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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-08 · 23 (8.5.1894) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
23 (8.5.1894)
Date
1894-05-08
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Serie 458 Orsterrrichifche Wochenschrift Nr. 23 im Lernen noch im Schaukeln stören. Der alte Buchbinder jedoch ist auch damit zufrieden und kehrt, den Schritt dämpfend, an seine Arbeit zurück. Am Freitag Vorabends sieht es hier anders aus. Der Kleine lernt am Fenster, wo das Sich-Schaukeln mehr Schwierigkeit verursacht und auf den weißgedeckten Tisch stellt die Nachbarin ein Gericht Fische, Nudeln und eine soeben vom Bäcker gebrachte, schön gebratene Ente. Ein zinnerner, ganz eigenartig gearbeiteter Armleuchter, in dem einige Kerzen brennen, gibt dem Zimmer ein festliches Gepräge. Der alte Mendel trägt einen schon etwas fadenscheinigen aber immer noch schönen langen Rock mit einem breiten Gurt, und mit Behagen schiebt er seine hartgearbeiteten Hände in die Falten des Gürtels. Ein Käppchen bedeckt fein graues Haar, und 'seine neuen Stiefel mit den hohen Schäften knarren gar so fröhlich. Nachdem der Tisch gedeckt ist, wäscht sich der Knabe, kämmt sein dunkles Haar, nimmt einen reinen Kragen und reine Manchetten und steht nun da, die Hände auf dem Rücken gekreuzt ernst und kerzengerade, indeß der Großvater Gebetmantel und Andachtsbuch vom Bücherbrette hinunterholt. Bald darauf beginnt der alte Jude singend fein Gebet. Seine Stimme, von den niedrigen Tönen ausgehend, schwingt sich enger bis zu den höchsten und geht zuletzt in Jammern und Klagen in leidenschaftliche, flehende, schluchzende Klänge über. Den kleinen Schüler überläuft unter dem Eindruck dieses Gesanges ein nervöses Schaudern, sein bleiches Gesichtchen wird noch blässer, seine großen Augen erst noch größer, dann durch Thränen verdunkelt; unverwandt ruht sein Blick auf dem Antlitz seines Großvaters und ein kramphaftes Zucken geht über seine Züge. Glücklicherweise jedoch dauert das Gebet nicht lange und mit einem Segenspruch beginnt der Alte die Sabbathmahlzeit. ■ Einmal, im Sommer, hatten die Burschen des Schlossers Kolodziejski und des Schusters Pocieszko vor dem Fenster des Buchbinders stehend und in die hellerleuchtete Stube blickend, über des Alten Gebet gespottet und gelacht. In demselben Augenblick jedoch ging ein Geistlicher vorüber. Er warf einen Blick durch's Fenster und als er den alten Juden sah, der auf seine Weise so inbrünstig zu seinem Gotte betete, lüftete er den Hut. Die Scene war stumm, und doch so beredt. Wie vom Wind gejagt stoben die Burschen auseinander, und seit diesem Tage wurde die Ruhe in den armen Buchbinderstübchen nicht mehr gestört. Vorgestern jedoch ... Eigentlich war auch vorgestern nichts vorgefallen. Nur daß der Kleine heimgekehrt war ohne Mütze und geänstigt wie ein gejagtes Wild. Anfänglich wollte er nichts erzählen. Erst nach langem Fragen berichtete er, ein Straßenjunge habe: „Jude! Jude!" auf ihn gerufen. Erschrocken hatte das Kind die Flucht ergriffen und da es, dabei die Mütze verloren, nicht mehr umzukeyren gewagt, um sie aufzuheben. Dem alten Mendel stieg die Röthe des Zornes in's Gesicht. Er richtete sich stramm empor, spie aus, schob das Kind mit harter Hand an den Tisch und schweigend aßen die Beiden ihr Mittagmahl. Nach demselben stopfte der Alte nicht wie sonst seine Pfeife, nahm seine Arbeit nicht wieder auf, sondern ging laut pustend im Zimmer auf und ab. Auch der Knabe hatte seine Aufgabe nicht vorgenommen, sondern betrachtete den Großvater ängstlichen Blickes. Noch nie hatte er ihn so zornig gesehen. „Höre Du!" begann vor dem Kinde stehen bleibend, Wendel endlich. „Wie Du verwaistest als kleines Kind, nahm ich Dich zu mir, und war Dir Kinderfrau und Mutter und erzog Dich und behütete Dich, und da habe ich Dich nicht erzogen und behütet, damit Du sollst bleiben dumm. Und als ich Dich ließ unterrichten und Dich schickte in die Schule und Dir kaufte Bücher, da that ich das nicht darum, daß Du sollst bleiben dumm! Und doch bist Du dumm und gar keine Klugheit ist in Dir! Wenn in Dir wäre Klugheit, so würdest Du Dich nicht schämen, nicht weinen, nicht davonlaufen, weil Dich einer ruft: „Jude!" Und wenn Du weinst darum und läufst davon und verlierst dazu noch eine so schöne neue Mütze, was kostet fünf Gulden ohne sechs Groschen in barem Gelde, nu, dann bist Du sehr dumm und alle diese Schulen, Bücher und das ganze Lernen bringen Dir gar keinen Nutzen." Er athmete laut auf und begann wiederum: „Nu, was ist ein