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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-22 · 25 (22.6.1894) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
25 (22.6.1894)
Date
1894-06-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 Körper, den von sich zu stoßen nicht die Politik einer weisen Regierung sein kann. Und die Forderungen der Juden sind doch so bescheiden, so durchaus mit den wahren Interessen der Monarchie übereinstimmend. Den Tschechen, den Polen, den Slovenen, den Rumänen u. s. w. steht jede Carriöre offen, ist jedes Amt zugänglich, und doch jammern sie über Bedrückung und Zurücksetzung. Vom Juden aber verlangt man, er solle seine Religion verlassen, wenn er befördert werden will, und bedroht ihn, wenn er sich nicht der in jeder Provinz das Uebergewicht besitzenden Nationalität anschließt. Wenn es so weiter geht, dann wird freilich Len Juden kein anderes Mittel bleiben, als zu den vielen österreichischen Nationalitäten eine neue hinzuzufügen, eine an Seelenzahl den Slovenen vielleicht gleich starke aber durch Intelligenz, Energie und Rührigkeit bedeutendere, durch Druck und Zurücksetzung verbitterte Nationalität. Eine Nationalität, die zur österreichischen Armee beinahe ein ganzes Armeecorps stellt. Eine Nationalität, die man als sehr bescheiden anerkennen müßte, wenn sie nicht die Anbringung hebräischer Straßentafeln verlangen würde. Das vivläe et iwpera hat sich nie so gut bewährt, wie der hebräische Spruch, mit dessen lateinischer Uebersetzung wir begonnen haben: „Justitia regnorum fimdamentiun“. M. Deckertiana. Der hochwürdige Herr Pfarrer von Weinhaus hat sich in der vierten seiner über Gebühr beachteten Predigten, welche sich bei den untersten Zehntausend ganz außerordentlicher Beliebtheit erfreuen, mit einem Buche beschäftigt, das in Folge seines leicht verständlichen Inhaltes und seiner angenehmen lesbaren Schreibweise Jedermann anläßlich der bevorstehenden Badesaison als unterhaltende Reiselectüre'zu empfehlen ist nämlich mit dem Talmud. Die gründliche und streng wissenschaftliche Methode des menschenfreundlichen Priesters hat sich auch diesmal im glänzendsten Lichte gezeigt. Er setzte sein Auditorium in bewunderndes Erstaunen durch die Fülle der Gelehrsamkeit, welche er vor ihm ausbreitete. Selbst gewiegte Talmudkenner mußten sich gestehen, daß Alles, was Se. Hochwürden vorbrachte, ihnen bislang entgangen und gänzlich unbekannt geblieben war. So zum Exempel der Passus über den Messias der Juden: „Wie sieht es mit diesem, von den Juden erwarteten Messias aber aus? Der Talmud schildert ihn genau. Der Messias wird, auf einem Esel reitend, kommen und ein großartiges Gratisfest veranstalten, an dem Jeder theilnehmen wird — nur nicht die Christen. Das Menu dieses Messiasfestes ist genau beschrieben. Zuerst ein ungeheurer antidiluvianischer Ochs — ein solcher hätte ja in Noah's Arche nicht Platz gehabt — dann ein Vogel, so kolossal, daß ein ihm beim Niedersteigen entfallendes Ei 1000 Tannen und 60 Städte zertrümmern werde. (Heiterkeit.) Ferner zwei Gänse, so fett, daß das Fett aus ihnen spritzt. (Erneuerte Heiterkeit.) Dann folgt ein Festtanz und schließlich werden die Ueberbleibsel der Messiasmahlzeit den Gojim verkauft werden. So sieht es mit dem Messias der Juden aus — ist das nicht eine Tollheit?" Ist das nicht eine Tollheit? Wir können diese Frage nur entschieden und rückhaltlos bejahen. Das ist ganz sicher eine Tollheit. — Nun liegt aber ein Anderes nahe und hat manche Köpfe zum Nachdenken angeregt, wie es ja ein nicht zu negirender Vorzug aller Deckert'schen Predigten ist, daß sie zum Nachdenken anregen. Man mußte sich angesichts der „Tollheit" wohl fragen, woher hat denn der Herr Deckert diese Geschichte mit dem Vogel und dem interessanten Ei, die im Talmud selbstverständlich nicht existirt? Wo mag er das nur herhaben, nachdem sein edler Gesinnungsgenosse Paulus Mayer derzeit noch immer nicht in der Lage ist, dem Freunde seine Muße zu widmen? Wir können heute, dem Fingerzeige eines Lesers dieser Blätter folgend, die Antwort auf diese Frage geben und über die Talmudstudien des hochwürdigen Redners allen erwünschten Aufschluß ertheilen. Die gelehrte Quelle des Dr. Deckert, aus der er seine erstaunlichen Talmudkenntnisse schöpft, ist ein sehr bekanntes Buch, welches als Motto die Zeilen trägt: Freude mit guten, frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, Obgleich ein Wort oder Zötlein zu viel, das gefällt