Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 23 (8.5.1894)
- Date
- 1894-05-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Süte 448 Orflerreichische Wochenschrift Nr. 23 Spiel. Spielen Sie das auch, Herr Paul von Szczepanski? Nein — denn Sie lügen bewußt; Sietreiben eine frivole Posse. Denn Sie haben Ihre auskömmliche und dauerhafte Stellung und Sie wiffen: das evangelische Bekenntniß wird nur zu leicht antisemitisch, weil es sich nur so vom Judenthum unterscheiden kann, dem es sonst Alles dankt. Denn vom alten Testament ging Luther im Kampfe gegen den Katholicismus aus, und jede consequent-protestantische Secte wurde bald eine judaisirende. Herr von Szczepanski, lernen Sie Geschichte, und sehen Sie sich unter den Calvinern, den Puritanern in England oder den Huffiten um. Sie werden da merkwürdige Dinge finden: freilich ohne Freude. Denn jeder Schulmeister, bei dem Sie nichts gelernt haben, wird's Ihnen bestätigen: gegen angeborene Denkfaulheit hilft kein Mittel, da gilt das Wort der Bibel: Sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht! Sie fühlen aber des Weiteren auch das Bedürfniß, Herrn Rosegger zu Hilfe zu kommen. Dies ist ihre Sache; wir sind mit Petri Kettenfeier Rosegger fertig. Trotz seiner jüngsten Entdeckung, Franz Keim's „Spinnerin am Kreuz" — ein Schmarrn, den man verdientermaßen auszischte! — überrage Ibsen, Sud ermann und Hauptmann. Jedermann darf sich blamiren, so oft und so grimmig er will. Wenn Sie aber finden, er, nämlich Rosegger, empfinde „schmierige Judenfäuste" an seiner Kehle, so ist das ein kleiner Jrrthum. Ludwig Speidel beispielsweise ist kein Jude. Und Sie ahnen wirklich nicht einmal, was der Mann Alles weiß und wie ernst, wie zu ernst vielleicht es ihm um die deutsche Literatur zu thun ist. Und Speidel war einer der Ersten, die Rosegger anfuhren; derselbe Speidel, dessen Feuilleton über ihn einem großen, christlichen Dichter,Ludwig Anzengruber eine närrische Freude bereitet, so daß er einem Freunde, der sich bei einem Dichter, der sonst gar nichts auf Kritiken gab, über eine solche Wallung verwunderte, gelassen .antworten durfte: „Nachdem, von wem was is, freut's Einem". Und dieser Freund war ein Jude und hatte in übelster Zeit zu Anzengruber gestanden und ihm manchesmal genützt. Und so hat jeder Reformer einen Juden neben sich gehabt, der ihm bekannte, ob er nun Christus hieß oder Hebbel, ob Petrus oder Kuh. Vielleicht liegt mit darin, die welthistorische Miffion des Judenthumes: sie warten noch auf etwas, auf das Heil, und somit erkennen sie auf allen Gebieten menschlichen Schaffens früher das Heil, und wenn's sich auch nur schattenhaft ankündigt, als Andere, bekennen's freudiger und, weil des Martyriums gewohnt, rückhaltsloser und ohne jede Scheu. Wenn Herrn v. Szczepanski die Einleitung des Groningen'schen Sammelwerkes nicht gefällt, so ist das seine Sache; sie mag nicht sonderlich und nach der Mittheilung daraus ziemlick, was man so sagt, Waschledern geschrieben sein. Wenn er in Xanten an die Möglichkeit eines Ritualmordes glaubt, so ist das abermals seine Sache. Unserer Anwaltschaft bedürfen preußische Richter nicht. Wenn er aber weiterhin findet, Rosegger fei einer Einladung zum Gastmahle der Borgia gefolgt, da er sich mit der ganzen Streitfrage bemengte, so möchten wir ihm bedeuten, daß die Borgia, die ihre Gäste zu vergiften gewohnt waren, sicherlich dem jüdischen Stamme nicht angehörten. Und wenn er dann findet, Herr Rosegger habe immer noch mehr Talent als sämmtliche jüdische Literaten, so ist das Geschmackssache. Wir könnten ihm mit Namen dienen, von denen er wohl schwiege, denn Fulda kann immer noch den Rang Rosegger's für sich in Anspruch nehmen. Das aber führt weiter zu nichts; denn ein aussichtsloser Streit ist nicht unser Fall. Wir fragen nicht einmal, ob ein deutscher, seit Jahrhunderten in Deutschland ansäßiger Jude nicht so viel Anrecht habe, sich deutschen Emfipndenszu berühmen, wie etwaHerr Paul v. Szczepanski seinem Namen nach. Seinem Eifer nach und nach dem, was man über den Fanatismus der Renegaten weiß, kann sein Deutschthum so garalten Datums nicht sein. Daß er die leidige Heine-Denkmal- Angelegenheit noch einmal in Discuffion zieht, läßt uns kalt; wir wünschen das Monument kaum mehr und Heine bedarf seiner so sicher nicht, als es Herrn v. Szczepanski nichts nützen würde. Wenn wir uns überhaupt mit ihm und seinem Gesalbader beschäftigt haben, so dankt er das einzig dem Orte, an dem sein Artikel erschien. Dort, wo man sonst Besseres zu finden gewohnt, dem ganzen antisemitischen Phrasenschatz zu begegnen, überrascht, thut