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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-08 · 23 (8.5.1894) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
23 (8.5.1894)
Date
1894-05-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 Vetzerredtztfchr Wochenschrift Sette 449 großen Saale der städtischen Tonhalle zu vereinigen. Unter den Versammelten waren 4 Parteien: 1. Conservative Stöckerscher Richtung, d. h. verschämte Antisemiten, 2. Judenfeinde Ahlwardt'schen Systems, also unverschämte Antisemiten, 3. Socialdemokraten, 4. Juden. Das Thema lautete: „Die conservative Partei, das neue Kirchengesetz und die Kölnische Zeitung". Man sollte naiv meinen, daß die sogenannte Judenfrage in den Rahmen dieses Vortrages nicht hineingehört. Doch, wer da glaubte, daß der moderne Luther dieses Mal sein Lieblingsthema aus dem Spiele lassen würde, der irrte sich gewaltig. Herr Stöcker besitzt eben die Virtuosität, Alles in der Welt mit dem Judenthum verquicken zu können. Er kennt nur eine Melodie, und was er auch singen mag, es klingen die unharmonischen, schrillen Töne des Judenhasses heraus. Herr Stöcker sprach 3 volle Stunden mit dem ihm eigenen Pathos, die Qualität seiner Rede aber steht in gar keinem Verhältniß zu ihrer Länge. Er sprach über alles Mögliche und Unmögliche und die 'Würze der Rede mußte wie immer das Mädchen für Alles, die Judenfrage, abgeben. In großen Zügen entwickelte er die Principien ver conservativen Partei und pries sie als die einzige Partei des Fortschritts. All. radikalen, liberalen und Mittelparteien seien Rückschrittsparteien. Die Begründung dieser Behauptung hat er sich gespart, denn was er spricht ist Axiom. Diese conservative Partei sei patriotisch und monarchisch bis auf die Knochen. Da der Redner seine Knochen nicht gut zeigen konnte, so bewies er die Wahrheit seiner Behauptung dadurch, daß er auf die Negierung offen schmähte und auf den Kaiser versteckt stichelte. Darauf bekämpfte er die „Kölnische Zeitung" als Judenblatt, weil sie es vor Kurzem einmal gewagt Hat, den Antisemitismus beim richtigen Namen zu nennen. Schließlich fing er an, seine bekannten Witze zu machen. Er ist darin zwar ein nicht so großer Meister wie die berühmten parlamentarischen Clowns L. v. Sonnen berg und Ahlwardt, aber er versteht es doch, mit der Zeit mitzugehen und diese neu eingeführte Mode mitzumachen. Er könne sich, meint er, eines Lächelns nicht erwehren, wenn er sich in die demokratischen Phantasien hinein versetze und den Juden Singer als Präsidenten der Republik thronen sehe. Nun, Singer ist nicht nur ein ehrlicher, sondern auch durchaus edler Mann und er strebt selbst wohl nach keinem Präsidentenstuhl. Wenn man sich aber den sogenannten christlich socialen Staat mit Stöcker, Ahlwardt und Genossen an der Spitze denkt, dann ersaßt jeden sittlich und geistig unverdorbenen Menschen ein Gefühl des Ekels und des Grauens. An eine socialdemokratische Revolution glaubt der Redner nicht, da eine mit Juden durchsetzte Partei dazu nicht im Stande sei. Einige Minuten später aber behauptete er mit demselben ernsten Gesicht und mit derselben apodiktischen Sicherheit, die Juden wären an allen Revolutionen der Welt betheiligt. Die hartnäckige Logik sträubt sich freilich dagegen, aber was frägt Herr Stöcker nach der verjudeten Logik? Er wandelt auf geistigem Gebiete seine eigenen Wege. Er sei einmal der Ueberzengung — so etwa schloß er — daß eine halbe Million Fremdlinge doch nicht das Recht haben dürfen, ein großes Volk von 50 Millionen zu terrorisireu. Die Wahl eines Ahlwardt in den Reichstag, betrachte er selbst als Unglück, aber er könnte es nicht vermeiden. Das ist ja Alles sehr schön gesagt, aber um diese Phrasen, die jeder Anfänger in der edlen Kunst der Judenhetze auswendig kann, aufzusagen, — dazu hat sich wahrlich die lange Reise von Berlin nach Düsseldorf kaum gelohnt. Nach Schluß dieser Zstündigen Rede wurde die Discussion eröffnet und in großmüthiger Weise die Redefreiheit auf 10 Minuten beschränkt. Das nennen die vornehmen confervativen Herren einen Kampf mit gleichen Waffen. Herr Doctor David, der Rabbiner der Düsseldorfer Synagogengemeinde trat nun Herrn Stöcker mit kühnem Muthe entgegen, und versuchte in einer nach Form und Inhalt gelungenen Rede die Behauptungen Stöcker's, soweit sie die Juden berühren, zu widerlegen. Wir wollen hier diese trefflichen Ausführungen kurz skizziren: „Wenn man Herrn Stöcker hört, muß man glauben, er sei durch und durch von wahrer Religion durchdrungen. (Sehr wahr!) Er spricht von Frieden und von den hohen idealen Zielen der Religion und bringt diese Ideen, die