Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 24 Vestrrrrktzlfchr Worhrnschrip Seite 471 9,000.000 Menschen darauf vor; Wo steckt da die Logik?" — Sonderbarerweise gesteht jetzt Tolstoi selbst, daß das Gesetz Mosis den Mord verbietet, warum also stets, wo es sich darum handelt, den Kriegsgelüsten entgegen zu treten, am einseitig christlichen Standpunkt festhalten. ChristiLehre ist dem Mordhandwerke nicht weniger Feind als die mosaische Lehre, Christen wie Juden leiden in gleicher Weise unter der Geißel, die der Krieg schwingt. Sie haben in gleicher Weise ihrer Wehrpflicht zu genügen und werden mit gleichen Gefühlen jeden Fortschritt gut heißen, der dahinführt, die Welt von dem Unglück zu befreien, das ihre besten Söhne den Familien in jahrelangem Kasernendienst entzieht, sie hernach, wenn die Kriegstrompete ertönt, wohl gar auf Nimmerwiedersehen scheiden läßt. Diesem Völker decimirenden Unglück gegenüber sind Jud und Christ einig in dem Wunsche, daß Wandel geschaffen werde, wie es — und meine Gedanken schweifen wieder zurück nach dem Palais de la guerre in der Pariser Ausstellung — Maupassant so schön in den Worten ausdrückte: Wir Alle, welcher Nation, welchem Glauben, welchem Stande wir auch angehören, sind Kinder Gottes, sind da, um einander zu fördern, zu bilden, nicht zu zerfleischen! Wer es mit der Menschheit gut meint, der werde ein Mitarbeiter am großen Friedenswerke, der helfe den Tempel des Friedens bauen! Jda Barber. Die Pflicht der Selbstvertheidigung. Äon D. Feuchtwang. Ueber dieses ernste Thema sprach Herr Dr. M. Mendelsohn in der ersten ordentlichen Generalversammlung des Centralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die Rede liegt jetzt im Druck vor?) Traurig ist der Bestand dieses Vereines, traurig dessen Aufgabe: Die Selbstvertheidigung. Es ist so weit gekommen, daß die Juden Deutschlands auf sich selbst gestellt sind; sie beginnen nun, sich zu gemeinsamer Arbeit zu vereinigen, sich zu schützen. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß es bei dem Feder- und Wortstreite nicht bleiben wird. Die Außerachtlassung der Staatsgrundgesetze Juden gegenüber ist bereits eine alltägliche Erscheinung geworden. Es wird ohne Bedenken zugegeben werden, daß all' diese Thatfachen voll und ganz auf die Juden Oesterreichs Anwendung finden. Auch in Oesterreich sind die Dinge so weit gediehen, daß von einer vorurcheilslosen Behandlung der Juden nirgendwie die Rede sein kann. Jude sein, heißt hier bereits minderwerthiger, minderberechtigter Bürger sein. Das geistige Ghetto ist eröffnet. Wer sich freimüthig als Jude bekennt, ist gebrandmarkt und geächtet; ist, nach Auffassung Mancher vogelfrei, nach Auffassung fast aller Andersgläubigen unbrauchbar für die menschliche Gesellschaft, für den Staat. „Der Antisemitismus wird nicht zu Grunde gehen, so lange nicht der letzte Jude zu Grunde gegangen ist." Diese barbarische These wurde im österreichischen Parlamente aufgestellt. Eine Wahrheit enthält dieser grausame Satz und er bestätigt nur das, was wir selbst mit zerrissenem Herzen und thränenvollem Auge gestehen müssen: Der Judenhaß wird niemals aufhören, weil die Menschlichkeit wohl in absehbarer Zeit nicht zu der Höhe der Anschauung emporgedeihen wird, auf welcher der Grundsatz gilt, daß alle sittlichen Menschen gleichwerthig sind vor Gott. Wahrlich! Schauer erfaßt den Sittlichdenkenden, wenn solche Verrohung und Entartung Grundsätze der wildesten inneren Verkoinmenheit in einem Parlamente vor den Ohren des ganzen Volkes ungestraft aussprechen darf! Die Pflicht der Selbstvertheidigung ruft laut und deutlich alle Juden des Kaiserstaates auf, sich um ein gemein- *) Berlin, Verlag von Irnberg und Lefson 1894. sames Banner zu schaaren, den Brand zu löschen, bevor er in lichter Lohe emporflackert — wenn es möglich ist. Mit Dankbarkeit muß es anerkannt werden, daß eine bedeutende Zahl hervorragender christlicher Männer im „Verein gegen den Antisemitismus" die Hochstuth einzudämmen sucht. Dieses edle Streben ist bis heute vollständig erfolglos geblieben. Mit edlen Geisteswaffen vermag man gegen berechnende Schlechtigkeit gar nichts. Ehrliche Männer können auf ehrlichem Wege im Kampfe mit verlotterter Moral niemals siegen. Vielleicht gibt es aber noch einen ehrlichen Weg, der betreten werden sollte. