Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021033--03602-3027747- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 480 Oesterrrktzischr Wochenschrift Nr. 25 Gegen das Judenthnm als Confcssion, als Bekenntniß durften die giftigsten Verleumdungen, die bösartigsten Lügen verbreitet werden, man deducirte aus der Bibel alle möglichen Verbrechen, man producirte erlogene Talmudcitate, und wenn wir mit Citaten aus katholischen Moralschriften oder aus den Kirchenvätern zu antworten uns unterfingen, da beeilte sich stets der Staatsanwalt uns in unsere „Schranken zurückzuweisen". Gegen keinen Volksstamm, gegen keine gesellschaftliche Classe wird in Oesterreich in Versammlungen so brutal und nichtswüvdig gehetzt als gegen uns, und zu unserem Schutze findet sich kein Richter. Gegen das alte Testament sogar durfte man alle möglichen Schimpfereien publiciren, ohne daß der Staatsanwalt daran Anstoß nahm. Das alte Testament ist ein auch den Christen heiliges Buch, allein weil die Helden desselben zufällig Erzväter der Juden sind, verlor es jenen gesetzlichen Schutz, welchen die Urschriften der Kirche sonst genießen. Es ist aber auch unwahr, daß Corruption und capitalistische Ausbeutung, wie das „Vaterland" behauptet, eine Begleiterscheinung bildet des jüdischen Einflusses. Im Gegentheil erlauben wir uns zu constatiren, daß der Antisemitismus in all' seinen Formen und Arten den günstigsten Nährboden für die Corruption bildet. Daß z. B. das „Deutsche Volksblatt" an Corruption alle Ausschreitungen der liberalen Presse übertrumpft, darin sind heute bereits selbst alle Judengegner Einer Meinung. Wir sind treue Staatsbürger von conservativer Gesinnung, wir haben die Coalition der gemäßigten Parteien mit Freuden begrüßt, weil wir von ihr erhofft haben, daß sie wieder Recht und Gesetz zu Ehren bringen wird. Das bisherige Verhalten der Coalitionsregierung hat diese Hoffnungen leider nicht gerechtfertigt, unsere Zuversicht begann allmälig zu schwinden. Nun hat der Herr Ministerpräsident ein Wort, das erste Wort gesprochen, welches unsere Hoffnungen wieder erfrischt; wir schätzen nicht gering den Werth eines Wortes aus solchem Munde; es ist eine Verheißung. „Im Anfang war das Wort." * * * Wir protestiren aber dagegen, daß man in einem maßgebenden Organ der Coalition die antisemitische Bewegung aus den Widerwillen des Volkes gegen Corruption, Betrug und Volksausbeutung zurücksührt. Das Gaunerthum ist interconfessionell und international. Spitzbuben gibt es unter den Angehörigen jedes Volkes, unter den Bekennern jeder Religion. DerAntise mitismus aberist geradezu die Religiondes internationalen Spitzbuben- und Gaunerthums, in seinen Reihen finden alle verkrachten Existenzen, alle dunklen Ehrenmänner, alle Diejenigen, die schon im Zuchthause gesessen sind oder in demselben erst sitzen werden, bereitwillige Aufnahme. Die Häupter und Führer dieser Bewegung sind gekennzeichnet und gebrandmarkt, — es gibt kaum ein gemeines Verbrechen, dessen sich der Eine oder der Andere dieser „Führer" nicht schuldig gemacht hätte, August Rohling ist zu wiederholten Malen des Meineides, der ehemalige Hofprediger Stöcker des Falscheides überwiesen worden. Julius Verhovay, der Urheber und publicistische Herold der Judenhetze in Ungarn, Einer der Arrangeure des Dramas von Tisza-Eszlar, hat die von ihm gesammelten Unterstützungsgelder zur Repatriirung der Csangomagyaren unterschlagen, Ernst Schneider ist der Werbung zu falschen Zeugenaussagen, der Stampiglien- und Stimmzettelfälschung überführt worden, der Führer der deutschen Antisemiten, Dr. Böckel, mußte wegen Unzucht vor Gericht erscheinen, Aron Brima n, der Famulus Rohling's, büßte verschiedene Betrügereien mit mehrjährigem Kerker, der deutsche Reichstagsabgeordnete Pickenbach wurde als ein schamloser Wucherer entlarvt, die französischen Antisemitenhäuptlinge Norton und Ducrot wegen Documentenfälschung eingesperrt, Drumont und Mores als Kostgänger des Cornelius Herz der öffentlichen Verachtung überantwortet, der berüchtigte Ahlw ardt wegen ganz gemeiner Betrügereien mehrfach abgestraft. Die Liste ist ins Unendliche fortzusetzen. Zahllos sind die Lumpereien antisemitischer Journalisten. Das Beispiel Verhovah's hat zahlreiche Nachahmer gefunden. Im Jahre 1886 wurde der antisemitische