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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-22 · 25 (22.6.1894) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
25 (22.6.1894)
Date
1894-06-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 484 Weyerretchifche VochenfchrM Nr. 35 „Wunder" erklären. Mit sauersüßer Miene gesteht er dies ein. Er würde viel mehr Gürtel zu 7 kr., mit Post einzeln 12 kr. per Dutzend 70 kr. verkaufen, wenn er jenes dürfte. Diesem erfahrenen Geschäftsmann, der in Kuppelungen, Patenten, Gürteln, Ritualmorden, Luftvillen, Baustellen rc. arbeitet, dabei aber ein so schwaches Gedächtniß hat, daß er sich für gerichtlich unbeanständet hält, trotz seiner aller Welt zur Genüge bekannten Berurtheilung, empfehlen wir dringend die goldenen Worte: „Sie sollen jedenAbendihrGewissenerforschen,und wenn siefinden, daß sie in irgend einen Fehler gefallen sind, Gott dafür umBerzeihungbitten mit dem festen Borsatze der Besserung." Klingt's bekannt Herr Demokritos- und Talmudforscher? Ei, freilich, es ist ja wieder von Ihnen. P—s. Vom Jahrmarkt des Lebens. Von der verunglückten Rettungsgesellschaft. Die Vorkommnisse in der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft beschäftigten ununterbrochen die öffentliche Aufmerksamkeit. Die Mittheilungen, welche an uns gelangen und die Person des neuen Leiters Dr. v. Bragassy und Herrn Dr. Zechmeister' betreffen, klingen geradezu unglaublich und wir halten mit der Publication derselben zurück, bis die gewählte Untersuchungscommiffion die Resultate ihrer Erhebungen abschließen wird. Inzwischen mehren sich die Austrittserklärungen der wichtigsten unterstützenden Mitglieder und jede Post bringt neue Absagebriefe. Aus Bad Gastein erhielt die Gesellschaft folgende Zuschrift: „Badgastein, Billa Gruber, 15. Juni 1894. Löbliches Präsidium der Freiwilligen Rettungsgesellschaft in Wien! Die antisemitische Strömung in Ihrer humanen Gesellschaft, welche im Vergleiche zu Ihren Bestrebungen unerklärlich ist, veranlaßt mich, als langjähriges beitragendes Mitglied meinen Austritt anzumelden. Bei dieser Gelegenheit kann ich es nickt unerwähnt lassen, daß ich vor einigen Jahren, als ich in Erfahrung brachte, daß Sie den Vettrieb Ihrer Lose der antisemitischen Wechselstuben-Firma Schellhammer und Schattera übertrugen, mich an den Herrn Grafen Lamezan schriftlich wandte und meiner Verwunderung Ausdruck gab, daß Ihre Gesellschaft im Hinblicke auf die wiederholten öffentlichen Angriffe von Seite der Antisemiten und in Anbetracht der vielen Spender und Gönner jüdischer Eonfefsion, den Vertrieb Ihrer Lose nicht einerliberalen katholischen Firma anvertrauten. Zu meiner Ueberraschung blieb mein höflicher Brief sowohl von Seite des Herrn Grafen Lamezan, als auch von Seite Ihres Präsidiums bis heute unbeantwortet. Selbstverständlich habe ich mir seither die Zusendung Ihrer Lose verbeten, wodurch Ihre Gesellschaft jährlich fl. 10 weniger Einnahmen hat. Ich zahlte jedoch in Anbetracht Ihrer menschenfreundlichen Thätigkeit we'ter meinen jährlichen Beittag von fl. 10 und für eine noch nie benützte Ballkarte jährlich fl. 6 und habe außerdem vor beiläufig 2 Jahren aus dem Uebeischusse einer Sammlung Ihnen persönlich circa fl. 400 übergeben, worüber ich Ihre Bestätigung habe. Ich mache es mir jedoch in der letzten Zeit zum Principe, solche Vereine, in denen sich Antisemitismus, was mit Unmenscklichkeit identisch ist, zeigt, nicht zu unterstützen. Sie werden meinen Austritt nicht empfindlich fühlen und gewiß in anderen freigebigen Elementen genügende Entschädigung finden. Eines löblichen Präsidiums Hochachtungsvoll ergebener S. Heit, aus Wien, I., Rudolfsplatz 10." Einer der ältesten unterstützenden Mitglieder, Herr W. Trebitsch, welcher am 24. November 1889 die Hilfsaction für die durch die antisemitischen Angriffe in ihren Bestand gefährdet gewordene Rettungsgesellschaft durch eine bedeutende Spende in der „Neuen Freien Presse" einleitete, war soeben im Begriffe, seine jährliche Spende zu capitalisiren und zu Gunsten der Gesellschaft einen entsprechenden Betrag zu stiften. In Folge der in der Oeffentlichkeit bekanntgewordencn Vorgänge hat er selbstverständlich diesen Plan aufgegeben. Dafür hat aber die Rettuugsgesellschaft sich neue Freunde erworben. Pan Berga new bemüht sich, die gegen Dr. von Bragassy und dem Jnspectionsarzt Dr. Zechmeister erhobenen Vorwürfe als muthwillig und unwahr zu widerlegen und entwirft einen ingeniösen Plan, „die