Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 24 Mochenphrist Sette 473 Herr erklärte sich als ein Feind dieser Richtung und die Folge war, daß der Caplan ihn bei der Gendarmerie denuncirte, indem er angab, er hege den Verdacht, daß der Betreffende zum Tragen des Priesterkleides nicht berechtigt sei. In der That verhielt die Gendarmerie den geistlichen Herrn zur Ausweisleistung und trotzdem diese befriedigend ausfiel, wurde der Wiener Priester offenbar auf eine neuerliche Anzeige des hitzigen Laplans nach Schruns escortirt. Erst dort wurde er über Anordnung des Gendarmerie-Wachtmeisters in Freiheit gesetzt. Wien. (Ein unredlicher antisemitischer Commis.) Sonntag Vormittags wurde in der hiesigen Pfandleihanstalt der in der Mariahilferstraße Nr. 76 wohnhafte antisemitische Commis Josef Ruczicka, 25 Jahre alt, von Detectives angehalten, weil er sich durch den Besitz eines Stückes Seidenstoffes, das er verpfänden wollte, verdächtig machte. Ruczicka ergriff die Flucht, wurde jedoch von nacheilenden Detectives angehalten und festgenommen. Er wurde aufs Kommissariat Innere Stadt gebracht, und dort stellte man fest, daß der Verhaftete seinem Chef A. Herzmansky, VH., Mariahilferstraße Nr. 26 etablirt, nicht nur dieses eine Stück Seidenstoff, sondern seit zweieinhalb Monaten — so lange war er nämlich erst im Geschäfte angestellt — andere Seiden- und Wollstoffwaaren im Werthe von ungefähr 1000 fl. gestohlen hat. Bei einer Durchsuchung der Wohnung des Diebes fand man noch sechs Stück Seidentuch im Werthe von 300 fl., welche Ruczicka in den letzten acht Tagen gestohlen hat. Ferner wurden viele Pfandbriefe über versetzte Seidenstoffe gefunden. Ruczicka hat seit dem Tage seines Dienstantrittes fast täglich ein oder zwei Stück Waare gestohlen. Die geschädigte Firma erfuhr übrigens erst durch das Polizeicommissariat Innere Stadt von den geschehenen Diebstählen. Am 9. d. war Ruczicka aus dem Geschäfte ausgetreten, nachdem ihm am 1. Mai gekündigt worden war. Ruczicka ist dem Landesgerichte eingeliefert worden. Gumpoldskirchen, 11. Juni. Nicht geringes Aufsehen erregt hier die Verhaftung des Gemeinderathes, Ortspolizeicommissärs und Hausbesitzers Ludwig Weiß, sowie des Hausbesitzers Gregor Meyer und der beiden Schwestern Josefa Meyer und Zimmermann, welche sämmtlich zu den angesehensten Personen des Ortes gehörten. Die Verhafteten werden beschuldigt, viele Tausende Gulden aus dem Nachlasse einer vor Kurzem hier verstorbenen hochbetagten Frau Namens Katharina Giebisch, der Witwe eines ehemaligen Hofbediensteten, entwendet zu haben. Die Verhafteten zählten zu den eifrigsten Schreiern der Antisemiten in Gumpoldskirchen. Zniesienie bei Lemberg, 5. Juni. Heute wurde die Landesausstellung durch den Herrn Erzherzog Carl Ludwig als Stellvertreter Sr. Majestät des Kaisers eröffnet. Beim Rundgang in der Jndustriehalle hatte Herr Salo Goldfrucht von der Liqueurfabrik in Zniesienie bei Lemberg die Ehre, vom Erzherzog durch eine längere Ansprache ausgezeichnet zu werden. Er wurde gefragt, ob er seine Erzeugniffe auch exportire, er bejahte. Der Erzherzog frug, wann die Fabrik gegründet wurde, er sagte, daß dieselbe im Jahre 1836 von seinem Schwiegervater gegründet wurde und beschäftige mehr als 35 Arbeiter. Der Erzherzog erkundigte sich um den Geschäftsgang und belobte schließlich sein Object, welches hier allgemeinen Beifall findet. Unter 140 Pavillons sind 60 Pavillons jüdischer Aussteller, welche die besondere Anerkennung Sr. kais. Hoheit des Erzherzogs Carl Ludvigs gefunden haben. So insbesondere die Exposition der Cigarettenpapierfabrik Weiser aus Sassow, die Glas- und Porzellanfabrik Berl Seckler, Moritz Nierenstein und Samuel Mayblum. Spiritusfabrik P e r l b e r g e r, die Papierfabrik des Dr. K o l i f ch e r, der Pavillon der Firma Goldhammer und Lauterbach. Die Barone Popper haben ihre Holzindustrie ausgestellt, die meisten Inhaber wurden von Sr. kais. Hoheit durch eine Ansprache ausgezeichnet.. In zierlichen Füßchen und Glasständern exponirt die seit 1838 bestehende Spiritus-Raffinerie und Liqueurfabrik von Matzner und Josefsthal in Wiliczka raffinirten Spiritus, Rum und Liqueur. Die Firma hat großen Export und liefert namentlich für Liqueurfabriken, unter Anderm auch ausschließlich für die erzherzoglich Rainer'fche, rein destillirten Spiritus. Matzner und Joiefsthal erzeugen jährlich circa 12 Millionen Liter. Bei der Ankunft des Erzherzogs waren zum Empfange die israelit. Cultusräthe unter Führung des Cultuspräses