Gott wohl. In diesem Buch, Band 12, steht das Capitel 9 überschrieben: „Das Abenteuerliche und Extradumme" — und hier Seite 483 ist auch die Stelle, wo die profunde Gelehrsamkeit des Herrn Deckert ihre Zelte aufgeschlagen hat, hier ist die Abenteuerlichkeit und Extradummheit zu Hause. — Das Buch aber ist Webers „D em okritos". Die Stelle heißt wörtlich: „Auch ein schon gebratener Vogel Sis ist bereit, der einst ein Ei fallen ließ, das 300 Cedern umschlug, und dessen Dotter 60 Dörfer überschwemmte oder in lauter Eierdotter legte u. s. w." Leider müssen wir constatiren, daß Deckert den Demokritos nur sehr unvollständig und nicht ganz genau zu citiren pflegt. Die Schimpf- und Scheltworte, mit welchen angeblich der Religionsfanatismus der Juden im Talmud die Christen belegt, man erlasse uns die wörtliche Widergabe der abscheulichsten Albernheiten, sind wieder dem Demokritos, diesmal Band 5, Capites 10: „Der Haß", entnommen, aber Weber fügt hinzu: „Was ist Alles das gegen den Fanatismus der C h r i st e n h e i t gegen Juden?" Das hat allerdings Dr. Deckert mitzucitiren vergessen. Was soll man aber von einem Manne, von einem Priester denken, der derlei Blödsinn im geweihten Gotteshause vorbringt, der die Kanzel erniedrigt, um seinem fanatischen, verblendeten Hasse blindwüthigen Ausdruck zu verleihen? Mehr als einmal in jeder Predigt weist Deckert nachdrücklich auf seine gründlichen, eingehenden Talmudforschungen hin. Er versteigt sich sogar zu der grotesken Behauptung, er der nicht einen hebräischen Satz lesen kann, wäre ein viel besserer Talmudkenner, als Güdemann und Jellinek! Wer lacht da — nicht? Allerdings haben jene beiden großen Leuchten des Judenthums ihre talmudische Wissenschaft nicht aus „Demokritos" geschöpft — zugegeben — aber dennoch dürfte Deckert mit seiner sonderbaren Ansicht ganz vereinzelt stehen. „Demokritos" ist ein sehr lustiges und sehr frivoles Buch, das einmal viel gelesen wurde von allerlei unreifer Jugend, die ja an herzhafter Schweinigelei ihr stets erneutes Wohlgefallen findet. „E i n Z ö t l e i n zuviel" meint sein Verfasser? Tausend zu viel. Auf jeder Seite wimmelt es von Zwei- und Eindeutigkeit. Die Geschlechtsprobleme der Liebe und Ehe werden mit einer Leichtfertigkeit behandelt, die ihres Gleichen sucht. Der Sinnenkitzel steht im Vordergründe, der Genuß wird in einer Weise glorificirt, die erwachsenen, gesitteten Menschen, die gar nicht übermäßig prüde zu sein brauchen, die Rothe der Scham und Entrüstung in die Wangen treibt. Das Buch stammt ans einer leichtlebigeren, leichtfertigeren Epoche; daß dies die Lectüre eines Priesters bilden soll, daß ein Mann, dessen heiliger Beruf darin besteht, den Andächtigen das Wort Gottes zu künden, aus solchen Büchern die Anregungen hiezu empfängt, hätten wir nie gedacht. Wir wollen einmal die Ansicht eines katholischen Priesters hören, der folgende Regel gerade hierüber aufgestellt hat: ,,Sie mögen einen besonderen Fleiß auf die Erfüllung des 6. und 9. Gebotes anwenden, in welchem Gott Jedermann standesmäßige Keuschheit gebietet. Sie sollen deshalb jede gefährliche Gelegenheit zur Sünde meiden, die diese so schöne Tugend beflecken und Alles, was den Gürtel, das Zeichen der Keuschheit, entehren könnte. Auch sollen sie niemals ein B u ch lesen oder etwas ansehen, das zu dem dieser schönen Tugend entgegengesetzten La st er verleiten k ö n n t e." Der katholische Priester, welcher mit so salbungsvollen Worten das Thun des Dr. Deckert verurtheilt, ist — Doctor Deckert. Die citirte Stelle stehe in seinem Buch „St. Josephs- Gürtel" (Pg. 27 u. 28). Wasser predigen und Wein trinken, Talmud citiren und Demokritos lesen — sonderbare Methode! Da wir schon bei dem „Gürtel" halten, dürfte es die Leser interessiren zu erfahren, was es mit demselben für eine Bewandtniß hat. „Dr. Deckert ist bereit, dergleichen Keuschheitsgürtel für die Mitglieder des Gebetsvereines zu weihen und zu versenden, zu 7 kr., mit Post einzeln 12 kr., per Dutzend 70 kr.; ist derselbe beschmutzt, so kann er gewaschen werden; ein neuer Gürtel bedarf der Weihe; ein gewaschener Gürtel braucht nicht wieder geweiht zu werden." Die zahlreichen Gebetserhörungen und unglaublichsten Wundercuren durch vertrauensvollen Gebrauch des St. Joieph- .türtels, welche Deckert anführt, darf er, so leid es ihm auch thuG doch nicht ohne vorherige oberhirtliche Entscheidung als Destrrreichifchr Wochenschrift

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