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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-08 · 23 (8.5.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
23 (8.5.1894)
Date
1894-05-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 446 Vestrrreichifchr Wortzrnfchriy Nr. 32 bekunden, und bei den jenseits der Leitha allgemein vorherrschenden handelspolitischen Anschauungen ivüroe hieran auch ein Wechsel der Regierung nichts ändern. Die Confectionsbranche beschäftigt in Cisleithanien mehr als 10.000 Arbeiter und eine Auswanderung derselben nach Ungarn wäre ein Schaden, der mit dem Ausfall des Saatenmarktes gar nicht in Vergleich gestellt werden könnte. Es geht einfach nicht weiter! Der arme Hausirer ist schütz- und wehrlos und muß sich schinden und treten lassen, aber wer auf eigenen Füßen steht und noch etwas zu verlieren hat, salvirt seine Haut, wie und wo er kann. Das Zeichen zum energischen Vertheidigungskampfe ist endlich gegeben worden und dieser Kampf wird zäh und muthig geführt werden, wenn auch diejenigen Factoren gegen uns sind, die nach Fug und Recht an unserer Seite stehen sollten. Dir Tage in Ungarn. Alexander Wekerle steht wieder an der Spitze der ungarischen Staatsgeschäfte, berufen durch das Vertrauen des Monarchen und getragen von der Hingebung seines Volkes. Der Liberalismus hat in Ungarn einen großen, auf eine ferne Zukunft hinaus entscheidenden Sieg erfochten, und dankbar wenden sich in diesem Augenblicke die Herzen aller Freiheitsfreunde dem erhabenen Herrscher zu, dessen Friedensliebe den ungarischen Staat und das ungarische Volk vor schweren Stürmen und leidenschaftlichen Kämpfen bewahrt hat. Der wahnsinnige Jubel der europäischen Reaction, der sich in Wien und Berlin in wilden leidenschaftlichen Ausbrüchen manifestirte, war etwas verfrüht. Die Krise hatte einen allerdings bedrohlichen Charakter angenommen, weil die Wortführer der clericat-feudalen Reaction den Kaiser falsch berichtet hatten; aber das ungarische Volk steht treu und standhaft zur liberalen Sache und der Wille des Monarchen ist auf Frieden und Gesetzlichkeit gerichtet. Wir in Cisleithanien dürfen über den glücklichen Ausgang der Krise aus tiefster Brust aufathmen. Unabsehbar wäre das Unheil für uns gewesen, wenn die Reaction jenseits der Leitha zur Macht gelangt wäre. So trostlos auch die Zustände in der diesseitigen Reichshälfte erscheinen, der Gedanke' an Ungarn gewährte doch a'len freisinnigen Männern Trost und Rückhalt. Solange in Ungarn die Sonne der Freiheit leuchtet, kann es hier herüben nie völlig Nacht werden, ein Reflex jenes Lichtes muß immer noch unsere Pfade erhellen. Für die liberale Partei in Ungarn aber enthält die eben überstandene schwere Gefahr eine ernste Lehre. So scharf und schroff sind doch trotz der politischen Trennung die beiden Reichshälften nicht von einander geschieden, als daß nicht eine Wechselwirkung zwischen den geistigen Strömungen hüben und drüben bestünde. Niemals hätte die Reaction es wagen dürfen, einen solch' verwegenen Sturm auf die Bastionen des Liberalismus in Ungarn zu unternehmen, wenn die ungarische liberale Partei den beängstigenden Fortschritten der Reaction in Cisleithanien nicht thatlos und mit verschränkten Armen zugesehen hätte. Es ist ein charakteristisches Symptom für die Cooperation aller rückschrittlichen Mächte, daß sich bei der Ankunft des Kaisers in Budapest neben dem Führer der Nationalpartei und den feudalen Herren des Magnatenhauses auch Herr Jstoczy, der Erzeuger des Antisemitismus in Ungarn, eingefunden hatte. Man weiß, welche Dienste die ungarischen Antisemiten, die Onody, Jstoczy und Simonyi seinerzeit der internationalen Judenhetze geleistet haben. Diese Herren wähnten schon ihre Zeit wiedergekommen! Wie denn auch nicht, da doch der Antisemitismus in Oesterreich bereits einen amtlichen Stempel trägt und den Clericalismus und Feudalismus so erfolgreich als Mauerbrecher gedient hat. Die liberale Partei in Ungarn mag diese Lehre der letzten Tage beherzigen. Es geht nicht an, daß man sein Haus lediglich nach dem Sprüchlein des heiligen Florian verwaltet. In Oesterreich ist schier der letzte Damm eingerissen, welcher die Errungenschaften der liberalen Aera noch