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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-08 · 23 (8.5.1894) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
23 (8.5.1894)
Date
1894-05-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 23 Vekerrrtttztschr WortzenfttzrM Gene 451 sammengehalten wurden. Als sie sich zur Erringung der Freiheit vereinigten, beschafften sie sich eine Fahne, auf welcher als Zeichen ihres Standes ein solcher Bundschuh abgebildet war. Davon erhielt die ganze Bewegung ihren Namen. Die ersten Versuche, die Freiheit zu erlangen, schlug fehl, auch „der arme Conrad" in Württemberg wurde unterdrückt. Unter dem Einfluß der religiösen Bewegung gewannen die Freihertsbestrebungen der Unterdrückten aber neues Leben,es kam 1624/25 zu dem großen Bauernkriege, an dem ganz Süddentschlond, ein großer Theil von Mitteldeutschland, Ungarn u. s. w. theilnahmen. Dieser Bauernkrieg zeitigte Charaktere so bedeutender Art, daß Deutschland frei auf diesen Theil seiner Geschichte blicken kann. Nie hat es für ihre heilige Sache mehr begeisterte Männer gegeben, als damals, Männer, die oft nnter den grausamsten Martern für dieselben zu sterben verstanden. Führer wie Thomas Münzer, Josh Friz und manche Andere sind Charaktere, die das Volk nicht vergessen sollte. Die Bauern unterlagen aber nach furchtbaren Kämpfen, theils in Folge ihrer Uneinigkeit, schlechten Bewaffnung und mangelnden Ausbildung, theils durch Verrath. Freilich sind, wie bei jeder elementaren Bewegung, auch damals von Irregeleiteten Gewalthätigkeiten verübt worden, die selbstverständlich auf das Schwerste verdammt werden müssen. Die Bauern wurden in grausamster Weise unterdrückt und zu Tausenden hingerichtet, wobei ein junger zum Tode geführter Bauer ausrief: „Ach, soll ich schon sterben und habe mich noch nicht ein einziges Mal an Brod satt essen können!" Die „Mittheilungen des Berliner Abwehrvereines" bemerken dazu mit Recht: „Ahlwardt weiß wohl, was der Adel auf denr Gewissen hat, aber er ist in seiner Consequenz nicht ehrlich. Er hätte sonst wissen müssen, daß das Volk in einer Zeit elend und geknechtet war, in der von Judeneinfluß überhaupt keine Rede sein kann. Warum übersieht man die wahrhaft furchtbare Lage des Bauernstandes im Mittelalter, warum die Schrecknisse der Junkerherrschaft, die fürchterlichen Verfolgungen der Reichen untereinander? Man betrachte nur die Zeit des Bauernkrieges und man wird erkennen, daß das Elend des wichtigsten und an Köpfe zahlreichsten Standes in gar keiner Beziehung steht zu der Zahl und der Anwesenheit der Juden zur Zeit der Reformation. In Wetterau, im Knrfürstenthum Trier und in Lothringen mußten die armen Bauern in den Sommernächten das Wasser der Burggräben peitschen, damit die Frösche schwiegen und die Herrschaft Nachts ruhen konnte. Luther selbst, der sich im Bauernkrieg wenig bauernfreuudlich gezeigt, hatte einmal gegen die „Fürsten und Herren" gewettert, „die ihr nicht mehr thut, denn das ihr schindet und schätzt, euern Pracht und Hochmuth zu führen, bis der gemeine Mann nicht kann und mag länger ertragen." Thomas Münzer, das Haupt der aufrührerischen Bauern, sagte: „Die Grundsuppe der Dieberei sind unsere Fürsten und Herren, nehmen alle Creaturen zu ihrem Eigenthum, die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihre sein. Aber, den Armen sagen sie: Gott hat geboten, du sollst nicht stehlen. Sie selber schinden und schaben alles, was da lebt, so aber ein Armer sich vergibt am Allergeringsten, muß er henken .... Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann Feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegthun, wie kann es in die Länge gut werdend Wandel der Zeiten. (Nach einem Referate der „Jüd. Presse" vom 4. April l. I.) Bor Kurzem hat Lord Lostus „diplomatische Erinnerungen" veröffentlicht. Er berichtet darin unter Anderem über ein Gespräch mit dem Fürsten Gortschakoff, in welchem dieser sich folgendermaßen äußerte: Wir würden, sagte Gortschakoff, gerne unsere Juden gegen ein halbes Dutzend Ihrer jüdischen Magnaten tauschen. .... Aber es gibt zwei Classen Juden, und die Rechte, die man ohne Bedenken den hervorragenden und aufgeklärten Juden gewähren könne, dürfe man nicht mit gleicher Sicherheit der jüdischen Bevölkerung des Ostens zugestehen. Dagegen schrieb Ende März des Jahres Fürst Meschtscherski