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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-08 · 23 (8.5.1894) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
23 (8.5.1894)
Date
1894-05-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 23 von der socialdemokratischen Agitation. Wird ihr nicht mit allen gesetzlichen Mitteln entgegengearbeitet, so findet in absehbarer Zeit die Socialdemokratie Eingang in unseren Kreis. Es. ist daher Pflicht aller ordnungsliebenden Parteien und Kreiseingesessenen, diesen Antisemitismus zu bekämpfen. Zweifellos haben die Antisemiten die Weisung von ihrem Führer erhalten. sich zur Ausdehnung ihres Einflusses an allen Gemeinde- und Kreistagswahlen lebhaft za betheiligen. Gelingt es ihnen, sich in den wichtigsten Gemeindeämtern festzusetzen, so haben sie bei künftigen politischen Wahlen leichtes Spiel. Es unterliegt keinem Zweifel, daß in denjenigen Gemeinden der Antisemitismus zur Herrschaft gelangen wird, wo zum Bürgermeister ein Antisemit gewählt worden ist. In welcher Weise die Antisemiten im Gemeinderathe und Gemeindeausschusse bei jeder Gelegenheit principielle Opposition machen würden, davon werden einige Bürgermeister sich bereits überzeugt haben. Zur Vermeidung dieses Eindringens antisemitischer Elemente in die Gemeindeämter muß vor jeder Wahl mit den Gutgesinnten der wahlberechtigten Gemeindebürger in Verbindung getreten werden, um energisch für die Wahl der zeitig aufzustellenden Candidaten agitiren zu können. Ohne Furcht muß eine solche Agitation kräftig in die Hand genommen werden, und gleichgiltig ist es, ob die schmutzige antisemitische Presse ihrer Entrüstung Ausdruck verleiht oder nicht, sie ist nicht zu beachten. Zweckmäßig wird es sein, tvenn schon jetzt in allen Gemeinden Wahlausschüsse aus allen Theilen der Bevölkerung gebildet werden, die zur Eindämmung des Antisemitismus kräftig Mitwirken. Dieses Circular ist geheim zu halten. Der königliche Landrath. Riesch." Nürnberg, 27. Mai 1894. Die schon seit Langem angekündigte Antisemitenversammlung fand hier endlich am 23. d. M. statt. Der Besuch der Versammlung, welche polizeilich überwacht wurde, war, obzwar möglichst viel agitirt wurde, nur von etwa 400 Personen besucht, die große Anzahl Socialdemokraten und Neugieriger mitinbegriffen. Es wurde ein Eintrittsgeld von 15 Pfennigen per Person erhoben, um „ein allzustarkes Zuströmen der Socialdemokratie zu hindern". Wer 30 Pfennig bezahlte, bekam noch ein Programm der bayrischantisemitischen Volkspartei, sowie eine deutsche Uebersetzung verschiedener Stellen aus dem Talmud. (Wie diese entstellt sind, braucht nicht erst betont zu werden, da es ja genug bekannt ist, wie die Herren vorzugehen pflegen.) Restaurateur Wiesner (Nürnberg) eröffnete die Versammlung mit einem Hoch auf den Prinzregenten und ertheilte das Wort Herrn Dr. Geisler aus München. Dieser sprach von s/$—V--12 Uhr — also lange genug, um Etwas ordentlich besprechen zu können — doch was er sagte, war nicht neu und der übliche Antisemitenkohl. Ein tobender Lärm begleitete seine Ausführungen und wird er sicher jetzt bedauern, daß er es nicht so eingeführt hat, wie die Wiener Antisemiten, die nach der jüngsten Erklärung des „großen Volkslehrers" Lueger eine eigene Polizei haben, die für die Ruhe bei den Versammlungen sorgt, obzwar ihn alle Schlußrufe und aller Tumult nicht zum Schweigen bringen konnten. — Um die Ausführungen Geißler's ihrer Hauptsache nach zu skizziren, sei bemerkt, daß er kein Thema für so unaufgeklärt hält, als die Judenfrage. Man nenne den Antisemitismus die Schmach des Jahrhunderts (Rufe: Das ist er auch) und vergesse, daß die Judenfrage so lange existire, als esJuden gebe. Die größten Geister aller Zeiten seien Feinde des Judenthums gewesen, das jeder culturellen Mission abhold sei und die Früchte der Arbeit anderer Nationen ohne Mühe und gewissenlos einheimse. Die Juden hätten sich niemals an der culturellen Arbeit betheiligt und sich in Palästina ihre eigenen Tempel von phönizischen Arbeitern errichten lassen müssen, weil, wie ja im alten Testamente steht, unter den eigenen Leuten keine Handwerker gewesen seien. Ueber Oesterreich sprechend, sagte Redner, daß dort Alles aus Juden bestehe, und die Zeiten, wo der Kaiser geherrscht, seien vorüber. Es herrschen nur noch Rothschild und Hirsch. Er beklagte sich auf das Eindringen der Juden in alle Stände, (darunter auch der — Richterstand), auf die Alliance Jsraelite und schloß mit der Forderung, die Juden unter Fremdengesetze zu stellen. — Gegen den Schluß des „belehrenden Vortrages", welcher das Volk „erleuchten" sollte, erhob sich ein fortwährender Lärm. Alle möglichen Zurufe von Gegnern und Anhängern schollen durcheinander, das Weitersprechen wollten ihm die Socialdemokraten unmöglich machen, doch gelang es ihnen nicht. Endlich beendete Geisler seine Ausführungen und einer von den Socialdemo- Seitr 455 traten wollte sprechen, doch es entstand ein neuer Tumult und mit kaum vernehmbarer Stimme schließt der Vorsitzende den „erbaulichen" Abend. — Dr. Geißler versprach wieder zu kommen und gratulire ich den Nürnberger» zu einem solchen billigen und unschuldigen Vergnügen, das sie ja sonst sich nicht gönnen könnten, denn was will man für 15 Pfennige haben! Das trifft nicht so oft ein, daß man auf so eine billige Art und Weise die Stärke seines Stimmorganes prüfen kann, wie es diesesmal der Fall war. Also nur zu Ihr wackeren Bayern, Ihr könnt Euch ein Beispiel am österreichischen Parlamente holen! Ornstein. Wien. Wie der „Deutsche Reichsanzeiger" meldet, hat die königliche Akademie der Künste in Berlin unter jüns Bewerbern für ein Michel Beer'sches Stipendium mit 2250 Mark zu einer italienischen Studienreise dem Maler Jehuda Epstein aus Homel <in Rußland), derzeit in Wien, den Preis zuerkannt. Wien. (Talmud-Thora-Verein.) Donnerstag den 31. Mai wurde im Bethause des Talmud-Thora-Bereines zur Erinnerung an den vor Jahresfrist verstorbenen Präsidenten des Vereines Herrn Anton Bing vor dem Abendgottesdienst eine Trauer- und Erinnerungsfeier abgehalten. In Verhinderung des Schuldirectors richtete das Vorstandsmitglied Herr Landesschulrath Dr. Gustav Kohn eine Ansprache an die zahlreich erschienenen Trauergäste, in welcher er die Verdienste des Verblichenen um die Talmud-Thora- Schule eingehend würdigte. (Ferienheim.) Dieser Verein, welcher sich nach zweijähriger privater Thätigkeit vor einigen Monaten constituirte, erhielt 600 Gesuche um Aufnahme erholungsbedürftiger Kinder zur Entsendung in die israelitische Feriencolonie. Dem ärztlichen Befunde nach bedarf jedes einzelne dieser Kinder dringend der Erholung, doch können — entsprechend den geringen Mitteln des jungen Vereines — nur 200 Kinder dieser Wohlthat theilhaftig werden. Wir lenken daher die Aufmerksamkeit der wohlthätigen Kreise auf dieses humane Unternehmen und ist die Redaction dieses Blattes bereit, Spenden und Mitgliedsbeiträge entgegenzunehmen und auszuweisen. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 3 fl. pro Jahr. (Manheimer Kinder-Asyl.) Gelegentlich der vorjährigen Manheimer Centennarfeier hatte der Cultusvorstand beschlossen, den unvergeßlichen Lehrer und Menschenfreund durch Errichtung einer seinen Namen tragenden Wohlthätigkeitsanstalt dauernd zu ehren. Zu diesem Behufe soll nunmehr ein „Manheimer Kinder-Asyl" zur Pflege und Erziehung von 50 elternlosen jüdischen Knaben im Alter von 6 bis 14 Jahren gegründet werden. Die Zöglinge sind durchwegs der gewerblichen Arbeit zuzuführen. Die Anstalt wird nicht im Rahmen eines Vereines, sondern als eine Institution der Cultusgemeinde gedacht, welche durch ein Curatorium zu verwalten und das aus dem Gemeindesäckel, theils durch freiwillige Spenden zu erhalten sein wird. Der Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen, welcher erst kürzlich das Altersversorgungshaus zu vollenden die Mittel geboten hat, dürfte wohl auch dem nicht minder dringenden Bedürfnisse eines Kinder-Asyls das erforderliche Entgegenkommen beweisen. Wir behalten uns vor, auf dem Gründungs- und Erziehungsplan desselben zurückzukommen, sobald das Programm seitens des Cultusvorstandes festgestellt sein wird. (Bon der Baron Hirsch-Stiftung.) Das Curatorium hat in seiner am 30. d. stattgehabten Plenarsitzung u. A., gemaß dem schon im vorigen Jahre gefaßten Beschlüsse, einen Pensionsfond für die Lehrer der Stiftungsschulen und deren Witwen creirt und hiezu ein Stammcapital in der Höhe von fl. 108.000 votirt. Das Pensionsnormale lautet für die Angestellten äußerst günstig, da dieselben jeder Beitragsleistung enthoben sind. Nach Ablauf von zehn Dienstjahren tritt bei Dienstesunfähigkeit eine Pensionsberechtigung in der Höhe von 40 Percent des Normalgehalts und die volle Pensionsberechtigung schon nach 35 Dienstjahren ein. Die bei den von der Stiftung übernommenen Anstalten vor Uebernahme derselben verbrachte Dienstzeit wird bei Berechnung der Pension den Angestellten eingerechnet. Gleichzeitig werden nach der vom Finanzministerium eingelangten Genehmigung zur unmittelbaren Entrichtung der Gebühren den Angestellten Decrete ausgefertigt. Vesterrrichifchr Wochenschrift

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