Rettungsgesellschaft von dem jüdischen Geldsack unabhängig zu machen" — durch ein öffentliches Wohlthätigkeitsgesetz, dessen Bestimmungen das Blatt sehr detaillirt beschreibt. An die Möglichkeit des Gelingens aber scheint der Verfasser des Artikels selber kaum zu glauben. Deswegen rathen wir den Herren Antisemiten, sich an den „Socialpolitiker von Hernals" um Hilfe zu wenden; der weiß Rath in jeder Lage des Lebens. Der Prinz Liechtenstein verfügt über Millionen, mit einer Spende von jährlich 80.000 fl. wird er die Rettungsgesellschaft von dem jüdischen Geldsack unabhängig gemacht haben. Wir empfehlen diesen Plan den Führern der „vereinigten Christen" zur ernsten Erwägung. Wir lesen in der „Wiener Medicinischen Wochenschrift" in Nr. 25: „An dem Gebäude der „Wienerfreiwilligen Rettungsgesellschaft" prangt seit kurzer Zeit eine Tafel, welche die „Privatordination" des von der Gesellschaft bestellten und, wie bekannt, glänzend honorirten Chefarztes ankündigt. Die Errichtung einer Privatordination innerhalb einer durch mildthätige Spenden erhaltenen, dem Samariterthum dienenden Gesellschaft, einer Gesellschaft, welche eine große Reihe von praktischen Aerzten, die sich uneigennützig ihr zur Verfügung gestellt haben, zu ihren, natürlich unbesoldeten, Ehrenmitgliedern zählt: das bedeutet geradezu eine Herausforderung, auf welche die praktischen Aerzte, die sich ihr tägliches Brod mühsam verdienen müssen, die Antwort kaum schuldig bleiben werden." Unsere Lehrmeister der Moral. Den Wiener Zeitungen ging eine Liste der Spenden für den Kirchenbau auf dem Semmering zu. welche die Journale natürlich bereitwilligst publicirten. Auch das „Vaterland" veröffentlichte die Liste, nur strich es aus derselben die Namen der Freiherren Nathaniel und Albert Rothschild, die 10^0 fl. gespendet haben. Die Spende des Fürsten Schwarzenberg mit 50 fl. wurde nicht vergessen, während der millionenreiche Tribun von Hernals und Ottakring, der schwarze Prinz Liechtenstein, es überhaupt vorzieht, den Bau einer Kirche oder die Unterstützung der durch Hagel Verunglückten — den Juden zu überlassen. Also das Geld nimmt mdn von Herrn Baron Rothschild, man schämt sich aber zu erzählen, daß man für den Kirchenbauzweck vom „Juden" Tausend Gulden empfangen hat. Darum wird das einfach unterschlagen. In der Nummer von Samstag den 16. Juni 1894 erklärt aber das „Vaterland", daß es „zu den n oth wendigen Dingen vor Allem auch die Pflicht rechne, der Wahrheit Zeugniß zu geben." Es scheint aber, daß gegen Juden auch die Wahrheitspflicht suspendirt bleibt. Ursachen des Antisemitismus. Wir lesen im „Neuen Wiener Tagblatt" vom 17. Juni 1894: „Von hochachtbarer Seite erhalten wir die folgende Zuschrift: „Als ich heute einen Aufruf zu einer antisemitischen Versammlung in Baden für Sonntag den 17. d. M. las. in welchem auch eine Rede des Dr. Geßmann in Aussicht gestellt ist, fand ich zu meinem nicht geringen Erstaunen unter den Einberufern der Versammlung den Namen eines Mannes, Herrn B., unterzeichnet, der vor 22 Jahren bei mir Bedienter war und in Folge eines Verhältnisses mit einem Mädchen dasselbe zur Mutter machte. Um diesen Diener die Möglichkeit zu geben, das Mädchen zu heiraten und sich eine Existenz zu gründen, schenkte ihm meine selige Frau 300 Gulden. Mit diesem Gelde etablirte er sich in Baden, prosperirte und gehört nun zu den eifrigsten Antisemiten, obwohl er einer jüdischen Dame seinen Wohlstand dankt oder vielmehr danken sollte. Mein Name bürgt Ihnen für die Richtigkeit dieser Angaben." Die Budapester Getreidehändler und der Wiener Saatenmarkt. Budapest, 20. Juni. Im großen Börsensaale versammelten sich heute etwa dreihundert Kaufleute aus Budapest und der Provinz, um in der Frage der Beschickung des Wiener Saatenmarktes Stellung zu nehmen. Der Einberufer der Versammlung Kammerrath Szavost, der später auch zum Vorsitzenden gewählt wurde, begrüßte die Versammlung mit einer Ansprache, in welcher er seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß der Einladung in so überraschend großer Zahl Folge gegeben wurde. Der Zweck der Versammlung sei lediglich der, die ungarische Kaufmannschaft gegen jene meuchlerischen Angriffe zu schützen, mit welchen von gewisser Seite in Wien gedroht wurde. Die ungarischen Kaufleute werden in ihrer Action weder von Chauvinismus noch von irgend einer Animosität gegen Wien geleitet, sondern es bestimmt sie dazu das böswillige Vorgehen, welches ihnen

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