Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 472 Srstrrredtzischr Wochenschrift Nr. 24 bens; jeder Jude Oesterreichs Härte bk heilige Pflicht diesem Vereine „zur Selbstve'.ihkidigung^ uls Mitglied beizutreten. Es ist uicht DvrüLszusrtzen, daß der Druck und die Schändung rms so kleinmüthig oder so gleichgiltig gemacht hätten, daß ein einziger Jude Oesterreichs sich ausschlösse! Juden Oesterreichs! es handelt sich um unsere Ehre! Wir österreichischen Unterthanen jüdischen Glaubens sind vaterlandstreu und dem Throne ganz ergeben; wir rufen nach Gerechtigkeit. W i r wo llen uns allesammt vereinigen und unter der Führerschaft streitbarer, zielbewußter Männer das Werk der Selbstvertheidigung beginnen, welche eine Pflicht ist. Wie lange noch werden wir uns quälen und peinigen lassen, ohne mit Macht aufzustehen? Wie lange noch sollen niederträchtige Verleumdungen Glauben und verbrecherische Lügen Vertrauen finden? Quousque taudem abutere Catilina patientia nostra? Auf! zur G r ü ndung des Vereines österreichischer Staatsbürger jüdischen Glaubens!! Eorresponäensm. Wien. (Wählerversammlung.) Die Vereinigte Deutsche Linke bekam Montag am 11. Juni wieder manches harte Wort zu hören. Es war in einer vom Abgeordneten Noske einberufenen Wählerversammlung der Inneren Stadt, daß von vielen Seiten die Haltung der Partei zu den antisemitischen Ausschreitungen der letzten Zeit und ihre Stellung als Regierungspartei zur Regierung einer scharfen Kritik unterzogen wurde. Der Einberufer sowohl wie die Abgeordneten Exner und Kopp, die der Versammlung beiwohnten, bekämpften die Angriffe, aber es gelang ihnen nicht, die tiefe Verstimmung zu besänftigen, welche offenbar alle Erschienenen erfüllte. Es nützte ihnen nichts, daß sie zugaben, die Partei empfinde selber mit großem Unbehagen die peinliche und beschämende Schwäche, welche gegenüber dem Antisemitismus von Seite der Regierung bekundet werde. Die Wähler beharrten auf dem Standpunkt, daß es in der Macht der liberalen Partei gelegen und ihre Pflicht sei, auf diesem Gebiete energisch und fest aufzutreten. Wähler Jacob Jeitteles sagte mit Recht: Durch Vorfälle, wie sie sich in der letzten Zeit ereigneten, wird das Vertrauen zur Gerechtigkeit des Staates zum Staate selbst geschwächt. Die Juden befinden sich ja heute schon im Ausnahmszustande. Da war es ja unter dem absoluten Regime besser. Wenn da Jemand gewagt hätte, in einer Kirche gegen eine Religions-Genossenschaft aufzutreten, wahrhaftig es hätte sich ein Staatsanwalt gefunden, der da eingeschritten wäre. Die heutigen Zustände seien derart, daß unter den Juden Leute auftreten, welche Abstinenz predigen. (Lebhafte Zustimmung.) Die Rolle der liberalen Partei in der Coalition ist viel erniedrigender und beschämender, als zur Zeit des Regimes Taaffe. Der gestürzte Ministerpräsident hat diese Partei mit all seinen Machtmitteln bekämpft, das Ministerium Windischgrätz überliefert sie dem tödtlichen Fluche der Lächerlichkeit. Die Liberalen nehmen Antheil an der Regierung und es wird' antiliberal und antisemitisch regiert. Die Behauptung, daß die Coalition unter den gegebenen Berhältniffen die einzige parlavlentarische Form sei, welche es der liberalen Partei ermöglichte, Erfolge zu erzielen, begegnete dem lebhaftesten Widerspruch. „Was könnte Schlechteres kommen, als die Coalition?" wurde gerufen. Sehr großen Eindruck machte die Rede des Dr. Kopp, welcher die Ursache des Antisemitismus darin erblickt, daß leider Entsittlichung und Verrohung in erschreckender Weise um sich griffen, und welcher erklärte, daß ihm dieser traurige Zustand viel mehr Sorge mache als die Coalition. Der Redner mußte auch zugeben, daß wir ungsschriebene Judengesetze haben, und daß zum Beispiel Juden im Staatsdienste nicht avanciren. Ebenso gestand Hofrath Exnsr, daß die Mißstimmung über die Beantwortung der Deckert-Interpellationen berechtigt sei, aber er wies gleichzeitig auf die Erfolge der Vereinigten Deutschen Linken und ihrer Vertreter im Cabinet hin. Am Schluffe der Versammlung mußte Abgeordneter Wrabetz selbst, der die Versammlung leitete, eine