Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 23 (8.5.1894)
- Date
- 1894-05-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 23 Oesterreichifche Wochenschrift Seite 459 Die Bibel über den Werth des Lebens. Von Dr. Goitein, Rabbiner in Nachod. Eine Broschüre von nur dreißig Seiten — inhaltreicher als manches vielbändige Compendium. Der gelehrte Verfasser hat das gleiche Thema bereits früher in streng wissenschaftlicher Form behandelt und damit selbst den Beifall eines Ed. v. Hartmann zu erringen gewußt; diesmal wendet er sich an ein Publicum philosophisch veranlagter Laien, um in möglichst faßlicher und allgemein zugänglicher Weise über tiefste und schwerste Probleme erwünschte Belehrung zu bieten. Er beherrscht zwei scheinbar heterogene Gebiete mit gleich gewandter Sicherheit, das der modernen Philosophie und — wie es sich bei einem Manne seines Standes wohl von selbst begreift — das biblisch-talmudische. Seinen Schopenhauer hat er erstaunlich gründlich durchstudirt und bringt Citate in allen Ecken und Enden seiner Schriften herbei — ein zweiter Frauenstädt. Aber auch alle Sterne zweiter und dritter Größe am schwarzen Himmel des Pessimismus — sogar die unruhig flackernden poetischen — hat er beobachtet und ihre krausen Bahnen verfolgt. Sehr wesentlich ist der Theil des Schriftchens, wo dem Vater des modernen Pessimismus sein offenbares Unrecht nachgewiesen wird, wenn er die jüdische Religion schlankweg eine stäche, optimistische schilt, die Alles hienieden als höchst lieblich nnd wohlangeordnet gutheißt. Die Gegenstellen aus Hiob und den Propheten widerlegen diese Art Vorwürfe genügend. Aber Goitein ist kein tiefgelehrter Compilator, der sich blos in wissenschaftlichen Gednldspielen versucht und bienenfleißig seine Citätchen herausklaubt, um sie musivisch zusammenzusetzen. Er ist „selber einer" — ein origineller Denker. Die Stellen vom Nutzen des Pessimismus und wodurch er fördernd wirkt — er lehrt genügsam sein, sich bescheiden und wehrt dem Neide — hätten selbst dem alten Schopenhauer ein breites Schmunzeln der Zustimmung entlockt. Was über den Werth und Unwerth des Lebens, über Glück und Unglück, Schmerz und Lust bemerkt wird, zeigt von Geist und Lebenskenntniß. Zum Schlüsse erhebt sich der Verfasser in seinem zusainmenfassenden Resume zu einer Höhe und Selbstständigkeit der Anschauung, welche wahrhafte Achtung vor seiner Denkkraft einflößen müssen. Aleph. Religiöse Disputationen im Mittelalter. Eine populär-wissenschaftliche Studie von Dr. Ignaz Ziegler, Rabbiner in Carlsbad.) In dieser lesenswerthen Broschüre wird das Ergebniß von Specialstudien niedergelegt, und zwar in fließender Sprache. Die Gelehrsamkeit wurde in Anmerkungen aufgespeichert, - mit den nöthigen Quellenangaben versehen, so daß derjenige, welcher ein tieferes, wissenschaftliches Interesse an der Materie nimmt, bequem derselben nachgehen kann. Für einen weiteren Kreis von Lesern berechnet ist die Darstellung selbst, welche eine Fülle interessanter und halb vergessener historischer Thatsachen wieder an das Tageslicht zieht. Wir sehen den Juden des Mittelalters und seinen Gegenspieler, den fanatischen Mönch. Der Jude glaubensbegeistert, opfermuthig, zäh festhaltend und voll scharfsinnigster, schlagfertigster Gelehrsamkeit. Sein religiöses Wissen gebraucht er in den öffentlichen Disputationen wie ein gewandter Fechter die wohlvertraute Waffe zu Parade und Ausfall. Er schlägt oft genug dem Gegner den vergifteten Degen aus den Händen. Und doch geriethen all die Wortgefechte dem Judenthum schließlich doch nur zum Unheil. Wie auch anders in jenen dunkeln Zeiten. Heute in unseren aufgeklärten Tagen läßt man sich mit den Juden überhaupt in keine Debatten ein. Das ist der Fortschritt. Das Buch des Dr. Ziegler kann Allen, welche sich für das Leiden unseres Volkes im Mittelalter interessiren — und welchem Glaubensgenossen wäre dies völlig gleichgiltig — zur Lectüre empfohlen werden. Gimel. Die Schätze der Inden in Paris. Unter diesem Titel erschien unlängst in der Buchdruckerei M. Knöpfelmacher, Wien, Ü., in schönster Ausstattung ein literarisches Werk „Tresors D'Jsrael ü Paris", welches viele werthvolle hebr. Documente zur Geschichte der Juden, copirt aus der bibliotbegng Nationale zu Paris, enthält und mit literarisch-bibliographischen Anmerkungen von Mr. Isidore Goldblum versehen ist. Dieser junge Gelehrte, der seit Jahren durch seine Arbeiten in hebr. Zeitschriften, sowie durch Gutachten vieler gelehrter Gesellschaften im Auslande rühmlichst bekannt ist, gedenkt sein Werk in 25 Lieferungen erscheinen zu lassen. Wir hoffen, daß dieses Werk eine Zierde für die jüd. Wissenschaft sein wird. Herr Isidore Goldblum wurde im Jahre 1888 von mehreren gelehrten Gesellschaften in