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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-15 · 24 (15.6.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
24 (15.6.1894)
Date
1894-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Ä'LWI Seite 466 Destrrreichifche Wochenschrift Nr. 34 Bürgschaft für die Sicherheit der Ehre und der Person der Besucher des Saatenmarktes bietet, welche von der Kammer gefordert wurde. In diesem gewundenen Schriftstücke sucht man vergebens nach einem verpflichtenden Worte der Abwehr oder auch nur der Verurtheilung des Antisemitismus überhaupt und seiner verwerflichen Tendenzen. Zurückgewiesen wird nicht die Judenhetze als solche, sondern nur die antisemitischen Angriffe auf die Institution des Saatenmarktes. Nach wie vor bietet somit die Negierung keinerlei Gewahr dafür, daß unsere auswärtigen Glaubensgenossen bei dem Besuch des Saatenmarktes nicht ebenso beschimpft, in ihrer Ehre und in ihrer persönlichen Sicherheit bedroht werden, wie unsere einheimischen Glaubensgenossen. Mit feingedrechselten Worten allein kann man die schweren Unterlassungen, ja die offene Ermunterung der Judenhetze in der letzten Zeit nicht wettmachen. Wir müssen Thaten fordern und diese lassen immer noch auf sich warten' Ja im Gegentheile! Die öffentliche Besudelung der Juden durch die antisemitische Presse nimmt ungehindert ihren Fortgang. An demselben Tage, an welchem die Börsckammer ihren Eiustellungsbeschluß zurücknahm, brachte eines dieser Blätter unter der Ueberschrift: „K ö rnd l ju de n" einen von unsläthigem Schimpf gegen die jüdischen Saatenmarkt-Bcsucher strotzenden Artikel, ohne daß die Staatsanwaltschaft gegen denselben eingeschritten wäre. Unter solchen Umständen stellt sich der Rückzug der Börsckammer als ein Act des traurigsten Byzantinisms dar, gegen welchen durch die That Protestirt und oppon'.rt werden muß. Wir richten an unsere Glaubensgenossen in Oesterreich und auswärts die eindringliche Mahnung, den Saatemnarkt nicht zu besuchen, ihn so lange nicht zu besuchen, bis von Seite der Gesammtregierung endlich autoritative Schritte gegen den Antisemitismus erfolgen und bis sie dessen ^Ausschreitungen durch die strenge Anwendung des Gesetzes in jedem einzelnen Falle entgegentritt! Niemand ist unter den heutigen Umständen sicher, daß er bei dem Besuche der Reichshauptstadt nicht der unwürdigsten Schmähung, ja selbst thätlichen Angriffen ausgesetzt wäre. Wer daher nur einen Funken Ehre im Leibe hat, wird daher trotz dcr Rücknahme des Einstellungsbeschluffes der Börsekammer dem Wiener Saatenmarkte fernbleiben! Wo bleibt Prinz Liechtenstein? In der vorigen Woche ist Wien von einer furchtbaren Hagrlkatastrophe heimgesucht worden, durch welche namentlich die Bewohner der nordwestlichen Bezirke in Eigenthum und Erwerb schwer geschädigt wurden. Betroffen sind vor Allem die Bezirke Währing, Hernals und Ottakring. Der Bürgermeister hat nun einen Aufruf an die Wiener Bevölkerung um Unterstützung der Nothleidenden durch milde Gaben gerichtet. In allen Fällen, wo an das milde Herz der Wiener appellirt wird, stehen die Juden in der werkthätigen Ausübung der Nächstenliebe voran! Auch diesmal rechnet man auf ihren Wohlthätigkeilssinn. Allein Währing, Hernals und Ottakring sind die von Antisemitismus am meisten durchseuchten Districte. Sie bilden den Wahlbezirk des Prinzen Alois Liechtenstein! Wo bleibt nun dieser edle, menschenfreundliche Prinz, der sich als Retter der Armen und Bedrängten ausspielt? Er verfügt über ungemessene Reichthümer; wohlan denn, so möge e r seine milde Hand aufthun, um seinen Gesinnungsgenossen zu helfen! Es geht nicht an, daß man sich an die Taschen der reichen Juden wendet und daß die Juden dafür beschimpft werden. Ueberlaffen wir das Rettungswerk dem Prinzen Liechtenstein. Als die Juden in Egypten bedrängt waren, strafte Gott die damaligen Antisemiten mit Verderben bringendem Hagel. Aber Niemanden fiel es ein, zu verlangen, daß die Juden die Noth ihrer Unterdrücker lindern mögen. Wir sind heute in derselben Lage wie vor viertausend Jahren. Ueber unsere Peiniger ist Unheil hereingebrochen, mögen ihnen Jene helfen, welche auf die Juden ein Schußgeld aussetzen und sie in der Donau ertränken wollen. Unsere Glaubensgenossen aber sollten ihre Hand geschlossen halten! Verschonen sollte man die Juden mit der Bettelei für die Gärtner, welche Herrn Lueger zum Beschützer ihres Vereines seinerzeit erkoren haben. Leider lassen sich jüdische Herzen von