Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 23 (8.5.1894)
- Date
- 1894-05-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Derlr 452 VeSerredMitze WortzenfchrM 0tr. 23 Obschon Schreiber dieser Zeilen in dem Verklärten seinen Onkel betrauert, glaubt er dennoch, daß es ihm nicht verwehrt sein kann, das Wirken und Leben des dahingeschiedenen großen Lehrers in Israel in kurzen Umrissen den Lesern dieses Blattes vorzuführen. K o h u t war auf fast allen Gebieten der Wissenschaft des Judenthums, in der Literaturgeschichte, in der lalmudischen Alterthumskunde, in der Geschichte, Exegese und Sprachwissenschaft und in der Theologie, sowie in der orientalischen Linguistik schriftstellerisch thätig. Von ganz besonderer Wichtigkeit und Bedeutung sind seine werthvollen Untersuchungen über den Zusammenhang des Parsismus mit dem Judenthum. Aus der Fülle seiner zahlreichen Werke sind besonders hervorzuheben: „Die jüdische Angelologie und Dämonologie in ihrer Abhängigkeit vom Parsismus", (erschienen in der Zeitschrift der DMGr. im Jahre 1867), ferner: „Kritische Untersuchung der persischen Pentateuchübersetzung von Tawus" (18723, bann: „Ueber das Buch des Tobi" (1873), die Herausgabe und Erklärung des handschriftlichen hebräisch-arabischen philosophischen Commentars zur Thora von Manzui' Al-Dhamäri (1892) u. s. w. Allein das clief d’oeuvre, das Hauptwerk seines Lebens, man möchte fast sagen sein Schmerzenskind, ist der „Aruch completum“, der seinen Namen für alle Zeit in Ehren erhalten wird. Zu dessen Abfassung benöthigte Kohut ein volles Vierteljahrhundert seines unglaublich emsigen Lebens. Das Werk besteht aus 8 Bänden, die mehr als 4000 doppelspaltige Kleinsolioseiten enthalten, aus einem Index und einem Supplementband. Obwohl die ersten Bände des Aruch — welche durch die thatkräftige Unterstützung der kaiserlichen Ak adem ie der Wissenschaften in Wren erschienen sind — seit ungefähr 10—15 Jahren die Presse verließen und in Händen der Fachgelehrten sich befinden, hat sich nur hie und da eine. berufene Feder an eine gründliche kritische Besprechung des Aruch gewagt. Gleich einem Palaste, welcher von außen bewundert, aber nicht nach der architektonischen und ornamentalen Seite bis in's Einzelne in Augenschein genommen wird, ist auch Kohut's gigantisches Werk hauptsächlich nur von der äußeren, rein formalen Seite, manchmal auch vom blassen Neid von oben herab betrachtet, aber noch nicht in all seinen inneren Anlagen und in seinen Ausführungen sine ira et studio erforscht worden. Wir sehen den Versuch als eine Ehrenpflicht an gegen den so früh Entrissenen, jene Unterlassungssünde, denn als eine solche kann man es gegenüber einem Lebenswerk von solch eminenter Bedeutung bezeichnen, nach schwachen Kräften gut zu machen. Der polyglotte Talmud, der fast keine einzige Zeile aufzuweisen verrnag, welche kein fremdsprachliches Wort enthielte und welches nicht entweder dem chaldäischen, syrischen, arabischen, samaritanischen, persischen, griechischen oder lateinischen Sprachgute entlehnt wäre, war schon drei Jahrhunderte nach Abschluß desselben in den babylonischen Lehrhäusern in Bezug auf die Idiome schwierig. Darum sah sich der im achten Jahrhundert blühende Gaon aus Pumpaditha: Rabbenu Zemach bar Mar Paltoi, genöthigt, unter dem — auch später üblichen Titel: Aruch eine Art Lexikon für seine Zeitgenossen zur Erleichterung talmudischer Studien anzufertigen. Dieses älteste Talmudlexikon ist nur in Citaten bei Abraham Zakutto (Juchasin, ed Philopowsky) und in dessen handschriftlichem Werke: „Jkkore Hatalmud" vorhanden. Zu den 19 Belegen, welche Rappoport, und den sechs, die Geiger gesammelt, hat Kohut siebenundzwanzig neugefundene hinzugefügt (vgl. Ar. Compl. I. p. VH—XX; V, 397; VII, 171, 303) und bewiesen, daß dem R. Nathan, der zweihundert Jahre später als R. Zemach lebte, dessen Aruch vorlag und von ihm auch benützt worden sei, welcher gründlichen Untersuäung auch H. I. Weiß (Geschichte der jüdischen Tradition IV, 131) beipflichtet. Von 1155, dem Abschluß des Aruch von Nathan an bis auf die neueste Zeit, galt dieser als der alleinige, unangefochtene Führer in dem vielverzweigten