Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 24 Vestrrrrichifchr Wochenschrift Seite 477 dem Drama: „Brandete Kosak" beginnen werde. Alles strömte ins Gasthaus, dessen großer Saal in ein Theater umgewandelt und wo die schönsten Stücke im jüdisch-polnischen Jargon aufgeführt wurden. Besonders waren es die Frauen und Mädchen des Ortes, die von den jungen Sängern der Gesellschaft entzückt waren. Namentlich war es Leiser, der Held, welcher sich der außer» ordentlichen Gunst der Damen von Ch .... zu erfreuen hatte. Derselbe, ein hübscher junger Mann, mit ganz feinen Manieren, war früher ausgezeichneter Bassist bei einem guten Chasen. Da ihm aber Goldfaden einen großen Gehalt versprach und ihm übrigens das Wanderleben und die vielen Freiheiten, die damit verbunden sind, besser zusagten, ließ er sich anwerben. Leiser bemerkte sofort, daß unter den zahlreichen Mädchen des Ortes Liebele die Schönste sei, und gab sich alle Mühe, sie an sich zu fesseln, da ihm daraus ein doppelter Vortheil erwuchs. Die „Truppe" brauchte auch Schauspielerinnen. — Aber auch dem Mädchen gefiel Leiser ganz besonders, er war ja so schön und sah ganz anders aus, als die Jünglinge der Gegend. Als das Gastspiel beendet war, verschwand die Gesellschaft, aber auch die schöne Liebele. Dieses erregte großes Aufsehen in der ganzen Gemeinde, doch alle Mühe, die sich ihre Verwandten gaben, des Flüchtlings habhaft zu werden, waren vergebens. Die Truppe war über die Grenze nach Rumänien entkommen, wo sie mit verstärktem Personale, bedeutende Geschäfte machte. Nach einigen Jahren, kamen Liebele und Leiser mit einem kleinen, sehr schönen Mädchen nach CH. .. . zurück, in ganz herabgekommenen Zustande. Goldfaden hatte, mit Hinterlassung bedeutender Schulden, sich nach Rußland geflüchtet, seine Truppe in Elend und Noth zurücklassend. Da Leiser, durch vieles Trinken, seine prächtige Stimme verloren hatte, aber ein sehr guter Violinspieler war, beschloß er in CH.... als Klezemer sein Leben zu fristen. Mit diesen Namen war nämlich die Musikgesellschaft bezeichnet, die ein klägliches Dasein, durch Aufspielen bei Hochzeiten und Sonntag in den Wirthshäusern, führte, und Jekel der „Marschelik" (Spaßmacher) dieser Musikgesellschaft hatte schon oft gesagt, daß, wenn es so weiter gehen sollte, er vor Hunger ein wirklicher Narr werden müßte. Leiser wurde Mitglied dieser Gesellschaft und half ihnen hungern. Aber auch Liebele mit ihrem Kinde darbte sehr, denn trotz der vielen Verwendungen, wollte Fradel, ihre reiche, kinderlose Schwester, nichts von ihr wissen. Alles half nichts. „Die Schauspielerin darf mir nicht ins Haus, sie soll verhungern", sagte das hartherzige Weib verächtlich, und dabei blieb es. Nichts, nicht einmal indirect, wollte sie ihrer Schwester, die sonst Niemanden hatte, etwas zukommen lassen. Liebele errichtete sich am Marktplätze einen „Stand" und begann mit Obst, Zuckerln und anderen Kleinigkeiten zu handeln. Bon Früh bis zum Abende saß sie draußen und von diesem kargen Verdienste lebte die kleine Familie; denn der Verdienst Leiser's genügte kaum für seinen eigenen Unterhalt. Trotz dieser traurigen Verhältnisse gedieh ihr Töchterchen, Schön-Feigele, wie man sie allgemein nannte, vortrefflich und war ganz das Ebenbild ihrer Mutter. Allein bald kam der rguhe Winter. Liebele saß bei ihrem „Stand" selbst in der grimmigsten Kälte, und da ihre Gesundheit ohnehin schwankend war, verkühlte sie sich eines Tages und starb schon nach drei Tagen an Lungenentzündung. An ihrer Bahre stand das hilflose, zehnjährige Kind und der gebrochene, unglückliche Leiser. Es muß ein schwerer Tod für Liebele gewesen sein, angesichts dieser Beiden. Aber was alle Bitten und Thränen seiner unglücklichen Liebele nicht vermocht hatten, das bewirkte ihr Tod. Leiser raffte sich aus seiner Verkommenheit und nahm sich vor, für seine Feigele zu sorgen, und wenn er vor Arbeit zu Grunde ginge. Keine Mühe und Demüthigung schreckte ihn ab. von Haus zu Haus zu gehen, um Beschäftigung zu suchen. Noten abschreiben, Violinunterricht, ja selbst Taglöhnerarbeit scheute er nicht. Als man sah, daß seine Besserung eine ernste war, hatte seine Noth ihr Ende erreicht. Nur Fradel änderte ihr Berhältniß zu den Hinterbliebenen ihrer unglücklichen Schwester nicht, sie