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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-22 · 25 (22.6.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
25 (22.6.1894)
Date
1894-06-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 482 Vestrrreichifche Wochenschrift Nr. 25 Maße genießen, wir wollen denselben Spielraum, dieselbe Freiheit zur Verteidigung haben, wie sie die Antisemiten zum Angriff haben. Wir wollen selbstverständlich nicht, daß Gesetze zu unserer Beschränkung erlassen werden, damit, wie Herr Dr. Kopp sich ausdrückt, die Judenverfolgung ehrlicher werde. Selbst die Einführung eines Schußgeldes auf Juden „auf legalem Wege", wie sich Mechanikus Schneider, Graf Coronini und Dr. Kulp so schön ausdrücken, wäre nicht nach unserem Geschmack. Aber da ich eben von Dr. Kopp sprach — ich bitte den verehrten Volksvertreter um Entschuldigung, daß ich ihn gleich neben diesem Kleeblatt nenne — so erinnere ich mich an ein anderes geflügeltes Wort von ihm: „Wir sind ein armes Parlament". Es ist wahr, der österreichische Reichsrath hat nicht den Einfluß, nicht die Macht des englischen, des französischen oder italienischen Parlaments; aber das ist in der ganzen historischen Entwicklung Oesterreichs begründet, wofür die jetzt lebenden, sich liberal nennenden Parlamentarier nicht verantwortlich gemacht werden können. Aber, müssen wir fragen, sind denn unsere sogenannten Deutschliberalen an der Verschleppung der Angelegenheit Schneider, an der vom Jmmunitätsausschusse so sonderbar motivirten Verweigerung der Auslieferung ganz unschuldig? U. a. w. g. Und nicht blos den Parlamenten anderer Staaten gegenüber ist das österreichische „arm", auch dem mit Oesterreich eng verbundenen Ungarn gegenüber; arm, nicht so sehr an Rechten, als an der Fähigkeit, von ihnen Gebrauch zu machen. Und wie eng Antisemitismus und Jlliberalismus mit einander verknüpft sind, das haben die letzten Vorgänge in -Ungarn gezeigt. Als man den Sturz des Ministeriums erwartete, sah man schon die dort längst vergessenen Antisemiten wieder auftauchen, wie Geier, die Aas wittern, herbeieilen. Aber die Ungarn haben gezeigt, daß sie noch nicht reif sind für die Staatskunst eines großen Taaffe, oder den liberalangestrichenen Bureaukratismus eines Edlen von Plener. Ja sie fürchten nicht einmal — das „Deutsche Volksblatt"; diesseits der Leitha kann man aber oft von sogenannten Liberalen hören: „Ich bin ja kein Antisemit, ich würde sehr gern einen Juden anstellen, aber ich will mich nicht den Schmähungen und Verunglimpfungen der antisemitischen Presse aussetzen." Es ist das alte österreichische Nebel, das offene Bekenntniß seiner Meinung zu scheuen, um sich nicht nach „oben" mißliebig zu machen, Und für Manche ist schon das „Deutsche Bolksblatt" Oben. Von antisemitischer Seite wird aber geflissentlich verbreitet, daß ihr Vorgehen in höheren Regionen gern gesehen wird. Und die — der Taffe'schen gleiche Methode, welche das Coalitionsministerium in dieser Frage befolgt, trägt dazu bei, solchen Ausstreuungen einigermaßen Glauben zu verschaffen. Hier wäre ein offenes, jeden Zweifel ausschließendes Wort von competenter Seite über das, was Kaiser Friedrich UI. die Schmach des Jahrhunderts nannte, dringend nöthig. — Dringend nöthig sowohl der Juden, als des Staates und der öffentlichen Moral wegen. Wir Juden haben schon viel ärgere Lagen überstanden, und so schlimm auch die jetzige Lage sein mag, wir zweifeln nicht, daß die Besserung kommen wird, und denken in Bezug auf die Liberalen, die uns und ihre Principien im Stiche lasten, an Buch Esther, Capitel IV, Vers 14. Ja, in gewisser Beziehung hat die Verfolgung eine reinigende und erhebende Wirkung auf die Juden. Schwache und unverläßliche Glieder fallen ab, aber die anderen stärken und Härten sich ab, schließen sich eng aneinander, suchen ihre Fehler zu verbessern und sich ihrer Miffion würdiger zu machen. Und wenn unsere Gegner mit dem Balken im Auge uns den Splitter im unserigen vorwerfen — umso besser; entfernen wir auch den Splitter. Auf die Nichtjuden aber wirkt das ganze System des Antisemitismus mit seinen Pauschalverleumdungen, seinen unbegründeten Anklagen, seiner Verhöhnung und Umgehung der Gesetze, seiner in alle öffentlichen Versammlungen und Vertretungskörper hineingetragenen Rohheit und Zuchtlosigkeit, mit seinen frechen Angriffen auf die Schwachen und dem feigen Zurückweichen vor den Starken und Muthigen wahrhaft zersetzend und demoralisirend. Und wer