Herrn Samuel Horowitz, sowie die beiden Rabbiner Isaak S chm elkes «nd Dr. Caro zum Empfange am Bahnhofe geladen und wurden durch Ansprachen ausgezeichnet. Auch beim Abschiede Sr. kais. Hoheit sprach der Herr Srzhe^og den beiden Rabbinern gegenüber seine Befriedigung über die Aufnahme aus. Tarnow, 10. Juni. Das Curatorium der Baron Hirsch- Stiftung in Wien hat ein Circular an sämmtliche Stiftungsschulen erlassen, in welchem es die Absicht kund gibt, eine Lehrerconferenz mit nachfolgender, von einem tiefernsten Streben und einer überraschend gründlichen Sachkenntniß zeugenden Tagesordnung einzuberufen: „1. Darlegung der Erfahrungen, welche in den 3 Jahren der Stiftungsthätigkeit in den Stiftungsschulen gesammelt wurden, auf Grund deren Verbesserungen vorzuschlagen sind. 2. Welch? Mittel sind anzuwenden, um die Frequenz in den Stiftungsschulen zu heben und die Kinder dauernd an die Schule zu feffeln? Welches sind die Ursachen der überaus schwachen Frequenz in den dem Paffahfeste vorausgehenden Wochen, und wie ist diesem Uebelstande abzuhelfen? 3. Sind die dermalen in den Stiftungsschulen eingesührten Lesebücher für die Schüler, welche sich zumeist aus dem Cheder recrutiren, geeignet? Und wenn nicht, welche Aenderungen sind in dieser Richtung zu empfehlen? 4. In welcher Weise soll der hebräische Unterricht an den Stiftungsschulen ertheilt werden, damit er den Bedürfnissen der Bevölkerung möglichst gerecht werde? Ist es nicht angezeigt, daß der gesetzlich vorgeschriebene Religionsunterricht im Einklang mit dem parallel laufenden hebräischen Unterricht geleitet werde, um sich gegenseitig zu ergänzen und zu fördern, und welche Lehrbücher sind für den ersteren zu empfehlen? 5. Da die Stiftungsschulen nicht blos Unterrichtsanstalten, sondern auch, und zwar in erster Linie, Erziehungsan st alten sind, so mögen sich die Lehrer bei Berathung aller dieser Punkte das erziehliche Moment vor Augen halten und gleichzeitig über die Mittel einigen, durch welche dem Kinde von der ersten Classe ab Liebe zum Handwerk und zur Arbeit überhaupt eingeflößt werden könnte. 6. Endlich wäre die Frage zu erörtern, auf welche Weise die locale Wohlthätigkeit für Bespeisung und Bekleidung der ärmsten Kinder der Stiftungsschulen herangezogen werden könnte, da die Stiftung nicht genügende Mittel besitzt, um auch diese Bedürfnisse zu befriedigen." Wir sind überzeugt, daß diese Conferenz, welche voraussichtlich unter der Aegide des ausgezeichneten Inspektors Herrn Landes tagen wird, die besten Früchte tragen wird. Kaaden, 5. Juni. In Weipert starb dem dortigen Kaufmann Siegfried Heller ein Knabe im Alter von drei Jahren. Da dies die einzige jüdische Familie in dieser Grenzstadt, so wäre der Vater gezwungen gewesen, die Leiche seines Kindes auf dem drei Stunden entfernten jüdischen Friedhof in Kaaden zu überführen. Der dortige katholische Pfarrer erlangte hievon Kenntniß. gab nicht nur die Erlaubniß zur Bestattung der Leiche auf dem katholischen Friedhof, sondern traf selbst die nöthigen Vorkehrungen. Man erlebte also in der vor Kurzem noch als deutschnational bekannten Stadt, daß unter der religiösen Function des Kaadener Rabbiner Schulhof die Leiche eines jüdischen Kindes auf dem christlichen Friedhof beigesetzt wurde. Posen, 10. Juni. (Eine antisemitische Berichtigung.) Im „Posener Tagblatt" vom 21. Februar h. I. befand sich eine Correspondenz aus Birnbaum, in der mitgetheilt wurde, daß 21 der angesehensten, allen politischen Parteien angehörenden Bürger der Stadt Birnbaum einen vom konservativen Amtsrichter Jockisch verfaßten Aufruf veröffentlichten. welcher sich gegen die antisemitischen Bestrebungen richtete. In diesem Aufrufe werde gesagt, daß es sogar schon so weit gekommen sei, daß jüdische Frauen und Mädchen des Abends auf der Straße in gröblicher Weise insultirt worden seien. Der Vorsitzende des antisemitischen Vereines in Birnbaum, Cigarrenfabrikant Dumke. hatte hierauf an die Redaction des „Posener Tageblatt" eine Berichtigung eingesendet, die aber nicht ausgenommen wurde, weßhalb gegen den verantwortlichen Redacteur Flammer das Strafverfahren eingeleitet worden ist. Das Schöffengericht hatte den Angeschuldigten freigesprochen; die gegen dieses Urtheil von der Staatsanwaltschaft eingelegte Berufung wurde von der Strafkammer verworfen. In den Erkenntnißgründen heißt es unter Anderem: „Der Antisemitismus ist lediglich eine gewiffe moderne geistige Richtung. Das Preßgesetz gesteht aber das Recht auf Berichtigungen nur den Behör-