Paris nach Rom geschickt, wo er durch 9 Monate im dortigen päpstlichen Archiv unermüdlich gearbeitet hat, und ließ nach seiner Rückkehr in Paris auch mehrere copirte Manuscripte aus dem Vatican drucken. Im letzten Winter besuchte Herr Goldblum auch die Bibliotheken in der Niederlande und in Bayern. Briefkasten. P. Wien. Der 8. Sivan 5624 war am 12. Juni 1864 und der 17. Sivan 5627 war am 20. Juni 1867. S. K. in Wien. Daß jüdische Kailfleute in einem ordinären Schmutzblatt wie der „Kikeriki", welcher an Gemeinheit jede bisherige antisemitische Niedertracht übertrumpft, ihre Firmen inseriren, ist höchst bedauerlich. K. Wien. Den Schuorrbrief des antisemitischen „Vereines der Handelsangestellten" werfen Sie in den Papierkorb. Herr Slpunit hat die Stirne von Juden Geld zu verlangen, zur Förderung der antisemitischen Propaganda. Die Juden sollen das Geld geben, um antisemitische „Lehrcurse" für die jungen Handelsangestellten zu veranstalten. Die antisemitische Moral verleugnet sich nirgends. S. S.» Rom. Action bereits eingeleitet. Dr. S. Das Diplom wird nicht anerkannt, allein die gesetzliche Anerkennung ist auch nicht nökhig. A. D., Nnt. Augartenstr. Sie mögen Recht haben, es liegt aber nicht in unserer Macht, es herbeizusühren. L. Obstgarten: Auch dort oben haben derzeit bereits die religiösen Vorurtheile die Oberhand. M. L. Krakau, Josef Luftig Kopidlno: Nächste Nummer. Höchst. Graf Nt., hier. Wenn auch das „Grazer Voltsblatt" in einer der letzten Mai-Nummern durch die Antwort, welche Minister- Präsident Fürst Windischgrätz auf die Deckert-Jnterpellation ertheilt hat, sich für vollkommen befriedigt erklärt, begleitet es dieselbe doch mit folgenden interessanten Glossen: „Wie wir von verläßlicher Seite erfahren, ging Herr Dr. Deckert in diesen Enunciationen weiter, als man es vor dem Forum der kirchlichen Lehre völlig rechtfertigen könnte. Uns scheint es wenigstens, wir drücken uns milde ans, nicht angezeigt zu sein, die Patriarchen des Alten Testaments kurzweg als Wüstlinge zu bezeichnen. Also diese saftigen Predigten wurden gedruckt, und die Behörde fand nichts Confiscirbares im Separat-Abdrucke." Cui bono. Wozu? — Ja, Bauer! Das ist ganz was anders, wie sagt doch Antonio zu Bassano: „Siehst Du, der Teufel selbst beruft sich auf die Schrift Zu Gunsten seines Zwecks. Ein arg Gemüth, Das heilig Zeuguiß vorzuschützen weiß, Gleicht, wie ein Schürst mit freundlicher Geberde, Dem lachenden Apfel, der verfault im Innern." — Passen diese Worte nicht aus Biele, die im Antisemitenthume machen? Herrn Moritz Gl. in Frankfurt a. d. O. Nur nicht dem Pessimismus sich überlassen, denn dieser macht müde und erleichtert dann die politische Reaction, „Mundspitzen allein, das Hilst nichts, es muß auch gepfiffen werden." Frau Charl. Kr. in W. Sie haben Shakspeare nicht umsonst gelesen nnd treffend diesen Priester der Religion der Liebe mit den Worten Jacobs in „Wie es Euch gefällt" charakterisirt: „In seinem Hirn, das so vertrocknet ist wie alter Zwieback, Der von der Reise übrig blieb, hat er Seltsame Fächer mit Bemerkungen Von sehr verschiedener Art gefüllt, die er In abgebrochenen Phrasen von sich gibt." Ch. v. W. Was wir zu dem Herrn sagen? Das, was Porzia sagte: „Gott hat ihn geschaffen und darum laßt ihn für einen Menschen gelten." Kleine Diebe hängt man. Unserem „beschränkten Unterthaneuvec stand" geziemt es keinesfalls von dem Standpunkte einer engbeschränkten Einsicht ans, die Worte und die Thaten einer höchst weisen (?) und ebenso gerechten Regierung zu besprechen, oder dieselben gar — wie Sie verlangen - zu kritisiren. „Krensa — Schatzkind — Rabenvieh! Wo hat dich denn der Teufel?" — wer sagt dies? Herrn Moritz H . . . . r. Ganz richtig. Der Anschein, wohlgemerkt der „S ch e i n", gibt dem Schreiber des Aussatzes wohl Recht, allein, wozu wäre die Hoffnung? Wie sagte doch nur Easlellar in einer spanischen Cortesrede: „Die Geschichte der Menschheit ist ein steter Kampf zwischen den Interessen und den Ideen: für den Augenblick siegen immer die Interessen, für die Dauer aber immer die Ideen." — Die Idee der Menschheit liegt nun in der Humanisirung, und diese wird sich früher oder später auch siegreich Bahn brechen. Jetzt schon deutcn kleine Anzeichen darauf hin. Licbert in B. Lächerlich; wozu sich diesertwegen gräinen' Bismarck sprach nur aus Erfahrung, wenn er sagte: „Je länger mau lebt, desto mehr ist man genöthigt, Menschen gegenüber zu treten nnd sich Feinde zu machen". Die Dankbarkeit zieht sich zurück, wenn man seine Pflicht gethan hat. von Schn, in Krakan. Leider, es ist schon so, obwohl es besser wäre, illiberale Gesetze zu haben, die in einem freisinnigen Geiste vollzogen werden, als liberale, die man in einem fortschrittsfeindlichen Sinne handhabt.