weh, scheint eine Gefahr. Immer waren „Velhagen's und Klasing's Monatshefte" -streng christlich; das war ihr gutes Recht. Sie sind neuerdings antisemitisch geworden. Das ist gleichfalls ihr Recht — ob's aber gut, billig und auch vom geschäftlichen Standpunkte vernünftig war, ob noch ein Schriftsteller freieren Geistes an ihnen mittlun darf und wird — dies wird die Zukunft lehren und hoffentlich in einem Sinne, der weder Herrn v. Szczepanski noch seinen Brotgebern lieb ist. _ Nemo. Stöcker am Rhein. Man muß gestehen, Stöcker ist nicht nur ein sehr eifriger, sondern auch äußerst gelehriger Mann. Treu der Maxime der Pirke-Aboth, lebret er von Allen — aber nur nichts Gutes. Der Hofprediger und Reichstagsabgeordnete a. D. beschränkte früher seine Thätigkeit auf Berlin, aber nachdem die sogenannte Berliner Bewegung ins Wasser gefallen ist und mit dem traurigen Bewußtsein vom Leben schied, ein böses, undankbares Kind, den Radauantisemitismus, zur Welt gebracht zu haben, ein Kind, das der eigenen Mutter ins Gesicht schlägt, — da sah sich Stöcker genöthigt, von seinem früheren Freund und jetzigen Feind Ahlwardt zu lernen, er nahm den Wunderstab uno wurde Wanderredner. Freilich, Stöcker ist ein anderer Mensch als Ahlwardt, er hat keine so schmutzige Vergangenheit hinter sich, ist gebildeter und das Gefühl für politischen Anstand ist ihm noch nicht ganz verloren gegangen. Er ist nicht unfläthig in seinen Ausdrücken, macht keine Geschäfte mit seinem Antisemitismus und hüllt sich in das Mäntelchen der Religion. Ja, er war klug und vorsichtig genug, bis heute in der conservativen Partei zu bleiben und nicht zu den sauberen Ahlwardt, Liebermann v. Sonnenberg und Consorten zu gehen. Das sind aber lediglich äußerliche Unterschiede, denn das Gift der Judenhetze blejbt sich gleich, mag es in dieser oder jener Form erscheinen, und ein Stöcker ist nicht viel mehr werth als ein Ahlwardt. Was hilft uns seine Versicherung, daß er die Inden weder als Raffe noch als Religion bekämpft, wenn er dieselbe sinnlose Methode anwendet, die That eines einzelnen Juden zu generalisiren und sie als specifisch jüdisch darzustellen? Wie sollen wir an seine Religiosität glauben, wenn er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ohne jeglichen Beweis das Judenthum aller Verbrechen beschuldigt? Ob er schließlich in der Form mehr oder minder derb ist, ob er in seiner Ausdrucksweise etwas mehr oder weniger Pikant ist und nach Affecten hascht, daran ist wenig gelegen. Ja, wir gestehen es offen, der Antisemitismus Stöcker's ist uns nicht um ein Haar sympathischer als der des Ahlwardt, wohl aber ist der erstere gefährlicher, weil er unter Umständen auch einige anständige Leute anzulocken vermag. Stöcker ist, wie gesagt, der Nachahmer Ahlwardt's geworden, und da der große Prophet eine Reise durch das Rheinland machte, gelüstete es auch den Hofprediger a. D. danach, die heiteren Rheinländer als Anhänger zu gewinnen. Aber wir wollen es gleich bekennen, Stöcker hat auf dieser Reise weniger Erfolge zu verzeichnen als Ahlwardt. Ahlwardt hat eine echte und rechte Geschäftsreise durch das Rheinland unternommen, und es war ein gutes Geschäft das er machte, denn er erzielte überall gute Einnahmen und erreichte seinen Hauptzweck. Ja, dieses Geschäft wird, solange es noch Narren gibt, denen Phrasen und Zoten impomren, solange es noch vornehme Geister gibt, die gern pikante Erzählungen hören und die an Scandalgeschichten Freude empfinden, gut gehen. Dazu kam noch, daß die Zeit sehr günstig gewählt war, denn am Sommer, wo es keine lustigen Carnevals gibt, begnügen sich die Rheinländer mit einem Ahlwardt'schen politischen Carneval. Die Neugierigen strömten also in diese Versammlung hin, um das antisemitische Ungeheuer, das große Naturwunder zu schauen, zahlten 50 Pfennige Eintrittsgebühr — für billiger schuf es Ahlwardt nicht — und füllten seine Cassen. Stöcker dagegen ist ein eiferender protestantischer Geistlicher, den zu sehen und zu hören die katholischen Rheinländer gar keine Lust verspüren. Stöcker begann mit seinen Vorträgen in Köln und sprach daselbst zweimal. In der Vormittagsversammlung waren 15 Personen anwesend, in der Abendversammlung 120 Personen, darunter 100 Frauen. Die Frauen scheinen also doch noch mehr Verständniß für seine Ideen zu haben als die gefühllosen Männer. Nun versuchte er am 29. Mai sein Glück in der schönen, rheinischen Gartenstadt Düsseldorf. Hier sind noch die Trümmer einer rheinischen con- J servativen Partei, dann herrscht hier viel Interesse für politisches Leben, und so gelang es in der That, 3000 Leute im