Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25 Veprrrrirtziphe Wochrnsrtzrtfl Sette 481 Aber zu alledem würde der Raum eines Conversations- Lexikons nicht ausreichen. Allein da gibt es nun in Oesterreich eine Provinzstadt, aber fast gänzlich „judenrein", durch und durch verseucht vom Antisemitismus — St. Pölten. Diese Stadt beglückt unser Vaterland mit drei antisemitischen Abgeordneten, darunter den famosen Pater Scheicher. Dort hat sich vor mehr als Jahresfrist ein scandalöser Proceß abgespielt. Bor Gericht stand eine Mutter'unter der Anklage, verschiedene junge Mädchen, darunter ihre eigene dreizehnjährige Tochter, zum Laster verleitet zu haben. Außerdem erschienen 16 männliche Angeklagte, darunter die angesehensten Männer der Stadt, die meisten verheiratet und Familienväter. Sie alle waren betheiligt an den Orgien im Hause jener nichtswürdigen Frauensperson, welche dann an sie mit Erpressungsversuchen herangetreten ist. In der Gemeinschaft dieses raffinirten Lasters wurde kein Semite geduldet. Noch ein Wort über geschäftliche Corruption. Der größte Gründungsschwindel, den die Welt je gesehen, rührte von dem Schotten John Law, einem unverfälschten Arier, her, der im Jahre 1716 in Frankreich ein Bankprivilegium für 20 Jahre erhielt und einen Schwindel inaugurirte, an dem sich ganz Europa betheiligte. Cardinäle, Capläne, Officiere, Gemeine, Parlamentsräthe und Portiers, Cavaliere und Arbeiter zählten zur Clientel Law's. Binnen Kurzem hatten seine Actien vom Nominale per 500 Livres den Courß von 2000 erreicht. Ende 1719 hatte ^eder gewonnen, ein maßloser Luxus griff Platz, alle Magazine und Läden, in denen Sammt, Seide, Perlen und Diamanten ausgeboten wurden, waren ausverkauft, die gemeinsten Leute spielten noble Herren. Im Juli 1720 stellte die Bank die Zahlungen ein, Law entfloh, von den Flüchen Frankreichs begleitet. Frankreichs Wohlstand und Vermögen, der Besitz von Millionen Menschen war vernichtet auf Jahrzehnte hinaus. Sollen wir noch an den Harlemer Tulpenschwindel erinnern, der Hollands Wohlstand vernichtete, an die Dachauer Bank der Adele Spitzeder, an das Börsen-Comptoir Pla ch t's, an die clericale „Union generale" B o n t o u x. Juden hatten dabei gar nichts zu thun. Wir schließen mit dem Ausspruche eines der bedeutendsten Männer der Wissenschaft. des Genfer Botanikers Alphonso de Candolle, der in seiner „Geschichte der Wissenschaften und der Gelehrten seit zwei Jahrhunderten" von den Juden sagt: „Ich habe die jüdische Bevölkerung überall arbeitsam, intelligent, sparsam, mildthätig, wenig zu Gewaltthaten oder Verbrechen geneigt gefunden und nicht dem Trünke ergeben. Ich wollte, alle Christen wären wie die Juden!" Wohin der Antisemitismus führen {tarnt. Wenn man von der Ringstraße durch die kaiserliche Hofburg in die innere Stadt geht, schreitet man durch das schöne, vor siebzig Jahren unter der Regierung des Kaiser Franz erbaute Burgthor. Zwölf dorische Säulen tragen die Decke des Thors und auf der der Stadt zugewendeten Seite ist die Inschrift, der Wahrspruch des Kaisers JUSTITIA REGNORÜM FUNDAMENTUM zu lesen. Ein schöner Spruch, in schönem Latein, eines Kaisers würdig, und mancher denkt sich: Wie die Säulen griechisch sind, so ist auch der Wahrspruch echt lateinisch, der Ausspruch irgend eines römischen Rechtslehrers. Gelten doch die Römer stets für. große Rechtsbildner, römisches Recht hat lange Europa beherrscht und beherrscht es zum Theil noch jetzt. Freilich war dieses Recht, wie es auf die Provinzen und unterworfenen Völker angewendet wurde, eigentlich nur ein in juristische Formen gebrachtes Unterjochungs- und Ausbeutungssystem, und nichts hat die Römer bei den unterworfenen Völkern so verhaßt gemacht, wie die Schaaren von beutegierigen Richtern, Advocaten und Wucherern, welche sich von Rom auf sie stürzten. In Syrien hatte so ein echt römischer Gouverneur, Quinctilius Varus regiert — arm war er in die reiche Provinz gekommen, als reicher Mann verließ er die verarmte (!) Von dort ging er als Generalcommandant nach Deutschland, der römische Arier sollte die germanischen Arier bändigen und ausbeuten. „Er hatte," sagt ein neuerer deutscher Historiker, „eine Jnsurrection der Juden unterdrückt und dieses unruhige Volk durch Nachgiebigkeit (?) im Zaum gehalten; vielleicht schien er deshalb der rechte Mann für Germanien zu sein".') Wir aber sagen: vielleicht war es eine höhere Macht, als die der römischen Staatsmänner, die ihn nach Deutschland führte, um das, was er an den Juden gesündigt, durch Deutsche rächen zu lassen? Ob solcher göttlichen Fügung sagt der Psalmist: „Der in dem Himmel thronet, lachet, der Herr spottet ihrer (der Könige und Völker). Dann redet er zu ihnen in seinem Grimme und in seiner Zornglut schreckt er sie". „Demnach, Könige, besinnt Euch, lasset Euch warnen, Richter der Erde! Aber der römische Feldherr ließ sich nicht warnen. Hinterlistig ward er von den Deutschen unter Hermann dem Cherusker überfallen und mit seinen Legionen niedergemetzelt. Und der ganze wahlberechtigte Zorn der Deutschen wendete sich gegen die im Lager befindlichen römischen Juristen. Dem einen wurden die Augen ausgestochen, dem andern die Hände abgehauen, dem die Zunge abgeschnitten, jenem der Mund zugenäht?) Das war deutsche Justiz gegen römische. Die damals hochcivilisirten Juden wußten nichts von solch' arischer Barbarei und Grausamkeit. Der schöne Spruch des Kaisers Franz ist kein römischer, aber auch kein deutscher. Er ist der Spruch eines jüdischen Königs; anstatt in lateinischer Uebersetzung hätte das hebräische Original auf dem Burgthore prangen sollen: „LI L'2V0L0 JIKON EISSEI.“ Confisrirl. Confisrirl Confisrirt. Was soll aber geschehen, um Recht Recht werden zu lassen? „Soll etwa", fragt ein antisemitischer Officiosus, „Pfarrer Deckert um einen Kopf kürzer gemacht, oder den Juden zu Liebe die Preß-, Rede- und Versammlungsfreiheit abgeschafft werden?" — O nein, wir Juden gönnen unseren Mitbürgern das bescheidene Maß, das sie von diesen Freiheiten in Oesterreich genießen, aber wir wollen es a u ch in gleichem ') Pecuniae vero quam non contemtor, Syria, cni praefuerat» declaravit; quam pauper divitem ingressus, d ves pauperem reliqnit? (Vellejna Pateieulus, Historia romana II U7). 2) Schiller, Geschichte der römischen Kaiserzeit I 229. 3) L. Annaeua Florus, Epitome rerum Romanarum IV 12.