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zeigt uns diesen Weg, welcher mit um so größerer Zuversicht eingeschlagen werden kann, als die Juden Oesterreichs bereits erfüllte Vorbedingungen zur Erreichung der Ziele des eben genannten Vereines in Deutschland besitzen. Wir müssen uns selbst vertheidigen! Zehntausende müssen sich mit dem klaren Vorsatze zusammenthun: „Wir lassen uns keinerlei unberechtigte Zurücksetzung, weil wir Juden sind, gefallen. Wir dulden es nicht, daß die verbrieften Rechte des Staatsbürgers mit Füßen getreren werden; wir verlangen nichts, als Gerechtigkeit; wir fordern keine Bevorzugung; wir wollen nicht besser, doch auch nicht schlechter behandelt sein, als Andersgläubige; wir dulden es nicht, daß unsere Religion verhöhnt und geschmäht werde; wir dulden es nicht, daß man das Judenthum in der Oeffentlichkeit beschimpft und in den Koth zerrt; wir können nicht ruhig zusehen, wie unsere Söhn? von Aemtern und Würden ausgeschlossen werden, weil sie Juden sind. Wir wollen Juden sein und Juden bleiben und als gleichvcrpflichtete und gleichberechtigte Bürger Oesterreichs leben und sterben." Die „O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e l i t i s ch e Union" muß ihren ^Lirkungskreis bedeutend erweitern, ihr Programm vergrößern, Fernbleiben von jeder politischen Parteinahme, Fernbleiben von religiöser Parteinahme muß Grundprincip dieser Vereinigung österreichischer Staatsbürger jüdischen Glaubens unbedingt sein; dabei bleibt die Verhinderung der Wahl antisemitischer Candidaten natürlich unbenommen; denn die Antisemiten sind keine politische und keine religiöse Partei; denn ihre Politik ist der 'Neid und ihre Religion der Haß. Dieser Verein, wie wir ihn uns denken, schreibt auf seine Fahne: „Selbstvertheidigung"; diese im weitgehendsten Sinne des Wortes. Zu dieser Selbstvertheidigung gehört: Die strengste Uel-erwachung aller antisemitischen Publicationen, die Beschwerdeführung über Schmähungen, Beleidigungen, Verunglimpfungen, welche dem Einzelnen als Juden, der Gesammtheit als Judenthum widerfahren; dazu gehört die Schaffung eines Rechtsschutzvereins, zusammengesetzt aus wackeren, rechtskundigen, braven Männern — und es gibt deren wohl genug in Oesterreich — welche mit unerbittlicher Consequenz jeden Fall, der rechtsfällig ist, verfolgen und zur Anzeige bringen. In Wien muß eine Centrale gegründet werden, wohin Alles und Jedes berichtet wird; dort muß in regelmäßiger Sprechstunde jedem Mitgliede Gelegenheit gegeben sein, Recht zu^suchen und zu finden; dieses Rechtsschutz-Bureau wird sich die Bahn zu den maßgebenden, einflußreichen und entscheidenden Orten mit Energie zu ebnen haben und jeder „Beleidigte" wird fortan wissen, daß ein öffentlicher Ankläger über ihn wacht. Denn die Thatsachen beweisen uns nicht, daß die behördlichen Organe, welche die Störung des consessionellen Friedens und die rohe Beleidigung eines Juden ob seines Glaubens ahnden sollten, ihres Amtes stets und rechtzeitig walten; es hätte sonst nicht geschehen dürfen, daß ein erhabener Glaube von einem niedrigen Bösewicht öffentlich geschmäht wurde. Wir müssen uns alsowirklich selbst vertheidigen. Die bereits bestehende „O e st err ei ch i sch-I sra el i r i s ch e Union" also möge sich verwandeln in einen Verein österreichischer Staatsbürger j ü d i s ch e n G l a u-