solch' praktischen Erwägungen nicht leiten, sondern öffnen ihre Hand und ihre Tasche Jedem, der Hilfe fordert. „Liebet Euere Feinde, thut Denen Gutes, die Euch Uebel gethan", ist ein christliches Gebot, welches die Christen nie, die Juden leider immer und wieder üben — mehr als gut und nützlich. Pan Verganetv ein Ehrenmann, Dr. Wekerle ein Dieb. Das „Deutsche Volksblatt" vom 12. Juni überrascht seine gehirnarmen Leser mit folgender Enthüllung: „(80.000 + 8000 — 40.000 75.000.) Ein merkwürdiges Rechenexempel, dessen Richtigkeit der neueste ungarische Ministerpräsident Dr. Wekerle kürzlich bewiesen hat. Vor zwei Jahren kaufte dieser Herr die Puszta Dauos an — wobei seine ganzen Ersparnisse aufgingen. Am 6. d. M. nun hat derselbe Herr ein an diese Puszta angrenzendes Besitzthum um bare 75.000 fl. erstanden. Herr Wekerle bezieht als Ministerpräsident, Finanzminister und Abgeordneter beiläufig 40 000 fl. jährlich — seit November 1892. Wir wollen also annehmen, Herr Wekerle hätte seine Gehalte per 1893 und 1894 bereits voll behoben - macht 80.000 f!., ferner wollen wir annehmen, daß besagte Puszta 8000 fl. in zwei Jahren getragen hat — macht in Summa 68.000 fl. Ueber andere Einkünfte verfügt Dr. Wekerle nicht. Hiervon verausgabte er nach seiner eigenen Angabe jährlich 20.000 fl., in zwei Jahren also 40.000 fl. — verbleiben 48.000 fl. Trotzdem hat Dr. Wekerle sich 75.000 fl. erspart." Also ist Dr. Wekerle eigentlich ein. Dieb, nur Ernst Ve rga n i mit seinem antisemitischen Revolver, seinen Schweiggeldern und seiner Pauschalienwuth ist ein Ehrenmann. Die antisemitische Metze, welche sich dem Meistbietenden preisgibt, übernimmt das Amt der Tugendwacht. Die Freiwillige Rettungsgesellschast als antisemitisches Institut. Löbliche Redaction! Um eventuellen Mißdeutungen, die über den Massenaustritt von Medicinern aus der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft laut werden könnten, von allem Anfänge an entgegenzutreten, bitten die Unterzeichneten Mediciner, gewesene active Mitglieder der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft, um Aufnahme folgender, der Wahrheit entsprechenden Thatsachen: Das Anwachsen einer antisemitischen Strömung in der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft, die vom Chefarzt und Leiter Dr. Wilhelm v. Vragassy, welcher sonderbarerweise Mitglied des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ist, nicht nur geduldet, sondern offenkundig unterstützt wird, hat die Gefertigten bewogen, aus dem Verbände der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschast, der sie Jahre hindurch mit Leib und Seele freiwillig angehört haben, zu scheiden. Diese antisemitische Strömung äußert sich außer in vielen Anderen» hauptsächlich darin, daß Dr. Wilhelm v. Vragassy mehrere Mitglieder israelitischer Confession aus der Mitgliederliste ohne genügenden Grund streichen ließ, ferner daß derselbe jüdische Collegen, welche sich zur Aufnahme in die Gesellschaft freiwillig angemeldet haben, unter dem Vorwände der Uebercompletheit, welche durch nichts gerechtfertigt erscheinen kann, zum Dienste nicht repar- Liren ließ, während für Collegen anderer Confessionen keine Uebercompletheit existirte, weiters darin, daß Dr. Wilhelm v. Vragassy active Mitglieder israelitischer Confession,' die viele Jahre hindurch unter Dr. Mundy zur besten Zufriedenheit gedient haben, überall und in jeder Beziehung gegenüber Mitgliedern, welche nur sehr kurze Zeit der Gesellschaft angehören, jedoch anderer Confession sind, zurücksetzt. Indem die Unterzeichneten viele andere Thatsachen, die das Vorhandensein einer antisemitischen Strömung unter der jetzigen Leitung der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft drastisch documentiren, vorläufig stillschweigend übergehen wollen, jedoch es sich Vorbehalten, gegebenenfalls concrete Fälle zu veröffentlichen, müssen sie die ihnen vom Chefarzt und Leiter Dr. v. Vragassy unter ganz eigenthümlichen Verhältnissen gestellte Zumuthung, gegen Bezahlung (anstatt Natural - Verpflegung) in nächster Zeit Dienst zu machen, auf das Entschiedenste zurückweisen.Die Gefertigten halten sich gebunden, diese vorstehende Erklärung abzugeben, um sich gegen einen eventuellen Vorwurf zu schützen, der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschast, welcher sie unter anderen, gesünderen Verhältnissen mit Stolz angehören ' würden, muthwillig und grundlos den Rücken gekehrt zu haben.

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