Talmudlabyrinthe, wie der von großer Belesenheit zeugende Nachweis Kohut's (Ar. compl. I, XXI—XXVIII) es übersichtlich darstellt. R. Nathans großes Ansehen ist erklärlich, denn man ahnte es, daß er älteren Autoritäten, den Gaonim. R. Gerschom und R. Chananel in seinen Sacherklärungen gefolgt war, so daß dieselben auf traditionellen Auslegungen beruhen, sodann aber war R. Nathans Werk das erste systematisch. angelegte Wort- und Sachlexikon, welches noch Buxtorf — wie männiglich bekannt — als alleinige Quölle seines Lexicon Chaldaicum, Talmudicum et Rabbinicum diente und noch dem Verdienstvollen Rabbiner und Forscher Jacob Levy als unerläßliches Folio in der selbstständigen Abfassung seines neuhebräischen Wörterbuches diente. Daß der in sieben bis acht Ausgaben vorhandene Aruch, der mehr oder minder verstümmelt und die sogenannte wissenschaftlichste (!) des Landau die schlechteste war, als kein Führer für das wissenschaftliche Talmudstudium unserer Zeit gelten konnte, machte sich seit Landau's Edition immer fühlbarer. Eine kritische, auf der Höhe moderner Philologie sich bewegende und auf Handschriften sich stützende Ausgabe des Aruch ward denn zu einer brennenden Frage, die nur darum nicht gelöst werden konnte, weil zur Bewältigung einer solchen Arbeit talmudische und philologische Gelehrsamkeit umfassendster Art unerläßlich nothwendig war. In Kohut ist der richtige Mann erstanden. Die zahlreichen glänzenden Vorzüge seiner Aruchausgabe, eigentlich Aruchbearbeitung, die ja als sein selbstständiges Werk gelten kann, herzuzählen, gehört nicht in den Rahmen dieses Artikels. Wir können es uns jedoch nicht versagen, einzelne Vorzüge des Kohut'schen Lexikons hervorzuheben. Ab uno discite omnes. Der auf sieben Aruchhandschristen basirte Text ist in seinen kritisch gesichteten Lesarten und der mit der Etymologie harmonirenden Fixirung des fremdsprachlichen Wortes dargelegt. Dasselbe wird mit der ihm entsprechenden Derivation philologisch sichergestellt. Ferner sind die biblischen und talmi-midraschischen Belege und Quellen mit peinlicher Akribie angegeben — eine Leistung, die an sich Ruhm dem Autor verbürgen sollte in den Augen aller Fachmänner, die es wissen, wieviel gerade seit Samuel Arkevolti bis auf Landau aus diesem Gebiete gesündigt worden ist. — Bei der eigenthümlichen biradicalen, ja öfter monoradicalen Verbalbildung hat R. Nathan die Wurzeln nicht an Ort und Stelle eingefügt und Stämme sehr oft gar nicht lexikalisch elngeführt, blos nebenbei im Anschluß an andere Stellen behandelt. Eine wissenschaftliche Eingliederung der Radices an Ort und Stelle ist eine Hauptforderung lexikalischer Behandlung und dieser Anforderung hat Kohut vollkommen entsprochen. Die Sacherklärungen, soweit sie den älteren Quellen entlehnt sind, haben eine gründliche Prüfung erfahren. Kohut gibt am Schlüsse seines Buches eine summarische Zusammenstellung all' jener Stellen, welche R. Nathan älteren Autoritäten, wie R. Hai Gaon, R. Gerschom und R. Chananel ohne Namensnennung entlehnt hat, und wir sind mehr denn überrascht, zu sehen, daß die Summe der nur diesen drei Autoritäten anonym entlehnten Stellenerklärungen auf die respectable Zahl von 2357 sich beläuft! Auch sei erwähnt, daß die in den Aruchhandschristen enthaltenen Gedichte, sowie die häufig vorkommenden Figuren im Aruch completum Aufnahme fanden Der aus zwei größeren Gedichten bestehende Epilog des Aruch,'welcher für die Biographie R. Nathans ungemein werthvoll ist, wird von Kohut gründlich erklärt. Behufs Verdeutlichung von Fremdwörtern sind oft (gegen 550) italienische Substitute gesetzt. Da diese jedoch in hebräischen Charakteren geschrieben sind, war es keine geringe Aufgabe, sie zu entziffern Kohut hat auch auf diesem Gebiete Verdienstliches geleistet und am Schluß des Index (der, wie bereits erwähnt, ein Werk für sich ist) alle diese italienischen Wörter des Aruch alphabetisch zusammengestellt mit Hinweis auf die im Werke vorhandenen Erklärungen. Wir gestatten uns, auf . dieses Capitel die Aufmerksamkeit des Sign. Gustavs Sacerdote zu lenken, der, wie wir hören, über die in mittelalterlichen Schriften vorkommenden italienischen Wörter Studien