Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 474 Vestrrretchtfitze WochenschrM Nr. 24 den und Privatpersonen zu; das Gesetz bewilligt dieses Recht keineswegs den politischen oder gar gewissen geistigen Richtungen. Es würde auch zu völlig unzuträglichen Consequenzen führen, wenn jedes Mitglied einer politischen Partei, jeder Anhänger einer geistigen Richtung die Zeitungen nöthigen könnte, bezüglich seiner Partei, seiner Geistesrichtung Berichtigungen aufzunehmen." Berlin. (Eine Stütze des Antisemitismus.) Wegen Unterschlagung in zwei Fällen war der Kanzleigehilfe August Weiß vom Schöffengericht zu einer Geldstrafe von 30 M. verurtheilt worden, wobei folgender Sachverhalt als erwiesen angenommen worden war. Im Sommer des Jahres 1892 war Weiß ein rühriges Mitglied der Antisemiten. Als Ahlwardt am 2. Juni 1892 wegen feiner „Judenflinten-Broschüre" verhaftet und dies Ereigniß in einer großen Versammlung, die Tags darauf stattfand, besprochen wurde, wurde eine Tellerversammlung veranstaltet, damit den Verhafteten die Selbstbeköstigung im Gefängniffe verschafft werden könne. Die Sammlung ergab 100 M. 4 Pf., welche dem Weiß mit dem ausdrücklichen Auftrag eingehändigt wurde, das Geld am folgenden Tage bei der zuständigen Gerichtscasse für Ahlwardt einzuzahlen. Weiß that dies nicht, er brachte den Angehörigen Ahlwardt's am folgenden Tage nur 50 M. 4 Pf. und behielt die übrigen 50 Mark für sich. Im zweiten Falle hatte Weiß vom Restaurateur Rieprich 50 Mark erhalten mit der Weisung, das Geld zwischen den beiden Schlossern Brettschneider und Krähan, welche wegen ihrer Be- Ziehungen zu Ahlwardt aus der Löwe'schen Fabrik entlassen waren, zu theilen. Weiß gab den beiden Arbeitslosen nur je 10 Mark, die überschießenden 30 Mark steckte er in seine Tasche. Im gestrigen Termine vor der Berufungsinstanz hatte der Angeklagte einen großen Zeugenapparat aufgeboten, um zu beweisen, daß er verschiedene Forderungen an die antisemitische Partei hatte und sich wohl für berechtigt Hallen konnte, so zu schalten und zu walten, wie er es gethan. Der Gerichtshof hielt diesen Beweis nach jeder Richtung hin für völlig verfehlt. Das erste Erkenntniß wurde daher bestätigt. Berlin, 25. Mai. Die Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden hielt gestern Nachmittag in der Dreifaltigkeitskirche ihre Jahresversammlung ab. Missionsprediger Bieling erstattete den Bericht über das verflossene Jahr. Er konnte sich nicht enthalten, zu bemerken, daß die Judenmission zu den Arbeiten gehöre, die von den Feinden am meisten geschmäht, von den Freunden aber oft verkannt werden. Im verflossenen Jahre haben sich 28 Juden zur Taufe gemeldet, bei den meisten waren die Gründe äußerlicher Natur. Eine ganze Reihe mußte auch von vornherein abgewiesen werden, da ihre Beweggründe gar zu durchsichtig waren: so wollten zwei Männer gegen Entgelt Christen werden. Andere suchten mit dem „neuen Glauben" eine gesicherte Existenz. Von diesen traten jedoch freiwillig wieder eine Reihe zurück, die den Bruch mit den Verwandten fürchteten. Im Unterrichte sind dennoch 14 Ueberläufer geblieben, zu welchen 5 aus dem Vorjahre gezählt werden müssen. Neun Männer und fünf Frauen haben bie Taufe empfangen. Das Alter der Täuflinge schwankt zwischen 15 und 50 Jahren. Auch der Antisemitismus hat zu den Beweggründen der Taufe sein Continent gestellt. So hob Pastor Bieling hervor, daß oft „ein achtlos hingeworfenes Wort eines Lehrers oder eines Mitschülers hierzu Veranlassung gegeben habe". Der Seelenfang wurde im Osten Europas, zumeist in Galizien und der Moldau, durch die Missionsgehilfen Gottlieb (Jaffy) und Löwen (Lemberg) betrieben. Bukarest. Die Deputation der im Districte Bacau verfolgten Juden beim Könige blieb ohne jeden Erfolg und die Austreibungen stehen nach wie vor auf der Tagesordnung. Es war aber auch vorauszusehen, daß dieser Schritt ein Schlag in's Wasser sein werde, denn König Catol hält sich bekanntlich streng innerhalb der Grenzen seiner constitutionellen Machtsphäre und demgemäß war auch seine Antwort an die Deputation, sie möge sich mit ihren Beschwerden an den Ministerpräsidenten Catargi wenden. Der König mißbilligt gewiß die Ungerechtigkeiten an den Juden; allein die Regierung handelt souverän nach oben wie nach unten, sie fragt nicht nach den persönlichen Wünschen des Königs, wie nach den Wünschen des Volkes. Denn das rumänische Volk, nämlich der Kern desselben, die vier bis fünf Millionen Bauern, ist nicht judenfeindlich. Die Verfolgungen gehen nur von den Regierungsbeamten aus. Und wenn die antisemitischen Blätter die Bäuerin cvolten in Bacau, demselben Districte, in welchem die JudenanLttril imgen vor sich gehen, mit den Juden in Beziehung bringen, haben sie in der Sache Recht, nicht aber in der Begründung. Diese Blätter schreiben die Ursache der Empörung der Ausbeutung der Bauern durch die Juden zu, und