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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-15 · 24 (15.6.1894) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
24 (15.6.1894)
Date
1894-06-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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rlk. 24 Vryerreichischr WochenschrM Sette 467 Statistisch stellen sie fest, daß von 191 Mitgliedern (laut des 1893 erschienenen Jahresberichtes unter Dr. Mundy) am 7. Juni 1894 circa 65 active Mitglieder übrig blieben. Indem die Unterzeichneten für die Veröffentlichung dieser Zeilen der löblichen Redaction den herzlichsten Dank sagen, zeichnen in hochachtungsvollster Ergebenheit Med. Drd. H. Benedikt, Med. Drd. Leopold Schön, Med. Drd. Friedrich Wechsberg, Med. Drd. Heinrich Löwenstein, Med. Drd. Gustav Götzl, Med. Drd. Leo Siegelbaum, Med. Drd. Alexander Scutetzky, Med. Drd. Alfred Ehrlich, Med. Drd. Max Tugendhat I, Med. Drd. Max Tugendhat ll, Med. Drd. Ernst Emil Sträußler, Med. Drd. Siegfried Reiner, Med. Drd. Hugo Kohn, Med. Drd. Max Kopetzky, Med. Drd. Julius Klein, Med. Drd. Julius Fleischmann, Med. Drd. Joseph Eiger, Med. Drd. Emil Bermann, Med. Drd. Max Fischer, Med. Drd. Bela Rosenthal, Med. Drd. Karl Fuchs, Med. Drd. Marcell Wurzel, Med. Drd. Oskar Porges, Med. Drd. Leopold Jtzkowitz, Med. Drd. Heinrich Grün, Med. Drd. Heinrich Propper, Med. Drd. Max Wahrhaftig, Med. Drd. Wilhelm Markstein, Med. Drd. Eugen Gänger, Med. Drd. August London, Med. Drd. Marcus Benedikt, Med. Drd. Moriz Löwy, Med. Drd. Eduard Löbl. Was man in Wien erleben kann. Wir erhalten folgende Zuschrift, deren Einsender uns persönlich erklärte, daß er für die volle Wahrheit seiner Angaben einstehe: „Löbliche Redaction! Ich saß Sonntag den 10. d., gegen 8 Uhr Abends, mit meiner Mutter im Garten des II. Kaffeehauses im Prater bei einem Glas Bier, da hörten wir aus dem Saale einen wüsten Lärm. Meine Mutter sagte mir, ich möge doch Nachfragen, was es denn eigentlich gebe, und da ich an einen Unglücksfall dachte, ging ich, wie auch viele Andere, dahin. Beim Saaleingange angelangt, sah ich einen dichten Menschenknäuel, ans dem ich nur die Worte: „Judengesindel! Nieder mit den Juden!" k. hörte. Ich stand kaum eine halbe Minute dort, da kam der Restaurateur Schneider auf mich zu und rief mir barsch zu: „Entweder hinein oder hinaus, überhaupt verlassen Sie sofort mein Local!" Ueberrascht von einem solchen Benehmen, erwiderte ich, daß ich hier Gast sei und er wohl kein Recht habe, mich hinauszuweisen, zumal ich doch nichts gethan habe und daß er sich in der Person irren müsse. Kaum sagte ich das, so packte er mich am Rock und rief: „Hinaus, Judenbub, hier werden keine Juden geduldet!" Diese Worte waren das Signal für die im Saale anwesenden, wie ich später hörte, antisemitischen Studenten. Ich sah mich plötzlich von mehr als 50 Personen umrungen, welche auf mich losschlugen, und riefen: „Wo ist ein Jud? Nieder mit dem Judenbuben!" Dann kamen die Kellner, entrissen mir den Stock, mit dem ich mich wehren wollte, zuletzt kam der Hausknecht, würgte mich bei der Gnrgel und ließ mich nicht eher los, bis Herr Schneider sagte: „Jetzt ist's gut!" Meine Mutter, welche mein langes Ausbleiben besorgt machte, kam gerade hinzu, als man auf mich losschlug und sie bat mit aufgehobenen Händen, von mir abzulassen, man hörte aber nicht auf ihre Worte und wie' ich später hörte, haben sich auch mehrere junge Leute an ihr vergriffen. Wir gingen mit einigen Zeugen, Herrn Jul. Friedmann, III, Obere Weißgärberstraße Nr. 13 und noch anderen zum Pratercommissariate, wo wir die Anzeige erstatteten, und werde ich gegen Herrn Schneider noch gerichtlich Vorgehen. Ich bitte, Herr Redacteur. diesen Vorfall zu veröffentlichen. Hochachtungsvoll Ernest Liebel, Dentist, ll., Kaiser Josefstraße Nr. 36, Johanna Liebel als Zeugin." Ueber eine zweite antisemitische Heldenthat erhalten wir folgende Mittheilung: Am 5. Juni l. I. hatte Moriz Glücksmann, der Bedienstete einer Wiener Firma, bei einer Kunde in der Badener Umgebung ein Packet Leinwand abzuliefern. Glücksmann passirte eben den Ort Josefsthal, als er von