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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-08 · 23 (8.5.1894) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
23 (8.5.1894)
Date
1894-05-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 23 Vestrrrrktzlfitzr Mochenschrtfl Seite 457 dert, weil sie von den benachbarten Städten jenseits der Schweizer Grenzen das Fleisch beziehen. Es gewinnt langsam die Ansicht die Oberhand, daß die Gegner der Geschichte durch ihre Agitation nichts gewonnen haben, wohl aber der Wohlstand des Volkes sehr geschädigt wurde. Feuilleton. Mendel Danziger. Novelle von Maria Konopnieka. Uebersetzt von Malwina Blumberg. Eine gewisse Unruhe herrscht seit gestern in der kleinen Gasse. Erstaunt und häufiger als sonst blickt der alte Mendel zum Fenster hinaus. Diese Leute hat er hier noch nicht gesehen. Wohin gehen sie? Wozu reden sie mit den Arbeitern die raschen Schrittes vorübereilen wollen? Wo kommen diese Burschen in der zerlumpten Kleidung her? Warum spähen sie so rings um die Häuser? Woher haben sie Geld, daß sie fünf Mann hoch in die Schenke gehen? Der alte Mendel schüttelte das Haupt und schmauchte aus seiner kleinen, stark gekrümmten Pfeife. Wie lange kennt er diese stille Gasse! Er kennt ihr Aussehen, ihr Leben, ihre Stimmen, ihren Pulsschlag. Er weiß, um welche Ecke der erste Sonnenstrahl sich Bahn bricht; wie viele Kinder des Morgens zur Schule eilen; wie viele welke Mädchen in dunkle Tücher gehüllt, kleine Blechbüchsen in den Händen, in die Cigarrenfabrik gehen; wie viele Frauen ans dem Trottoir stehen bleiben und, einander die gekaufte Waare zeigend, über die Theuerung von Butter, Eiern und Fleisch klagen; wie viele Tagelöhner schwerfällig einherschreiten, ihr Kleiderbündel unter dem Arm, ihr Handwerksgeräth in der Hand. Bah, er weiß am.Ende gar, wie viele Sperlinge in dem Sims der alten Brauerei nisten, deren hoher, rauchgeschwärzter Schlot über die ganze Straße zu herrschen scheint, und in den Zweigen der alten, kränklichen Pappel die, schwarz und dürr, keine Kraft zum Leben, keine Lust zum Sterben hat. und deren Stamm im Frühjahr ein wenig blasses Grün entkeimt. Er würde vielleicht, ohne hinzusehen, erkennen, ob Paul der Hausknecht die Straße mit seinem neuen oder allen Besen kehrt. Und wie soll denn Mendel Danziger das Alles nicht wissen, wenn er nun schon siebenundzwanzig Jahre seine Buchbinderwerkstätte in demselben Zimmer, an demselben Fenster hat! Mehr als ein Vierteljahrhundert steht er, eine Lederschürze vorgebunden, an diesem Platze, und während seine kräftige, sehnige, heute schon etwas zitternde Hand die Holzschraube, dreht, beobachten seine Augen unter dem dichten, grauen Brauen, die enge Gass', die inmitten der großen Stadt gleichsam eine besondere für sich abgeschlossene Welt bildet. Und Mendel kennt alle Geheimnisse dieser besonderen Welt. Er weiß, wann sich der Husten des alten Archivarius, der ihm dicke, halb vermoderte Folianten zum Einbinden bringt, verschlimmert; er kennt den Duft der Pomade des Concipienien, dem er die Acten für den Anwalt zusammennäht; er weiß, wann das kleine Dienstmädchen der Frau Räthin mit dem Verlangen kommen wird, er soll den Glückwunsch, auf dem unter der Gestalt des Engels ein Freier mit einem Rosenstrauß zu sehen, unter Glas setzen; er weiß, wann der Student, der die Bodenkammer bewohnt, kein Mittagmahl ißt; von welcher Seite eine athemlose Schülerin Hereinstürzen wird, mit der Bitte, den auf Briefpapier sauber abgeschriebenen Versen ihrer Lieblingsdichter doch eine schöne Einbanddecke zu geben; am liebsten blau mit Gold. Mendel weiß Alles. Alles, was man mit einem scharfblickenden Auge rechts und links sehen, mit einem aufmerksamen Ohr hören und worüber man in langen Stunden der Arbeit nachdenksn kann, indeß die Hand Kleister kocht, Farben mischt, die großen Papierbogen zurechtschneidet oder den kleinen Buchbinderhammer schwingt. Und den alten Mann kennen ebenfalls Alle. Bilden doch in dieser engen Gasse Alle gleichsam eine Familie und die Erscheinung eines Fremden ist fast ein Ereigniß. Der alte, kahlköpfige Uhrmacher, der gegenüber wohnt, ruft des Morgens, wenn er sein Fenster - öffnet, Mendel ein freundliches „Guten Morgen" hinüber und erkundigt sich nach den neuesten politischen Nachrichten. Der schwindsüchtige Seiler dreht in dem halbdunklen Flur seine Flachsschnüre, indem er sie an die Klinke von Mendel's Wohnung befestigt. Der magere Student aus der Mansarde