es ist umgekehrt — die Bauern revoltiren, weil die Juden ausgetrieben werden. Einem von der Regierung gesandten Beamten, der die Bauern haranguirte: „Jetzt empört Ihr Euch, wo wir gerade damit beschäftigt sind, die Juden auszutreiben und Euch von diesen „Aussätzigen" zu befreien? antworteten sie: „Auch das noch! Auch die Juden wollt Ihr verjagen, die unsere einzigen Retter in der Noth sind!" Und in der That ist es so. Der Jude creditirt, so lange er nur kann, daß der Bauer doch niemals zu hungern braucht, während die an Stelle der vertriebenen Juden sich etablirenden Griechen oder Rumänen herzlos sind, bis die bitterste Noth die Bauern zum Revoltiren zwingt. So schneidet sich die Regierung mit ihren Judenverfolgungen in's eigene Fleisch. Bukarest. Mau wüßte nicht zu sagen, ob die Juden in Rußland oder in Rumänien am unglücklichsten sind. Zur Zeit setzen alle Behörden und Angestellten jeglicher Art — ohne jede Verschleierung ihrer Absichten — die Politik von Jean B r a t i a n o fort, bei dem die Verfolgung der Juden einen fundamentalen Artikel bildete. Dem Beispiel Rußlands folgend, führen die rumänischen Verwaltungen die Ausweisung der Juden aus den Dörfern mit wahrem Feuereifer durch. Der 1. bis 8. April war festgesetzt worden, zur Ausweisung der Juden aus den Dörfern der Provinz Bacau; man kann sich leicht die Aufregung vorstellen, die unter den Opfern jener Maßnahme herrscht, die sie dem Elend und der Verzweiflung preisgibt. Am 27. März bis 8. April richteten sie eine Eingabe an Se. Majestät den König von Rumänien, um seine wohlwollende Aufmerksamkeit für die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, zu erbitten. Sofia. Der Antisemit M i t a k o w, der in einer Brochüre mittheilte, daß er selbst am 7. April d. I. gesehen habe, wie ein Jude einer Christin das Kind aus der Hand gerissen und dasselbe in einen Sack gethan habe, um es „zum Pessachmahl zu schlachten", wurde, ungeachtet der freche Lügner sich selber dementiren mußte, zu einer Geldstrafe von 250 Frcs. verurtheilt, weil, wie der Staatsanwalt in der Anklage bemerkte, das Bestreben, die jüdische Nation zu verdächtigen und sie durch derartige Lügen in Gefahr zu bringen, sträflich sei." Zweifellos hat dieser Mitakow, der von Profession ein Straßenpflasterer ist, hohe Gönner, die es ihm ermöglichen, solche kostspielige Broschüren herauszugeben. Einer derselben dürfte der gegenwärtige Communicationsmeister sein, mit welchem er auf vertrautem Fuße steht. Es ist daher nöthig, daß die Regierung ihre eigenen Organe purificire, wenn sie die böse Saat des Antisemitismus nicht aufkommen lassen will. Jerusalem, 4. Juni. Ueber die „Judenmission in Jerusalem" lesen wir im „Bote aus Zion" : „Wesentlich erschwert wird unsere Missionsarbeit dadurch, daß wir es hier in Jerusalem mit einer Bevölkerung zu thun haben, die sich aus Anhängern der verschiedensten Religionen und Coufessionen zusammensetzt. Hierbei drängt sich das Judenthum immer mehr und mehr in den Vordergrund. Jerusalem ist bekanntlich die Hauptstadt der Juden, die, wenn sie in den Christenlanden ihr Schäfchen geschoren haben(!), immer zahlreicher hierher kommen, soweit sie das Einwanderungs-Verbot der türkischen Regierung auf irgend welche Art umgehen können. Thatsächlich hört ihre Einwanderung nie auf, so daß ihre Zahl schon 30.000 überstiegen haben wird. Ihre Einwanderung wird von den Landeskindern nicht ungerne gesehen, denn sie haben die Mittel, dem Gott der Orientalen reiche Opfer zu bringen. Durch sie kamen auch die Bau- und anderen Geschäfte in Jerusalem und Jaffa immer wieder in Fluß, was von den Geschäftsleuten als eine Wohlthat empfunden wird. Auch die ausgedehnten Landkäufe durch Rothschild in der Ebene bis zum Karmel hinauf und die Bebauung mit Reben und Obflbäumen sind nicht nur geeignet, für anderwärts ausgestoßene Glaubensgenossen als Arbeitsfeld zu dienen, sie sind auch durch ihre gute und gewinnbringende Bewirthschaftung ein zur Nachahmung lockendes Muster für das hiesige Volk. Diese Juden, die in ihrem alten Vaterlande Zuflucht suchen, sind fast durchweg keine Bibelfreunde (sic!), sondern Talmudisten. Es besteht eine sehr gut eingerichtete englische Judenmission in Jerusalem, die mit bedeutendem Aufwand viel thut und immer etwas, wenn auch wenig, ausrichtet. Von uns wollen sie nichts, als etwas von unserem Brot und unserem Geld. Wenn einzelne von den vielen herumfahrenden Juden mit ihren Familien nicht mehr fortkommen und Niemand der Ihrigen ihnen mehr Hilst, so kommen sie zu uns, machen die besten Versprechungen, schließen die bündigsten Contracte über ein Verbleiben ihrer Knaben bis zur Absolvirung der Schulzeit und der Geschäftslehrzeit. Paßt es ihnen aber später nicht mehr, ihren Vertrag zu halten, so haben sie Mittel und Wege, ihre jungen Leute wieder an sich zu ziehen und aus den Händen der christlichen Erzieher zu bringen.