im „Grashdanin" über die Frage: „Was beginnen wir mit unseren Juden?": Er zieht eine scharfe Grenze zwischen den gebildeten und der großen Masse der ungebildeten, dem Kaufmann- und Handwerkerstande angehörenden Juden und gelangt endlich zu dem Resultate, daß nur die Ersteren als ein „gefährliches Element für das russische Reich" zu bezeichnen seien, nicht aber die große Masse, die Ungebildeten, „harmlose, arbeitsame Leute, die im Schweiße ihres Angesichtes ihr Brod essen". In dieser verschiedenen Auffassung zeigt sich der Wandel der Zeiten. Gortschakoff, der Europäer und Zeitgenosse der plutokrarischen Aera, Meschtscherski, der mit einigen Tropfen socialdemokratischen Oeles gesalbte Pansladist. Während aber der Letztere in den Juden vornehmlich die europäisirten Rothchilde sieht, perhorrescirt sie der Elftere als asiatische arme Teufel. Unter den russischen Juden gab es zur Zeit Gortschakoff's wie zur Zeit Meschtscherski's Europäer und Asiaten, Reiche und Arme, — aber die Weltanschauung hat sich geändert. Proselyternnacherei und Religionsprotzenthum. Auf dem vor Kurzem in Frankfurt a. M. abgehaltenen evangelisch-socialen Congreffe erklärte der bekannte Professor Wagner: Wenn wir sehen, daß in deutschen Fürstenhäusern der Glaube gewechselt wird, wie man Handschuhe wechselt, nicht um der Ueberzengung, sondern der Opportunität willen, wenn der evangelische Glaube gegen das tiefstehende Christenthum, gegen das russisch-orthodoxe eingetauscht wird, so ist das eine Schmach für uns evangelische Deutsche. Wer es als Regierungsprincip billigt, daß Juden für die Taufe Professoren- oder Beamtenstellen als Belohnung erwirken, wie dies Wagner's Partei, insbesondere sein Freund Stöcker gethan hat, der darf sich nicht beklagen, wenn auch deutsche Prinzessinnen denken: »Paris vant bien une messe.« Was Du nicht willst, das man Dir thu', das füg' auch keinem Anderen zu. Da der Professor und seine Freunde nicht nach dieser Vorschrift Hillel's gehandelt haben, können wir in seinen Lamentationen nicht den Beweis sittlichen Empfindens sehen, sondern nur den Ausdruck der Herrschsucht erblicken. Dieses Religionsprotzenthum ist auch in der Aeußerung von dem „tiefstehenden" Christenthum erkennbar. Jede Religion ist so viel werth, wie ihre Bekenner. Das „tiefstehende" Christenthum T o lst oi's steht wahrscheinlich höher als der evangelische Glaube Wa gner's. Sein evangelisches Gefühl äußerte der Redner auch durch eine Bemerkung über das neue Kaiserthum evangelischer Confession. Davon steht allerdings nichts in der Verfassung, ebensowenig wie vom „christlichen Staat". Wenn man von diesem sprechen darf, darf man also auch vom Kaiserthume evangelischer Confession sprechen. So war die Rede des Herrn Prost ffors ein deutlicher Beweis, wie sich aus dem erhebenden Gefühl, „nicht zu sein, wie sie" (Juden), das engere Sectengefühl, das Religionsprotzenthum entwickelt. | Dr. Alexander Lohnt. I Vergangene Woche schwebte der Engel des Todes über dem Lager Israels und zückte sein Schwert gegen eine Leuchte, einen Führer unseres Stammes — das Kabel übermittelte uns aus New-Aork die tiesbetrübende Nachricht über das Hinscheiden des großen Gelehrten und Kanzelredners, Dr. Alexander Ko Hut, Rabbiners der Ahavath-Chesed-Gemeinde. Die Trauerkunde traf seine Angehörigen nicht ganz unvorbereitet. Seit mehr als einem Jahre sahen sie ihn absterben. Und dennoch, als die Besorgniß zur Gewißheit, die Befürchtung zum Ereigniß geworden, da stand uns Allen st'll das Herz, denn jetzt fühlen wir am schmerzlichsten die Größe des Verlustes. Ueberall, wo die Wissenschaft des Judenthums anerkannt und gepflegt wird, wird die Lücke empfunden werden, die das frühzeitige Hinscheiden des vielseitigen und tüchtigen Forschers gerissen hat. Derselbe hat kein hohes Alter erreicht; Kohut wurde in seinem 53. Lebensjahre weggerafft. Er besaß einen geradezu herkulischen Körperbau und seine eiserne Constitution schien ihm eine überaus lange Lebensdauer zu sichern. Wer hätte es noch vor zwei Jahren, als er znm letzten Male zum Besuche seiner Verwandten in Europa weilte, geahnt, daß es einer tückischen Krankheit gelingen dürfte, die einem knorrigen Eichenstamme gleichende Riesengestalt so rasch zu Boden zu strecken. Das Herz wird voll Schauer in der Erkenntniß der Endlichkeit.

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