er Christenthum nennt, in Gegensatz^zum Judenthum. Wahres Christenthum steht nie und nimmer im Gegensatz zum Indent hum. (Großer Lärm.) Wollen Sie den classischen Heros freien, deutschen Geistes, L e s s i n g, Christenthum absprechen? (Gewaltiger Lärm. Zuruf: Hat gar keine Ahnung davon!) Was heißt Christenthum? Das Christenthum ist nicht blos seinem Namen nach, sondern auch seinem Inhalt nach hervorgegangen aus dem Schooße des Judenthums. (Ohrenbetäubender Lärm.) Sehen Sie sich die Früchte dieser gottlosen Judenhetze an, schauen Sie auf die moralischen Helden Ahlwardt und Schweinhagen und fragen Sie sich, wer diese Geister gerufen hat, ja, d a s w a r das edle Werk dieses Herrn Stöcker, denn er ist der eigentliche Vater dieser traurigen Bewegung. (Anhaltender Beifall und lärmender Widerspruch.) Die jüdische Religion und das Judenthum unterscheiden sich in der Sittenlehre nicht von dem Evangelium. Das Evangelium, soweit es die Sittenlehre enthält, ist Fleisch von unserem Fleische, Bein von unserem Bein. Das Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" steht zuerst in der Bibel, das sollte doch ein evangelischer Prediger wissen. (Großer Lärm und Beifall.) Die Zerrissenheit, die Unzufriedenheit der Zeit liegt viel an der inneren Zerfahrenheit, an dem Mangel an Religion und idealem Glauben, aber das bekämpft mau nicht durch den schmachvollen Antisemitismus. Oder wollen Sie sagen, die Juden seien in größerem Maße an dem Unglauben schuld als die Christen selbst? (Rufe: Singer!) Ich will die Berechtigung des Socialismus nicht untersuchen, aber es ist gerade zu albern, wenn Sie Alles, was Ihnen nicht paßt, als „jüdisch" bezeichnen. Die sociale Frage ist doch nicht durch Singer entstanden. Sie geben sich für patriotische Helden aus, welche Blöße aber geben Sie sich und dem Vaterlands, wenn Sie glauben, eine halbe Million Juden terrorisirten, wie Herr Stöcker sagt, 50 Millionen Christen! (Zuruf: Thun sie auch, großer Lärm.) Wer das behauptet, schmäht nicht die Juden, sondern das deutsche Volk. Der sittliche Kern des deutschen Volkes ist so gediegen, daß ihn Juden, selbst wenn sie es versuchen wollten, nicht untergraben würden. Nach bekannter Methode hat Herr Stöcker allgemeine Behauptungen aufgestellt, für die er jeden Beweis schuldig geblieben ist. So z. B. daß die Juden an allen Revolutionen betheiligt waren. Das ist durch Nichts begründet. Wohl betheiligte» sie sich allezeit an allen edlen Bestrebungen, soweit ihnen überhaupt eine Theilnahme am öffentlichen Leben verstattet war. (Redner wird bei seinen folgenden Ausführungen so oft und so lärmend unterbrochen, daß er in sichtliche Aufregung geräth. Der wüste Lärm läßt keinen Zusammenhang der einzelnen Sätze finden. Der Vorsitzende droht, das Wort zu entziehen.) Dr. David bricht mit den Worten ab: Ich schließe mit dem Appell an die Versammlung: Die Tendenzen, die durch Stöcker und. seine Nachfolger gefördert werden, sind zum Nachtheil des deutschen Volkes, (Minutenlanges Rufen, Händeklatschen und Getrampel, Rufe: Raus!) zum Verderben des deutschen Vaterlandes. Ich bitte Sie, diesen Tendenzen Ihr Herz zu verschließen und es zu öffnen den Lehren der wshren Gerechtigkeit, der Nächstenliebe und Menschenliebe!" (Lebhafter Widerspruch und Beifall.) In seiner Erwiderung entpuppte sich plötzlich unser Stöcker als warmer Freund der jüdischen Orthodoxie. Er bekämpfte, meint er naiv, nur die Reformjuden, aber nicht die Altgläubigen. Nach dieser überraschenden Kunde nahm er wieder sein schlechtes Gedächtniß und seine gute Phantasie zu Hilfe und erzählte wunderliche, ungeheuerliche Geschichten. Als er von den Gegnern mit den Rufen: „Beweise, Namen nennen, Quellen angeben!" unterbrochen wurde, antwortete er gemüthlich, das wäre ja bekannt. Unterdessen wurde der Tumult im Saale immer größer und unerträglicher, und als zuletzt ein Socialdemokrat das Wort ergriff und das unanständige Betragen der Anhänger Stöcker's in derben Worten geißelte, wurde die Situation eine so unmögliche, daß die überwachende Polizei sich schließlich veranlaßt sah, die Versammlung aufzulösen. ES entstand darauf eine ordentliche Balgerei zwischen Socialdemokraten und Antisemiten, so daß die Polizei zu Verhaftungen schritt. So darf der große Stöcker für sich die Ehre in Anspruch nehmen, die erste Radauversammlung in Düsseldorf abgehalten zu haben. Armer Herr Stöcker! Soviel Geschrei um nichts! Denn neue Anhänger hat er hier sicherlich nicht gewonnen, eher alte verloren. Ja, sie transit gloria mundi, dieser einst gefürchtete Held ist heute ein todter Mann.

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