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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-15 · 24 (15.6.1894) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
24 (15.6.1894)
Date
1894-06-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 470 Oesterreirtzifche Wochenschrifi Nr. 34 tärischen und bureaukratischen Kreisen einerseits und den zu gewaltsamen Umwälzungen geneigten „Unzufriedenen" anderseits bestehen. Das mag auch einen minder zu Bedenken und Argwohn neigenden Herrscher als Alexander HL mit schwerer Sorge erfüllen und solch' einer Sorge gibt auch der neueste Ukas des Czaren Ausdruck, durch welchen dem General-Adjutanten Tscherewin die Oberaufsicht und sohin, wie es im officiellen Telegramm heißt, „die Verantwortung für die Sicherheit der kaiserlichen Residenzen und bei Reisen des Kaisers" übertragen wird. Tscherewin soll in seiner neuen Würde den Titel „General vom Tage" führen. Es gibt wohl auf dem ganzen Erdenrund kein Amt, wie jenes, welches dieser neue General vom Tage zu versehen haben wird. Der Mann müßte über tausend Augen, über tausend Ohren und über tausend Hände verfügen, um seinem Amte zu genügen, ja nicht einmal dann könnte er es. Womit wird er sein Amt beginnen? Die Speisen des Kaisers zu kosten, bevor sie dieser zum Munde führt; von dem Weine zu nippen, den der Kaiser trinkt; tagtäglich die Dielen, die Mauern, die Gänge, die Stiegen der jeweiligen kaiserlichen Residenz zu untersuchenschrittweise den Extrazügen voranzueilen, auf welchen der Czar sein ungeheueres Reich passirt? Diese Skizzirung der Aufgaben, welche dem General vom Tage bevorstehen, mag übertrieben, lächerlich und beinahe märchenhaft klingen, aber man kann sich unmöglich vorstellen, auf welche andere Weise dieser einzige Mann über jedem Haare auf dem Kopfe des Czaren und seiner Familie schützend zu wachen vermöchte. Der General vom Tage ist eine Würde, wie sie in ihrer Art etwa Harun al Raschid, der vielgenannte Chalif von Bagdad, seinem ersten Vertrauten hätte geben können, dem er dabei das Recht hätte zugesteh m müssen, jedem einzelnen Menschen, der auf hundert Schritte schon Verdacht einflößt, den Kopf vor die Füße zu legen. Gedanken Wer Tolstoi'« Werk: Christi Lehre «ud die allgemeine Wehrpflicht. Als ich gelegentlich der letzten Pariser Weltausstellung auf der Plaee des Invalides die Prachtbauten musterte, die hier von Völkern aus Ost und West errichtet worden, um Zeugniß ihres Könnens und ihrer Entwicklung abzulegen, sagte mir ein Herr, auf den großartigen Palast deutend, den die französische Kriegsverwaltung als „Palais de la guerre" errichtet: „Und in diesem Kriegspalast finden sie Alles vereint, was die europäische Cultur in wenigen Wochen dem Verderben preisgeben kann." — Der Sprecher wurde mir als Guy de Maupassant oorgestellt, und interessant war es mir, als er sich erbot, den Führer im Palais de la guerre zu machen, seine vernichtende Kritik bezüglich aller Fortschritte, die auf dem Gebiete der modernen Kriegsführung gemacht worden, zu hören. Schon, damals .wies er darauf hin, daß Leo Tolstoi ein großes Werk unter der Feder habe, das bei seinem Erscheinen — falls es nicht verboten wird — die ganze gebildete Welt über die Kriegs- und Friedensfrage in Aufregung versetzen werde. Jüngst nun erschien dieses Werk des großen Denkers, des tiefsinnigen Reformators, der die Zeitfragen gründlich studirt und mit seltenem Muth allen Vorurtheilen entgegentritt. Es war mir interessant, da, als er Maupassant (Seite 213) citirt, fast dieselben Worte zu hören, die der geniale Schriftsteller damals im Palais de la guerre gesprochen, noch interessanter aber den Gedankengang Zola's bezüglich der allgemeinen Wehrpflicht zu verfolgen. — Was mich befremdet, ist, daß er, der Kosmopolit, nicht vom allgemein menschlichen, sondern vom speciell christlichen Standpunkte aus urtheilt. Sein Hauptaugenmerk ist darauf gerichtet, zu beweisen, daß die christliche Lehre die Kriegführung, den Mord, verbiete, daß Alles, was auf den Krieg Bezug habe, dem