen mit reichen Geldbeiträgen. Kurz gesagt, es besteht oder bestand bis vor nicht langer Zeit ein Unterschied zwischen jüdischen und arischen Sommerfrischlern nicht. Im Gegentheile, der von des Gedankens Blässe noch nicht angekränkelte, naive, aber auch pfiffige Landmann weiß ganz gut den Vortheil zu würdigen, den ihm der Jude, respective das jüdische Geld bringt, ebenso wird es ihm klar, daß ohne die Concurrenz der Juden die Miethe der Wohnungen und die Preise der landwirthschaftlichen Producte tief im Preise finken müßten, was die Gefährdung oder Untergrabung seiner schwieriger gewordenen Existenz zur Folge haben müßte.