blieb gegen sie hart wie zuvor. Freilich suchte auch Leiser nie eine Annäherung, denn als er mit seinem Weibe nach Ch.zurückkehrte, hatte er geglaubt, von seiner reichen Schwägerin reichlich unterstützt zu werden, nachdem er aber'einsah, daß ihre Hartherzigkeit gerade sich gegen ihn wende, haßte er sie von ganzem Herzen. Seiner Feigele widmete er seine ganze freie Zeit, unterrichtete sie in allen Gegenständen, doch zeigte sie großes Talent für Musik und besonders für Gesang. Die Nachbarn konnten nicht genug ihren schönen Gesang, den sie selbst mit der Violine begleitete, bewundern. Besondere Vorliebe hatte sie für die hebräischen, traditionellen Gesänge, welche ihr Vater vornehmlich spielte, und wer sie einmal ihr Lieblingslied, Lol nidre, singen gehört, von ihrem Vater mit der Violine begleitet, war gewiß vor ihrem lieblichen, seelischen Gesang, tief gerührt. Wohl oft mochte ihr Fradel hinter den gestickten Vorhängen ihres Gemaches nachgeblickt und ihre Schönheit und Lieblichkeit bewundert haben, allein Feigele kannte ihre Tante nicht und ihr Vater erwähnte nie ihren Namen. Jahrelang lebten Vater und Tochter zusammen, arm aber ohne Noth. Es war rührend, den einst bildschönen, aber frii§ gealterten Mann jeden Abend, von seiner schönen Tochter begleitet, spazieren gehen zu sehen; aber je mehr er bleicher und matter wurde, ward sie immer schöner und größer. Leiser, der nie Arbeit gekannt, wohl aber sein Leben genossen hatte, kränkelte oder siechte vielmehr hin. Bald war er nicht mehr fähig, seiner Beschäftigung nachzugehen; es hieß, ein Leberleiden habe ihn auf das Bett geworfen. Feigele pflegte ihren Vater mit großer Aufopferung, die Ersparnisse waren bald aufgezehrt, aber Leiser meinte, er habe seine Heldenrolle ausgespielt; bald stand Feigele ganz verlassen an seiner Leiche. Alle Augen richteten sich nun auf ihre Tante, gespannt wartete man auf ihr Eingreifen und Alles athmete tief auf, als die stolze Kwas-Fradel in der ärmlichen Wohnung Leiser's erschien und den mitleidigen Menschen zu verstehen gab, daß sie überflüssig seien; das Begräbniß Leiser's anordnete und Feigele aufforderte, in ihr Haus zu kommen, da sie für sie sorgen wolle. Allein Feigele war ganz die Tochter ihrer Eltern, sie weigerte sich beharrlich, der Tante zu folgen, die ihre Eltern so elendlich zu Grunde gehen ließ. Allein als die sieben Trauertage verstrichen waren, kam Fradel, der dieser Bettlerstolz, wie sie sagte, gefiel, nochmals, um Feigele zu bewegen, zu ihr zu kommen, und nur dem Zureden der Nachbarn hatte sie es zu verdanken, daß ihr diese folgte. Nun kam die arme Waise in das Haus ihrer reichen Tante, und wie es schien, ging sie einer herrlichen Zukunft entgegen. Denn Fradel gewann das holde Mädchen sehr lieb, und wie unerbittlich und hart sie gegen seine Eltern war, so überschüttete sie die Tochter mit Allem, was Reichthum zu geben vermag. Es war. als ob in dem Herzen der früh verwitweten, kinderlosen Frau ein Schatz von Liebe sich angesammelt hätte, der bisher keinen Ausfluß gefunden und den sie nun in reicher Fülle auf dieses Kind, das ja auch Niemanden hatte als sie, übertrug. Kein Wunder, daß alle Söhne der achtbarsten Familien der Gemeinde ihre Augen auf die reiche Erbin richteten, die außer dem großen Vermögen einen Schatz von Tugenden mitzubringen hatte. Von weit und breit kamen die glänzendsten Anträge, und Feivelman, der dicke Schadchen, der ein Genie in seinem Fache ist und sich rühmen konnte, zwei Berge zusammenbringen zu können, mußte nun gestehen, daß alle seine Weisheit und Ueberredungskunst bei Feigele gescheitert. (Schluß folgt.) „Dämmern." Skizzen von Marie v. Glaser. (Breslau, Schottländer.) Ein modernes Buch, welches in novellistischer Form den österreichischen Hochadel schildert. Die Verfasserin fühlt sich zu Hause auf dem glänzend gehöhnten Parkett der aristokratischen Salons und dem feinen Kies schattendunkler Parkgänge. Sie hat den Feudalherrn zum Gegenstände ihrer Studien gemacht, wie Tolstoi seinen russischen Leibeigenen, Zola den Pariser Decadenten, Drachmann den Häringsfischer. Das „Comtesserl" hat sie für die deutsche Novelle entdeckt und erobert. Wie reizend, bornirt es aus baerö eoeur herauskommt, wird mit feinem Humor erzählt. Aber auch Kalksburg bildet seine Leute!