Resolution Vorschlägen, in welcher erklärt wird, daß das Verhalten der Regierung den Beifall der Wähler nicht gefunden habe, daß jedoch der Thätigkeit der Abgeordneten das vollste Vertrauen geschenkt werde. Der größte Theil der Versammelten, denen ursprünglich eine viel schärfere Resolution vorgeschlagen worden war, befand sich übrigens, als der Antrag Wrabetz zur Abstimmung gelangte, nicht mehr im Saale. Das „Vaterland" meint, „die Versammlung dürfte noch ein Nachspiel haben." Vielleicht wird das Coalitions-Ministerium künftighin den Juden verbieten, in einer Wählerversammlung das Wort zu ergreifen. Kann schon sein!! Wien. Ein Abonnent schreibt uns: Der in der vorwöchentlichen Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" veröffentlichte Aufsatz:,, Velhagen's und Klasing's Monatshefte" (Ein Wort der Abwehr) war gewiß vielen Ihrer Leser aus der Seele geschrieben. Allein „Nemo" möge es nicht übel nehmen, solch einen gefährlichen und brutalen Gegner darf man nicht mit Handschuhen anfassen. Da muß die geballte Faust 'raus. Schreiber dieser Zeilen gehört schon seit mehreren Jahren zu den ständigen Lesern der obgenannten Zeitschrift und hat die Wahrnehmung gemacht, daß Ehren - Szczepanski nicht jetzt erst in Antisemitismus macht, sondern daß sich vor zwei oder drei Jahren in den Romanen der Monatshefte grimmiger Judenhaß geltend machte. Kein Jude darf zu den Abonnenten dieser Zeitschrift gehören, die Verlagsanstalt muß es vom geschäftlichen Standpunkte aus spüren, wie sehr sie mit dem Feuer spielt. Nur zu Recht hat der edle Baron Leitenberger mit seinem Ausspruche, daß wir Juden auf die Selbsthilfe angewiesen sind. Deutschland verfügt ja über viele andere treffliche Zeitschriften, die die obgenannten an Reichhaltigkeit des Inhaltes weitaus übertreffen. In Bezug auf den „Kikeriki" gestatten Sie mir auch eine Bemerkuug: „Kikeriki" ist ein Localblatt, das zumeist in Wiener- Cafe's und auch Provinz-Cafe's verbreitet ist. Aber noch verbreiteter in Wiener- und Provinz-Cafe's sind die—Juden. Die Sache käme ä tempo. Am 1. Juli beginnt ein neues Abonnement. Was hat der Jude zu thun? Ganz einfach dem Cafetier zu erklären: „Wenn ich am 2. Juli dieses Schundblatt in Ihrem Kaffeehaus aufliegen sehe, dann bin ich nicht mehr Ihr Gast!" — und das Schmierblatt wird verschwinden! Muß man uns nicht jedes Gefühl von Selbstachtung absprechen, wenn wir uns von einem Cafetier ein Witzblatt (!!) in die Hand drücken lassen, das uns begeifert, verhöhnt und besudelt? Wien. Ein Beweis, wie weit der Zelotismus gewisser Leute zu gehen pflegt, möge aus der nachstehenden, von der „Volkstribüne", einem Arbeiterorgan, in ihrer Nummer vom 3. Juni l. I. gebrachten Notiz entnommen werden: „Bei der Frohnleichnamsprocession in Lilienfeld wurden, so wie alljährlich, Altäre gebaut, vor welche das „Volk" Gras und Blumen streute. Einzelnen Gläubigen mußte aber diese Art Umgangsverschönerung nicht genügt haben, denn sie mischten unter das Gras und die Blumen kleine weiße Zetteln mit der Aufschrift: „Kau ft n i ch t b ei I u d en" und „Deutsche, hütet Euch vor Juden." Uns ist es natürlich gleich, wo andere Leute einkaufen hingehen, aber es fällt uns auf, was da Alles zur „höheren Ehre Gottes" gethan wird." Ist ein solches Gebühren nicht schon die höchste Fructificirung der religiösen Gefühle, welche selbst die Ceremonien eines der höchsten Festtage der katholischen Christenheit benützt, um zum Hasse und Verachtung gegen eine Classe von Menschen aufzureizen, die sich so gar nichts vorzuwerfen hat, als daß ihre Religion die Mutter jener der Hasser ist! — Quosque tandem, Antisemiten] e abutere patientia nostra. Wien. (Ein Priester gegen einen Priester.) Aus dem Montavonthale wird dem „Tiroler Tagblatt" geschrieben: Was Unduldsamkeit zu leisten im Stande ist, geht aus einem Vorfälle hervor, der sich kürzlich in St. Gallenkirch zugetragen hat. Dort traf ein gastlicher Herr aus Wien, der auf einer Fußtour begriffen war, in einem Wirthshause mit dem Kaplan von St. Gallenkirch zusammen und kam im Gespräche auch auf den Antisemitismus zu sprechen. Der geistliche