Jude? Nu, was bist Du für ein Jude?" fuhr er sanfter fort, „Du bist geboren in dieser Stadt, so bist Du doch kein Fremder, Du bist ein Eingeborener, und hast ein Recht zu lieben diese Stadt, so lange Du lebst wie ein ehrlicher Mann, Du sollst Dich nicht schämen, daß Du bist ein Jude. Wenn Du Dich wirst anfangen zu schämen dessen, wenn Du Dich wirst betrachten für niedrig, weil Du bist ein Jude, wie kannst Du lieben diese Stadt, wo Du bist geboren, wie kannst Du ihr Gutes thun? Nu?" Laut pustend hielt er inne und blieb vor dem Knaben stehen. Diesmal jedoch betrachtete er dessen erbleichtes Gesichtchen mit einer gewissen Rührung. Er legte seine Hand auf des Kindes Haupt und sagte mit Nachdruck: „Hm, rechtschaffener Jude sein, das ist eine schöne Sache. Vergiß das nie! Und jetzt geh' und lerne, damit Du sollst nicht sein dumm, und um die Mütze brauchst Du nicht zu weinen, ich werde Dir schon kaufen eine andere, das ist nicht werth der Rede!" Der Knabe küßte des Großvaters Hand und ging an seine Arbeit. Der alte Buchbinder jedoch war bedeutend aufgeregter, als er es dem Kinde zeigen wollte. Lange schritt er auf und ab in dem kleinen Zimmer und spuckte fortwährend, als habe er eine bittere Speise genossen. Am anderen Morgen sah er gebückter und viel älter aus . als sonst und als sein Enkel, den Tornister auf dem Rücken, zur Schule ging, stand der Alte am Fenster und warf dem Kinde einen langen, sorgenvollen Blick nach. Selbst die Arbeit brachte ihm heute keine Ruhe. Oesters als sonst stopfte er seine Pfeife, trat an's Fenster und betrachtete prüfend die Straße, die er doch so genau und so lange kannte. Es mochte wohl eine Wirkung dieser inneren Erregung sein, daß ihm heute das Leben, die Stimme, der Pulsschlag der kleinen engen Gasse anders schien, als sonst. Als jedoch der Knabe fröhlich über ein erhaltenes „Vorzüglich" und über die neue Mütze, welche ihm tief über die Augen rutschte, aus der Schule heimkehrte, vergaß, der Alte seine Besorgnisse. Ja, er pfiff sogar, wie in den Tagen seiner Jugend, ein Liedchen bei der Arbeit. Nach dem Mittagessen stürzte der mach Moschus duftende Concipient herein. „Was hört man?" fragte er. „Alles in bester Ordnung", antwortete Mendel Danziger, „behüte uns Gott auch fernerhin vor Unglück!" „Es heißt doch, man wird die Juden schlagen?" sagte der Concipient mit einem dämlichen Lächeln. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Predigten und Schrifterklürungen von Dr. S. May bäum Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Erstesund zweites Buch Moses. Berlin 1694, Verlag von B. Weisstock. Mau erwartet von dem rühmlichst bekannten Prediger der Berliner Gemeinde mit Recht, wenn er Predigten veröffentlicht, Tüchtiges. Der vorliegende Band bestätigt diese Voraussetzungen. Kürze und Bündigkeit sind zwar nicht immer ein Vorzug, doch ein belonderer Vorzug dieser auch sonst noch gediegenen Reden. Als gemeinsame Eigenschaft aller kann man Natürlichkeit, Schlichtheit und logische Gedankenarbeit bezeichnen; oft scheinen uns die Ansprachen zu kühl und nüchtern, manchmal erheben sie sich zu dichterischem Schwung; überall aber wird etwas phrasenlvs Positives deutlich ausgedrückt. Die S ch r i f t e r k l ä r u n g e n, und das ist der größere Theil des Buches, sind treffend und terttreu; die Hörer 'mußten dadurch belehrt und erbaut werden. Was wir schmerzlich vermissen, ist die liebevolle Benützung des Midrasch. Maybaum scheint dies mit Absicht zu vermeiden; doch was hat Jellinek für Zauberquellen aus felsigem Boden beschworen! Als vortrefflich möchten wir in der Maybaum'schen Sammlung folgende Reden bezeichnen: Nr. 10, 24, 26, 28, 60, Bl, 33, 37, 38. In einigen Casualreden zeigt sich der Verfasser tactvoll und ohne falsche Schönfärberei. Wenn wir die erwähnten Nummern vortrefflich nannten, geschieht es nicht einfach, weil sie uns gefielen, sondern weil sie rhetorisch und künstlerisch wirklich gut sind. An Bildern ist Maybaum in diesen Reden nicht überreich, auch nicht an rhetorischen Figuren. Auffallend ist der häufig archaisirende Satz- und Wortbau; warum benützt Maybaum so oft das Partikel „dieweil" (pagg. 26, 91, 100, 124, 142, 171, 279, 292 sc.), das Wort „aufzeigen"? Eigenthümlich ist: „Herzenshärtigkeit" (213 zweimal, 268), „Berfehlung" (102 zweimal), „Geartung" (275, 297). Es kommt selten vor, daß man — und insbesondere der Redner — Predigten mit Befriedigung lesen kann. Diese Maybaum'schen Predigten jedoch kann Jeder mit Freude lesen und das ist kein kleines Lob! D. F e u ch t w a n g.

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