Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 464 Drfterrrichifchr Wochenschrift eine Verbesserung der Wiener Arbeitsverhältnisse, eine Erhöhung der Löhne zu erhoffen." Wenn nun der „Orient" der löblichen Schneiderinnung Wiens diese gräuliche Nationalöconomie zumuthet, so würde er nach unserer Meinung hier derselben entschieden Unrecht thun. Die Innung steht der Confection feindselig gegenüber, das ist thatsächlich richtig. Aber warum, woher diese Gegnerschaft? Nicht weil die Confection den Arbeitslohn herabdrückt, sondern umgekehrt weil sie den Gehilfen unabhängig macht vom Kleinmeister, sind diese Letzteren, resp. deren Vertretung, die Innung, die Feinde der Export-Confectionäre! Durch die Gewißheit nämlich, daß es heute in der Schneiderei keine arbeitslose Zeit mehr gibt, ist es jedem Gehilfen leicht, als Stückmeister die Selbstständigkeit zu erreichen. Bringt er den ersten Zins auf für die kleine Wohnung und die wenigen Möbel, so liefert ihm die Fabrik die Nähmaschine gegen die kleinste Anzahlung, und der Exporteur versorgt ihn stetig mit Arbeit. Ist er geschickt, arbeitet er geschmackvoll, so wächst sein Apparat von selbst zur großen Werkstatt mit zahlreichen Gesellen und mehreren Maschinen an. Versteht er seine Zeit und die seiner Gehilfen gut einzutheilen, eifert er durch eigenen Fleiß den seiner Leute an, wird er immer prosperiren. Ist die Existenz eines solchen Stückmeisters auch bescheiden, ihm ist sie genügend, zumindest zieht er sie dem ewigen Gesellenstand in der Werkstatt des Kundenschneiders mit der einzig vom Letzterem abhängigen Dauer der Arbeitszeit vor. Denken wir uns die heutige Exportconfection weg, so müßten sofort wieder die vormärzlichen Verhältnisse eintreten. Das heißt: Es entstünde wieder die absolute Abhängigkeit der Gesellen vom Kleinmeister — in den wenigen Saison-Monaten ungleich angestrengtere Arbeit zu einem nur etwas besseren Lohn — mit dem Aufhören der Saison würde regelmäßig die arbeitslose Zeit eintreten, in welcher wie vormals immer, Tausende von Gehilfen auf der Straße lungerten und nach langem Zuwarten freiwillig oder gezwungen Wien verlassen mußten. Die Wiederkehr dieser Zustände ist es, welche die Jupung herbeiwünscht und — weil sie durch den Export verhindert wird, erweckt Letzterer den Groll der Kurchenmeister. Allerdings dieser Groll erhält seinen besonderen Charakter und den ganz eigenthümlichen Parfüm speciell durch eine Thatsache: Sämmtliche Kleider-Exporteure sind und waren von jeher, mit auch nicht einer einzigen Ausnahme, Juden! Nun sind zwar die Exporteure aller anderen Branchen von jeher gleichfalls fast immer Juden gewesen; aber speciell in dieser Branche hat sich noch niemals «in Arier so wie diese Juden des unverzeihlichen Vergehens schuldig gemacht, unseren Schneidern und Stofferzeugern Brot und Arbeit, Verdienst und Vermögen von Außen her zu schaffen. Die viel verschmähten rumänisch-walachischen, die viel perfolgten russischen Juden waren es, welche vor nun 40 Jahren von ferneher zu uns gekommen sind und sich erlaubt haben, den in Bukarest und Jaffy, in Eonstantinopel und den kleineren Städten der Balkanhalbinsel, in Egypten neu entstandenen Bedarf an europäischen Kleidern bei uns herzustellen. Ohne jede Aufmunterung von Seite unseres Staates, ohne Handels-Akademie, ohne Export-Eleven und Export-Verein, haben sie das Grundwesen jedes Exportes besser gefaßt als die arischen vielgebildeten Franzosen und vielbewanderten Engländer in diesem Industriezweig: daß es sich nämlich bei dem Exporte nicht darum handelt, das, was gerade in der Heimat, und so wie es erzeugt wird, dem Consum des fremden Landes aufzüdrängen, sondern das, was und so wie es dort die Consumenten brauchen und verlangen in die Erzeugung der