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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-15 · 24 (15.6.1894) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
24 (15.6.1894)
Date
1894-06-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 476 VrsterredWchr WochrnschrM Nr. 24 Schammai und Hillel. Von Jarsslav Brchlicky. Aus dem Böhmischen übersetzt von von I. S. Krau s. War Rabbi Schammai wie ein Fels im Meere, An dessen Abhang glänzen Sternenheere, An dessen Wand sich bricht der Wogen Schwere. War Rabbi Hillel unter'm Fels die Welle Die gern nachgibt, in der als reiner Quelle Sich Sternenschimmer spiegelt zauberhelle. War Rabbi Schammai, wie die Kaktusdistel Die. lauter Stachel, ganz verdüstert blühet Nicht duftend, nur wie rothe Lohe glühet. War Rabbi Hillel einer Lilie ähnlich, Die Gärten und auch Wiesen schmückt nicht spärlich, Erquickt die Seel' mit Wohlgerüchen herrlich. Sprach Rabbi Schammai: „Halte Gottes Lehre, Gerechtigkeit und Recht — durch Dornenschwere, Wenn Deine Stirne auch die Welt versehre". Sprach Rabbi Hillel: „Halte Gottes Lehre! Mit Liebe sie jedoch die Menge lehre, Scheint morgens doch die Sonne Allen hehre." Sprach Rabbi Schammai: „Des Gesetzes Sitten Nur Auserwählte kennen! Bergesspitzen Nur Adler finden! Weg mit „Proselyten!" Sprach Rabbi Hillel: „Allen Oel gewähret Die Thora; ihre. Muttermilch, die währet, Wie auch die Zahl der Hungrigen sich mehret." Sprach Rabbi Schammai: „Der Buchstab' soll gelten! Du darfst Jom Kippur Brod dem Kind nicht geben, Wenn es auch kosten sollte dessen Leben!" Sprach Rabbi Hillel: Stets verhüte Schaden! Ich gäb' das Ei, um Hungernde zu laben, Wenn's Samstag auch die Henne ausgetragen. Ist Schammai's oder Hillel's Lehre richtig? Wer kündet Wahrheit? Was ist recht, was nichtig? Dank! Gamaliels Stern uns führet richtig. Gefragt, wer Recht hat, sprach er ohn' Bedenken: „Kannst, Mensch, zu Gottes Glanz das Aug' Du lenken, Da Wolkennebel hüllet, was wir denken? Sowie ein jedes Geldstück hat zwei Seiten, Die Prägung siehst zugleich Du nicht auf Beiden, Wenn Beide auch des Geldes Werth Dir deuten. So Jahves Größe, Furchtbarkeit und Strenge So Jahves Liebe, seiner Güte Menge, So ist er Tod und Leben, Hitz' und Kälte. Sollt' rasch er's finden, müßt der Geist erblassen, Daß Beides er harmonisch kann erfassen, Hat Schammai, Gott und Hillel leben lassen. „Kol nidre“. Erzählung von M. Büßgang in Falken au. Der wiederholten Einladung eines Jugendfreundes folgend begab ich mich nach Ch...., um mich einige Tage von Berufsgeschäften zu erholen. Es war im wundervollen Monat Mai, als ich in das ehrwürdige, polnische Städtchen CH ... kam. Mein Freund empfing mich hocherfreut, und nachdem die üblichen Erkundigungen durch Kreuz- und Querfragen beendet waren und ich mich durch Speise und Trank ein wenig gestärkt hatte, schlug mir mein Freund einen Spaziergang außerhalb des romantisch gelegenen Städtchens vor. Es war spät, als wir den Heimweg antraten; aber die Lust war so köstlich mild, die Gegend so zauberhaft schön in der' Stille des Abends, beleuchtet von den matten Strahlen des jungen Mondes, daß wir uns nicht davon trennen konnten, sondern beschloffen, auf einem Umwege unsere Wohnung aufzusuchen. Das Städtchen lag in tiefer Ruhe unter uns. Aus den Gärten sandte der blühende Jasmin seine betäubenden Düfte, und geheimnißvoll winkten die Bäume des bewaldeten Berges zu unseren Häupten. Wir waren ergriffen von der heiligen Ruhe um uns her, so daß unser Gespräch unwillkürlich stockte. Plötzlich drang eine wehmüthig singende Stimme an unser Ohr, aus einem Garten nicht weit von uns, einem Garten, in welchem der Mond grasbedeckte Hügel, schimmernde, weiße Steine beleuchtete, dem Bet hachajim oder Friedhof. Es waren leise, klagende Töne eines bekannten, weihevollen Gebetes, dessen Melodie einen jeden Israeliten besonders rührt, und am Vorabende des Versöhnungstages