vor der Hochstuth der clericalfeudalen Reaction schützen könnte. Wollen die Ungarn ihre eigene Freiheit bewahren, dann ist es nothwendig, daß sie uns zum Wiederaufbau unserer eigenen Schutzdämme behilflich sind. Einem Berichte nnseres Budapester Correspondenten entnehmen wir: Budapester Briefe. Anfangs Juni 1894. IX. Wie immer die Krisis ihr Ende finden mag, wir find nicht ängstlich, wir vertrauen auf die altererbte Tugend der magyarischen Nation, deren hervorstechender Charakterzug die stete Bethätigung der Devise: „Gleiches Recht für Alle" war. In einem Lande, wo sich solche Emanationen des gerechten und billigen Volkssinnes darbieten, wie deren eine gerade in diesen Tagen in einem ausgesprochenen confessionellen Blatte, in dem „Sarospatoki Orälld“, dem Organ der ev. reformirten Kirche, zum Ausdrucke kam, braucht uns um unser gutes Recht und unser friedliches Zusammenleben mit den übrigen Landesbewohnern nicht bange zu werden. Mag dieser Artikel seinem ganzen Wortlaute nach auch hier eine Stelle finden, damit unsere Glaubensgenossen jenseits der Leitha, die Tag für Tag von den leidenschaftlichen Ausbrüchen des Judenhasses umfluthet werden, nicht den Glauben an die Menschheit verlieren. Der Redacteur dieses Blattes, der vorzügliche Gelehrte Dr. Bela Bartha, schreibt nämlich in dessen Nummer vom 11. April d. I. Folgendes: „Ich bin ein aufrichtiger Freund der Juden. Ich suche und finde in Ihnen nicht blos die Wiege der christlichen Cultur; betrachte das alte Testament nicht blos als die Grundlage des neuen; denke nicht blos daran, daß dieses Volk zweitausend Jahre hindurch verfolgt, unterdrückt und zerstreut war, sondern beuge mich sympathievoll vor seiner intellectuellen Fähigkeit, seinem Fleiße und seiner Ausdauer. Ich kenne auch seine Fehler, diese sind aber solche, welche seine zweitausendjährige Unterdrückung rechtfertigt. Denn siehe, bei uns sind sie kaum ein Vierteljahrhundert hindurch wirklich frei und wie sehr haben sich ihre Sitten, Gebräuche und ihre Weltanschauung auch schon jetzt verändert. Einen Vorwurf gabs, den das ungarische Volk dem Judenthum scheinbar mit Recht machte: Den Borwurf des Kosmopolitismus, dessen Frucht als Nachwirkung der josefinischen Verfügungen die Germanisation war. Wohl war, daß sie dort im großen Freiheits kampfe mit uns stritten, daßHaynau sie wegen ihres Patriotismus mit einer großen Brandschatzung bestraft und das gebildete Judenthum in seinem Innern immer mehr und mehr ungarisch wurde, besonders seit dem Jahre 1867, trotzdem sie der geniale Geist Josefs des II. für die germanische Bildung meisterhaft in Beschlag gelegt hatte, trotzdem ihre, einen internationalen Charakter besitzende Hauptbeschäftigung, Handel und Industrie, sie in Wirklichkeit zum Gebrauche einer europäischen Cultursprache verleitet, welche natürlicherweise für sie am bequemsten die deutsche sein kann; allein wir vergaßen bald ihr 1848er Betragen, ihre drückenden Strafen, vergaßen aber nicht die Traditionen der Vergangenheit: den Judenhaß. Wir konnten uns selbst zu der Ueberlegung nicht emporschwingen, daß die jetzt lebende und wirkende jüdische Generation ihre Bildung noch in der absoluten Periode der Germanisation erhielt. Gewiß können wir von der in Folge der russischen Judenverfolgungen und zufolge anderer Ursachen bei uns angesiedelten Judenschaft vernunftmäßig nicht verlangen, daß sie sich sofort magyarisire, sowie sich viele Christen nicht magyarisiren, trotzdem sie sich bei uns bereichern und zu vornehmen Stellen gelangen. Und leider schwebt bei Beurtheilung des ungarischen Geistes der Juden noch immer der kaftanbekleidete Pajeßjude der ungarischen Gesellschaft vor. Mit großer Freude erfüllte es meine Seele, als ich erfuhr daß die Juden, selbst die gebildeten, die ihnen betreffs ihres Patriotismus vorgeworfenen ungerechten Anschuldigungen dementiren und das Judenthum selbst immer mehr und mehr glänzende Beweise davon ablegt, daß es in der Nation aufgehen will und in der nationalen Idee den heiligen Gegenstand seines Strebens findet und daß der Israelit, wenn er hinsichtlich seiner Religion auch Jude bleibt, feiner Nationalität nach Ungar mit Leib und Seele ist."

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