Heimat einzu¬ Nr. 24 führen. Mit diesem Verständniß haben sie — nicht mit Kanonen und Mitraille.usen, sondern mit Scheere und Elle, mit Nadel und Bügeleisen den Orient für diese unsere Industrie erobert und festgehalten. Unsere Jmportstatistik, namentlich früherer Zeit und speciell aus bestimmten Gründen bei diesem Exporte, war nicht immer genau und verläßlich. Wir schätzen den Werth der seit Beginn des Exportes in Herrenkleidern exportirten Mengen auf mindestens 150 Millionen Gulden. Der Dank, den die Versender hiefür bei unseingeheimst? — Nach einem witzigen Dictum des Ministers Unger im Abgeordnetenhause „hat jedes Land die Juden, welche es verdient." Nicht immer! Es gibt auch ein Land, welches Juden besitzt, die es nicht verdient! . . . r. Vergant - Moral. Zur Jmmunitüts-Affaire des Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch. Wir haben in unserer letzten Nummer zwei nette Photographien reproducirt, welche die „Ostdeutsche Rundschau" und das „Vaterland" von Pan Verganew entwarfen. Der Chefredacteur der „Ostdeutschen Rundschau" hat seinen Artikel mit vollem Namen gezeichnet und stellte sein Manuscript für den Fall, als Vergani klagen sollte, dem Gerichte zur Verfügung. Aber Vergani klagt.nicht! Der Mann ist die Verkörperung der Vorsicht! Er klagt niemals, wenn für eine Behauptung, und wäre es auch die entehrendste, der Wahrheitsbeweis angetreten werden kann; nur wenn einmal dem Gegner' zufällig ein Ausdruck wie „polnischer Kratzer" rc. entschlüpft, für welchen kein Wahrheitsbeweis zulässig ist, nur dann findet Vergani wenigstens scheinbar den Muth, zu Gericht zu gehen. In seiner Polemik gegen das „Vaterland" spielt sich nun Vergani auf den unschuldig Gekränkten hinaus. Er verweist immerfort höhnisch darauf, daß sein Auslieferungsbegehren gegen den Abgeordneten Dr. Bloch nicht mehr zur Verhandlung gelangt, und er läßt durchblicken, daß dieser Umstand dem Abgeordneten Dr. Bloch nicht ungelegen war. Ernst Vergani schmückt sein Haupt heute mit einem billigen Ruhmeskranze, der wohl stark entblättert worden wäre, wenn er im Gerichtssaale dem Abgeordneten Bloch gegenüber gestanden wäre. Aber wenn Pan Verganew sich gar so rein und unschuldig weiß, warum klagt er. denn nicht Herrn Wolf von der „Ostdeutschen Rundschau"? Man kann doch wohl einem Zeirungsherausgeber nichts Schimpflicheres nachsagen, als was ihm hier vorgeworfen wird. Herr K. H. Wolf ist nicht immun, Herr K. H. Wolf bedarf nicht erst der Zustimmung des Parlaments, um sich dem Gerichte zu stellen, Herr K. H; Wolf wartet sogar darauf, daß ihn Vergani unverzüglich anklagt. Warum thut er es denn nicht? Seine bramarbasirenden Angriffe gegen den Abgeordneten Bloch werden durch sein feiges Verhalten gegenüber der „Ostdeutschen Rundschau" in das richtige Licht gerückt. Der Jmmunitätsausschuß hatte dem Auslieferungsbegehren des Wiener Landesgericht'es gegen den Abgeordneten Bloch Folge gegeben und der Bericht hierüber lag vier Wochen hindurch dem Hause gedruckt vor. Das Parlament war mit dringenden Vorlagen beschäftigt, aber wir verrathen nur ein öffentliches Geheimniß, wenn wir mittheilen, daß die Verhandlung über Liesen Bericht ganz bestimmt auf die Tagesordnung gestellt worden wäre, wenn die Freunds Vergani's, wenn die Herren Lueger, Schneider und Geßmann eine diesbezügliche Aufforderung an den Präsidenten gerichtet hätten. Warum hat Vergani eine solche Aufforderung nicht veranlaßt. Bereits am 7. Mai — die Budgetberathung war noch nicht zu Ende — war die Klage Vergani's verjährt, ohne, baß einer seiner intimen Freunde im Parlamente die endliche Erledigung dieser Jmmunitätsangelegenheit beim Präsidenten des Hauses urgirt hätte. Dr. Bloch selber als Mitglied des Polenclubs konnte und durste ohne Zustimmung