Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 468 Orsterrrichifche Wochenschrift Nr. 24 Gleichzeitig suchte Herr Ziegelwanger, welcher von Beruf Baumeister und eine in den westlichen Vororten und speciell in seinem Wohnorte Penzing sehr bekannte Persönlichkeit ist, bei seinen zahlreichen Gläubigern um die Gewährung eines Moratoriums an, da es ihm unmöglich sei, im Augenblicke seinen Verpflichtungen nachzukommen. Herr Gemeinderath Ziegelwanger war einst Obmann-Stellvertreter des Deutschliberalen Vereines in Rudolssheim gewesen, ist dann aber nach und nach ins antisemitische Lager abgeschwenkt. Bei den letzten Gemeinderathswahlen wurde er auf Grund des antisemitischen Programms in den Gemeinderath gewählt und schon damals war es für seine Geschäftsfreunde kein Geheimniß, daß er sich in den ungünstigsten Verhältnissen befinde, denn die zahlreichen gegen ihn anhängigen Executionen blieben natürlich nicht unbekannt. Die Ursache war, daß er sich in Unternehmungen eingelassen, die weit über seine Kräfte gingen. Ohne über größere Barmittel zu verfügen, baute er vier, fünf und mehr Häuser auf einmal auf eigenes Risiko. Wenn die Lieferanten auf Zahlung drängten, mußte er die Häuser losschlagen und erzielte dabei nicht die besten Preise. Bon seinen Gläubigern waren gerade jene, die zu seinen engeren Gesinnungsgenossen gehörten, die rücksichtslosesten. Da nahm Ziegelwanger bei einem Geldgeber Namens Salomon M. Krön vor Kurzem 15.000 fl. auf seine Mobilien auf und befriedigte einige seiner Gesinnungsgenossen, erreichte aber damit nur, daß auch die übrigen mit ihren Forderungen dringlicher wurden. Als Antisemit hatte Ziegelwanger für die „gute Sache" so manches Opfer gebracht, aber die politischen Freunde hielten, als er bei ihnen anklopfte, die Taschen ängstlich zugeknöpft und so mußte er seine Zahlungsunfähigkeit declariren und um ein Moratorium von vier Wochen ansuchen. Kommt der angestrebte Ausgleich zu Stande, dann dürften die Gläubiger eine 20- bis 25percentige Quote erhalten. Die Passiven sollen die Activen um 50.000 bis 60.000 fl. übersteigen. Ziegelwanger war vom 13. Bezirke in den Gemeinderath gewählt. Vor der Vereinigung der Vororte mit Wien hatte er dem Penzinger Gemeinderathe angehört. Er war von der antisemitischen Majorität zum Obma nn der Bausection gewählt wurden, was aber nicht hinderte, daß an ihn Communalarbeiten vergeben wurden, wogegen die liberalen Vertttter im Penzinger Gemeinderathe vergebens protestirten. Viel hat zum Ruine Ziegelwanger's, der allgemein als ein sehr tüchtiger Baumeister galt, zweifellos auch seine prononcirte Parteistellung beigetragen. Antisemitische Nächstenliebe. Die von dem seligen Kuranda gegründeten, jetzt von dem edlen Brüderpaare Grunow in Leipzig herausgegebenen „Grenzboten" betteiben den sogenannten anständigen, mit zeitgenössischer Bildung verbrämten Judenhaß. In jeder Nummer der grünen Blätter befindet sich wenigstens ein judenfeindlicher Artikel. Der Grundton der oft sehr langweiligen Tiraden ist die moralische Weltanschauung der Arier. Bald wird Bismarck über den grünen Klee gelobt, bald wird Caprivi gehuldigt, Stöcker und Ahlwardt theilen sich in dtt Gunst' der Brüder Grunow. Das Verbot der rituellen Schächterei in Sachsen war so sehr nach dem Geschmacke der grünen Blätter, daß in demselben auch ein arischer Moralist für die polizeiliche Verhindemg der Beschneidung auftrat. An Weltverbefferungsvorschläg' U leiden die Grunow's nicht Mangel und ginge es nach dem grünen Blatte, dann wäre heute schon die ganze Welt nach den Vorschlägen der „Grenzboten" zum Heile des reinen und unverfälschten Arierthums umgestaltet. Wir haben uns oft eines heiteren Lachens über die antisemitischen Rippenstöße der „gebildeten" Zeitschrift nicht enthalten können, besonders amüsant war uns das heiße Bemühen der Grunow's, ihren ganz vulgären Judenhaß mit der Marke wissenschaftlichen Ernstes und moralischer Gesinnungstüchtigkeit zu verbrämen. Die letzte Nummer aber jener Blätter, die uns zu Händen kam, hat uns mit aufrichtigem Schmerze, mit Betrübniß und Entsetzen erfüllt. In Nr. 16 der „Grenzboten" vom 19. April des Jahres 1894, Seite 134, wird als Kampfmittel gegen das Ueberhandnehmen der Arbeiterstrike allen Ernstes — die Beschränkung und Einstellung der Wohlthätigkeit gegen Arme und Elende empfohlen. Die bezeichnende Stelle beginnt mit den Worten: „Darf unter diesen Umständen noch Wohlthätigkeit geübt werden wie früher"? und endet mit dem glorreichen Ausrufe „Strike gegen Strike". Die Nichtswürdigkeit