fundamentalen Satze der christlichen Religion „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" widerspricht. An der Hand der Geschichte weist er nach, daß christliches Bewußtsein und Kriegführung diametral entgegengesetzte Begriffe seien; „die ganze christliche Menschheit unserer Zeit", sagt er, müßte sich lossagen von den heidnischen Formen des Lebens und auf den von ihr anerkannten christlichen Grundlagen ein neues Leben aufrichten. Der Krieg ist Massenmord, ist vor Gott und Menschen strafbar! An einer anderen Stelle fragte er: „Warum sollte man in Staaten, in denen Christi Lehre als Staatsreligion gilt, nicht die Negierung nach jeder Kriegserklärung vor Gericht stellen?" Wenn das Volk dies nur begriffe, wenn sie die Machthaber, die sie zum Tode führen, vor Gericht stellten, wenn sie sich weigern würden, ohne Noth in den Tod zu gehen, wenn sie die Waffen, die man ihnen gegeben hat, gegen die benützen würden, die sie ihnen gegeben haben. Wenn dies einmal geschähe, würde der Krieg den Tod finden. Aber das geschieht nie. Um die Gräuel des Krieges dem Leser vor Augen zu führen, entrollt Tolstoi ein Bild, das uns anschaulich zeigt, wie Alles, was mit dem Kriegshandwerke zusammenhängt, dem religiösen Bewußtsein im Menschen Hohn spricht. Da heißt es: „In Europa gibt es 28,000.000 bewaffnete Männer, die Streitigkeiten dadurch lösen, daß sie einander todtschlagen, anstatt sie zu beurtheilen. Das ist die von christlichen Völkern anerkannte Art der Lösung von Streitigkeiten. Diese Art ist überdies sehr theuer, da nach der Rechnung, die ich.aufgestellt habe, die Völker Europas seit dem Jahre 1872 fünfzehn Milliarden Rubel ausgegeben haben zur Vorbereitung und zur Lösung von Streitigkeiten durch gegenseitiges Todtschlagen. Darum glaube ich, daß bei solcher Ordnung der Dinge einer von diesen beiden Sätzen angenommen werden muß: Entweder ist das Christenthum in die Brüche gekommen oder die Männer, die es auf sich genommen haben, es zu erklären, haben es unglücklich erklärt. So lange unsere Kanonen nicht auseinandergenommen und unsere Heere nicht aufgelöst sind, haben wir kein Recht, uns eine christliche Nation zu nennen." Und an einer anderen Stelle: Man wundert sich darüber, daß in Europa jährlich 60.000 Selbstmorde Vorkommen, wenigstens so viel bekannt und verzeichnet werden, und überdies noch mit Ausschluß Rußlands und der Türkei; wundern muß man sich nicht darüber, daß so viel Selbstmorde Vorkommen, sondern daß so wenige Vorkommen. Jeder Mensch befindet sich, wenn man in den Widerspruch seiner Erkenntniß und seines Lebens eindringt, in der verzweifeltsten Lage. Ohne von all' den anderen Widersprüchen des Lebens und der Erkenntniß zu sprechen, die das Leben des Menschen unserer Zeit erfüllen, genügt der eine, der zwischen der äußerst kriegerischen Lage, in der sich Europa befindet, und seinem christlichen Bekenntnisse steht, um den religiös denkenden Menschen zur Verzweiflung zu bringen. Was uns befremdet ist, daß Tolstoi stets nur vom christlichen Bekenntnisse redet. Meint er, daß Bekenner anderer Religionen sich dem Kriegerhandwerk williger weihen, die Gräuel, die im Gefolge des Krieges sind, weniger schmerzlich empfinden? Er sagt: Um die große Zahl von Soldaten zu unterhalten und so ungeheuere Vorbereitungen zum Todschlag zu machen, werden jährlich Hunderte von Millionen ausgegeben, das heißt Summen, die zur Erziehung des Volkes und zur gedeihlichen Entwicklung der christlichen Gemeinden besser verwendet werden könnten. „Das gegenwärtige Europa hält eine active Armee von 9,000 000 Mann unter den Waffen" und 15,000.000 Reserven und hat dafür eine Ausgabe von fünf Milliarden Franken jährlich. Durch diese immer mehr und mehr gesteigerten Rüstungen lähmt sie die Quellen der socialen und individuellen Wohlfahrt. Kein religiös denkender Mensch kann als Christ sich gutwillig auf den Mord vorbereiten, der ihm durch das Gesetz Mosis*) verboten ist, und alljährlich bereiten sich dennoch *) Seite 320.

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