vom Borbeter dreimal feierlich wiederholt wird. „Kol nidre" sang eben die Stimme, offenbar von einer Frau herrührend, langsam und feierlich. Neugierig eilte ich hin und stieg auf die nicht hohe Mauer des Friedhofes, die von hohen Bäumen umringt war, und erblickte zu meinem nicht geringen Erstaunen eine weibliche Gestalt auf einem Grabe, auf welchem sich ein schöner Grabstein aus Marmor erhob. So weit mir das unsichere Licht des Mondes gestattete, war es eine ältere, aber ziemlich starke Frau, die aus dem langen, weißen Stein saß, welcher das Grab ganz bedeckte. Ihre rechte Hand bedeckte die Wange, während der Daumen den Unterkiefer stützte, die linke hielt sie aufrecht und sang vor sich hin. Hierauf schien sie zu ermüden, der Gesang hörte auf, und schluchzend umklammerte sie das Grab, wobei sie mit großer Zärtlichkeit „Feigele, Feigele" rief. ' Mich und meinen Gefährten schien sie gar nicht bemerkt zu haben. Nachdem sie eine Weile noch, das Haupt auf den Händen gestützt, still dagesessen war, sprang sie, wie von einem bösen Traum erschreckt, hastig in die Höhe, wie geisterhaft, stand sie vor dem Grabe, und mit immer zunehmend verstärkter Stimme sang sie „Kol märe"; dann verließ sie langsam den Friedhof. Als sie sich, mir vorbei, dem Ausgange näherte, war es mir möglich, sie besser zu betrachten. Es war eine große, stattliche Gestalt, aber das Antlitz war von tiefen Furchen durchzogen und die starren Augen gaben ihr etwas Unheimliches, fast Grauenerregendes. Auch wir folgten ihr mechanisch eine Weile, und als die Häuser der Stadt wieder vor uns auftauchten und ich mich einigermaßen von dem Grauen erholte, brach ich das Schweigen, um meinen Freund um eine Erklärung der wunderbaren Scene, der wir soeben beiwohnten, zu bitten. „Das ist meschugen Kwas-Fradel", fogte mein Freund, dem dies Alles nicht überrascht zu haben schien, und als ich ihn immer noch fragend ansah, meinte er: „es ist eine gar eigentümliche Geschichte, ein ganzer Roman. Ich bat ihn dringend, mir sie zu erzählen. „Meschuge Kwas-Fradel", begann mein Freund erklärend, „ist die Witwe eines seit ungefähr 16 Jahren verstorbenen Mannes, welcher Mordeche Kwasnik hieß. Derselbe handelte, wie schon sein Name andeutet, mit Kwas (Aepfelmost). Man hielt ihn allgemein für vermögend. Nach Ausbruch des russischtürkischen Krieges ging er nach Bulgarien, betheiligte sich an bedeutenden Lieferungen für das Heer und kehrte nach dem Kriege als sehr reicher Mann in seine Heimat zurück. Selbstverständlich betrieb er nicht mehr sein früheres Geschäft, sondern führte ein großes Haus und war in der Gemeinde sehr angesehen, doch der Name Kwasnik blieb ihm wie zuvor. Seine Frau, Fradel, war ein ungemein energisches, rechthaberisches Weib, die stets ihren Mann beherrschte und besaß einen unbeugsamen, festen Willen. Doch schien ihr Gatte sich gern ihrer Herrschaft zu beugen, da er von ihrer geistigen Überlegenheit in jeder Beziehung überzeugt war. Kurz darauf starb Mordeche Kwasnik, sein Weib Fradel als kinderlose reiche Rentierin zurücklassend. Da sie keine neue Ehe eingehen wollte, lebte sie glücklich und beneidet von allen Bewohnern dieses Städtchens, und galt allgemein als „ische cheschuwe", denn die Armen, nicht nur des Ortes, sondern der ganzen Umgebung konnten sie im vollen Maße ihrer Großmuth wegen rühmen. Nur gegen Eine war Fradel unerbittlich und unbeugsam, und diese Eine war ihre eigene Schwester. Diese Schwester war viel jünger als sie und ein bildhübsches Mädchen, einst der Stolz der ganzen Familie. Eines Tages ging es sehr lustig im Städtchen zu; es hieß allgemein, daß eine jüdische Theatergesellschaft, deren Director der berühmte Goldfaden war, angekommen sei, und große Placate zeigten den erstaunten Bewohnern an, daß das Gastspiel dieser aus zahlreichen Männern und Frauen bestehenden Gesellschaft mit

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