der hier zum Ausdrucke gebrachten Gesinnung hindert unS an der vollen Wiedergabe dieses arischen Weltverbesserungsvorschlages. So weit ist es am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gekommen, daß gebildet scheinende Männer die roheste Grausamkeit zu predigen wagen dürfen? Weil es den Herrn Grunow unangehm ist daß ihre Setzer und Drucker bei Hungerlöhnen zu striken beginnen, deshalb -fordern sie das begüterte Bürgerthum zu Repressalien gegen Arme, Kranke und Nothleidende auf. Das ist wirklich unerhört, und wenn die Herren der grünen Blätter auch nur einen Rest von Scham besäßen, er müßte sie verhindert haben, einem so unmenschlichen, harten und die niedrigste Gesinnung verrathenden Vorschläge Raum zu geben. Wie wir Juden uns zu einer so schamlosen Aufforderung stellen, daß wir nie aufhören werden in einem Armen und Unglücklichen einen Menschenbruder zu erblicken, der auf unseren thatkräftigen Beistand Anspruch zu machen berechtigt ist (3 B. M. C. 25. V. 35), wollen wir hier nicht weiter erörtern. Wir haben nur den Wurm zeigen wollen, der sich in dem grünen Blatte und dessen arischer Weltanschauung in so abstoßender Häßlichkeit breit macht. Das Blatt wird welken, aber das Wort Gotts wird ewig bestehen! Das ist mit Jesaias unser Trost in dieser traurigen Zeit des Hasses und der Rache. Dr. I. Caro, Rabbiner Lemberg. Das Blutmärchen. In Berent in Westpreußen hatte eine Frau, die Witwe Hermann, verbreitet, an ihrer Tochter sei von Juden ein Ritualmord verübt worden, während bald darauf das Mädchen sich wieder bei der Mutter einfand. Frau Hermann war deshalb wegen groben Unfugs zu fünftägiger Haft verurtheilt worden. Auf ihre Berufung dagegen verschärfte das Bereuter Schöffengericht die Strafe auf zwei Wochen Haft. Auch die Stadt Szenicz war über dieses Märchen eine ganze Woche lang in größter Aufregung, und die jüdische Bevölkerung befürchtete mit Recht den Ausbruch von Krawallen, da es an Hetzern nicht gefehlt hatte. Am 3. d. M. brachte die Schwester des bei dem Szeniczer Einwohner Israel Keszler bediensteten Knechtes M r c s e k, ein junges Mädchen aus dem Nachbardcrfe Csacso, demselben Wäsche, kam aber Abends nicht nach Hause zurück. Die Eltern des Mädchens kamen deshalb mit noch einigen Bauern nach Szenicz, um nach dem Mädchen zu forschen, und da es nirgends gefunden wurde, verbreitete sich erst vereinzelt und im Stillen, bald aber offen und in weiteren Kreisen das Gerücht, das Mädchen müsse im Hause des Juden Keszler umgebracht worden sein. Die Leute erzählten sich, sie hätten den Rabbiner und mehrere andere Juden in das Haus Keszler's gehen gesehen, und am 4. d., Morgens, gab es bereits in den Gassen Aufläufe, worauf die Leute dem Ober-Stuhlrichter die Anzeige erstatteten und auf eine Untersuchung drängten. Ober-Stuhlrichter Frideczky, ein gebildeter Mann, nahm die Sache sofort in die Hand und war ernstlich bemüht, die aufgeregte Menge zu beschwichtigen, indem er sie auf den Unsinn ihres Verdachtes aufmerksam machte. Von den Hausleuten gab ein Dienstmädchen an, sie habe gesehen, daß die Mrcsek das Haus Keszler's Vormittags allein verlassen hatte, doch hätten ihre Dienstherren gesehen, daß zu Keszler um die Zeit, als das Mädchen dort war, zwei Rabbiner, mehrere Juden und zwei Schächter gekommen seien. Die Aufregung wuchs von Stunde zu Stunde, jo daß der Ober-Stuhlrichter Keszler ersuchte, zur Beruhigung des Volkes selbst eine Hausdurchsuchung zu begehren. Keszler willigte selbstverständlich ein, und es wurde sowohl bei ihm als bei seinem Nachbar Läng e r, einem sehr frommen Juden, das Haus vom Dache bis zum Keller durchsucht, natürlich vergebens. Später kamen Gendarmen, die Vormittags und Abends dasselbe thaten und die Hausleute sowie die Nachbarn verhörten. Keszler, im höchsten Grade beunruhigt, begab sich am 6. d. nach Neutra, um hier beim Vicegespan die Meldung des Vorfalles zu machen und um Hilfe zu erbitten. Endlich kam noch rechtzeitig die Aufklärung; das vermißte Mädchen wurde am selben Tage in dem bei Csacso fließenden, stark angeschwollenen Bache ertrunken aufgefunden. Sie war auf der Heimkehr von einem starken Gußregen überrascht worden und hatte ein Wasserwehr, der als Steg benützt wird, betteten, um rascher nach Hause zu kommen. Dort war sie offenbar äusgeglitten und in den Kessel unterhalb des Dammes gestürzt, worauf sie von dem hochangeschwöllenen Gießbach abwärts getrieben und erst dann, als das Wasser sank, als Leiche ans Ufer geschleudert wurde. Dieser Fall ähnelt jenem von Tiszg-Eszlar.