Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 23 (8.5.1894)
- Date
- 1894-05-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 454 Oeyerreichifche Mochenschrist Nr. 23 Beschimpfungen als Dank einheimsen, nach dieser Richtung einen Strike insceniren würden. Blättern Sie doch einmal die Rechenschaftsberichte der vielen Wohlthätigkeits-Jnstitute durch, von denen Juden auch nicht einen Heller erhalten, und Sie werden finden, daß der größte Theil der Spenden von Juden kommt. Vor einigen Tagen spendete Frau Josefine Schiff fl. 100.000, wovon in allererster Linie fl. 20.0OO dem Reconvalescentenheim für arme Wöchnerinnen — in Weinhaus! gewidmet sind! Ich glaube kaum, daß von diesem Wohlfahrts- Institute zwei jüdische Mütter Gebrauch machen, vielmehr dürften eher reconvalescente Antisemitinnen, vielleicht auch — Pfarrersköchinnen, die volle Genesung daselbst suchen. Die antisemitischen Phrasendrescher stellen stets die Behauptung auf, daß die Existenz der Juden vom arischen Volk abhängt. Dies mag theilweise richtig sein, aber ebenso richtig ist es, daß namentlich in der Großstadt Zehntausende von Christen bei Juden Erwerb finden, während die Abhängigkeit der Juden speciell vom Wiener Arier nicht so gewaltig ist. Der jüdische Fabrikant, der jüdische Großkaufmann holt sich seinen Erwerb, seinen Kundenkreis zumeist von auswärts — auf Lueger — Schneider —" Deckert und Anhang ist seine Existenz absolut nicht aufgebaut. Sie finden in Wien nicht hundert jüdische Angestellte in katholischen Häusern, während Tausende Christen in Juden- Häusern serviren. Ebenso findet der jüdische Handwerker bei Christen keinen Erwerb, während Juden mit Vorliebe Katholiken beschäftigen. Wenn die 130.000 Juden, die hier ansässig sind, ihren Werth kennen würden, den sie als „Consumenten" für die Wiener Bevölkerung besitzen — sie würden sich endlich aufraffen. Wir könnten uns, wenn wir einige energische Führer ä la Lueger hätten — ohne Hundspeitsche — helfen. B. Marcus. Görz. Dem „Deutschen Volksblatt" sei auf dessen Weinartikel bemerkt, daß in der That die Weineinkäufe von den Producenten größtenteils von Juden effectuirt werden. Allein wenn die Juden nicht wären, würde, -besonders durch die Concurrenz der italienischen Weine, kein Weinbauer sein Product verkaufen können und der ganze Weinbau in Oesterreich- Ungarn würde aufhören müssen. Ich habe behufs Weineinkäuse ganz Istrien, Dalmatien und den größten Theil Ungarns und Croatiens bereist und habe kein einziges Mal Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß die Grundbesitzer bei Abwicklung des Geschäftes an meinem Glauben Anstoß nahmen. Ich stand und stehe noch in Geschäftsverbindung mit Geistlichen und mit einem Reichsrathsabgeordneten, der sich öffentlich als kein besonderer Judenfreund gibt, ohne in unseren Beziehungen einen Anstand wegen meines Judenthums zu haben, so daß mir öfters einem solchen christlichen Geschäftsfreunde gegenüber die Frage auf der Zunge liegt: Warum doch all der heimliche Judenhaß? Wenn wir in geschäftlichen Dingen vertrauenswürdig sind: was stört unsere Verbrüderung? Sind wir doch wie alle Anderen mit vollem Herzen treue Bürger des Staates, für dessen Wohlergehen wir in unseren Gotteshäusern das Kaisergebet mit aller Andacht verrichten. Haßt man uns wegen der Separation im Effen; muß aber nicht jeder denkende Christ einjehen, daß die mosaischen Speisegesetze das Ziel aller Hygiene sind und bei Verbreitung der Cultur alle Menschen sie einst befolgen werden. Alle Veterinärgesetze des Staates können bis jetzt nicht verhüten, daß kranke Thiere genossen werden. — Am kränkendsten ist aber, wenn der Judenhaß sich selbst dort äußert, wo der Jude der Menschenliebe Opfer bringt. Einen solch grellen Fall habe ich erlebt. Ich saß in einem Coupe mit einem Officiers-Aspiranten, der aus Ungarn nach Görz transferirt wurde. Während der Fahrt unterhielten wir uns miteinander, in Pragerhof nahmen wir noch gemeinschaftlich das Abendmahl. Ich bemerkte, daß der junge Mann dann unruhig mehrere Mal aus dem Wartesaal auf den Perron ging und dies erregte in mir den Verdacht, er trage sich mit Selbstmordgedanken. Ich schlich hinter ihm her und richtig — als die Locomotive, welche vor unseren Zug angehängt werden sollte, sich in Bewegung setzte, warf er sich aus die Schienen. Mit Gewalt riß ich ihn weg und es gelang mir, ihn wieder in den Wartesaal zu bringen. Mit den Ausrufe: „Saujud!" zog er nun ein Stilet heraus und wollte sich in's Herz stoßen. Ich mußte förmlich mit ihm kämpfen, bis ich ihm die Todeswaffe entreißen konnte und ein indeß herbeigeeilter Gendarm ihn übernahm. Weit entfernt mir diese That als Lob anzurechnen, soll sie nur constatiren, wie der