steckt um die Dämmerstunde den Kopf durch die Thüre und bittet um Mendel's Talgkerze, die er bald zurückzubringen verspricht, „nur ein Stündchen möchte er noch schreiben"; die Gemüseverkäuferin reicht Mendel manchmal durch das Fenster einen schwarzen Rettig und erhält dafür bunte Papierschnitzel, aus denen ihre Kinder herrliche, hochfliegende Drachen verfertigen. Der kleine Sohn des Hausbesitzers verbringt ganze Stunden in Mendel's Werk- [tätte, in Erwartung von Pappestückchen, auf die er buntgekleidete Soldaten klebt und mittlerweile wundert er sich über die große Scheere, prüft das Gewicht des Hammers und steckt [eine Nase in den Kleistertopf. Dies Alles bildet eine warme, herzliche Atmosphäre, in welcher der alte Mendel sich sehr wohl fühlt. Auch ist er noch recht rüstig, trotzdem er siebenundsechzig Jahre zählt und [ein typisches arbeitswelkes Antlitz drückt Ernst und Ruhe aus. Sein Har ist grau, sein Bart fast weiß, sein Rücken gekrümmt, doch so lange Augen und Füße dienen, so lange dient auch die Hand. Wenn ihn Athembeschwerden oder Kreuzschmerzen überfallen, ruht Mendel eine Weile aus. Dann stopft er seine kleine Pfeife und ist der Tabak, den er raucht, auch nicht der beste, so [chmeckt er ihm nichtsdestoweniger ganz vorzüglich. Und in den blauen Rauchwölkchen sieht Mendel so Vieles aufsteigen, was einst gewesen, was schon lange vorüber und niemals wiederkehren wird. Und er sieht Resia, seine Frau, mit der er dreißig Jahre in Liebe gelebt und seine Söhne, die in die weite Welt gingen, ihr Brod zu suchen, und die Kinder dieser Söhne und Kummer und Freude und Sorgen Und am längsten ruht sein Auge auf Lea, seiner jüngsten Tochter, die so jung geheiratet und so jung gestorben, und die ihm nur einen einzigen Enkel hinterlassen. Wenn der alte Mendel seine Pfeife anzündet. entringen sich seinen Lippen leise knurrende Laute. Und je länger er raucht, desto deutlicher, vernehmbarer werden diese Laute, bis sie schließlich fast in ein Jammern übergehen. Ja, diese menschliche Seele, die Seele eines alten Juden hat auch ihre Schmerzen, die sie vermittelst Arbeit zu betäuben sucht. Indessen bringt die Nachbarin ein Töpfchen Suppe und auf einem zugedeckten Teller Fleisch und Gemüse. Doch Mendel ißt sein Mittagmahl nicht, sondern stellt es auf den kleinen, eisernen Ofen und wartet. Nicht lange jedoch. Bald wird die Thür geräuschvoll geöffnet und auf der Schwelle erscheint ein Knabe in Schüleruniform. Der Knabe zählt vielleicht zehn Jahre; von seiner Mutter, Mendel's jüngster Tochter, hat er die sanften, braunen Augen geerbt, in denen es manchmal so goldig flimmert, die dunklen Wimpern und den kleinen Mund vom Großvater die Adlernase und die hohe, schmale Stirn. Klein und schmächtig, sieht der Knabe, nachdem er seinen Rock abgelegt, in der vermittelst eines breiten Gürtels zusammengehaltenen Blouse noch kleiner und schmächtiger aus als vorhin. Der alte Mendel lebt in ewiger Sorge um das Kind. Der durchsichtige Teint, der häufige Husten, die eingefallene Brust und die gekrümmten Schultern flößen dem Großvater Angst ein. Nachdem der Kleine gegessen, selbstverständlich hat ihm Mendel die besten Bissm ausgesucht, wird er von dem Großvater, der ihm zärtlich auf die Schulter klopft, hinausgeschickt, um an den Spielen der Kinder im Hofe theilzunehmen. Doch läßt sich der Knabe nur selten dazu überreden. Die schwere Kleidung, der Tornister, das Sitzen in der Schule, der weite Weg haben ihn müde' gemacht, dann hat er auch Aufgaben auf morgen. Er schleppt die Füße beim Gehen, und selbst wenn er lächelt, behalten seine braunen Augen einen melancholischen Ausdruck. Er setzt sich an den einfachen Tisch, nimmt seine Arbeiten vor und der alte Mendel geht an seine Werkstätte. Aber obgleich der Kleine beide Ellbogen auf den Tisch stützend seine Aufgaben leise flüsternd vor sich hersagt und der Schemel auf dem er sich schaukelt, nur hin und wieder an den Boden klopft, sieht man, daß der alte Buchbinder nicht mehr ganz bei der Arbeit ist. Es stört ihn etwas. Bald wendet er das Haupt, um den Knaben einen Blick zuzuwerfen, bald umkreist er den Tisch, um den Kleister zu holen, den er doch mit der Hand erreichen kann; aber auf dem Wege kneift er liebevoll die bleiche, durchsichtige Wange des Enkels oder streichelt dessen dunkles, kurzgeschnittenes, seidenweiches Haar. Der Knabe scheint an diese Liebkosungen gewöhnt, denn er läßt sich durch dieselben weder

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