Redacteur B er gsch midt in Berlin wegen Erpressung zu mehrjährigem Zuchthaus verurtheilt, der Wiener antisemitische Journalist Zerb oni di Sposetti wegen Veruntreuung steckbrieflich verfolgt. Vor wenigen Wochen wurden in Berlin die antisemitischen Redacteure Schweinhagen und Plack als Erpresser und Defraudanten abgeurtheilt. Schwager und Schwester des gewesenen Abgeordneten Türk, des treuen Genossen Schönerer's, haben wegen Betruges im Gefängniß gesessen. Und der geistliche Herr Josef Deckert, in Bezug auf welchen Katholik, Protestant und Jude, die nur je das Malheur hatten, ihm geschäftlich näherzutreten, übereinstimmend betheuern, von ihm begaunert worden zu sein, der gottes- und geschäftseifrige Talmudprediger von Wein haus, der von der Kanzel herab erklärt, man könne den Juden von den ererbten Lastern nicht befreien, es sei denn, daß man ihm den Kopf absägt und einen neuen aufsetzt; der, um den heutigen Juden in ihrer Ehre zu treffen, die Erzväter, den Gesetzgeber Moses, den König David als „Wüstlinge" und ihre Familien als „bemakelt" beschimpft, ihnen die unerhörteste Grausamkeit und Schlechtigkeit andichtet, weiß gleichwohl selber, daß sein leiblicher Vater, daß sein leiblicher Bruder in den luftkargen Räumen österreichischer Gefängnisse nicht ganz fremd waren. Er entrüstet sich über die Verderbtheit unserer Ahnen und hätte alle Ursache, an die unüberwindliche Gewalt der Vererbung — nicht zu glauben. Sollte es dem. Pfarrer von Wemhaus je noch einmal gelüsten, unsere biblischen Geschlechtsregister anzutasten, so werden wir ihm aus seiner Familiengeschichte — ein interessantes Capitel erzählen. Die ganze Galerie antisemitischer Charakterköpfe, von dem russischen Ljutopanski, welcher als antisemitischer Literat seinen Namen in Rußland „berühmt" gemacht hat, dann aber wegen gemeinen Diebstahls unter Verfolgung gestellt und aus St. Petersburg spurlos verschwunden und seinem antisemitischen Gesinnungs- und Zunftgenossen in Preußisch.Schlesien, welcher wegen systematischer Erpressung ein Jahr Gefängniß erhielt, bis zu unseremWindisch, Verhovay, Simony, Zerboni, Brimann u. s. w. macht den Eindruck eines kostbaren Verbrecheralbums. Sehen wir uns einmal den Antisemitenhäuptling Greg orig an. Er ist der eifrigste Verkünder der Parole: „Kauft nicht bei Juden!" Aber dies- Parole gilt nur für den „dummen Kerl von Wien". Die antie semitischen Häuptlinge kaufen ihre Waaren ausschließlich bei den jüdischen Engrossisten und geben sie weiter ab an ihre Kunden mit einem Aufschlag für die — arische Provenienz. Herr Gregorig bezieht seine Waaren von den jüdischen Firmen: Beer und Reinitz, I., Augustengasse 2; Herm. Pollack's Söhne, I., Vorlaufstraße 3; Theodor Friedmann's Nachfolger, I., Goldschmiedgasse 8; Ignaz Simon, I., Werderthorgasse, sein Freund und Gesinnungsgenosse Burscht von der Firma Samuel Tauffig uud Söhne, I., Deutschmeisterplatz 2. Ist das nicht Corruption? Die Wiener antisemitischen Armenräthe Dostalek und Czerny wurden wegen Diebshehlerei zu Kerkerstrafen verurtheilt, der antisemitische Bezirksausschuß Johann Kurz wurde nach Verübung betrügerischer Schulden aus Wien flüchtig. Seine Gattin äußerte zu einem Berichterstatter: „Ich sage Ihnen, an dem Ganzen ist nur der Antisemitismus schuld, ich bin die doppelt Betrogene; die Frucht fünfzehnjähriger Thätigkeit ist für mich Elend und Noth. Nur die antisemitischen Agitationen meines Mannes haben mich ruinirt. Ost und oft habe ich deshalb mit meinem Manne Auftritte gehabt und gesagt: „Ein Geschäftsmann darf nicht Antisemit sein. Der Antisemitismus ist unser Ruin." Wir können auf Verlangen noch mit Weiterem aufwarten, wir können von dem Cassier Mayer des Wiener Hilfs- und Sparvereins erzählen, der 60-000 fl, die Spargelder der Aernisten, unterschlug und dabei nicht nur täglich in die Kirche, sondern auch in antisemitische Versammlungen ging. Wir können von den Defraudationen in zahlreichen Wiener antisemitischen Genossenschaften, Kranken- und Leichenvereinen erzählen. Wir können von Wiener antisemitischen Winkelversatzämtern berichten, -in welchen das arme christliche Volk schamlos bewuchert und ihm „das Beuschel herausgenommen" wird — und wir könnten diese interessante Revue mit dem Hinweis auf den „Herrgottpfänder" Dr. Lueger schließen.