Judenhaß für Mt edelsten Absichten und Handlungen eines Juden nur Schinähungen hat. Offenbar, man will uns kränken, in unserem EmpfindlN verletzen, weil man doch mit physischen Martern nicht mehr wie im Mittelalter an uns heran kann. Solche Seelenpein, die für sensible Naturen noch schmerzlicher als materieller Druck ist, soll endlich das Judenthum zum Abfalle bringen. Aber unsere Feinde täuschen sich, das Judenthum wird fortbestehen und den Antisemitismus überleben, wie es Scheiterhaufen und Inquisition überlebte. A. Bollafio. Kopreinitz, 1. Juni. Löbl. Redaction der„Oesterreichischen Wochenschrift" in Wien. Mit Bezug auf die Bestimmungen des Preßgesetzes ersuche höflichst um Aufnahme folgender Berichtigung in Ihre werthe Wochenschrift: Auf die in der Nummer 21 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 25. Mai 1894 enthaltene Correspondenz aus Kopreinitz (Croatien) vom 22. Mai (Ein antisemitischer Hotelier) erlaube ich mir zu erklären, daß der Inhalt dieser Correspondenz unwahr ist, insolange der anonyme Verfasser derselben nicht diese Ausführungen glaubwürdig beweist, was er aber nie im Stande sein wird. Ich bin und war kein Antisemit, sondern Geschäftsmann, der nur trachtet, seine p. t. Kunden ohne Unterschied der Religion, politischen Meinung, Stand, Charakter rc. in jeder Beziehung zufrieden zu stellen. Ebenso ist es unwahr, daß mein Sohn Franz Pichler ein aus Berlin polizeilich ausgewiesenes Jndividium ist, und sammt mir Abneigung oder Haß gegen die Israeliten hegt. Mein Sohn ist ebenfalls, so wie ich, Geschäftsmann und mein Bestreben, die p. t. Kunden zu befriedigen, ist auch sein Bestreben. Es ist unwahr, daß mein Sohn einen Krawall inscenirte, wahr ist vielmehr, daßein Gast, der zufälligerweise ein Israelit war, einen anderen meiner Gäste, der sich im angeheiterten Zustande befand, aber sonst ein allgemein geachteter und friedliebender Bürger ist, insultirte, sowie daß mein Sohn sich seiner annahm und weitere Insulten verhinderte. Deswegen sind der insultirende Gast und noch etliche seiner Genossen aus meinem Geschäfte ausgeblieben und bemühen sich jetzt, auf diese Weise auch'andere meiner Gäste abwendig zu machen. Schließlich fordere ich hiemit den Verfasser obcitirtcr Correspondenz auf, er möge mir als ehrlicher Mann, der sich seines Namens nicht zu schämen hat, seinen Namen öffentlich nennen und seine Angaben beweisen. Meine p. t. Kunden ersuche ich höflichst, mir auch fernerhin gütigst geneigt bleiben zu wollen. Mit besonderer Hochachtung Franz Pichler, Hotelier. ks. Köln, 5. Juni 1894. In einer Zeit, wo die schmachvolle antisemitische Bewegung sich auch in die Communalverwaltungen hineinschleicht und auch hier wie überall verrohend auf das Gemüth und zersetzend wirkt, dürfte es Ihren Lesern interessant sein zu erfahren, daß die altehrwürdige Stadt Köln am Rhein sich völlig frei von dieser modernen Strömung zu erhalten wußte. Schon seit Jahren wurde hier geplant, eine zweite neue Synagoge zu errichten, da beim steten Anwachsen der hiesigen jüdischen Gemeinde das eine Bethaus nicht mehr ausreicht. Vor zwei Jahren bereits wurde zu diesem Zwecke ein großer Platz in der Neustadt angekauft und in diesem Jahre soll nun der hetrliche Bau nach einem preisgekrönten Entwurf beginnen. In der letzten Stadtverordnetensitzung wurde von dem christlichen Stadtverordneten Stübben der Antrag eingebracht, die Stadt Köln möge 40.000 Mar! als Beitrag zum Bau der neuen Synagoge bewilligen. Der Vertreter der Ultramontanen, Herr Trinhorn, bat, den Antrag in dieser Form abzulehnen und 50.000 Mark zu bewilligen. Schließlich wurde nach kurzer Debatte der Antrag Stübben einstimmig angenommen. Aus sicherer Quelle erfahre ich noch, daß die katholischen Stadtverordneten nicht nur aus eigener Initiative so stimmten, sondern von der Parteileitung die Directive erhielten, aus Gründen der Gerechtigkeit für den weitgehendsten Antrag zu stimmen. Es ist dies der beste Beweis dafür, daß der beiweitem größte Theil der dentschen Centrumspartei sich trotz aller Versuche von berufener und Unberufener Seite dem Antisemitismus völlig unzugänglich zeigt. Die Ironie des Schicksals wollte es, daß diese Abstimmung.im Rathhause am selben Tage stattfinden sollte, an dem A h l w a r d t hier 150 unreifen Burschen seine Brandrede hielt. Eine bessere Antwort konnte ihm die Kölner Bürgerschaft kaum geben als die durch ihre berufenen Vertreter im Stadtrath. Frankenberg, 29. Mai. Antisemitische Blätter veröffentlichen dm folgenden geheimen Erlaß des hiesigen Landrathes: „Frankenberg, den 1. December 1893. Die antisemitische Bewegung, wie sie in unserem Kreise zu Tage getreten ist, unterscheidet sich in ihrer Wirkung nur dem Namen nach