weiß, ob eine Generation hinreichen wird, um dieses Gift auszuscheiden. Und dann die Wirkung aus das Staatsleben. In der ersten constituirenden, französischen Nationalversammlung war es die aristokratische Partei, welche die extremsten wüthendsten Demagogen unterstützte und die Bemühungen der gemäßigten Mittelpartei, eine vernünftige, liberale und dauerhafte Verfassung zu begründen, vereitelte. Mit der extremen Demagogie hofften die Aristokraten dann allein fertig zu werden, durch die Anarchie und Pöbelherrschaft wollten sie zum Feudalismus mit einem geschwächten Königthum zurückkehren. *) Wohin diese superkluge Politik geführt hat, das weiß jeder, der nur einige Geschichtskenntniß hat. Die Demagogen wendeten sich bald gegen die Aristokraten, die sich ihrer als Werkzeuge bedienen wollten, und dann ging es gegen alle Reichen und Wohlhabenden, bis zuletzt Jeder, der einen anständigen Rock trug und sich wie ein Wohlerzogener benahm, als Aristokrat ausgeschrieen wurde und der Guillotine verfiel. So erging es auch dem revolutionären Prinzen Philippe Egalite, den sein Fraternisiren mit dem Pöbel, seine Selbsterniedrigung und geheuchelter Ultrademokratismus nicht vor dem Messer der Guillotine schützte. Aehnliches geht jetzt vor. Man sieht die Nachahmer der Moral, der Chaumette, der Collot d'Herbois unter uns wandeln: Sie greifen zuerst nur die Juden an, dann wird jeder den Demagogen Mißliebige zum Judenstämmling oder Judenknecht gestempelt, und schließlich wird auch das Mäntelchen des Antisemitismus abgeworfen werden und das Confisciren des Vermögens, nicht blos der Juden, gepredigt werden — hört man doch schon jetzt an manchen Orten gegen Juden und Junker hetzen. Es wird vielleicht nicht mehr lange dauern, bis man statt Juden „Pfaffen" sagen wird. Und doch soll es noch jetzt unter dem hohen Adel und dem Clerus Leute geben, welche mit den Demagogen fraternisiren, in den Schänken den Pöbel gegen die Bürger aufhetzen und sich dem Sieg ihrer Sache desto näher glauben, je höher die Verrohung, der Elasten- und Religionshaß steigen. Und speciell in Oesterreich, mit seinen verschiedenen Nationalitäten und historisch-politischen Individualitäten, die fast nur durch das Band der gemeinsamen Dynastie zusammengehalten werden, sehen wir überall mehr oder weniger centrifugale Bestrebungen, mehr oder minder stark sich äußernd, mitunter schon, soweit es die Furcht vor Polizei und Gericht gestattet, zu Losreißungsbestrebungen sich steigernd. Brauche ich an die von unfern kleinen Nachbarn an der Donaumündung geförderten Agitationen der Rumänen, an das Kokettiren der Tschechen mit Rußland, an die Jrredenta im Süden zu erinnern? Es gab eine Zeit, wo die Deutschen sich mit Recht und mit Stolz den Kitt der Monarchie nannten. Jetzt muß dieser Kitt, um einigermaßen haltbar zu sein, eine starke Beimischung von Polen und Hohenwartianern haben. Und daß die Strammnationalen, die „Nurdeutschen", alles Andere eher als eine österreichische Partei sein wollen, das werden bald die Spatzen auf den Dächern pfeifen. Wahrhaft österreichisch sind nur noch die Dynastie, die Armee und die Juden. Ich weiß, daß die Antisemiten über diesen Dritten im Bunde ein lautes Gelächter aufschlagen werden, aber es wird kein von Herzen kommendes, es wird ein erzwungenes, unheiliges Lachen sein. Lange bevor das Wort von dem Gravitiren nach Wien ausgesprochen wurde, haben die Juden stets nach Wien geblickt, nur von Wien und vom Monarchen alles Heil erwartet und sind treue loyale Oesterreicher gewesen, als manche, die später Ministerund Excellenzen wurden, noch für Hochverräter galten. Mit den verschiedenen Nationalitäten in den verschiedenen Provinzen im Frieden lebend, deren Sprache sprechend, wenn auch mit Vorliebe sich des Deutschen bedienend, hielten sie sich von allem Extrem-Nationalen fern. Ja, selbst im Auslande, z. B. in den Donaufürstenthümern, waren sie Pionniere des deutschen Oesterreicherthums. Seitdem man angefangen hat, die Autonomie aus Kosten des Einheitsstaates zu fördern, in manchen Provinzen einer einzelnen Nationalität den Vorzug einzuräumen, hat sich auch hierin Manches geändert, und viele Juden haben, der Forderung, sich zu assimiliren, nachgebend, sich nationalisirt. Immerhin bilden sie durch ihre Religion einen zusammenhängenden, unter dem Druck des Antisemitismus sich härtenden *) Vergl. Madame de Stael-Holstein, Considörations sur la revolution frangaise II 6.

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