einem hemdärmeligen und Hutlosen Herrn in ungestümer Weise mit der Frage attaquirt wurde, was er da für ein Packet trage und wohin er gehe. Auf die naheliegende Antwort Glücksmann's, daß dies den Herrn in Hemdärmeln wohl nichts kümmere, erwiderte Letzterer barsch, daß ihm dies gar sehr angehe, indem er sich mit den höflichen Worten: „Da schau, Jud', wer ich bin!" als der Gemischtwaarenhändler und gleichzeitige Gemeindepolizei-Commissär von Josefsthal, Namens Krauß, legitimirte. Glücksmann, der sich so der hohen Obrigkeit gegenüber sah, gab nun an, daß er in die eine halbe Stunde entfernte Wattafabrik gehe, um dort bestellte Waaren abzuliefern. „Lügner! Hausiren gehst Du!" wurde er nun angefahren. „Ich gehe mit Dir, da werden wir sehen!" Nachdem der gestrenge Polizeicommissär sich auf Ersuchen Glücksmann's wenigstens zu einer Vervollständigung seiner Toilette hatte bewegen lasten, kam just ein Leiterwagen des Weges gefahren. „He! Halt! Aufhalten!" rief Krauß da den Kutscher an, „da Hab' ich einen Juden! Der muß die Fuhr zahlen und wenn es 10 fl. kostet! Fahren Sie zur Wattafabrik!" Herr Glücksmann protestirte natürlich gegen diese Zumuthung und erklärte, daß er auch zu Fuß gehen könne, wurde jedoch von Herrn Krauß beim Arme gepackt und mit den Worten: „Jud'! Du wirst mir nicht entkommen!" thatsächlich genöthigt, auf den Wagen zu steigen und mußte — gleich einem schweren Delinquenten festgehalten — da sitzen. Glücksmann wehrte sich vergebens; seine Erklärungen, daß er ja gar keinen Grund zur Flucht habe, daß das Ganze für den Commistär ja nur den Zweck habe, sich 311 überzeugen, daß er thatsächlich nicht hausiren gehe, wurden mit den derbsten Antworten: „Halt's Maul, Jud!" u. dgl. und der Androhung von Ohrfeigen zurückgewiefen, und so wurde Glücksmann unter den verletzendsten, provocirendsten Spottreden und unfläthigsten Schimpfworten zu seiner Kunde escortirt. Zu seinem weiteren Malheur war diese Kunde gerade nicht zu Hause, und so hatten die Heldenthaten des Josefsthaler Gemeindepolizei-Commisfärs noch nicht ihr Ende erreiche. Die Josefsthaler Wattafabrik liegt nämlich nur wenige Schritte von dem Wiener-Neustädter Canal entfernt, über welchen hier eine Brücke mit einem niedrigen Steingeländer führt. Auf diese Brücke schleppte nunmehr der Herr Gemischtwaarenhändler und Gemeindepolizei-Commissär Krauß sein Opfer und befahl demselben unter Drohungen und Stößen mit rohen Worten: „Marsch, Jud', in den Canal! Du wirst mir nicht mehr nach Josefsthal kommen!" — in das Wasser zu springen. Endlich wurden der Wirth des nahegelegenen Gasthauses, Herr Schweizer, und der zufällig hinzugekommene Fabriksverwalter Herr Franz Neumann aus diese Scene aufmerksam und legten sich ins Mittel. ' Der Gemeindepolizei-Commissär Herr Krauß ließ sich endlich bewegen, von seinem Vorhaben, Herrn Glücksmann in den Canal springen zu lassen, Abstand zu nehmen, führte den Letzteren am Kragen zum Gasthause hin und commandirte ihm mit den Worten: „Jud', daß Du mir nicht von hier weggehst!" sich niederzusetzen. Glücksmann erzählte nun Herrn Schweizer und Herrn Neumann unter Thränen,der Scham und des Zornes, wie ihn Krauß behandelt habe und was ihm widerfahren sei, worauf es den Bemühungen dieser Herren endlich gelang, Herrn Krauß zur Entlassung seines „Häftlings" zu bewegen. So geschehen im Juni 1894 in Josefsthal bei Baden. Herr Glücksmann, der heute noch unter dem Eindrücke der erlittenen Mißhandlungen sich in hochgradig nervöser Aufregung befindet, hat sich nunmehr an den Hof- und Gerichtsadvocaten Herrn Dr. Emil Postelberg gewendet und denselben ersucht, die erforderlichen Schritte bei der Behörde wider den Herrn Gemeindepolizei-Commissär Krauß einzuleiten. Wir sind neugierig, ob unser Justizminister Graf Schönborn diese Straf - Affaire in ihrem raschen gesetzlichen Fortgang überwachen wird, wie die Affaire Pollitzer-Kaiser. Ein antieorruptioniftischer Gemeinderath. Dienstag hat der Gemeinderath Karl Ziegelwanger, ein Mitglied der antisemitischen Opposition, das Präsidium des Gemeinderathes verständigt, daß er sein Mandat niederlege.

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